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Erzählungen der gegenwart

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Friedrich Dürrenmatt Der Tunnel



I. Vorschlag zum Textverständnis
Diese Erzählung sollte man nach Möglichkeit nur mit einer Klasse 10 besprechen, da bei jüngeren Schülern das Verständnis für diesen Text schwer zu erwecken sein wird: Sie erwarten normalerweise bei der Interpretation einer Geschichte eine einzige Lösung. Hier aber muß die Deutung offenbleiben, und das Verständnis für die absurde Grundsituation des Textes hängt von der Bereitschaft ab, auf feste Lösungen zu verzichten. Auch die ausführlichen Detailschilderungen fordern von jüngeren Schülern zuviel Konzentration. Auffallend an der Erzählung sind zwei Diskrepanzen:

1. Die surreale Grundsituation eines in einem Tunnel dem Abgrund zustürzenden Zuges ist eingeschnürt in eine sehr reale zeitliche Abfolge: um 17.15 Umsteigt der junge Mann in den Zug, und um 18.40 Uhr befindet er sich mit dem Zugführer in der Lokomotive. Von da an sind es nur noch wenige Minuten, bis beide auf dem Führerraumfenster liegen.
      2. Die zweite Diskrepanz liegt im folgenden: Während der junge Mann und der Zugführer versuchen, die Ursache für die ungewöhnliche Tunnelfahrt zu ergründen, sind die übrigen Zuginsassen von dem Geschehen unberührt: das Mädchen, der Schachspieler, der Engländer, selbst der Schaffner — sie nehmen den Tunnel als gegeben und normal hin, und während im Packraum, in dem sich die beiden Männer befinden, alles durcheinanderwirbelt, sitzen die Menschen im Speisewagen ruhig wie bei jeder normalen Bahnfahrt und trinken einander zu.
      Diese beiden Diskrepanzen zeigen, daß neben dem Absurden das 'Normale" weiterbesteht und daß nur ein kleiner Teil der Menschen in der Lage ist, das absurde Geschehen zu erkennen und zu verstehen.
      Diese Menschen sind hier vertreten durch 1. den Zugführer und 2. den Studenten. Die Eigenschaften, die der Autor ihnen zulegt, weisen darauf hin, wie die Fahrt im Tunnel verstanden werden kann.
      1. Der Zugführer: Er sagt von sich: 'auch habe ich immer ohne Hoffnung gelebt". Mit dieser Aussage stellt er sich selbst außerhalb der Alltäglichkeit und Normalität, wie sie bei den übrigen Insassen des Zuges vorhanden sind.
      2. Der Student: Er ist die zentrale Figur dieser Erzählung; daher erfährt der Leser von ihm auch am meisten: Als der Student sich noch in der 'Alltäglichkeit" bewegt, hat er seine Sinnesorgane zugestopft und seinen Körper mit Fett gepolstert, um so das 'Ungeheuerliche" abzuwehren. Er ist lustlos seinen Studien nachgegangen, um etwas Geordnetes gegen chaotische Vorstellungen setzen zu können . Erstaunlich ist die Reaktion des jungen Mannes für den Leser angesichts der aussichtslosen Lage im stürzenden Zug. Der junge Mann macht eine Wandlung durch: Unmittelbar mit dem absurden Geschehen konfrontiert, öffnet er seine sonst 'verstopften" Sinne: Seine Augen sind weit geöffnet, die Wattebüschel fliegen aus seinen Ohren, und er unternimmt keine sinnlosen Rettungsversuche wie der Zugführer. Erscheint der Student also am Anfang der Erzählung im Bereich des Normalen, Alltäglichen als komische Figur, so ist er hier am Schluß souverän, ja sogar heiter , weil er das absurde Erlebnis als etwas akzeptiert, auf das er schon lange gewartet hat .
      Dieses absurde Erlebnis läßt sich in einer Erklärung nicht eindeutig festlegen. Man muß versuchen, es von der Gestaltung der Erzählung her einzukreisen: Der
Autor setzt den Tunnel ab gegen eine sonnendurchflutete Landschaft ; er ist endlos lang, und seine Wände umgeben die Lokomotive mit bedrückender Enge . Die drohenden Felswände und der Sturz in das Erdinnere, die ständig steigende Geschwindigkeit und der chaotische Zustand im Führerstand erwecken im Leser die Assoziationen an Weltuntergang, an Höllenfahrt u.a. Hinzu kommt, daß gerade die beiden Menschen die Tunnelfahrt erleben, die ein 'Sensorium" haben für das 'Schreckliche", das 'Ungeheuerliche" und die 'Hoffnungslosigkeit" des menschlichen Lebens, das Gefühl, von Gott fallengelassen zu sein . Nimmt man dies alles zusammen, so könnte die Tunnelfahrt eine Art Parabel für die absurde Situation des menschlichen Lebens sein, die dann erkennbar wird, wenn der Mensch ohne die Hilfe des Religiösen sich im Bewußtsein einer schrecklichen Erfahrung der Sinnlosigkeit stellt. Diese Erfahrung führt aber nicht zur Verzweiflung, sondern kann als befreiende Erkenntnis der Wahrheit verstanden werden: Die Augen des jungen Mannes sind 'weit" geöffnet, und 'so stürzen wir denn auf ihn [Gott] zu". So ermöglicht erst die Entfernung von Gott, die Erkenntnis der 'Ungeheuerlichkeit" des menschlichen Lebens eine Annäherung an ihn. Ein Paradoxon, das unaufgelöst bleibt.
     

