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Erzählungen der gegenwart

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Gerd Gaiser Ein Kind vor dem Wagen



Den Ablauf des tatsächlichen Geschehens in dieser Erzählung, die Gaisers Reisebericht mit dem Titel 'Sizilianische Notizen" entnommen ist, werden die Schüler in wenigen Sätzen wiedergeben können. Dennoch wird es den meisten Jugendlichen Schwierigkeiten bereiten, diese Geschichte spontan zu verstehen. Da der Text recht kurz ist, können wir ihn mehrmals lesen. Zunächst sollte der Lehrer ihn vortragen, dann sollten die Schüler einen Versuch unternehmen, das Verständnis für die Erzählung ohne besondere Aufgabenstellung in einer kurzen Stillarbeitweiterzuentwickeln, in der sie alles notieren, was an Fragen entsteht oder an Erkenntnissen gewonnen wird. Die so gewonnenen Notizen können dann als Gesprächsunterlagen für die weitere Behandlung des Stoffes methodisch in unterschiedlicher Weise genutzt werden.

      Schließlich geben wir einzelnen Gelegenheit, den so vorgearbeiteten Text noch einmal laut vorzulesen, denn oft werden Zusammenhänge erst beim wiederholt gesprochenen Vortrag eines Stückes deutlich.
      Wir finden in der Erzählung zwei Ebenen, von denen eine die Landschaft und die Menschen außerhalb des Autos beschreibt. Die andere beschäftigt sich mit den Beobachtungen der näheren Umgebung des 'Ich-Erzählers". Beide Ebenen lassen sich in kleinere Themengruppen aufspalten, die im folgenden aufgezeigt werden.
      1. Die Landschaft und die Menschen
1.1. Beschreibung der Landschaft
Den Schülern wird auffallen, daß die Ortsnamen Auskunft über die Landschaft geben , in der die Geschichte spielt. Die Schilderung des Dorfes ist lebendig und bildhaft . Die Beschreibung der weißlich und gelb gekalkten Häuser in der heißen Mittagssonne, die schmale Schatten auf die unübersichtliche Straße wirft, strahlt die Atmosphäre eines kleinen siziliani-schen Dorfes aus.
      1.2. Beschreibung der Bevölkerung
Die Menschen werden hier nur als anonyme Masse beschrieben . Einzelheiten über diese Leute erfahren wir nicht, selbst die vermeintliche Mutter des Mädchens wird vom Beobachter nur nebenbei erwähnt.
      1.3. Die Beschreibung des Kindes
Auch das Kind selbst — neben dem Fahrer die wichtigste Person — bleibt anonym. Seine Erscheinung ist für uns eine flüchtige Impression. An Einzelheiten erfahren wir nur, daß ein Kind 'braun und rosa" in das Auto läuft. Der 'dünne, flatternde Schattenwisch" beinhaltet bildhaft bereits die zitternde Angst dieses Wesens. Genauer wird nur die Reaktion des Mädchens nach dem Unfall beschrieben. Die Hilflosigkeit dieses Wesens wird durch das Bild des Vogels, der auf einem Bein steht, charakterisiert. Aus 'braun und rosa" wird nun 'mager und braun" und 'verwaschenes Rosa". Angst, Kränkung und völliges Unverständnis sind die Merkmale, die detailliert aufgezeigt werden. Es sind Anzeichen eines Schocks, den das Mädchen nicht ohne weiteres überwinden kann.
      2. Die Umgebung des 'Ich-Erzählers"

2.1. 'Ich-Erzähler" und Mitfahrer
Der 'Ich-Erzähler" bleibt ebenfalls anonym. Er ist zwar im Moment des Unfalls am Geschehen aktiv beteiligt, genau wie die Mitfahrer, über die wir keine Einzelheiten erfahren, verhält sich aber sonst als passiv Beobachtender.

     
Er gibt seine Eindrücke subjektiv wieder und ist weniger an den Personen als an deren Reaktionen interessiert. Wo es ihm wichtig erscheint, beobachtet er minutiös genau.

      2.2. Das Auto
Das Fahrzeug selbst bleibt uns unbekannt. Wir erfahren nur, daß es sich um einen großen, glänzenden Wagen handelt. Einige technische Einzelheiten werden uns noch vor Augen geführt; diese beschreiben aber nicht ein bestimmtes Auto, sondern sie sind nur Objekte, die z. B. zur Erläuterung der Tätigkeiten des Fahrers nach dem Unfall dienen.

      2.3. Der Fahrer
Die Gestalt des Fahrers steht im Mittelpunkt der Erzählung. Auch hier ist die Beschreibung der Person nur Nebensache. In den Blickpunkt werden seine Reaktionen gerückt, die er im Verlaufe des Geschehens zeigt. Beim Unfall selbst erkennen wir, daß er alles versucht, um das Unglück abzuwenden . Diese Szene wird besonders eindringlich geschildert . Im folgenden beschreibt der Beobachter den Gesichtsausdruck und die Handlungsweise des Fahrers. Als sich die äußere Spannung gelöst hat und dieser bereits ein Stück weitergefahren ist, stellt er in einer Art verzögerter Reaktion fest, daß er sicher geglaubt habe, das Kind sei schon tot gewesen. Die Erregung des Moments reicht bei ihm über die kritische Situation hinaus. Er steigt schließlich aus und erfrischt sich mit Wasser, das aus einem Brunnen fließt. Dieses Wasser symbolisiert die wiederkehrende Lebenslust. Auf diese Weise wird die innere Spannung aufgelöst, die den Fahrer bis zu diesem Moment belastet hat. Alle Einzelbeobachtungen, die wir herausgestellt haben, werden in der Erzählung zu einer in sich geschlossenen Impression vereinigt. Der Unfall wird nicht in einer alltäglichen Art und Weise beschrieben. Der Autor führt den Leser in eine fremde Umgebung, in der das Unglück selbst nur das auslösende Moment ist, die Reaktionen der Hauptbeteiligten fesseln den Verfasser. Landschaft und Menschen bilden eine Kulisse, die der Komposition eine besondere, fremdartige Atmosphäre gibt.

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