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Hans Bender Ein Bär wächst bis zum Dach



Schon der erste, nur fünfzeilige Absatz ist aufschlußreich: Ein kurzer Dialog, mit dem der Erzähler den Leser unmittelbar in das Geschehen hineinstößt. Dieses — der Technik des Kriminalromans verwandte — Verfahren dient hier keineswegs nur dem Ziel, den Leser gespannt zu machen. Wäre das beabsichtigt, so würde die Neugier durch den zweiten Abschnitt viel zu schnell befriedigt. Entscheidend ist die dialogische Technik selbst: Wird beim traditionellen Erzählen der Leser vom Erzähler gleichsam an die Hand genommen und Schritt für Schritt durch die


Handlung geführt, so findet sich der Leser hier alleingelassen und hingewiesen auf sein eigenes Kombinations- und Urteilsvermögen. Die dialogische Technik wird in ihrer Wirkung verstärkt durch die szenische Gliederung. Die Einzelszenen folgen ohne verbindende Erzählglieder unmittelbar aufeinander und fordern dabei vom Leser einen ständigen Wechsel der Perspektive. In der ersten Szene die Perspektive, aus der die Polizei den Fall sieht: sachlich, dienstlich, lediglich interessiert an 'Anhaltspunkten". In der zweiten Szene die Perspektive der Zeitung: ebenfalls sachlich, teilnahmslos und mit schnell gefaßtem Urteil . In der dritten Szene die Perspektive der Zeitungsleser: Während wir mit ihren Augen die Jungen der Stadt betrachten, wird in einer schlichten Aufzählung die ganze Skala jungengemäßer Verhaltensweisen vor uns ausgebreitet, und wir werden fragen: Welche waren es? Die vor den Cowboy-Plakaten? Die aus der Violinstunde?
Im vierten Abschnitt der Erzählung begegnen sie uns dann. Aber wieder erfahren wir nur Dialog. Eine Charakterisierung der Jungen bleibt aus. Also: Alle Jungen sind so und könnten die Diebe sein — ebenso wie alle Jungen 'blaue Hosen und gelbe Hemden" tragen.
      Erst im fünften Abschnitt meldet sich der Erzähler zu Wort. Hier finden wir Erzählung, wie wir sie gewohnt sind: behäbige Breite, ausführliche Schilderung des Ortes, liebevolle Beobachtung des kleinen Bären. Aber dieses Eingreifen des Erzählers hat hier eine Funktion. Der Erzähler hat nicht das Bedürfnis, sich aufzudrängen und den Leser in eine 'höhere" Sphäre des ästhetisch Reizvollen und Gepflegten 'emporzuheben", sondern er will einfach eine neue Perspektive hinzugewinnen: die Perspektive des Tierfreundes. Das aber ist zugleich die Perspektive der Jungen. Indem wir uns in das Erleben des Erzählers hineinziehen lassen, vollziehen wir zugleich das Erlebnis der Jungen nach. Wir bemerken auch, wie hier auf die wörtliche Rede völlig verzichtet wird: Sie schafft Distanz, setzt dem Leser ein Gegenüber, tendiert auf Auseinander-setzung. Der Erzählstil dagegen bewirkt Identifizierung, läßt den Leser distanzlos miterleben. Und er soll hier miterleben, wie der Bär sich verhält: 'Zur Kugel gerollt lag er auf der Erde. Er äugte zu ihnen herauf, streckte die Tatzen vor . .."
Der Leser soll den Bären mit den Augen der Jungen sehen und verstehen, warum sie ihn stahlen. Und wenn dann immer deutlicher wird, daß die Erwartung, einen Spielgefährten gewonnen zu haben, sich nicht erfüllen wird, so erlebt der Leser auch das mit den Jungen mit. Nachdem er sich mit ihnen gefreut hat, muß er nun auch mit ihnen fürchten und ihre Ratlosigkeit teilen; die Haltung des Lokalredakteurs ist ihm verwehrt. Erreicht wird das durch wenige unmittelbar erlebbare Einzelvorgänge: 'Das schwarze Kaninchen war verschwunden." — 'Er hat das schwarze Kaninchen gefressen!" — 'Einmal aber schlug er seine rechte Vordertatze in Mungos Rücken und kratzte mit seinen Klauen sieben rote Risse in die Haut." — Hier ist aufkommende Furcht gestaltet, und es wird nicht von ihr geredet.
      Eine distanzierte Haltung des Lesers gestatten die nächsten drei kurzen Szenen. Der schnelle Wechsel der 'Einstellungen" entläßt den Leser aus dem unreflek-tierten Miterleben und ermöglicht wieder eine stärker urteilende Haltung: Wie ist den Jungen jetzt zumute? Wie versuchen sie, sich aus der Klemme zu ziehen? Warum können sie in der Schule nicht aufpassen? Wer sich aber dabei zu einem besserwisserischen Moralisieren verleiten lassen sollte, vergißt, daß er sich soeben noch mit den Jungen gemeinsam an dem gestohlenen Bären gefreut hat. Der zehnte Abschnitt ist denn auch offenbar eingefügt worden, um eine besserwisserische, moralisch-überlegene Erwachsenenposition noch einmal ausdrücklichzu attackieren: Der Bär wird entdeckt durch zwei ältliche 'Fräuleins", die nicht weinen können, weil sie kein Taschentuch haben. Welche Komik mit sparsamen Mitteln! Die Erwachsenen sind also keineswegs als positiver Gegenpol gemeint. Im Gegenteil: Sie sind teilnahmslos sachlich, verständnislos urteilend oder einfach komisch. Und wenn dann schließlich die Handlungsweise der Jungen widerlegt wird, so nicht durch die Haltung der Erwachsenen , sondern allein durch die Bärenmutter. Sie ist die einzige Instanz, die zur Widerlegung berechtigt ist, und der Erzähler läßt es sie tun durch wenige sparsame Gesten: 'Sie trottete einige Male um ihn herum, dann legte sie ihre vier Tatzen um Puh, und auch die Schnauze deckte sie noch über ihn."
Das eigentlich Interessante an dieser Erzählung ist die Tatsache, daß es hier einem Autor gelingt, eine Reihe von Gestaltungsprinzipien der modernen Literatur in die Jugendliteratur einzuführen: das Zurücktreten des Erzählers hinter den Gegenstand, den Wechsel der Perspektiven bzw. die Gleichzeitigkeit verschiedener Perspektiven, die Distanzierung des Lesers vom bloßen Miterleben zum Mitdenken, den Wechsel von der geschlossenen zur offenen Form. Es gibt leider zu wenige ernsthafte Autoren, die sich der Jugendliteratur in dieser Weise annehmen und dem Lehrer damit seine Aufgabe erleichtern, die Jugend an die Literatur unserer Zeit heranzuführen.
      Wir müssen nun fragen, was man Dreizehnjährigen an der Erzählung verdeutlichen kann. Diese Kinder sind noch am Inhalt interessiert; es ist noch nicht möglich, mit ihnen über Formprobleme zu reflektieren. Wohl aber ist es möglich, bewußt zu machen, was durch die formalen Mittel bewirkt wird, also Rechenschaft abzulegen über unseren Erlebnisablauf und zu prüfen, ob unsere Erlebnisinhalte der Erzählung in ihrer vorliegenden Form entsprechen. Daher sei zunächst davor gewarnt, den Inhalt von den Kindern nacherzählen zu lassen. Wir werden die Kinder vielmehr beim zweiten Lesen noch enger an die gestaltete Form binden; wir werden sie jede einzelne Szene noch einmal still für sich lesen lassen und bei der Aussprache den Eigenwert der einzelnen Szene beachten. Ob dabei die Form des freien Gesprächs oder die Form von Frage und Antwort gewählt wird, muß dem einzelnen Lehrer überlassen bleiben. Wird die zweite Methode gewählt, so kommt es entscheidend auf die richtige, den Intentionen des Erzählers angemessene Frage an:
Abschnitt 1: Worauf ist das Interesse des Kommissars gerichtet? 2: Worum geht es dem Zeitungsreporter? 3: Welche Frage stellt ihr euch, nachdem ihr die verschiedenen Gruppen von Jungen kennengelernt habt? Habt ihr einen bestimmten Verdacht? 4: Wird euer Verdacht bestätigt? Ist es eine bestimmte 'Sorte" von
Jungen? 5: Könnt ihr die Diebe noch verurteilen? Wie erreicht der Erzähler,daß wir uns mit den Jungen freuen? 6: Welche Befürchtung erweckt der Erzähler? Gönnt ihr den Jungen die Enttäuschung? Nicht: Merkt ihr, daß die Jungen falsch gehandelt haben? 7—9: In welcher Verfassung befinden sich die Jungen? Nicht: Wie rächt sich ihr Diebstahl? 10: Welchen Eindruck machen die Erwachsenen?

