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Erzählungen der gegenwart

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Hans Bender Iljas Tauben



Die Erzählung ist zweischichtig angelegt, d. h., sie präsentiert eine Begebenheit, eine Handlung, schaltet jedoch zwischen Handlung und Leser einen Ich-Erzähler. Der Leser erlebt die Handlung dadurch bereits in vermittelter, interpretierter, gedeuteter Form. Wenn wir das sprachliche Kunstwerk als Gehalt-Gestalt-Einheit begreifen, so ist damit von vornherein klar, daß wir die Intention des Autors nur dann begreifen können, wenn wir beide Ebenen, die Ebene der Handlung und die Ebene der gedeuteten Handlung, aufeinander beziehen. Konkret bedeutet dies: Solange wir uns nur auf die Handlung einlassen, werden wir geneigt sein, uns über ein Beispiel von Unmenschlichkeit zu entrüsten und dieses Beispiel zu personalisieren . Erst wenn wir uns auf die Erzählebene begeben und sie reflektieren, werden wir angeregt, darüber nachzudenken, warum Menschen, denen keineswegs ein bösartiger Charakter vorgegeben ist, sich in bestimmten Situationen unmenschlich verhalten.


      Dies führt zu der methodischen Vorüberlegung, ob die Zweischichtigkeit der Erzählung bei der Behandlung im Unterricht direkt angegangen werden soll, ob also durch Einbeziehen von Form- und Strukturfragen die Vermittlung des Inhalts sofort als Vermittlung des Gehalts erfolgen soll. Davon soll hier abgeraten werden. Vierzehnjährige Schüler werden von der Erzählung emotional stark angesprochen werden und das Bedürfnis haben, zunächst die Handlung im Zusammenhang kennenzulernen und unreflektiert zu erleben. Diesem Bedürfnis sollte der Lehrer entgegenkommen, indem er die Erzählung zunächst als Ganzheit zum Erlebnis bringt. Das unreflektierte emotionale Erleben und die dabei zu erwartenden Fehlurteile schaden dem Verständnis der Intention des Autors nicht, wenn dem Schüler anschließend die Bereitschaft abverlangt wird, seine ersten vorschnellen Urteile durch Rückbezug auf Gestaltprobleme zu überprüfen oder zu revidieren. Dieses Vorgehen kann sich sogar als besonders lehrreich und aufschließend erweisen. Die Erzählung als Ganzheit zum Erlebnis zu bringen kann geschehen durch
— Vorlesen vor der Klasse mit der anschließenden Frage nach Eindrücken und Urteilen der Schüler oder
— stilles Lesen in der Klasse oder als Hausaufgabe mit anschließendem Nacherzählen und Äußern von Eindrücken und Meinungen.
      Wir werden dabei feststellen, daß die Erzählung die Schüler stark engagiert. Wir werden ihnen deshalb Gelegenheit geben, ihre Empörung über das Verhalten des Leutnants und ihre Genugtuung, daß die 'gerechte Strafe" nicht ausgeblieben ist, freimütig auszusprechen. Besonders markante Urteile werden wir an die Tafel schreiben. Wir werden geduldig abwarten, ob sich 'besonnenere Stimmen" zu Wort melden. Geschieht das nicht, so werden wir der Klasse sagen, daß wir uns mit dieser Deutung nicht zufriedengeben können und daß wir es für nötig halten, den Text noch einmal genau anzusehen, und zwar unter der Fragestellung: Will Hans Bender wirklich schildern, wie ein Unmensch seinen gerechten Lohn erhält?
'Mein Leutnant hatte immer Hunger. Wenn er nicht schoß, hatte er ein Stück Brot zwischen den Zähnen, ein Wurstbrot, ein Schmalzbrot, Fleisch oder Speck." Wie hätte wohl der Verfasser eines Groschenromans begonnen, wenn er uns einen 'Unmenschen" vorstellen wollte? Ein scheeler Blick, eine häßliche Narbe, eine brutale Unterlippe, und der Bösewicht wäre abgestempelt. Wir haben als Leser dann nicht mehr die Möglichkeit, uns selbst ein Urteil zu bilden. Wie ist es bei Bender? Er schreibt nicht: 'Mein Leutnant war gefräßig", sondern 'Mein Leutnant hatte immer Hunger." Welches ist der Unterschied? Bender stempelt nicht ab; er gibt dem Leser nur wenige 'Indizien" an die Hand. Wir erhalten auch später in der Geschichte nicht einen einzigen Hinweis auf persönliche Merkmale, die diesen Mann schon dadurch sympathisch oder unsympathisch erscheinen lassen könnten.
