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Der Augsburger Kreidekreis
In dieser Kalendergeschichte geht es um ein menschliches Schicksal, das unser Mitempfinden und Mitleiden verdient. Bedenkt man das, so erscheint die Sprache, in der die Geschichte erzählt wird, auf den ersten Blick völlig unangemessen. Es ist die Sprache des Chronisten, der ohne innere Anteilnahme erzählt, interessiert nur an den sichtbaren Vorgängen und Tatsachen, scheinbar uninteressiert dagegen an den inneren Vorgängen in den Menschen.
Diese Feststellung ist bereits ein Hinweis darauf, worin die Schwierigkeit besteht, Texte von Brecht im Unterricht zu behandeln. Die Texte sind mehrschichtig. Der Umgang mit mehrschichtigen Texten ist den Schülern bereits vertraut; so z. B. dann, wenn ein Ich-Erzähler eine Handlung in einer bereits gedeuteten Form vorträgt. Die Mehrschichtigkeit der Brechtschen Texte ist jedoch komplizierter. Sie wird hergestellt allein durch die Sprache selbst. Die Sprache ist — vorläufig ausgedrückt — unzuverlässig. Der Leser kann und soll nie sicher sein, ob das Gesagte mit dem Gemeinten identisch ist, ob die Realität nicht durch die Form der Aussage verfälscht wird. Welche Funktion diese Diskrepanz zwischen Realität und Sprache hat , wird weiter unten dargestellt. Hier soll zunächst die Frage aufgeworfen werden, wie wir mit dieser Schwierigkeit im Unterricht fertig werden. In einem anderen Falle, in dem wir es mit einer mehrschichtigen Erzählung zu tun haben , haben wir den Vorschlag gemacht, dem Schüler zunächst ruhig die unreflektierte Aufnahme des rein Inhaltlichen zu gestatten, um ihm anschließend durch Eindringen in die Form die Revision seiner ersten emotionalen Wertungen abzuverlangen. Diese Methode kann auch bei der Behandlung der Brechtschen Kalendergeschichten gewählt werden. Um mit der anderen Schwierigkeit, dem Fehlen eines Repräsentanten für die in die Sprache eingegangene Deutung bzw. Verfälschung der Realität leichter fertig zu werden, empfehlen wir in diesem Fall die Einführung einer Hilfskonstruktion. Nachdem wir festgestellt haben, daß Brecht sich der Sprache der Chronik bedient,stellen wir uns als Erzähler der Kalendergeschichte einen Chronisten vor und machen die Schüler zugleich darauf aufmerksam, daß es für eine gerechte Bewertung der Handlungsweise der einzelnen Personen sehr darauf ankommt, zu prüfen, ob der Chronist wirklich objektiv berichtet oder ob er die Meinung des Lesers für oder gegen bestimmte Personen beeinflußt. Unter dieser Fragestellung werden wir den Text Abschnitt für Abschnitt durchzugehen haben.
Zwei Textstellen zu Anfang der Geschichte sind aufschlußreich. Zunächst die Stelle, an der wir erfahren, wie Frau Zingli flieht und das Kind zurückläßt. Wie kam es dazu? Frau Zingli 'hielt sich zu lange damit auf, ihre Sachen, Kleider, Schmuck und Betten zu packen . . ." Eine ungewöhnliche Aufzählung! Das Wort 'Sachen" enthält eigentlich schon alles. Aber Kleider, Schmuck und Betten sind für Frau Zingli offenbar nicht einfach Sachen; vielleicht sind sie sogar ihr ganzer Lebensinhalt. Das Kind andererseits 'blieb im Hause zurück", wie sonst Sachen bei eiligem Aufbrechen schon einmal 'liegenbleiben". Vergleichen wir: Sie ließ das Kind im Hause zurück—so etwa hätten wir uns ausgedrückt, um das Geschehen als zu verantwortende Tat zu charakterisieren. 'So blieb das Kind im Hause zurück" — das klingt demgegenüber, als liege das Geschehen außerhalb menschlicher Entscheidung und Verantwortung, als sei es eben selbstverständlich, daß die Frau eines Gerbereibesitzers zuerst an die Rettung ihres materiellen Besitzes denke. Bedenken wir auch, daß es der Chronist ist, der so spricht: mit dem Anspruch auf objektive Wahrheit.
