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Erzählungen der gegenwart

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Bruno Hampel Das mit dem Mais



Bei der folgenden Interpretation gehen wir davon aus, daß mehrere getrennt erarbeitete Einzelergebnisse ein vollständiges Textverständnis ermöglichen, zumal bei verschiedener Aufgabenstellung unter verschiedenen methodischen Gesichtspunkten der Text jeweils mit neuer Motivation durchgearbeitet wird. Diese Arbeitsweise läßt ohne weiteres zu, daß die Einheit von Form und Inhalt zum Schluß von der Klasse erkannt wird. Die einzelnen Abschnitte können vom Lehrer in ihrer Reihenfolge geändert werden, sie können mehr oder weniger intensiv behandelt oder der speziellen Unterrichtssituation entsprechend z. T. ganz weggelassen werden.


      1. Perspektive
Nachdem wir Bruno Hampels Erzählung 'Das mit dem Mais" gelesen haben, mag als Einstieg ein Schüler-Lehrer-Gespräch über die hier gewählte Erzählperspektive dienen. Die Verwendung der Ich-Form soll erkannt werden, und die Klasse sollte über das Wesen und die Wirkung dieser Form sprechen. Bereits an dieser Stelle kann anklingen, ausgehend vom Zentralerlebnis , daß die Erzählung weitgehend von zwei Komponenten getragen wird: Zumeinen von dem ungelösten Gewissenskonflikt des 'Ich" und zum anderen von dem Wunsch dieses 'Ich", sich mitzuteilen und vom 'Du" verstanden zu werden. Wir wollen nun die hier verwendete Perspektive erörtern. Folgende Punkte könnten als Diskussionsgrundlage dienen:
1. Die fast gesprächshafte Situation wirkt lebendig und spannungsreich.
      2. Der Erzähler tritt nicht als Mittler auf; somit wird die Distanz zur Handlung und zu den Personen abgebaut. Der Leser erfährt alles 'aus erster Hand".
      3. Die Einsichtsmöglichkeiten des Erzählenden werden durch die 'Ich-Form" stark eingegrenzt. Die Beschreibung aller Personen könnte aus der Warte des Er-Erzählers sehr viel genauer sein.
      4. Bei Klassen, die bereits einige Ãœbung im Interpretieren haben, kann die Frage erörtert werden, ob der Verfasser sich tatsächlich ganz mit der Hauptperson identifiziert oder ob das 'Ich" im Grunde nichts anderes ist als ein maskiertes 'Er". Der Gebrauch der Sprache liefert uns ein Indiz für das letztere. Denn einerseits wird die Hauptperson als einfacher Mann dargestellt, der sich einer fast primitiven Umgangssprache bedient, andererseits wird demselben Mann ein doch recht virtuoser Sprachgebrauch zugetraut . Hier wird eine Diskrepanz zwischen dem Autor und dem 'Ich" sichtbar.
      2. Charakterisierung der Personen
Im folgenden wollen wir versuchen, die Personen zu charakterisieren, die in unserem Text vorkommen. Hier bietet sich methodisch die Form einer kurzen Arbeit in Gruppen an. Die Klasse soll dazu in fünf Arbeitskreise eingeteilt werden. Jede Gruppe stellt möglichst alle im Text vorhandenen Einzelheiten über eine bestimmte Person zusammen. Die Themen können wie folgt verteilt werden:

1. Gruppe: Ich
2. Gruppe: Bruder

3. Gruppe: Mutter
4. Gruppe: Der Getötete

5. Gruppe: Der Leutnant und weitere Nebenpersonen
Nachdem die einzelnen Gruppen ihre Ergebnisse vorgetragen haben, werden wir feststellen, daß die Charakterisierung der Einzelpersonen in der Erzählung nur bruchstückweise und subjektiv geschieht. Die Personen haben kaum Kontakt zueinander. Sie treten nur aus der Sicht des Erzählers in Erscheinung. Sie äußern ihre Gedanken nicht selbständig. Fast alles, was wir von ihnen erfahren, ist durch das Bewußtsein des Erzählers beeinflußt.
      Allen gemeinsam ist nur das mangelnde Verständnis für das Problem, das den Erzähler quält. Er selber kann sein Gewissen nicht zum Schweigen bringen. Er fühlt sich isoliert, unverstanden und sogar angegriffen, obwohl ihm niemand wegen seiner Tat Vorwürfe macht.
      3. Handlungsverlauf
Bei der Erarbeitung dieses Themas sollte man besonders auf die verschiedenen Handlungsebenen hinweisen, die manchmal unvermittelt aneinandergesetzt werden. Das Stück beginnt in der Ebene der Gegenwart. Der ältere Bruder und die Mutter werden skizzenhaft vorgestellt. Das Verhältnis des Erzählers zu beiden wird angedeutet. Es folgt eine fast lexikalische Beschreibung des Wortes Mais. Zwischendurch wird die Aversion des Erzählers gegen den Mais überdeutlich darge-stellt. All das dient nur dazu, in die Ebene der Erinnerung zu führen, in der das zentrale Erlebnis, die Tötung eines wehrlosen Soldaten, geschildert wird. Der Ãœbergang in diese Ebene geschieht fast nahtlos: 'Begreifen, wie es kommt, daß jedesmal, wenn ich irgendwo auf ein paar kümmerliche Maispflanzen stoße, plötzlich ein Riesenfeld da ist? Ein einziges, riesiges Pflanzenmeer, kann ich dir sagen. Und ich selber bin auf einmal mittendrin. Die Stauden sind plötzlich ein ganzes Stück höher als mein Stahlhelm,..."
Wir befinden uns nun mitten in der gespenstischen Szene, in der ein Zentralmotiv variiert wird: die Angst. Aus dieser Angst heraus wird der schauerliche Höhepunkt vorweg erlebt. Das Staccato der Maschinenpistole wird durch das Staccato der Sprache imitiert:
'34 Schuß â€” sei doch ruhig — das langt — geh weiter — 34 Schuß â€” 34 Schuß â€” sei doch ruhig — nein, du mußt weiter — Mann, 34 Schuß â€” 34 Schuß â€”..." Die eigentliche Tat erscheint dem Leser, der Komposition der Szene entsprechend, als grausige und logische Konsequenz.
      Der Erzähler führt uns im folgenden aus der Ebene des zentralen Erlebnisses in eine zeitlich andere, in der er immer wieder versucht, das Geschehene aus seinem Bewußtsein zu verdrängen. Auch dieser Ãœbergang ist wieder fast nahtlos: '... und laufe, vorbei an den halbierten Stauden mit den blutigen Kolben, weiter meinen grünen Graben entlang . . . Dabei ist gar kein grüner Graben da, sondern nur ein paar kümmerliche Maispflanzen in einem dieser kleinen Schrebergärten." Eine Reihe verschiedener Rechtfertigungsversuche, die fruchtlos bleiben, führen uns zeitlich abgestuft in die Gegenwart zurück. Dieser Vorgang wird durch kurze Rückblenden, die den wehrlosen Soldaten mit dem flehenden Kindermund zeigen, unterbrochen. Es wird offenbar, daß die zentrale Szene aus dem Bewußtsein nicht auszulöschen ist. Der Erzähler bleibt von seinen Schuldgefühlen belastet, und seine Umwelt kann ihm nicht helfen. Die Mutter kennt zwar die Situation, geht aber nicht darauf ein, der Leutnant hat nur ein sarkastisches Lächeln, und ob der Bruder helfendes Verständnis zeigen kann, bleibt ungewiß.

