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Der Mantel des Ketzers
Die Geschichte beginnt mit einer Ankündigung: Giordano Bruno gilt — wegen seiner kühnen Hypothesen und seiner mutigen Haltung gegenüber der Inquisition — als ein 'großer Mann", aber wir werden eine Geschichte hören, die unsere Achtung vor ihm noch steigern wird. Aufgeworfen ist damit die Frage nach menschlicher Größe; die Antwort am Schluß der Geschichte ist überraschend, ungewöhnlich, provozierend: Die noch achtunggebietendere Größe Brunos liegt darin, daß er einer keifenden, nur von dem Gedanken an das ihr zustehende Geld besessenen Schneidersfrau recht gibt, und zwar gerade in dem Augenblick, als die Ermahnung zu 'ein wenig christlicher Nachsicht" bei ihr zu wirken scheint. Das ist — um einmal die Sprache der Brechtfeinde zu gebrauchen — eine Verfremdung menschlicher Größe aus der Perspektive der 'Gosse". Nur zeigt sich gerade darin Brecht als der entschiedene Moralist.
Brecht ist mißtrauisch gegenüber dem, was allgemein als groß oder heldisch bezeichnet wird:
Im 'Leben des Galilei" läßt Brecht auf den Ausruf des Andrea: 'Unglücklichdas Land, das keine Helden hat" den Galilei antworten: 'Unglücklich das Land,das Helden nötig hat."
In derselben dialektischen Umkehrung behandelt Brecht den Begriff des Mutesin 'Mutter Courage". So wird einerseits der Mut 'abgewertet" als Verzweiflungstat:
'Courage heiß ich, weil ich den Ruin gefürchtet habe, Feldwebel, und bin durch das Geschützfeuer von Riga gefahren mit fünfzig Brotlaib im Wagen. Sie waren schon angeschimmelt, es war höchste Zeit, ich habe keine Wahl gehabt." Und andererseits wird die Verzweiflungstat 'aufgewertet" als Mut: 'Die armen Leut brauchen Courage. Warum, sie sind verloren. Schon daß sie aufstehn in der Früh, dazu gehört was in ihrer Lag. Oder daß sie einen Acker umpflügen, und im Krieg!" Ähnlich liegen die Dinge in unserer Kalendergeschichte:
Der Mut der Schneidersfrau wertet sich selbst ab; Giordano Bruno wertet die Hartnäckigkeit, mit der sie um ihr Geld kämpft, wieder auf. Denn er hat erkannt: Hinter dieser Hartnäckigkeit steckt Verzweiflung, und diese Verzweiflung zu besiegen, d. h. auf ihr Geld zu verzichten, würde der Frau mehr Mut abfordern als der Kampf mit den Behörden der Inquisition. 'Die Steuern waren drückend, und das Brot hatte erst kürzlich wieder aufgeschlagen" ; da sind Schulden beim Stoffhändler; ihr Mann ist 'ein alter Mann", er ist rheumatisch, er arbeitet sich ab, und er ist nicht robust genug für den Kampf um sein Recht; die Schneidersfrau ist für ihn mitverantwortlich; der 'Mut", auf das Geld zu verzichten, wäre gleichbedeutend mit dem 'Mut", diese Verantwortung zu verraten. Die Frau bringt diesen Mut nicht auf; Bruno ist der Mutigere und — wie uns zu Beginn der Geschichte versichert wurde — der Größere. Aber seine Größe liegt in dem 'Mut", den Durchschnittsmenschen trotz seiner Schwächen, ja seiner Feindseligkeit zu bejahen. Seine Größe liegt — der Vergleich drängt sich auf — in seinem Mut zur Feindesliebe.
Was zählt, sind also nicht die großen Taten, sondern es ist die Liebe zu den Durchschnittsmenschen mit ihren Schwächen. Oder: Die Liebe zu den Durchschnittsmenschen mit ihren Schwächen ist die eigentliche große Tat. In Form und Anlage ist diese Kalendergeschichte klarer und übersichtlicher als der 'Kreidekreis", so daß wir uns auf wenige Hinweise für Interpretation und unterrichtliche Behandlung beschränken können.
Die Unzuverlässigkeit des Chronisten ist in dieser Geschichte weniger zu befürchten. Er tritt stärker zurück; die Schneidersfrau spricht von Anfang an häufiger in der direkten Rede und vertritt auch ihre Interessen in äußerster Direktheit, ja Schamlosigkeit: 'Er braucht keinen Mantel auf dem Scheiterhaufen!" Es wird aufzuzeigen sein, wie derartige Bemerkungen immer dann fallen, wenn eine für das Schicksal Brunos bedeutsame Entscheidung bevorsteht: 'Es war eine Tortur für sie, zu hören, daß die Sache des Ketzers so schlecht stand. Er würde nie mehr freikommen und seine Schulden bezahlen können ... Sie deutete an, daß die Patres eine Sünde begingen, wenn sie die berechtigten Forderungen eines kleinen Handwerkers so gleichgültig abtaten" . So wird Brunos Schicksal immer wieder in die Perspektive der Schneidersfrau herabgezerrt. Für die Hartnäckigkeit, mit der sie in dieser Perspektive verharrt, ist folgendes Beispiel am eindringlichsten: Auf die Frage der Schneidersfrau, wozu er den Mantel brauche, antwortet Bruno: '. . . weil ich glaubte, ich würde noch im Freien herumgehen." Als die Frau ihm ein Vierteljahr später wieder gegenübertritt, ist ihre erste, völlig unvermittelte Frage: 'Warum führen Sie sich dann so auf, wenn Sie im Freien herumgehen wollen?" Man muß diese Schamlosigkeit und Feindseligkeit der Schneidersfrau in aller Schärfe herausarbeiten. Nur dann wird sich der Leser durch den Umschlag zur Feindesliebe, der sich in Brunos Worten 'Ich meine, daß sie es verlangen kann" vollzieht, hinreichend schockieren lassen.