Wie sieht es mit dem Bemühen um objektive Wahrheit aus? Als die Magd am Abend Frau Zingli bei deren Onkel sucht, gewinnt Annas Schwager 'die Überzeugung, daß Frau Zingli da war. Sie schämte sich anscheinend nicht, ihr Kind zu verleugnen" . Der Chronist ist vorsichtig: Er läßt Annas Schwager zu dieser Überzeugung kommen, übernimmt sie aber nicht, er teilt lediglich das — im Grunde schwache — Indiz mit, daß sich ein Vorhang in einem der Fenster bewegte. So hat sich ein Chronist in der Tat zu verhalten. Dann aber geschieht etwas Seltsames: Der Chronist gibt über Annas Schwager selbst ein Urteil ab; er nennt ihn einen 'ruhigen, ordentlichen Mann" und läßt ihn Anna das Versprechen abverlangen, nichts 'Unvernünftiges" zu tun. Wie sich aus dem Zusammenhang ergibt, wird damit als objektiv gültige Wahrheit ausgesprochen: 'ruhig", 'ordentlich" und 'vernünftig" ist es, sich nicht anderer Leute wegen in Gefahr zu bringen. Wir sind damit dem 'Chronisten" auf die Spur gekommen. Er ist keineswegs objektiv. Er nimmt vielmehr allen Aussagen über Frau Zingli die anklägerische Schärfe; er identifiziert sich überdies mit der Moral der Zinglis, also mit der bürgerlichen Moral, und er verleitet den Leser, diese Perspektive für seine Beurteilung zu übernehmen.
Warum diese Heimtücke? Weil sie der Heimtücke der Welt entspricht, von der hier die Rede ist. — Wir haben es mit einem Beispiel für Brechtsche Verfremdungstechnik zu tun. Der Autor verzichtet darauf, das moralisch Verwerfliche direkt anzuklagen; denn cjie Anklage ist stumpf geworden in einer Zeit, die das Verwerfliche als Lebensgesetz allgemein anerkennt, es zur eigenen Beruhigung lediglich mit moralischen Wertbegriffen in das Normale umfälschend. In einer solchen Welt kommt es dann nicht zuerst auf die Anklage an, sondern auf Erkenntnis: Das scheinbar Normale muß als das in Wahrheit Unnormale überhaupt erst wieder bewußt werden. Brecht widerlegt daher die bürgerliche Moral nicht, indem er sie anklagt, sondern indem er sie scheinbar vertritt, hier: indem er den 'Chronisten" in seinem Bemühen um Objektivität scheitern und ihn den bürgerlichen Denkklischees verfallen läßt. Gestaltet wird damit die Macht dieser Klischees: selbst der um Objektivität Bemühte kann sich ihnen nicht entziehen und wendet sie auf die beteiligten Per-sonen an, ohne die Unangemessenheit auch nur zu bemerken. Bemerken aber sollte es der Leser. Er sollte sich des Widerspruches zwischen dem Scheinwert und seinem wirklichen Inhalt in der gesellschaftlichen Praxis bewußt werden; er sollte das scheinbar Normale als das in Wahrheit Unnormale erkennen; er sollte sich durch diese Diskrepanz schockieren und zum Widerspruch provozieren lassen. Im Falle der Frau Zingli wird diese Absicht auch bei dem naiven Leser erreicht werden. Er wird das Verhalten der Mutter verurteilen; es wird ihm dabei nur nicht bewußt werden, daß sein Urteil gerade dadurch seine Schärfe erhalten hat, daß er es gegen die Unscharfe des 'Chronisten" durchsetzen mußte. — Wir werden jedoch bemerken, daß es im Fortgang der Geschichte immer schwieriger wird, sich der Scheinobjektivität des 'Chronisten" zu widersetzen. Wie sieht der 'Chronist" die Magd? 'Die Rotte verzog sich, und aus dem Schrank herauskletternd, in dem sie gestanden war, fand Anna auch das Kind in der Diele unversehrt." In diesem 'kleistschen" Satz erscheint das Auffinden des Kindes nicht als aktive Zuwendung, sondern als Zufälligkeit. Es folgt die Stelle, wo der 'Chronist" Annas Absicht, in das Haus zurückzukehren, als 'Unvernunft" abwertet. Auch der Satz: 'Sie setzte ihren Willen durch" enthält keine Anerkennung. Der wertneutrale Begriff 'Wille" enthält — angesichts der Bedeutung ihres Entschlusses — eher einen abwertenden Unterton, etwa wie man davon spricht, daß ein 'unvernünftiges" Kind seinen Willen durchsetzt. Auch in der
Wendung.....erkannte sie, daß sie zu lange gesessen und zuviel gesehen hatte,um noch ohne das Kind weggehen zu können" wird ausgespart, was wirklich in der Magd vorgeht. Schließlich verläßt Anna mit dem Kind den Hof, 'sich scheu umschauend, wie eine Person mit schlechtem Gewissen, eine Diebin". Ist das Annas Empfindung, oder stellt der 'Chronist" diesen Vergleich an? Zurück bleibt in jedem Falle eine Verdächtigung, so, als sei eine derartige Tat aus selbstlosen Motiven einfach nicht glaubhaft.