Blickt zurück! Wie haben wir die Erwachsenen erlebt?

Warum wirken die 'Fräuleins" komisch? Nicht: Was hätte da leicht passieren können? 11: Vergleicht jetzt alle Beteiligten: den Kommissar, den Zeitungsreporter, die Zeitungsleser, die Fräuleins, die Besucher, die Mitglieder des Tierschutzvereins, den Wärter und die Jungen! Wer schneidet am besten ab? Die letzte Frage ist bewußt unangemessen. Sie soll zur Diskussion führen. Das Ergebnis müßte lauten: Das engste Verhältnis zu den Tieren haben noch immer die Jungen. Natürlich werden auch hier noch die 'Moralisten" mit vorschnellen Urteilen aufwarten. Der Lehrer wird dem entgegentreten müssen. Er wird die Kinder noch einmal auf den Text und auf die Ergebnisse der Aussprache hinweisen: Wir haben mit den Jungen sympathisiert, wir haben uns mit ihnen an dem gestohlenen Bären gefreut, wir haben bei den Erwachsenen keine überzeugendere Tierliebe gefunden. Der Verfasser hat also eher darstellen wollen, wie wir Menschen durchweg nicht in der Lage sind, uns auf ein Tier richtig einzustellen. Wir wollen es zu unserer Erbauung; wenn es aber nach seinen eigenen Lebensgesetzen zu leben beansprucht, so sagen wir : 'Ich mag ihn nicht mehr sehen."
Es gibt in dieser Geschichte keine 'Moral", sondern ein Thema, das gestaltet wurde. Dieses Thema ist die Tierferne des Menschen. Aus der Erzählung eine Lehre herauslösen wollen, etwa in der Form der Ermahnung zur Tierliebe , würde eine Entschärfung und Verniedlichung des Themas bedeuten. Wer moralisiert, erhebt sich; er steht darüber. Das Thema verlangt Solidarität, Eingeständnis des Versagens. 'Ein Bär wächst bis zum Dach"; wir bleiben dahinter zurück. Das ist nicht nur körperlich gemeint.

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