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Herbert Malecha Die Probe



Diese Kurzgeschichte des 1927 in Ratibor/Oberschlesien geborenen Herbert Malecha wurde anläßlich eines Preisausschreibens der Wochenzeitung 'Die Zeit" 1954 geschrieben und erhielt den ersten Preis. Sie ist auf den Seiten 9 ff. in den 'Interpretationen moderner Kurzgeschichten", hrsg. von der Fachgruppe Deutsch-Geschichte im Bayerischen Philologenverband, Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt/Main-Berlin-Bonn 21958, von Ludwig Büttner sehr abgewogen interpretiert worden. Lesenswert für das Herausstellen der Wesensmerkmale der literarischen Gattungsform 'Kurzgeschichte" ist auch die Einleitung Jakob Lehmanns zu der genannten Veröffentlichung; darüber hinaus die grundlegende Untersuchung Klaus Doderers 'Die Kurzgeschichte in Deutschland. Ihre Form und Entwicklung", Diss. Marburg 1953, auf die auch Lehmann hinweist.


      Im Sommersemester 1961 ist die Kurzgeschichte Malechas — ausgehend von der Interpretation Ludwig Büttners — in einem Fachpraktikum von einem meiner Studenten des Wahlfaches Deutsch der Pädagogischen Hochschule Osnabrück in der Klasse 9 einer Mittelschule behandelt worden. Die Ergebnisse dieses Versuchs sind von dem Studenten in seiner bei mir geschriebenen Arbeit zur ersten Prüfung für das Lehramt an Volksschulen ausgewertet worden1.
      Von diesen Ergebnissen her gestützt, sei folgender Aufriß einer Stundenvorbereitung für das 8. bis 10. Schuljahr vorgetragen: Die Klasse wird kurz auf die Aufgabenstellung hingewiesen. — Wir lesen eine Kurzgeschichte. Sie wurde von Herbert Malecha geschrieben. Die Kurzgeschichte heißt 'Die Probe". Darauf liest der Lehrer die Geschichte vor, wobei die Schüler den Text mitverfolgen können. Man wird alsdann am besten die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung zu der Geschichte für die Schüler einräumen. Hier ist zu erwarten, daß die Schüler berichten, die Geschichte spannend empfunden zu haben. Auf diesen Hinweis sollte auf jeden Fall nach dem freien Gespräch eingegangen werden mit der Frage: 'Welche Stellen sind denn besonders spannend?" Man darf wohl vermuten, daß auf den Höhepunkt der Spannung, auf die Lokalszene mit der Paßkontrolle, zuallererst verwiesen wird. Es ist jedoch ratsam, nicht sofort auf diese richtige Bemerkung einzugehen, sondern zunächst noch nach Stellen zu fragen, die vor der Paßkontrolle auch spannend wirken. Sollten auf diese Frage keine zufriedenstellenden Antworten gegeben werden, so kann man zur Verdeutlichung des Erfragten auf die Lokalszene mit der Paßkontrolle zurückkommen und untersuchen, lassen, was denn gerade hier die Handlung so spannend werden läßt. Zweifellos hängt die Spannung hier mit der Frage zusammen, ob Redluff erkannt wird oder nicht. Von dieser Feststellung aus kann man nun zurückkommen auf das Suchen nach spannenden Stellen, die vor der Paßkontrolle liegen. Jetzt findet man eindeutig zwei weitere Stellen in der Kurzgeschichte, die die Hauptfigur Redluff in der Gefahr vorstellen, erkannt zu werden: 1. im ersten Absatz, 2. bei seinem Gang auf der Straße nach der für ihn gefährlichen Verkehrssituation.
      Es wird sich auch lohnen, die Schüler darauf anzusprechen, wie der Schriftsteller es durch die sprachliche Darstellung erreicht, uns in Spannung zu versetzen. Gewiß müßte dabei auf das scharfe 'i" des ersten Satzes der Kurzgeschichte verwiesen werden, das die Gefahrensituation hörbar zum Ausdruck bringt. Ebenso wichtig wäre es, die Schüler auf die retardierende Darstellung aufmerksam werden zu lassen, die Malecha nach der Schilderung der für Redluff gefährlichen Situationdes Erkanntwerdens in seine Erzählfolge einfügt . Nach dieser Strecke des Unterrichtsgesprächs wäre es ein gangbarer methodischer Weg, einen Schüler den Verlauf der Spannung unserer Kurzgeschichte von ihrem Anfang bis zu ihrem Gipfel an der Tafel zeichnen zu lassen. Die Tafelzeichnung könnte dann so aussehen:
Mit Recht hebt Büttner in seiner Interpretation hervor, daß das Geschehen der Kurzgeschichte in vier Bilder gerafft wird .
      Diese vier Bilder zeigen in genauer Reihenfolge Redluff auf der Straße, Redluff im Lokal, Redluff wieder auf der Straße, und schließlich zeigt das letzte Bild Redluff am Eingang der Halle. Diese Raumkennzeichnungen könnten nunmehr in unsere Spannungskurve eingezeichnet werden, wobei die Spannungskurve selbst noch vom Höhepunkt bis zum jäh abbrechenden Schluß vervollständigt werden müßte. Hingewiesen werden sollte auch auf den ebenso jähen Anfang.
      Straße Lokal Straße Halle Schluß