Wenn der Leser die Magd dennoch als die Mütterliche empfindet, so setzt er dieses Urteil wieder gegen den 'Chronisten" durch, d. h. gegen seine Verallgemeinerung der bürgerlichen Moral.
Wichtig ist ferner, wie der 'Chronist" den Häusler behandelt. Bezeichnend ist schon, daß wir seinen Namen erst erfahren, nachdem schon eine Seite lang von ihm die Rede war, und auch dann nur beiläufig: 'er hieß übrigens Otterer" . Im übrigen spricht der 'Chronist" von ihm und seiner Familie so abfällig wie nur möglich. Seinen 'ausgemergelten Kopf" kann er kaum 'vom schmierigen Laken" heben. An seinem Lager steht eine 'gelbhäutige Alte, seine Mutter" . Der 'Chronist" kommt andererseits nicht daran vorbei, die positiven Züge in Otterers Wesen und Verhalten mit in seinen Bericht aufzunehmen. So kann er nicht verschweigen, daß der Häusler auf Annas Bruder 'keinen unangenehmen Eindruck" gemacht hat und daß er einmal 'seine Mutter, als sie darüber jammern wollte, daß er nun ein ungewünschtes Weib und ein fremdes Kind auf dem Halse habe, zum Schweigen verwiesen" hat. Aber diese Feststellungen gehen nicht in das Urteil des 'Chronisten" ein. Sein Urteil ist das klischeehafte Urteil der Leute: Otterer ist 'halt so, wie ein Häusler ist" , geeignet als Objekt, mit dem 'das Geschäft in zehn Minuten ausgehandelt" wurde. Inhalt des Geschäftes im unbeteiligten Behördendeutsch: 'Er war willig, Anna zu ehelichen", und: 'Die Verehelichung . . . fand statt" . — Der Häusler durchkreuzt das Geschäft dann dadurch, daß er nicht stirbt; Annas Bruder ist darüber 'ernstlich beunruhigt" . Auch für den 'Chronisten" ist die Nachricht von Otterers Gesundung eine 'üble Nachricht". Wenn er die Begegnung der Verehelichten dann mit der Begegnung von 'antiken Feldherren zwischen ihren
Schlachtreihen" vergleicht , so ist das blanker Hohn. An diesem Bild stimmt nichts außer der Feindschaft, die zwischen beiden herrscht, genauer: außer der Feindschaft Annas gegen ihren Mann.
'Der Mann gefiel Anna nicht" ; der 'Chronist" gönnt diesem Satz eine selbständige Zeile und gibt dem Urteil damit etwas Berechtigtes und Endgültiges. Dabei scheint es eigentlich nicht so, als ob Otterer dieses Mißfallen wirklich verdient hätte, sondern eher, als tue der 'Chronist" alles, den unzuverlässigen 'Geschäftspartner" durch einseitige Darstellung zu strafen. Der Häusler 'gebrauchte dann die Wörter .Sakrament der Ehe'" , und später: 'Er erwähnte wieder das Sakrament der Ehe" . Könnte er es nicht wirklich als Verpflichtung empfunden haben — 'Otterer blickte . . . flüchtig nach der Richtung der Kiste, in der es lag und brabbelte, trat aber nicht hinzu" , und später: 'Bevor er ging, starrte er mit abwesendem Blick in die Kiste mit dem Kind, sagte aber nichts und rührte es nicht an" ? Könnte es nicht sein, daß er im Bewußtsein der ihm zugedachten Rolle nur nicht den Mut fand, seine Gefühle zu zeigen? Warum holt Otterer denn wohl seine Frau gerade in der Zeit, als sie krank ist, mit dem Leiterwagen ab?
