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Erzählungen der gegenwart

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Ernst Schnabel Im dunklen Tal der Bären



Analyse

Der Stoff
Die Erzählung 'Im dunklen Tal der Bären" ist ein charakteristisches Beispiel für Schnabels Kurzgeschichten, in denen er ungewöhnliche Vorfälle im Lebensstrom darstellen will.
      Acht Jungen zelten in einem Gebirgstal bei Javorina. Vom Lager aus steigen drei der Jungen, der Größere , der Kleinere und Martin, durch ein Nachbartal ins Gebirge auf. Martin stürzt ab und wird vom Geröll erschlagen. Die beiden können ihn nicht bergen. Sie kommen nach beschwerlichem Abstieg zwei Tage später im Lager wieder an.

      Das Erzählziel
Hauptanliegen ist die Darstellung eines entscheidenden Augenblicks im Leben des größeren Jungen. Das furchtbare Erlebnis führt zu einem Entwicklungssprung. In den wenigen Stunden vom Unfall bis zum Eintreffen im Lager wird aus dem naiv lebenden Jungen ein Erwachsener, der einsam ist und dem alles, die Kameraden, das bisherige Leben und die Natur, fremd wird, so fremd, daß er ein ganz neues Verhältnis zu allen und allem gewinnen muß. Es handelt sich um die Darstellung einer schweren seelischen Verletzung und ihrer möglichen Heilung.
     

Die Gestaltung
Der Ablauf ist nicht gradlinig und chronologisch. Das auslösende Ereignis liegt bei Beginn der Geschichte hinter den zurückwandernden Jungen. Die Leitmotive Dunkelheit, Flucht, Sterne und Martins Gesicht durchziehen die Geschichte und tragen am meisten zur gelungenen Verwirklichung der gestalterischen Absicht bei. Die Geschichte beginnt mitten im Abstieg der beiden Jungen, einige Zeit nach dem Unfall, und zeigt die Anstrengung der fluchtartigen Rückkehr. Der Unfall wird an mehreren Stellen erwähnt und gegen Schluß geklärt, aber er wird nicht im Zusammenhang und nicht in Einzelheiten dargestellt. Wichtiger ist die Gestaltung der Angst, der Verlorenheit, der Verzweiflung der beiden Jungen. Aus ihrem Verhalten — sie klimmen, keuchen, rutschen, stürzen zu Tal — erkennt der Leser, daß sie sich in einer außerordentlichen Lage befinden und verstört handeln. Der Grund wird schließlich genannt. Die Natur verdeutlicht die seelische Lage: es dunkelt; wo das Licht noch ist, blendet und brennt es. Alles ist fremd, undurchdringlich, gefahrdrohend: die Täler, die Wege, der Bach, die Schlucht, das Geröll und Geschäum, die Feuer, die vermuteten Zigeuner, die Bären, von denen sie nicht wissen, ob sie nachts schlafen. Wie sollen sie sich verhalten, wenn sie ihnen begegnen? Aus allem lesen sie Gefahr heraus. Das Vertraute — die Sterne, die Wege, die anderen Kameraden, das Zelt — ist nicht mehr vertraut. Sie fallen in Verzweiflung: 'Das war die Minute, wo sie sich am liebsten hingeworfen hätten und liegengeblieben wären im Gras: die Sterne und die Nacht hätten ins Leere gekreist; die Hirtenfeuer wären ausgebrannt, die Bäche zu Ende geströmt. Sie schlugen aber nur die Augen nieder und stolperten weiter."
Als sie im Zeltlager sind, geben sie ihren Bericht, aber der Größere findet zu den Kameraden und dem Zelt nicht zurück. Ihm ist jede Zuflucht verwehrt. Er entfernt sich und ist mit sich und dem Bild des toten Martin allein. Vor sich hat er die Aufgabe, mit dem Unglück im Leben fertig zu werden. In dem Schweigen, das auf den Bericht folgt, erkennt er seine Lage. 'Das war es nun", heißt es zweimal , 'nun wußte er es" und 'Von nun an waren es diese Sterne" . Diese nun-Feststellungen und das Bild der neuen Sterne stellen die Einsamkeit, die Fremde und Unerbittlichkeit des Lebens dar, in das der Größere vom unbekümmerten Jugenddasein ins erwachsene Menschenleben plötzlich wechseln mußte. Der Riß in seiner Brust wird vernarben, aber die Narbe wird bleiben.
      Die Sprache
Die Sprache dieser Geschichte ist kunstvoll wie der Aufbau. Die beiden Schichten der wörtlichen und der übertragenen Bedeutung sind in der Einheit des künstlerischen Wortgebrauchs verschmolzen. Neben der realistischen Darstellung des Naturgeschehens und des menschlichen Verhaltens vermittelt die Sprache die entscheidenden Erzählelemente der Stimmung, des seelischen Geschehens und der Bedeutung der Ereignisse. Meistens gebraucht der Verfasser allgemeine Begriffe wie Hirten, Jungen, Zigeuner, Hirsche, Bären, Paß, Wand, Tal, Dorf; gelegentlich kommen Eigennamen vor: Martin, Greiner, Javorinka, Javorina. Alle anderen sieben Jungen und die anderen Örtlichkeiten werden nicht benannt. Die wenigen Landschaftsnamen deuten auf slawisches Gebiet, ebenso die Bären. In Böhmen gibt es den Berg Jawornik und den Gebirgszug Greiner Wald; in Slowenien den Berg Javornik. Das serbokroatische Wort javor bedeutet Ahorn. Das dunkle Javo-rinkatal mit seinen Bären weist auf Fremde und Gefahr hin. Die Ãœberschrift
'Im dunklen Tal der Bären" ist also nicht nur als Ortsangabe zu verstehen, sondern auch als Auftakt für das zentrale Geschehen.
      Ein das Ganze überschauender und beurteilender Erzähler wählt aus, referiert und formuliert. Nur wenige Dialoge, in denen ausschließlich die beiden Wanderer sprechen, sind in den Erzählstrom eingelassen.
      Die rhythmisch und klanglich bewußt kunstvolle Sprache verschönt die Tatsachen nicht, trägt jedoch zu dem 'bitteren Trost" bei, daß der Lebensriß furchtbar schmerzt, aber verheilen kann. Der Rhythmus und der Klang werden oft durch spezielle Mittel hervorgehoben, wie z. B. durch Stabreim, Assonanzen und Kontraste in Sache und Wort.