      Das also müßte unsere erste Erkenntnis sein: Der Erzähler läßt dem Leser die Freiheit, sich selbst ein Urteil zu bilden; er belastet ihn aber auch mit der Verantwortung, sich vor ungeprüften oder vorschnellen Urteilen zu hüten. Hat dieser Leutnant einen schlechten Charakter? Stellen wir ihn uns in irgendeinem Zivilberuf vor! Ob er sich dort genauso verhalten würde? 'Wenn er nicht schoß, hatte er ..." — die Schüler werden nun die Bedeutung dieser Wendung verstehen: Sie ist im wörtlichen Sinne falsch, aber sie kennzeichnet doch genau, wie der Mensch durch den Krieg so weit verarmt, daß es außer Schießen und Essen für ihn nichts mehr gibt.
      Von dieser Verarmung des Menschen wird in der Erzählung an keiner Stelle geredet, aber sie ist so in die Gestaltung eingegangen, daß wir sie unmittelbar spüren. So im zweiten Satz des zweiten Absatzes: ein Nebensatz harmlosen Inhaltes; derzweite Nebensatz so umgewandelt, daß das Subjekt 'Taube" an das Ende rückt; und auf das Wort 'Taube" folgt dann der Hauptsatz 'schoß er sie ab" in der brutalen Plötzlichkeit und Rücksichtslosigkeit, mit der ein Schuß auch in Wirklichkeit in die harmlose Welt hineinfällt. — Wir brauchen über diese Gestaltungsabsicht nicht viel zu reden; wenn wir den Kindern den Satz einige Male in der richtigen Betonung vorlesen, wird ihnen die Absicht des Erzählers unmittelbar bewußt. Welche Absicht? Den Leutnant besonders brutal erscheinen zu lassen? Dieser Eindruck hat entstehen müssen, und deshalb ist es wichtig, sich an dieser Stelle der Bedeutung des Ich-Erzählers zu vergewissern, von dem Bender das Geschehen berichten läßt. Es wäre möglich gewesen, dem Ich-Erzähler die Rolle des Richters zuzuweisen, der das Urteil des Lesers gegen den Vorgesetzten beeinflußt. Bender tut das Gegenteil: Unmittelbar auf das 'schoß er sie ab" folgt 'Das machte auch mir Spaß." Die Wirkung der Infanteriegeschosse teilt er völlig gefühllos mit; wenn er das Wort 'Balg" gebraucht, so sind damit die Tauben schon nicht mehr als lebende Wesen empfunden. Und in den folgenden Sätzen spricht dann nur noch der Genießer: 'Ich hatte da meine eigene Methode" ... 'Klacks Butter" ... 'der Duft hob den Deckel" ... 'Ich strich mit einem Stück Brot die Topfwände und den Topfboden sauber" — ein paar kaltschnäuzige Bemerkungen, ein Bild schwelgerischer Phantasie, und man sieht es vor sich, wie er sich anschließend noch das Fett von den Fingern leckt. Dieser Ich-Erzähler ist keineswegs besser als sein Vorgesetzter; er ist nicht teilnehmender gegenüber den Tauben, er ist es ebensowenig gegenüber den Menschen: Der 'Spiegel, mit Papierblumen verziert", die 'Heiligenbilder", die 'alten Fotografien" — man muß den Kindern erklären, was diese Dinge für die Russen damals bedeuteten, um verständlich zu machen, welche Verständnislosigkeit bereits in den Worten 'alte Fotografien" liegt und welche Rücksichtslosigkeit in dem Satz: 'Wir zogen die Röcke und Hosen aus und warfen uns auf die Betten."
Der Ich-Erzähler schneidet nicht besser ab, wenn wir die folgende Szene betrachten. Sein Versuch, die Frau zum Lachen zu bringen, ist nichts weiter als eine 'Technik der Menschenbehandlung", für die wieder der Satz gelten könnte: 'Ich hatte da meine eigene Methode."
Blicken wir zurück! Hatten wir zunächst den Eindruck, als sei ein einzelner Offizier der Unmenschlichkeit angeklagt, so durften wir gleich darauf vermuten, daß er nur im Krieg unmenschlich handelt. Auch die Tatsache, daß die Figur des Leutnants nicht mit persönlichen Zügen ausgestattet wird, können wir nun genauer deuten: Jede menschliche Gestalt, jeder Einzelmensch, gleich welchen Charakters, Berufes oder Standes, ließe sich in diese Figur hineindenken. Der Krieg verdirbt jeden. Die Erzählhaltung des Ich-Erzählers hat das bestätigt: Schien es anfangs so, als beklage er sich über seinen Vorgesetzten, so verfiel er fast im gleichen Atemzuge in dieselbe teilnahmslose Härte.