Während der 'Chronist" den Häusler abwertet, verfährt er mit Anna allmählich wohlwollender. Das zeigt sich, wenn er Annas Abneigung gegen ihren Mann kritiklos übernimmt. Anna ist ja nun auch auf die Linie der bürgerlichen Moral eingeschwenkt. Sie mißbraucht ihrerseits einen anderen Menschen als Objekt eines Geschäftes und ist, als dieser Mensch das Geschäft durch sein Weiterleben zunichte zu machen droht, 'natürlich sehr bekümmert" .
An der Darstellung des Häuslers ist deutlich geworden, was wir die Scheinobjektivität des 'Chronisten" nannten. Wer die Charakterisierung Otterers unkritisch liest, wird sich zwar seine Sympathie gegenüber der Magd bewahren, aber diese Sympathie ist dann — unbemerkt — schon von der Zinglischen Welt her ummotiviert, da sie die Augen vor Annas Hartherzigkeit gegenüber ihrem Mann verschließen muß.
Zu welchen Verständnisschwierigkeiten das dann führt, zeigt sich z. B. in Werner Zimmermanns Interpretation in 'Deutsche Prosadichtungen der Gegenwart" . Da auch Zimmermann die Funktion des Chronisten nicht erkennt, gerät er in ein Schwarzweiß-Schema und muß dann einige Kunstgriffe anwenden, um Brecht von dem Verdacht, er habe Gut und Böse klassenmäßig verteilen wollen, wieder zu reinigen. Er findet u. a. das Gegenargument, so gehöre 'gerade der mürrische, verschlossene Häusler Otterer dem niederen Volke an". Gerade Otterer könnte sich für das Verständnis der Geschichte als Schlüsselfigur erweisen. An der Art, wie er behandelt wird, müßte deutlich werden: Es gibt in dieser Geschichte eben kein Schwarzweiß-Schema. Auch Anna ist eben nicht nur die Mütterliche, sondern auch die Rücksichtslose. Und erst wenn wir diese Seite ihres Verhaltens mit in den Blick bekommen, ist auch unsere Sympathie echt. Wir erschöpfen uns dann nicht in Bewunderung oder Mitleid, sondern spüren, daß für diesen Menschen eigentlich etwas getan werden müßte. Indem uns bewußt wird, wie Anna — um des Kindes willen — in ein hartherziges Denken hinein-gezwungen wird, werden wir auf die Frage nach der Welt zurückverwiesen, die die Menschen so zu handeln zwingt; auf eine Welt, in der alles Denken und Handeln von den Besitzverhältnissen her motiviert ist. Der 'Chronist" spricht das klar aus: Nach der Mitteilung, daß Anna das Kind aufs Land bringt, ist es ihm wichtig, unmittelbar hinzuzufügen: 'Der Bauernhof gehörte der Frau. Er hatlc nur eingeheiratet." In dieser Welt, in der auch der Mitmensch seinen
Wert allein durch seine Ausnutzbarkeit erhält, ist es dann ein Unglück, mütterlich zu sein oder zu lieben.
Zur Vertiefung des Verständnisses kann an dieser Stelle ein Blick auf ähnliche Aussagen Brechts an anderen Stellen seines Werks gerichtet und die Frage nach den Folgerungen, die er daraus zieht, aufgeworfen werden:
'Dann ereilt einen von uns das Unglück: er liebt. Das genügt, er ist verloren.
