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Bertolt Brecht Vier Männer und ein Pokerspiel



Man pflegt die Dichtung Brechts in die didaktische Literatur einzureihen. Der wichtigste didaktische Leitgedanke seines ganzen Werks läßt sich so zusammenfassen: Jeder Mensch möchte von Natur aus gut, freundlich, hilfsbereit, also menschlich sein. Wer nach diesem Wunsch handelt, muß jedoch bei den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen zugrunde gehen oder — und hier wird die Spannung zwischen Wunsch und Notwendigkeit zum Konflikt — macht sich sogar daran schuldig, daß andere Menschen, für deren Glück er verantwortlich ist, zugrunde gehen. Daher sieht der 'Gute Mensch von Sezuan" zuletzt keine andere Lösung mehr, als selbst zum Ausbeuter zu werden; daher paßt sich Mutter Courage, um ihre Kinder heil durch den Krieg zu bringen, dem allgemeinen Gesetz an, mit dem Krieg Geschäfte zu machen .

      Sieht man die Erzählung 'Vier Männer und ein Pokerspiel" vor diesem Hintergrund, so darf man zunächst davon ausgehen, daß in ihr das Pokerspiel für die Spielregeln des menschlichen Zusammenlebens in dieser Gesellschaft steht. Der Grundgedanke des Pokerspiels und das charakteristische Merkmal im menschlichen Zusammenleben ist das Bluffen mit dem Ziel, den anderen in die Irre zu führen und damit zu übervorteilen. Damit scheinen die Vergleichsmöglichkeiten allerdings aufzuhören, denn der Verlauf dieses Pokerspiels zwischen Havanna und New York scheint zunächst dafür zu sprechen, daß ausnahmsweise auch ein-mal derjenige, der 'ein Herz im Leibe" hat, der Erfolgreiche sein kann. Man muß jedoch dabei beachten, daß Brecht, um ein solches Geschehen als möglich erscheinen zu lassen, eine neue Kategorie einführen muß, die Kategorie des Glücks. Die Einführung eines Gutherzigen in eine Gruppe 'normaler" Menschen ist ein Thema, das Brecht verschiedentlich und in verschiedenen Variationen durchgespielt hat . Das Ergebnis konnte für ihn immer nur darin liegen, verschiedene Variationen des Scheiterns aufzuzeigen. Es muß ihn gereizt haben, daneben auch einmal ein anderes Experiment durchzuspielen: Wie besteht der Gutherzige 'das Spiel", wenn man annimmt, daß er gleichzeitig ein Glückspilz ist? Es ist wichtig, diesen Experimentiercharakter zu sehen, um nicht dem Irrtum zu verfallen, Glück dürfe hier als Folge der Gutherzigkeit und als dessen Belohnung interpretiert werden. Glück ist hier vielmehr etwas, was Johnny Baker von Anfang an so sehr als Stempel aufgedrückt ist, daß die andern nur lächeln, wenn er es zu bestreiten versucht. Verfolgt man nun das Experiment im einzelnen, so läßt sich folgendes feststellen:
1. Glück könnte es einem Menschen noch erlauben, 'einfach und gut" zu spielen; in übertragener Bedeutung: einfach und gut zu schwimmen , einfach und gut zu leben. Angesichts des Rufes, immer Glück zu haben, kann dieser Mensch nämlich davon ausgehen, daß die anderen seine Gutmütigkeit, seine Arglosigkeit, ja selbst seine Ungeschicklichkeit falsch einschätzen. Das hängt damit zusammen, daß der 'normale Mensch" in einer 'normalen Welt" vom Mißtrauen beherrscht ist . In einer Welt des Mißtrauens aber scheint der Mensch für den anderen gerade dadurch einen gewissen Grad von Zuverlässigkeit zu gewinnen, daß man ihm ebenfalls mißtrauen muß. Dieser Einstellung entspricht das Pokerspiel genau. Der Mitspieler wird dadurch einschätzbar, daß er auf jeden Fall blufft. Bei Johnny Baker ist das anders: 'Was Johnny nicht konnte, war Poker spielen", war bluffen, 'was Johnny aber konnte, war: beim Pokerspiel gewinnen" . Der Ruf, immer Glück zu haben, macht die anderen unfähig, in einem ungeschickten und ehrlichen Spiel etwas anderes als Durchtriebenheit zu sehen, und sie reagieren regelmäßig falsch.
2. Daß Einfachheit und Ehrlichkeit sich mit Glück paaren, ist daher in der Welt, wie sie ist, nicht einmal wünschenswert, weil sie zu einer anderen Form der Ausbeutung führt. 'Sie müssen zum Pokerspiel ein ebenso hartes Herz haben wie zu irgendeiner anderen Form der Expropriierung" . Diese Forderung ist daher auch durchaus wörtlich zu nehmen, ebenso wie der Satz: 'Johnnys Herz war Johnnys Fehler. Er besaß zuviel Taktgefühl" . In diesem Zusammenhang wäre darüber nachzudenken, warum die Einladung zum Abendessen von den anderen keineswegs als taktvoll empfunden wird und die Beziehungen zwischen den vier Menschen nicht zu verbessern imstande ist.
      3. Zuviel Glück ist auch für denjenigen, den das Glück trifft, letztlich verderblich. Nicht so sehr deshalb, weil er den Neid der anderen weckt. Denn nicht aus Neid wird er schließlich bei Nacht und Nebel über Bord gestoßen, sondern weil er die andern ruiniert hat. Er hat sie nicht nur materiell ruiniert. Er hat die Spielregeln ihres Lebens durcheinandergebracht, hat ihnen die Maßstäbe der Orientierung für das menschliche Zusammenleben genommen, ohne dochneue Maßstäbe setzen zu können. 'Zuviel Glück ist kein Glück" hat Brecht später als Untertitel über die Erzählung geschrieben; wir können jetzt sagen: weder für den Glücklichen selbst noch für die Mitmenschen.