Schlußwort
'Unglücklich das Land, das Helden nötig hat" — wir könnten uns vorstellen, daß angesichts eines solchen Satzes auch heute noch Lehrer zu der Auffassung gelangen, eine solche beunruhigende, Werte in Frage stellende Literatur sei für Schüler nicht geeignet. Der Ruf nach den positiven Werten ist bis heute nicht verstummt. Wer so denkt, möge aber folgendes bedenken:
Die moderne Literatur trifft auf eine andere menschliche Situation als die klassische. Schiller durfte einem suchenden Menschen Ziele setzen und durfte ihm idealistischen Schwung verleihen. Der heutige Mensch sucht nicht mehr, sondern lebt in einer Welt der fertigen, vorfabrizierten Lösungen . Die moderne Literatur hat erkannt, daß es nicht ihre Aufgabe sein darf, das 'Angebot" an 'Werten", 'Ideen", 'Verhaltensnormen" und organisierten Meinungen noch zu vermehren, sondern daß es in einer Welt des perfektionierten Angebotes zuallererst darum gehen muß, den Warencharakter der Werte und die Konsumentenhaltung des Lesers selbst zu attackieren. Moderne Literatur ist in diesem Sinne zersetzend, muß zersetzend sein: Sie muß dem Leser das scheinbar Selbstverständliche, Vertraute und Gewohnte wieder fragwürdig erscheinen lassen. Auch die Verfremdungstechnik, wie Brecht sie in die Literatur eingeführt hat, richtet sich nicht gegen die Werte, sondern gegen das gedankenlose Festhalten an verfälschten Werten. Das Ziel ist Desillusionierung, Entlarvung, Aufschrecken des Menschen aus seiner passiven Verbraucherhaltung, aus Scheinsicherheit und Scheingeborgenheit, Aktivierung des Menschen zu neuem Fragen, Prüfen und Bemühen. Und das ist ein Grundzug der modernen Kunst überhaupt.
Hemingway: 'Die Worte sind geschändet, reinigt sie!"
Werner Haftmann über Paul Klee: 'Es gehörte zu der pädagogischen Grundauffassung Klees, daß sich weder der Künstler und noch viel weniger der Schüler mit fertigen Formen abgeben darf. Weil die fertige Form Ergebnis eines Weges ist—Form-Ende. Man kann aber nicht beim Ende beginnen. Sich in richtiger Weise auf den Weg machen, darauf kommt es an." Wir stehen vor der seltsamen Erscheinung, daß sich in der Kunsterziehung die Auffassung Paul Klees allgemein durchgesetzt hat, daß man aber im literarischen Unterricht vor derselben Konsequenz noch häufig zurückschreckt. Man macht sich dabei wohl nicht genügend klar, daß es in einer Zeit, die die Kinder ebenso wie die Erwachsenen einer Flut von Leitbildern aussetzt, doch wohl vor allem auf die rechtzeitige Schulung der Kritikfähigkeit gegenüber dem Angebot an Leitbildern ankommt. Also böte moderne Literatur so etwas wie ein Lehrbuch für die Schulung dieser Kritikfähigkeit? Im Falle Brecht haben wir es zweifellos mit lehrhafter Literatur zu tun. Vergessen wir jedoch abermals nicht: Alle Wirklichkeit begegnet uns in der Literatur als gestaltete Wirklichkeit. Wenn Brecht den Inhalt seiner Kalendergeschichten von einem fingierten Chronisten erzählen läßt, so gestaltet er eben damit einen Aspekt jener Wirklichkeit, in der der moderne Mensch lebt. Indem der 'Chronist" mit dem Anspruch auf objektive Wahrheit die wahren Werte entstellt, wird der Leser gezwungen, diese Scheinwahrheit abzutragen und hinter der Kruste der Vorurteile, Ideologien und Klischees die verborgene Wahrheit freizulegen. Daß für den modernen Menschen der Weg zur Wahrheit die Überwindung solcher Vorurteile voraussetzt, das wäre die 'Lehre" dieser Geschichte und — wer wollte es bezweifeln — ihre Wahrheit. Und damit erweist sich dann schließlich auch die Unzuverlässigkeit des 'Chronisten" als ein Stück gestalteter Wirklichkeit.
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