Eine Schwäche, und man ist abserviert. Wie soll man sich von allen Schwächenfreimachen, vor allem von der tödlichsten, von der Liebe? Sie ist ganz unmöglich! Sie ist zu teuer! Freilich sagen Sie selbst, kann man leben immer auf der
Hut? Was ist das für eine Welt?" Auch das Mädchen Shen Te in dem Stück 'Der gute Mensch von Sezuan" muß diese Erfahrung machen: Wer liebt, wird von den anderen um so gründlicher ausgenutzt. Und als sie selbst einen Sohn erwartet, sieht sie keinen anderen Weg, als selbst zum Ausbeuter zu werden:
'Was ich gelernt habe in der Gosse, meine Schule
Durch Faustschlag und Betrug, jetzt
Soll es dir dienen, Sohn, zu dir
Will ich gut sein, und Tiger und wildes Tier
Zu allen andern, wenn's sein muß. Und
Es muß sein." Es gibt also für Brecht nicht den Unterschied zwischen Guten und Bösen. Böse ist die Gesellschaftsordnung, die das Gute nicht zuläßt und nur die Wahl zwischen Mitmachen oder Untergehen läßt. Daher der Appell: Verändert die Welt! — Das klingt marxistisch und ist es auch. Nur darf man dabei eine andere Aussage Brechts nicht übersehen:
'Habt ihr die Welt verbessert, so
Verbessert die verbesserte Welt.
Gebt sie auf!...
Habt ihr die Welt verbessernd die Wahrheit vervollständigt, so
Vervollständigt die vervollständigte Wahrheit.
Gebt sie auf!...
Habt ihr die Wahrheit vervollständigend die Menschheit verändert, so
Verändert die veränderte Menschheit.
Gebt sie auf!" Diese Sätze schließen eine Auffassung des Marxismus als weltliche Heilsbotschaft aus: Die Welt bleibt immer im Zustand der Verbesserungsbedürftigkeit; sie bleibt, christlich gesprochen, gefallene Welt. Der Marxismus war für Brecht vor allem eine Methode, diese gefallene Welt zu beschreiben, nicht aber ideologisches Rezept für Weltverbesserung. Das gilt zumindest für den Dichter Brecht, dessen bedeutende Stücke mit dem Appell' zur Verbesserung der Welt enden, die Lösung aber immer offenlassen. Bekanntestes Beispiel ist der Schluß des 'Guten Menschen von Sezuan":
'Verehrtes Publikum, jetzt kein Verdruß:
Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schluß.
Vorschwebte uns die goldene Legende.
Unter der Hand nahm sie ein bitteres Ende ...
Der einzige Ausweg war aus diesem Ungemach:
Sie selber dächten auf der Stelle nach,
Auf welche Weis dem guten Menschen man
Zu einem guten Ende helfen kann.
Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß!
Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!"
Unsere Kalendergeschichte würde mit demselben aktivierenden, aber die Lösung doch offenlassenden Appell enden, wenn sie dort schlösse, wo der Richter Dollin-ger 'alle Anzeichen der Ratlosigkeit" zeigt, 'sich umblickend, als erwarte er von irgendeiner Seite her einen Vorschlag, wie man zu einem Schluß kommen könnte." Nun ist Brecht sowohl in dieser Geschichte als auch in dem ein Jahr später erschienenen Stück 'Der kaukasische Kreidekreis" einen Schritt weiter gegangen. Man hat das so gedeutet, er sei müde geworden, immer nur zu fragen, und er habe hier endlich einmal die Antwort selbst geben, den Inhalt der 'goldenen Legende" selbst bestimmen wollen.
Eine solche Deutung übersieht aber die Zwiespältigkeit, die auch der Schluß der Geschichte noch aufweist. Der Richter Dollinger ist in seiner Schlichtheit und Rauheit ein Mann des Volkes. Andererseits hätte er der Gerechtigkeit nicht zum Siege verhelfen können, wenn er diese Seite seines Wesens nicht noch mit einer anderen verbände.
Der 'Chronist" macht sich anfangs über das scheinbar naiv-polternde Wesen des Richters ein wenig lustig, so, wenn eV die Rede am Schluß der Zeugenvernehmung mit ihren recht gewaltsamen logischen Sprüngen als Spaß wiedergibt und die kritische Anmerkung hinzufügt, daß der kritisierte Magistrat 'überhaupt nichts mit dem Prozeß zu tun hatte" . Dieses scheinbar Derb-Naive ist aber in Wahrheit bewußte Schauspielerei. Auch das erkennt der 'Chronist", wenn er berichtet, Dollinger habe 'viel von Aufmachung" gehalten. Ziel dieser Aufmachung ist es, die Leute einzuschüchtern und an der Nase herumzuführen.