II.

Zur Behandlung im Unterricht

I. Didaktische Vorschläge
1. Die Konfrontation von Absurdem und Normalem muß deutlich werden:
A) an der Gegenüberstellung der Verhaltensweise der Menschen ,
B) an der Diskrepanz zwischen realer Zeit und surrealem Geschehen.
      Die Schüler sollen hier erkennen, daß Dürrenmatt Eigenschaften des Zugführers und des jungen Mannes darstellt, die sie zu dem Erlebnis einer absurden Situation befähigen.
      2. Das absurde Erlebnis kann nicht eindeutig erklärt werden. Der Schlußsatz des jungen Mannes bietet keine genaue Lösung des Geschehens. Daher kann nur versucht werden, von der Darstellung des Tunnels und der beiden Personen her, das Ereignis aufzuhellen. Wenn man es als Parabel für die befreiende Erkenntnis der Sinn- und Ziellosigkeit des menschlichen Lebens sieht und diese Erkenntnis eine Annäherung an Gott bedeutet, muß aber gleichzeitig darauf hingewiesen werden, daß eine Parabel nicht in allen Teilen übertragbar ist.
     

II.

Methodische Vorschläge
1. Häusliche Lektüre der Schüler und Anfertigung einer Gliederung

2. Gruppierung der Personen
A) Student, Zugführer

B) die übrigen Zuginsassen
C) Leitfrage: Was verbindet die jeweiligen Gruppenmitglieder? Gegenüberstellung von Normalität, Alltäglichkeit einerseits und der Erfahrung von etwas Schrecklichem andererseits.

      3. Das Geschehen im Zug
A) Wie stellt es sich für Student und Zugführer dar?

B) Wie stellt es sich für die übrigen Zuginsassen dar?

4. Wie läßt sich das Geschehen deuten?
Hier könnte man zunächst auf die Vorschläge der Schüler eingehen, die wahrscheinlich spontan kommen. Anschließend könnte versucht werden, von der Darstellung der Tunnelfahrt und der beiden Hauptpersonen zu einer Lösung zu gelangen .
      5. Die Funktion der ungenauen Lösung
Warum sagt der Autor nicht genau, was er meint?

A) Anregung des Lesers wird erreicht,
B) die Erfahrung der absurden Lebenssituation entzieht sich weitgehend sprachlicher Gestaltung.

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