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Erzählungen der gegenwart

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Elisabeth Langgässer Untergetaucht



Die Auseinandersetzung mit der Gegenwart reicht nicht aus, die Zukunft zu bewältigen. Es gehört zu unseren wichtigsten Erziehungsaufgaben, der jungen Generation Erfahrungen und Wissen zu vermitteln, das ihr ermöglicht, sich geschichtlich zu interpretieren. In mancher Hinsicht sind Erfahrungen wirksamer als Wissen. Lehrbücher der Geschichte vermitteln Wissen, Literatur kann als Erlebnis zur Erfahrung werden.

      Die hier vorliegende Kurzgeschichte vermittelt ein Erlebnis aus den finstersten Tagen der deutschen Geschichte, und sie erzählt von einer der schrecklichsten Formen der Inhumanität, der Verfolgung und Vernichtung völlig unschuldiger Menschen auf Grund einer rassistischen Ideologie.
      Das Ausmaß jener Verbrechen und die Tiefe des Leids jener Tage lassen sich literarisch nicht wahr darstellen: der Autor liefe Gefahr, das Schreckliche durch Kunst zum schönen Bild zu machen. 'Die sogenannte künstlerische Gestaltung des nackten körperlichen Schmerzes der mit Gewehrkolben Niedergeknüppelten enthält, sei's noch so entfernt, das Potential, Genuß herauszupressen . . . Durchs ästhetische Stilisationsprinzip . . . erscheint das unausdenkbare Schicksal doch, als hätte es irgend Sinn gehabt; es wird verklärt, etwas von dem Grauen weggenommen", sagt Adorno1.
      Elisabeth Langgässer stand vor dem Problem, aus ihrem eigenen Leiden heraus etwas sagen zu müssen, was letztlich unsagbar ist, und sie fand eine Möglichkeit in der Form äußerster Distanzierung. Die mehrfache erzählerische Brechung verhindert unvermitteltes emotionelles Engagement und ermöglicht das Gespräch aus der Distanz. Trotzdem wird die geschichtliche Situation erlebbar.
      Unterrichtsgang
1. Für die junge Generation ist die Erzählung nur noch dann verständlich, wenn zuvor eine größere Zahl von Zusatzinformationen und Worterklärungen gegeben wird. Mit Berichten des Lehrers oder Zusatztexten oder kommentierten historischen Filmszenen ließe sich dies leisten. Es geht um folgende Themenkomplexe:
• NS-Regime:
Blockwalter als Polit-Kontrolleur; Zwang zum Eintritt in die Partei bei Tätigkeit im öffentlichen Dienst u. a.
      • Judenverfolgung:
Judenstern tragen; angebliche rassistische Merkmale: krumme Nase, gekräuselte schwarze Haare; jüdischer Name Sara; Untertauchen ; Risiko des Lebens für Menschen, welche Juden versteckten.
      • Notzeit nach dem Krieg:
Hamstern, Waren tauschen, 'Kartoffelexpreß"; Entnazifizierung durch die Spruchkammer; Entlausung der Heimkehrer aus dem Krieg bzw. der Gefangenschaft. 2. Nach der häuslichen vorbereitenden Lektüre des Textes erstes orientierendes
Gespräch: 2.1. Wer erzählt hier wem etwas?
Ebene A: Ein müder Arbeiter, der zufällig in einer Kneipe eine Geschichtegehört hat — 'nichts Besonderes und je dämlicher, um so schöner" —, erzählt sie dem Leser. Zeit: kurz nach dem Krieg.
      Ebene B: Eine 'stattliche Frau" erzählt ihrer Freundin die Geschichte von Elsie und dem Papagei. Zeit des NS-Regimes. 2.2. Was ist eigentlich besonders wichtig an der Kurzgeschichte?

• das Schicksal Elsies und der anderen Juden
• das 'staatsfeindliche" Verhalten Friedas und ihres Mannes

• der Papagei Jacob
Die Benennung der Themenkreise wird vermutlich bereits zeigen, wie problematisch die Bewertung durch die Autorin ist: Sie hebt den Papagei heraus und 'spielt" die menschlichen Gefahren und Leistungen 'herunter" — Anlaß zu einer genaueren
3. Textanalyse,eventuell arbeitsteilig in Gruppen mit anschließenden Ergebnisreferaten.
      3.1. Wer ist der Erzähler der Kurzgeschichte? Was bewegt ihn? Wozu dient er innerhalb der Geschichte?
3.2. Welche Rolle spielt der Papagei? Wird er zu Recht so hervorgehoben?
3.3. Wer ist Karl? Wie steht er zu den anderen Figuren?
3.4. Wer ist Frieda? Äußeres, Verhaltensweisen, Ansichten
3.5. Wer ist Elsie? Äußeres, Verhaltensweisen, Ansichten
3.6. Was geschieht in dem Haus Karls und Friedas, seitdem Elsie da ist? Einteilung in zeitlich gegliederte Handlungsabschnitte!
4. Die Auswertung der Ergebnisse im Rundgespräch sollte folgende Aspekte beachten:
4.1. Elsies tragisches Schicksal, ihr seelisches Martyrium und ihre menschlich vorbildliche Haltung .
      4.2. Friedas und Karls mutiges Einstehen für Elsie, bei dem sie ihr eigenes Leben riskieren.
4.3. Der Gedanke, daß Elsies Schicksal irgend jemand anderes auch treffen könnte, der zufällig 'jüdisch" aussieht.
4.4. Die Frage, warum die Autorin von diesen Gesichtspunkten ablenkt auf eigentlich weniger wichtige.

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