Der 'Chronist" erkennt damit auch, daß hier im Grunde nicht das Recht siegt, sondern die Durchtriebenheit des Richters. Er weiß auch, daß Anna nichts erreicht hätte, wenn ihr nicht — in Gestalt dieses Richters — 'ein besonderer Glücksumstand zu Hilfe gekommen wäre" . Dann aber erliegt auch der 'Chronist" mehr und mehr der Scharlatanerie des Richters: er läßt ihn immer häufiger in der wörtlichen Rede unmittelbar zum Leser sprechen. Erst in dem Augenzwinkern im letzten Absatz scheint die Wahrheit wieder durch. Gesiegt hat nicht die Gerechtigkeit, sondern ein besonderer Glücksumstand und eine Reihe von raffinierten Tricks haben die Gerechtigkeit noch einmal gegen das praktizierte Recht durchgesetzt. Eine befriedigende Lösung?
Man muß diesen Schluß einmal in Beziehung setzen zu den Erwartungen, die der Leser an eine Kalendergeschichte knüpft. Man erwartet von ihr eine Lehre; diese Lehre soll in volkstümlicher, d. h. in humorvoller und verständlicher Form dargestellt werden, und sie soll im Leben des einfachen Menschen praktikabel sein. Das Gebot der Volkstümlichkeit hat Brecht — so scheint es — erfüllt. Wie aber steht es mit der praktikablen Lehre? Mag der Richter Dollinger als Persönlichkeit blutvoll und überzeugend sein, er wird doch gerade dadurch zu einer Ausnahmeerscheinung. Die Ausnahmeerscheinung aber repräsentiert gerade nicht die Praktikabilität, sondern beleuchtet nur vom Ende her noch einmal um so heller die verkehrte Welt, die eine solche Ausnahme überhaupt erst nötig oder wünschenswert macht. Das Bewußtsein der Verkehrtheit der Welt macht wiederum die Lösung als Scheinlösung bewußt.
Die Benutzung der literarischen Form der Kalendergeschichte ist also Bestandteil der Verfremdungstechnik. Die Kalendergeschichte weckt die Erwartung einer einfachen, schlichten, geordneten Welt. Sie kann sich daher nur einer solchen Welt gegenüber als angemessen erweisen. Auch die bürgerliche Welt versteht sich als geordnete Welt. Indem Brecht sie beim Wort nimmt und in das Kleid einer Kalendergeschichte steckt, erprobt er sie auf die Echtheit dieser Ordnung.
Allerdings: die Testfrage ist unerbittlich. Anders als in dem biblischen Vorbild ist hier die leibliche Mutter nicht auch die Mütterliche. Durch die Verdinglichung des Lebens und Denkens ist sie der Mütterlichkeit bereits entfremdet. Die Frage lautet: Wie löst diese Welt das Problem, das sie selbst erzeugt hat? Sie revidiert nicht ihre verkehrte Ordnung, sondern führt sie konsequent zu Ende. Die Frage nach der rechten Mutter reduziert sich auf die Frage nach der 'Besitzerin" des Kindes. Nur der Richter fragt nach der rechten Mutter für das Kind.
Die Anwendung der Kalendergeschichte auf eine solche Welt muß den Widerspruch zwischen Schein und Wirklichkeit aufreißen. Der Vorwurf eines Kritikers, Brecht höhle die Kalendergeschichte aus, trifft den Sachverhalt nicht. Nicht Brecht höhlt eine literarische Form aus, sondern ausgehöhlt ist die Lebensform, der diese literarische Form angemessen war. Versagt die Kalendergeschichte gegenüber ihrem Anspruch, eine sinnvolle Ordnung schlicht und glaubhaft zu stützen, so erweist ihr Versagen zugleich die Unangemessenheit der naiv-vertrauensvollen Hingabe an diese Ordnung. '
Es ging uns darum, dieses Versagen auch für den Schluß der Geschichte nachzuweisen. Ist es in den Kalendergeschichten Johann Peter Hebels das schlichte, einfältige Gemüt des Volkes selbst, das die Harmonie mit den Ordnungen dieser Welt stiftet oder wiederherstellt, so muß diese 'Volksseele" sich am Schluß unserer Geschichte vertreten lassen durch eine Gestalt, in der sich Schlichtheit und Redlichkeit vermischen mit schauspielerischem Raffinement und augenzwinkernder Taschenspielerkunst. Dieser Richter widerlegt die Wirkkraft des schlichten volkstümlichen Empfindens und Handelns gerade durch die Art, in der er ihr noch einmal zum Siege verhilft.