      Wir stellen noch einmal unsere Ausgangsfrage: Will Hans Bender wirklich schildern, wie ein Unmensch seinen gerechten Lohn erhält? Wir erkennen: Die Formulierung 'ein Unmensch" ist nicht mehr haltbar. — Um noch mehr Klarheit zu gewinnen, wenden wir uns wieder dem Text zu.
      'Ich liebte und haßte die Tauben." Wie das gemeint ist, darüber müßten die folgenden Sätze Aufschluß geben. Kein Zweifel, daß sie nur auf Liebe und Verständnis schließen lassen, Liebe und Verständnis gegenüber den Tauben: Einen so feinen Blick für besondere Eigenart der Tauben und für die Vielfalt ihrer Bewegungen hat nur der Tierfreund.
      Selbst die Worte 'Sie waren frech und übermütig" verraten liebevolles Verständnis. — Verständnis spüren wir bei dem Ich-Erzähler aber auch gegenüber den
Menschen: Die Tauben 'gehören einem, der eigentlich in der gleichen Lage war wie ich. Er war Soldat, er war weit weg von daheim . . ."
Wie also sollen wir es verstehen, daß er die Tauben 'haßte"? — 'Sonst kann er sie nicht mehr so gut abknallen" — so ähnlich werden die Kinder es ausdrücken. Wir werden die Aussage vertiefen und verständlich zu machen versuchen, wie diese Menschen hassen müssen, um der Unmenschlichkeiten, die der Krieg ihnen abverlangt, überhaupt fähig zu sein. Damit ist dann auch unsere Ausgangsfrage schon fast beantwortet: Angeklagt werden eigentlich nicht die beteiligten Personen, sondern angeklagt wird der Krieg, der die Menschen zwingt, sich zu verhärten und ihr besseres Ich zu verleugnen.
      Der Schluß der Erzählung zeigt, daß es den Menschen sogar schwerfällt, diesen Haß und diese Verleugnung der Menschlichkeit durchzuhalten: Der Ich-Erzähler setzt sich bei den Posten des Gefangenenlagers dafür ein, daß Nikola seinen Bruder sprechen kann, und selbst der Leutnant fühlt sich in der Rolle des Zynikers nicht mehr wohl: 'Ich frage dich, ob du keinen Appetit hast, weil ich's nicht allein schaffe." Ist das eine Wendung ins Optimistische? Im Gegenteil: Was ist das für eine Welt, in der man schon froh sein muß, wenn sich die Menschen für einen Augenblick wenigstens so weit aus ihrer Verhärtung lösen, daß ihnen die Tauben nicht mehr schmecken!
Wie also entläßt die Kurzgeschichte den Leser? Nicht mit der Klage: Was sind das für Menschen! Diese Klage wäre unfruchtbar, weil sie das 'Herr, ich danke dir, daß ich nicht so bin!" schon mit einbezieht und zu einer passiven, selbstge-nüßlichen Haltung verführt. — Die Frage, die dem Schluß der Erzählung angemessen wäre, müßte lauten: Was ist das für eine Welt, die den Menschen so zum Unmenschen macht! Diese Frage aber ist für den Leser aktivierend, stellt einen Appell dar, mit dafür zu sorgen, daß die Welt endlich so werde, daß Menschen in ihr menschlich leben können.
Abschließend sei noch einmal betont, daß es das Ziel des Unterrichts sein sollte, dem Schüler die Einsicht zu vermitteln, daß die Beachtung von Gestaltungsfragen für die Erschließung des Gehalts unabdingbar ist. Diese Einsicht sollte dadurch vertieft werden, daß der Lehrer während des Unterrichtsgesprächs ein Tafelbild entwickelt, in dem die ersten emotional gefärbten Äußerungen den Erkenntnissen, die während der genaueren Textanalyse gewonnen wurden, gegenübergestellt werden. Auf der linken Seite würde dann u. a. stehen: Leutnant — gefräßig und bösartig — gerechte Strafe usw.; auf der rechten Seite könnte stehen: Nur noch schießen und essen — Erzähler: Tierfreund, aber genauso roh — zwingt sich, die Tiere zu hassen usw.

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