      Zur Behandlung im Unterricht
Soweit der Versuch, den Gehalt der Erzählung auf einen gedanklichen Zusammenhang zu bringen. Der Versuch ergibt zweierlei:
1. Die Formulierung eines solchen gedanklichen Zusammenhanges ist kompliziert und von Schülern der Altersstufe, für die die Lesereihe bestimmt ist, nicht nachzuvollziehen. Er kann daher für den Lehrer nur den Bezugsrahmen liefern für die Strukturierung dessen, was die Schüler im Unterrichtsgespräch selbst an Fragen, Erkenntnissen und Beobachtungen zusammentragen.
      2. Die Herauslösung eines gedanklichen Zusammenhanges wird der Erzählung in keiner Weise gerecht. Für den Autor gab es natürlich ebenfalls einen derartigen Bezugsrahmen, aber das Entscheidende war, wie anfangs dargestellt, mit eigenen Vorstellungen und Ideen zu spielen und zu experimentieren. Auf diesen Charakter der Erzählung als Experimentierspiel wird am Anfang durch den Satz hingewiesen: 'Diese Geschichte könnte man eigentlich nur unter Jazzbegleitung richtig erzählen. Sie ist von A bis Z poetisch. Sie fängt an mit Zigarrenrauch und Gelächter und endet mit einem Todesfall." Der Jazz lebt von der Spontaneität, vom Augenblickseinfall, von der Improvisation; die folgerichtige, abgeschlossene Form strebt er nicht an. Auch Brecht will, was zwischen Zigarrenrauch und Gelächter am Anfang und einem 'Todesfall" am Ende geschieht, so verstanden wissen. Die Bezeichnung 'Todesfall" für den Mord am Ende der Erzählung soll darauf hinweisen, daß nicht alles zu wörtlich genommen werden, dafür um so freimütiger gedeutet werden darf.
      So ergibt sich für den Unterricht, auf alles zu verzichten, womit der Erzählung ohnehin Gewalt angetan würde, vor allem auf die gedankliche Abstraktion und Verkürzung.
      Zu entdecken ist demgegenüber die Vielfalt der sprachlichen Wendungen, die ein bestimmtes Milieu, einen bestimmten Menschentyp und seine Art zu reden, zu denken, zu empfinden und sich zu verhalten, deutlich machen:

— Bildliche Redewendungen:
'. . . daß er seinen Karpfen aus einer Konservenbüchse angeln konnte"
'denn wenn ein Mann sozusagen aus jeder Papierserviette einen Dollarschein herauswickelt, so wird man mißtrauisch gegen seine geschäftlichen Talente ..." .
      — Plastische Darstellung typischer Verhaltensweisen: 'Des einen Füße lagen neben des anderen Kopf" .

      — Metapher:
Einfach und gut schwimmen.
      'Sie hatten mit ihm angebunden, obwohl sie sein Glück kannten, wohl weil sie dachten, daß er vom Pokern so wenig verstand wie ein Lokomotivführer von Geographie. Aber der Lokomotivführer hat eben Schienen, die etwas von Geographie verstehen: der Mann kommt eben von New York nach Chikago und nirgends anders hin. Genau nach diesem System hatte er gewonnen ..." .
      Der letzte Satz der Erzählung: 'Aber so gut kann einer gar nicht schwimmen, daß er sich vor den Menschen rettet, wenn er auf der Welt zuviel Glück hat."

— Scheinbar widersprüchliche Satzkonstruktionen:
'Der Himmel war blau, und das Meer war auch blau. Die Getränke waren gut, aber sie waren immer gleich gut. Die Zigarren konnte man ebenso gut rauchen wie andere Zigarren. Kurz: der Himmel, das Meer, die Getränke und die Zigarren waren nicht gut."
— Unterbrechung des Erzählflusses durch den Erzähler mit Belehrungen, Erklärungen und Hinweisen auf zu Erwartendes:
'So begannen sie kurz vor den Bermudas ihren Untergang herbeizuführen" .
      'Wenn Sie ein Spiel machen..." . 'Johnnys Herz war Johnnys Fehler ..." . Zu entdecken und zu berücksichtigen ist alles dies, um Vermutungen über die Motive der Personen und über die Motive des Autors daran zu überprüfen oder zu korrigieren. Wie das im Unterrichtsgespräch abläuft, sollte gerade bei dieser Erzählung nicht zu starr vorausgeplant werden.

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