Die Gestaltung des Widerspruches zwischen Anspruch und Leistung einer literarischen Form — und damit einer Weise der Weltzuwendung — ist nicht Aushöhlung, sondern Verfremdung. Aushöhlung wäre Zerstörung; Verfremdung provoziert zur Frage nach Möglichkeiten der Heilung. Und das ist die Situation am Schluß der Geschichte: Wenn die Gerechtigkeit nur noch durch eine geschickte Manipulation des Rechts verwirklicht werden kann, so wird damit die Frage um so drängender: Wie müßte man die Welt ändern, daß die Mütterlichen nicht um der Kinder willen zu Unbarmherzigkeit und Lüge gezwungen werden? Wie müßte man die Welt verändern, daß über menschliches Schicksal menschlich entschieden wird statt nach dem Gesichtspunkt gesellschaftlicher Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit? Für die unterrichtliche Behandlung könnte sich aus dieser Fragestellung das Mißverständnis ergeben, wir sollten mit den Schülern über die Frage einer gerechteren Sozialordnung, einer Reform der Rechtsprechung oder einer Verbesserung des Familienrechts diskutieren. Dazu wäre zwar zu sagen: Wenn sich der Leser zu derartigen Überlegungen anregen ließe, so würde Brecht, der selbst gern den Gebrauchswert der Kunst betonte und forderte, seine Absicht als gelungen bezeichnen. Nur darf man dabei nicht übersehen: Damit es überhaupt zu dieser Wirkung kommt, muß man die Geschichte selbst erst einmal in ihrer Absicht verstanden haben, und dieses Verständnis — das sollte die Interpretation bewiesen haben — setzt sehr genaues Lesen und Eindringen in die Erzählstruktur voraus. Die entscheidende Schwierigkeit wird darin liegen, die Schüler aus der Identifizierung mit dem 'Chronisten" zu lösen, d. h. ihnen klarzumachen: Wir dürfen die
Dinge nicht so hinnehmen, wie er sie darstellt. Allerdings sollte sich der Lehrer Zeit damit lassen. Es ist lehrreicher und der Absicht der Geschichte angemessener, zunächst einmal zu emotional gefärbten, vorschnellen Urteilen zu gelangen, um sich dann beim genauen Studium der einzelnen Textstellen nicht nur der falschen Urteile, sondern auch der eigenen Anfälligkeit für klischeehafte Urteile bewußt zu werden
Ähnliches gilt für den Schluß. Wieder werden wir die Schüler zunächst vorschnell urteilen, d. h. in diesem Fall ihrer Befriedigung Ausdruck geben lassen, so daß sich anschließend die Einsicht, daß die Welt dadurch nicht besser geworden ist, mit der Erkenntnis unserer Neigung zu vorschneller Harmonisierung, zum Happy-End verbindet. — In diesem Zusammenhang wird dann auch die Frage zu stellen sein, welche Wirklichkeit Brecht in seiner Geschichte eigentlich meint, eine vergangene oder auch die unsere. Wir werden festzustellen haben, daß Brecht das Geschehen in die Vergangenheit zurückverlegt, und zwar so weit, daß die Erscheinungsformen des Lebens keinen Anspruch auf Ähnlichkeit mit den unseren erheben können, aber doch nur so weit, daß wir hinter den Erscheinungsformen eine Denkweise erkennen, die nicht überwunden ist. Damit werden wir zum Vergleich provoziert. Wir werden zugeben müssen: Auch bei uns gibt es Fälle, in denen das Auftauchen eines Volksrichters Dollinger ein Spaß sein müßte, aber doch keine Lösung wäre. |