      Didaktische Ãœberlegungen
Da in dieser Geschichte das ungewöhnliche Ereignis, der tödlich endende Unfall, Ursache für den Lebensriß des älteren Jungen ist, muß es Lernziel sein, die innige Verquickung des äußeren Geschehens mit den inneren Vorgängen erkennen zu lassen. Das sollte im Gespräch und in der Nachgestaltung des sprechenden Erzählens geschehen.
      Das Verhalten der drei Jungen ist leichtsinnig. Als halbe Kinder noch durften sie nicht ohne erfahrenen Führer im Gebirge wandern. Man kann diese Frage aufgreifen, wenn sie von den Schülern gestellt wird, oder sie als Lehrer aufwerfen. Thema der Geschichte ist sie nicht. Wenn man sie diskutiert, darf nicht der Eindruck entstehen, als verfolge der Verfasser mit dieser Geschichte moralische oder pädagogische Absichten. Es ist nötig, klar herauszustellen, daß in dieser Geschichte die seelische Verwundung des älteren Jungen und ihre Heilungsmöglichkeit dargestellt werden.
      Ein weiteres Lernziel ist es, die Darstellungsmittel zu erkennen und zu benennen. Der Unterricht hat also die Fragen zu beantworten:

1. Was wird hier erzählt?
2. Wie wird es erzählt?

Folgende Einzelprobleme können sich dabei noch ergeben:
1. Wie ereignete sich der Unfall? Wäre er vermeidbar gewesen?
2. Hätten die beiden Jungen nicht doch den Versuch machen müssen, den Toten zu bergen und zum Zeltplatz zurückzubringen?
3. Gibt es eine Schuld?
4. Ist die Lösung vom heilenden Lebensriß als bitterer Trost annehmbar?
Dabei ergibt sich die Frage, warum der Verfasser auf diese Fragen nicht oder nur andeutungsweise eingegangen ist. Aus der Erkenntnis des Themas und der darstellerischen Konzeption kann man diese Frage vom Text her beantworten. Wenn weiterhin die Ansicht auftaucht, daß der Ältere ein Einzelgänger ist, der die Gruppe verachtet und die gesellschaftliche Hilfe zurückweist, muß man darauf hinweisen, daß er vom Verfasser so nicht aufgefaßt wird. Er gehört zu der Gruppe, mit der er ausgezogen ist. In seinem Reifungsprozeß braucht er die Einsamkeit, ohne sie könnte er gar nicht reifen. Sein Verhalten ist keine Absage an die sozialen Hindun-gen des Menschen. Dieser Junge erfährt nur, daß ein Mensch einsam werden kann, und er stellt sich dieser Herausforderung des Lebens. Seine Spannung zur Gesellschaft hat ihre Parallele in seiner Spannung zur Natur. Nach seinem Verhalten zu urteilen, ist der Mensch für ihn weder reines Natur- noch reines Sozialwesen. Sein Leben wird bestimmt durch seine neue Erfahrung, daß der Mensch die Stellung des Individuums in Natur und Gesellschaft bewußt erfährt und sich daraus die Aufgabe ergibt, so natürlich und so sozial zu leben, daß das Individuum gedeihen kann.

      Methodische Hinweise
1. Da das Verständnis der Geschichte auch durch den Klang und Rhythmus sowie den gerichteten Erzählwillen bestimmt wird, ist die Einführung in den Text durch das erzählende Vorlesen des Lehrers wohl der beste Weg.
      2. In dem zunächst frei geführten Gespräch sollte nach einiger Zeit die Frage gestellt werden, was der Verfasser eigentlich erzählen will.
      3. In einem weiteren Abschnitt des Gesprächs wäre dann die zweite Frage aufzuwerfen, wie der Erzähler erzählt.
      4. Schwerpunktaufgabe: Wie wird die wachsende Einsamkeit des Älteren dargestellt?
5. Als Abschluß sollte die Geschichte sprechend erzählt werden. Zur Vorbereitung dieser Aufgabe sind im Gespräch folgende Stellen zu analysieren und einzu-lesen:
S. 45, Z. 1—7; S. 45, Z. 32 — S. 46, Z. 3; S. 46, Z. 25—29; S. 47, Z. 7—36; S. 49, Z. 29—32; S. 50, Z. 37 — S. 51, Z. 8.
     

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Ernst  Schnabel      Im  dunklen  Tal  der  Bären    





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