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Elisabeth Langgässer Saisonbeginn



Analyse
Die Erzählerin scheint zunächst eine alltägliche, ganz belanglose Begebenheit darzustellen. Zum erstenmal wird der Leser stutzig, als das neue Schild ausgerechnet bei dem Kruzifix errichtet werden soll. Doch vergißt er das schnell wieder, da das Beratschlagen und Arbeiten der Männer den Blick auf die tätige Wirklichkeit lenkt und sich außerdem ein Gefühl der Erleichterung einstellt, weil die Männer den Kreuzplatz verlassen. Erneute Unruhe entsteht im Leser, als die Arbeiter zum Kreuz zurückkehren und das Schild nun doch dort aufrichten. Das Gefühl, hier ereignet sich etwas Unheimliches, ja sogar Böses, wird verstärkt durch die Hinweise auf die Madonna und die Schacher. Wiederum verschaffen das Einrammen des Pfahles und die Hilfe der Kinder eine kleine Atempause. Die erneute Erleichterung wird aber schnell zunichte, als der Leser von dem Verhalten der Menschen erfährt. Die Inschrift wird zwar noch nicht mitgeteilt, aber ihre Wirkung beschrieben. Diese Wirkung ist untergründig vorbereitet worden und wird nun bis zu der Bedeutung gesteigert, die sie für den gekreuzigten Gott hat, der als Jude ebenfalls unerwünscht ist. Erst der letzte Satz gibt die Inschrift selbst.

      Damit hat die Kurzgeschichte den Charakter einer Anekdote mit dem Schlußsatz als Pointe, von der nun jeder Satz, jedes Bild und jede scheinbare Abschweifung ihren spezifischen neben dem zunächst sich anbietenden Sinn erhalten. Lehre, Erkenntnis und Moral werden nicht ausgesprochen, der Leser selbst hat zu entscheiden, wie er den Vorgang beurteilt.
      Die Sprache ist mehrschichtig. Nüchtern in der Art des Berichtes überall dort, wo das Gegenständliche und äußere Vorgänge dargestellt werden; von einer realistischen Poesie, wenn es um die Schönheit des Spätfrühlingstages geht; gehoben beiden religiösen Themen. Der Wortschatz ist durchweg der der täglichen Umgangssprache. Die realistische Grundhaltung als Stilprinzip ist an der genauen Beschreibung zu erkennen, die sich allerdings nie in Einzelheiten verliert, aber bis in die Fachsprache und bis zum Derbrealistischen reicht. Die nüchterne Erzählweise wird zweifach unterwoben. Einmal durch den symbolischen Charakter der meisten Ereignisse, zum anderen durch eine gelegentliche Ironie. Die Aufzählung der Sommergäste wirkt in der Auswahl und Anordnung ironisch, ebenso das kühne Bild 'Das Geld würde anrollen". Auch die Ãœberschrift kann man doppeldeutig auffassen. Die Erzählerin meint, was sie sagt und was jeder Leser annimmt, nämlich den Anfang der Saison in einem Gebirgskurort. Vielleicht meint sie aber auch in einer grausigen Ironie den Beginn der Saison des Nationalsozialismus in der Geschichte unserer Zeit.
      Zum Unterricht
Die Kenntnis der Geschichte von 1933 bis 1945 ist Voraussetzung für das Verständnis der Erzählung. Dieses Wissen haben die Schüler im Geschichtsunterricht erworben. Als Vorbereitung auf den 'Saisonbeginn" müßte aber auf dem Hintergrund der geschichtlichen Ereignisse mit der Klasse über die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, den Antisemitismus und über die Verfolgung und Tötung der Juden mit dem furchtbaren Ziel der Endlösung gesprochen werden. Nur dann ist ein Verständnis der Inschrift und des Verhaltens der Menschen beim Aufstellen des Schildes möglich. Nur dann kann die Erzählung als Mahnung vor Fremdenhaß und Völkermord wirken.
      Um die Voraussetzungen für das Verständnis der schwierigeren Metaphern und auch der religiösen Partien zu schaffen, sollten einige Sach- und Worterklärungen vorgezogen werden, auch für kritische Ãœberlegungen, ob die Nachmittagssonne wie ein Finger die Inschrift nachzeichnen kann und ob die Schrift auf dem Schild tatsächlich nur zollhoch sein konnte .
      1. Troll- und Wucherblumen anschauen, zumindest in Abbildungen
2. Gletscherwände im Bilde zeigen
3. Einen bekannten Gebirgskurort wie St. Moritz, Meran oder Oberstdorf im Bilde zeigen
4. Zoll:
A) Worterklärung: Das Wort stammt von derselben Wurzel, die in Zahl steckt und spalten, kerben bedeutet. Ursprünglich ist Zoll ein abgeschnittenes Stück Holz, ein Klötzchen.
      B) Maß: Später wurde das Klötzchen als Längenmaß benutzt, meist 1/10 Fuß. Die durchschnittliche Länge des alten Fußmaßes betrug 25 cm, also ein Zoll 2,5 cm.
      5. Ein Madonnenbild zeigen, auf dem die Madonna einen weiten Umhang trägt, etwa Raffaels Sixtinische Madonna oder Stephan Lochners Madonna im Rosenhag
6. Für die Inschrift 'I N R J" Joh. 19, 19—22 lesen

