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Erzählungen der gegenwart

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Christoph Meckel Drusch, der glückliche Magier



Christoph Meckel, der nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Graphiker einen guten Namen hat, erweist sich hier als ein überaus phantasiebegabter Erzähler. Die meisten Schüler werden seine Geschichte mit großer Begeisterung lesen, da sie sprachlich sehr lebendig und einfach formuliert ist. Die Vielschichtigkeit des Inhalts wird die Jugendlichen allerdings vor große Schwierigkeiten stellen. Hier müssen wir einige Verständnishilfen geben.


      Da die Erzählung recht lang ist, sollte sie als häusliche Lektüre aufgegeben werden, mit dem Hinweis, alle Textstellen herauszusuchen, in denen die Erlebniswelt des 'Ich-Erzählers" reale Züge trägt.
      Dieser Thematik können wir den Ansatz für unsere Textarbeit entnehmen, indem wir die Besprechung mit der Frage beginnen: Welches Bild entwirft Drusch von der Weltstadt, in der er lebt? Wir werden feststellen, daß seine Vorstellungen subjektiv und überzeichnet sind. So wird die Enge des Wohnens überspitzt dargestellt durch das Bild des Balkons, auf dem er die meiste Zeit lebt: 'Ein paar Tage noch bewohne ich, unschlüssig, meinen Balkon wie zuvor" . Negative Attribute wie Benzingestank, Gas, Qualm, Lärm und dröhnend rauchige Straßen prägen seine Beziehung zur Stadt. Die hektische Betriebsamkeit seiner Umgebung bewahrt ihn nicht vor einer grenzenlosen inneren Leere. Die Art seiner Beschäftigung wird ironisiert: 'Ich schlafe lange . . .", 'Ich lasse mir einen Bart wachsen . . .", 'Ich spucke über das Geländer" . Alles in allem fühlt er einen Ãoberdruß, aus dem sich gähnende Langeweile entwickelt. Die zweite Leitfrage, mit der wir den Text entschlüsseln wollen, könnte lauten: Welches Bild entwirft Drusch von seinem Palast? Die Schüler werden zunächst darauf anspielen, daß dieses Gebäude nicht wirklich vorhanden sein kann, weil es eigentlich nichts als ein Traumbild darstellt. Die Vision, die uns so geschildert wird, als sei sie Realität, wollen wir beschreiben, indem wir sie dem Stadtbild des Magiers gegenüberstellen.
      Aus der Enge des Wohnens wird eine befreiende Weite . Ruhe und frische Luft ersetzen Lärm und Qualm, hektische Betriebsamkeit repräsentiert nun 'eine riesenhafte Schnecke, die... um den Palast hastet" .
      Die innere Leere des Magiers ist einer glücklichen Zufriedenheit gewichen. Drusch lebt ausgefüllt inmitten 'real" gewordener Märchenbilder.
      Wir haben bisher die zwei Hauptebenen der Erzählung herausgearbeitet. Die Welt der Realität, die Ausgangsbasis der Geschichte ist, und die Welt des Traumes, die eine neue, utopische Wirklichkeit darstellt.
      Im folgenden wollen wir untersuchen, wie der Weg des Magiers von der einen 'Welt" in die andere geschildert wird.
      Aus dem realen Ãoberdruß, den wir beschrieben haben, entsteht die Vorstellung einer märchenhaften Gedankenwelt: '... beginne ich mir, ausweichend, phantastische Vorstellungen zu machen" . Hieraus ergibt sich die Idee der Vision des Palastes, aus der dann ein 'heftiger Wunsch" wird , ein anderes Dasein in einer neuen Umgebung zu führen. Daraus wird wiederum der Zwang, der den Magier schließlich zu einer emsigen Aktivität verleitet. Die Ebenen 'Wunsch" und 'Realität" greifen nun unentwirrbar ineinander. So sucht er in 'Prospekten, Landkarten und Stilfibeln" den Standort seines Phantasiegebildes, er fährt mit Schnellzügen, Autobussen, Fahrbooten etc. 'Tausende von Kilometern" , um seine Utopie verwirklicht zu sehen. Tatsächlich findet er sein Traumbild, das nun wie selbstverständlich dem Leser als eine neue Wirklichkeit geschildert wird, die Drusch mit Glück und Zufriedenheit erfüllt.
      Wir haben den Kern der Aussage der Erzählung auf diese Weise herausgearbeitet. Die 'Verschmelzung surrealer Einfälle mit herkömmlichen Denkgewohnheiten", die 'Verselbständigung der Phantasie" und eine 'Verschwisterung von Norm und Absurdität" finden wir häufig in den Werken Christoph Meckels.