      4. Behandlung der Sprache
Als Ãœbergang von der Betrachtung des Handlungsverlaufes zur Sprachbetrachtung wollen wir den Mais als Gegenstand von symbolhafter Bedeutung untersuchen. Wir brauchen kaum darauf hinzuweisen, daß sich dieses Symbol leitmotivisch durch das ganze Stück zieht. Hier bietet sich vielmehr an, den Begriff Symbol an einem Beispiel genau zu erklären und ihn gegen den Begriff Metapher abzugrenzen. Der Mais hat hier nur eine auslösende Funktion, er ist nicht das Gemeinte, sondern bedeutet das Gemeinte. Ganz anders verhält es sich mit den Metaphern, die recht häufig verwendet werden. Diese Bilder stehen stellvertretend für einen anderen Begriff, sie sind das Gemeinte. Beispiel: '.. . und ich presse den Kolben von diesem seltsamen, kalten, öligen Ding mit dem durchlöcherten Eisenmantel krampfhaft gegen die Hüfte."
Die Fortsetzung der Sprachbehandlung mag wieder in Gruppen geschehen. Wir stellen eine Anzahl stilistischer Merkmale zusammen, die für die Sprache der Erzählung wichtig erscheinen. Für jedes Merkmal mag ein Beispiel hinzugefügt werden. Die Gruppen mögen nun jeweils einen dieser Punkte bearbeiten und möglichst viele Beispiele aus der Erzählung herausfinden. Mögliche Vorschläge:
1. Niedere Umgangssprache: 'Die Hühner müssen was fressen,..."
2. Kurzformen der Umgangssprache: 'Vollkommen recht hast du. In allem."
3. Wiederholung: 'Du bist mein Bruder. Du bist mein älterer Bruder. Gut. Du sollst aufpassen..." 'Amerika, Balkan und Rußland—und Rußland."

4. Reihung gleichgeordneter Wörter mit Konjunktionen: 'still und stumm und weiß und eisig und starr"
5. Reihung gleichgeordneter Wörter ohne verbindende Konjunktion: 'du — du — ja du!"
6. Metapher
7. Stabreim: 'lachender Leutnant", 'grüner Graben". Folgende Punkte können hinzugefügt werden:
Synästhesie: 'erdbraun", 'Pflanzenmeer"
Verwendung der Zahl : 'Und wenn du in allen Dingen tausendmal recht hast". 'Und wenn du noch zehntausend Jahre lang ..." '... während der ganzen hunderttausend Jahre dieses Augenblicks,..." Der virtuose Gebrauch des Fragesatzes als rhetorische Einzelfrage oder hämmernder Frageblock.
      Als Arbeitsergebnis läßt sich feststellen, daß hier Umgangssprache mit vielen Elementen der kunstvollen Rhetorik vermischt wird. Es gelingt dem Autor in hervorragender Weise, verschiedene Sprachebenen zu einer Einheit zu verschmelzen.
      Bruno Hampel wurde bereits als 19jähriger zum Kriegsdienst eingezogen. Er spürte am eigenen Leib die Grausamkeiten des Krieges und gehört zu der Generation, die in jungen Jahren selbst erlebt hat, wie Menschen in Zwangssituationen des Krieges durch das Nichtbeachten von religiösen bzw. ethischen Grundprinzipien ins Unglück gestürzt wurden. Er will uns durch diese eindrucksvolle Erzählung sicher nicht nur ein Beispiel von unbewältigter Historie geben. Es soll hier die Brutalität einer Vergangenheit durchleuchtet werden, die für allzu viele Menschen ständige Gegenwart ist.

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