7. Für die Schacher Luk. 23, 39—43 lesen.
      Nach der Lektüre der Geschichte — Vorlesen oder stilles Lesen — kann man im Verlauf des Unterrichtsgesprächs die Frage aufwerfen, warum die Dichterin so tut, als ob sie eine einfache Geschichte vom Anfang der Sommersaison in einem Gebirgskurort erzählen will. Der Sinn der Geschichte läßt sich von dieser Frage aus erschließen. Ebenso könnte man ein zielsicheres Gespräch führen, wenn man fragt, warum clio Erzählerin erst im letzten Satz die Inschrift angibt.

      Auswahl von Aufgaben
1. Erkläre folgende Wörter: Paßkehre, Flecken, Spätfrühlingstag, Schindeldächer, Scherenzäune, Blickfang.
      2. Erkläre, warum man oft bei Kaffeegaststätten die französische Schreibung Cafe anwendet, wie das bei Cafe Alpenrose geschieht.
      3. Zeichne die Inschrift in zollgroßen Buchstaben an die Wandtafel und überlege:

A) Läßt sich diese Inschrift von weitem gut lesen?
B) Kann man sich vorstellen, daß die Nachmittagssonne wie ein Finger über die zollgroßen Buchstaben hingleitet und jeden einzelnen nachfährt?

4. Erkläre folgende Bilder:
A) Trollblumen, wie eingefettet mit gelber Sahne
B) Die uralte Buche entfaltete ihre Äste wie eine Mantelmadonna ihren Umhang.
      5. Erkläre den Satz 'Das Geld würde anrollen".
      6. Warum wählt die Dichterin aus der großen Zahl der Sommergäste gerade 'die Lehrerinnen, die mutigen Sachsen, die Kinderreichen, die Alpinisten, aber vor allem die Autobesitzer" aus?
7. Inwiefern kann der Gekreuzigte die Inschrift lesen?
8. Warum nennt die Dichterin den Platz, an dem die Männer schließlich das neue Schild aufstellen, Kreuzigungsort?
9. Erläutere die Sätze: 'Man merkte, sie ging ihn gleichfalls an, welcher bisher von den Leuten als einer der Ihren betrachtet und wohlgelitten war. Unerbittlich und dauerhaft wie sein Leiden, würde sie ihm nun für lange Zeit schwarz auf weiß gegenüberstehen."
10. Ãœberlege, wie die Dichterin die Geschichte erzählt, und begründe, warum sie das tut.

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