Anfang
Es könnten jetzt die Schüler aufgefordert werden, die ihnen am treffendsten und wesentlichsten scheinenden sprachlichen Darstellungsformen des Schriftstellers

A) zur Skizzierung der verschiedenen Orte bzw. Räume,
B) zur Charakterisierung der Hauptfigurin die unter der Spannungskurve liegenden Rubriken einzutragen. Das kann im Endergebnis so aussehen:
Straße A) Das schrille Quietschen der Bremsen, gaffende Menge, die Autos waren zu einer langen Kette aufgefahren, stockend schoben sie sich vorwärts, einem Platzregen von Gesichtern war er ausgesetzt, fahle Ovale, die sich mit dem wechselnden Reklamelicht verfärbten, Gesprächsfetzen schlugen an sein Ohr, eine Straßenbahn schrammte vorbei, ein Strom flutenderGesichter, der Menschenstrom wurde dünner, brackiger Lufthauch
Lokal A) als Cafe aufgetakelte Kneipe, grelle Damen, pathetisch rote Schirme, ein Musikautomat begann zu hämmern, jaulende Gitarrentöne, spitzes Lachen, gut saß es sich hier, der rauchige Raum schien ganz leicht zu schwanken, ganz leicht. Ihm war, als müßte er auf dem sich neigenden Boden jetzt langsam samt Tisch und Stuhl auf die andere Seite rutschen.
      Straße A) die Lichter nahmen zu, ein Knäuel Menschen, dunkelglänzende Wagen sangen über den blanken Asphalt, Kaskaden wechselnden Lichts ergossen sich von den Fassaden, pulsierend drang die Musik abgedämpft bis auf die Straße, flutete Lautsprechermusik
Halle A) Gleißendes Scheinwerferlicht übergoß ihn, Fotoblitze zuckten, eine geölte Stimme dröhnte, die Stimme schmalzte
B) mit zwei taumeligen Schritten, eine Welle von Schwäche stieg von seinen Knien auf, langsam ließ das Klopfen im Halse nach, Kontakt aufnehmen mit dem Leben, den Schritt der vielen annehmen, an seinem Hals merkte er, daß seine Finger kalt und schweißig waren, wie ein Kork auf dem
B) Die ersten tiefen Züge machten ihn leicht benommen, die Fingernägel entfärbten sich, seine Hand... war wie von Holz, aus seiner unnatürlichen Ruhe heraus hörte R. sich selber sprechen, seine Stimme stand spröde im Raum, die Spannung in ihm zerbröckelte, die eisige Ruhe schmolz
B) es tat ihm wohl, wenn sie ihn streiften, er nestelte an seiner Krawatte, ihm war wie nach Sekt, ewig hätte er so gehen können
B) R. stand wie betäubt

Wasser tanzen
Abgesehen davon, daß mit diesem Tafelbild die Schüler die Sprachstruktur der Kurzgeschichte schon aufgedeckt haben, könnte aber dennoch zum Abschluß der Stunde eine verweilende Betrachtung über die Stileigentümlichkeiten Malechas, die sich in den Darstellungsformen zeigen, die Arbeit sinnvoll abrunden.
     

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