     

In der Geschichte werden Traum und Wirklichkeit zu einer Einheit verschmolzen; zu Ebenen, die, rationalen Denkgewohnheiten entsprechend, nicht gleichgesetzt werden können. Diese Zusammenstellung von eigentlich schwer zu koppelnden Begriffen finden wir auch bei der Charakterisierung des Drusch, der u. a. als fauler und angenehmer Mensch beschrieben wird. Es paßt nicht in unsere bürgerliche Vorstellungswelt, daß 'Faulheit" als Attribut eines zufriedenen Lebens dargestellt wird. Der Zugang zur Erzählung soll im folgenden durch verschiedene Fragestellungen vertieft werden.
      1. Was versteht der Autor unter 'Langeweile"?
Die Schüler sollten die Stellen zitieren, die zu dieser Problematik etwas aussagen. Sie werden dann feststellen, daß der Begriff hier verfremdet benutzt wird. Die aufregende Weltstadt erzeugt Langeweile. Dort, wo es 'keinen Lärm und keinen schwarzen Gestank" gibt, herrscht 'notabene, keine Langeweile" . Aufregung und Kurzweil findet Drusch nur in der real gewordenen Vision seines Wunsches.
      2. Welche Elemente des Märchens entdecken wir in der Erzählung?
Hier gibt es mehrere Ansatzpunkte. So ist die enge Verquickung von Wirklichkeit und Phantasie typisch für Märchenerzählungen. Wir finden Gestalten wie ein geflügeltes Walroß, einen Fundevogel, den Vogel Rock, sprechende Hunde und Fische. Manche Motive kann man bekannten Märchen direkt zuordnen; z. B. entstammt der Wunschtisch dem 'Tischlein deck dich", die Szene des Palastes, in dem alle schlafen, als Drusch eintritt, ist dem 'Dornröschen" entnommen, und der wachsenden Nase des Kochs begegnen wir in 'Zwerg Nase". Der Erzählstil ist in vielem dem Märchen angepaßt. Diese Thematik können wir unter folgender Fragestellung mitbehandeln.
      3. Welche sprachlichen Mittel tragen zur besonderen Wirkung dieser Geschichte bei?
Christoph Meckel plaudert hier wie ein arabischer Märchenerzähler, der sein Publikum um sich versammelt hat. Er spricht die Zuhörer häufig direkt an und bezieht sie in die Erzählung ein. .
      Der Autor stellt den 'Ich-Erzähler" ganz in den Mittelpunkt des Geschehens und gibt ihm die Möglichkeit, sich selbst zu beobachten: 'Drusch langweilt sich, sage ich mir" .
      Er fesselt die Leser mit einer lebendigen Sprache, in der u. a. Dialogformen, Fragesätze, lange syntaktische Konstruktionen, grammatische Kurzsätze und Aufzählungen als Stilmittel verwendet werden. Das Tempus bleibt fast immer Präsens, obwohl dadurch in einigen Sätzen 'Fehler" entstehen, die das utopische Element der Erzählung verstärken: 'Ich,.. . wohne, als ich jung und faul. . . bin, in einer riesenhaften Weltstadt" ; 'So einfältig, seht ihr, bin ich, bevor ich der moderne Magier Drusch werde, der ich heute bin" . Die Erzählung 'Drusch, der glückliche Magier" sollte abschließend nicht in eine den Schülern zugänglichere Ebene umgedeutet werden. Wir haben hier eine Geschichte vor uns, die 'sich jede deutelnde Identifizierung mit Bestehendem verbitten" muß, will 'sie als Kunstwerk ernst genommen werden"1.

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