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Triffst du nur das Zauberwort - Ãober Joseph von Eichendorff



Joseph von E. hörte auf seinem nächtlichen Spaziergang im Garten plötzlich schnelle, klappernde Schritte. Seine kleine Schwester stürzte auf ihn zu. »Joseph, komm, du hast versprochen, mit mir in der Oder zu schwimmen.« Der Mond schien prächtig. Von den Bergen rauschten die Wälder durch die stille Nacht herüber, manchmal schlugen die I lunde im Dorf an, das im Tale unter Bäumen und Mondschein wie begraben lag.
      Joseph lachte und sagte: »Aber begreif doch, ich bin im Augenblick in Wandsbek, Luischen. Da gibt es keine Oder, höchstens die Elbe.«
Seme Schwester ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie hatte nie recht begriffen, was für ein Phantasiespiel ihr großer Bruder sich da ausgedacht hatte. Für Joseph jedoch war das völlig klar. Er stellte sich den Garten um das elterliche Schloss als ein großes Land vor. Die Ecke an der Eibenhecke war Wandsbek, bei den Rosenbüschen lag Braunschweig und unter dem Ahornbaum die Stadt Hamburg. Am liebsten von allen Orten war ihm Wandsbek. Denn dort lebte Matthias Claudius, der Dichter, den er von allen am meisten liebte. Stundenlang konnte er in Wandsbek bei Claudius sitzen, mit dem Dichter plaudern oder bei einem Glas Punsch über diewirklich großen Themen reden, über das Leben, die Ã"ngste, die Hoffnungen, über den Tod und die Liebe. Oder er wähnte sich bei Matthias Claudius im Gras sitzend und sie erzählten sich gegenseitig Erlebnisse oder Geschichten, die sie sich ausgedacht hatten. Joseph kannte viele Lieder seines Wandsbeker Dichterfreundes auswendig. Wenn er mit Claudius in seiner Phantasie zusammentraf, sang er dem von ihm Bewunderten eines vor. Oder er sagte Verse auf, die ihn ganz, besonders angerührt hatten. Etwa immer wieder jene, in denen Matthias Claudius von der Furcht eines sterbenden Mädchens erzählt, das seinen Tod anspricht und ihn bittet:
» Vorüber, ach vorüber! Geh, wilder Knochenmann! leb bin noch jung, geh, Lieber! Und rühre mich nicht an!«
Mehr als einmal waren Joseph die Tränen gekommen, wenn er diese Worte der Sterbenden sprach. Aber tröstend auf ihn wirkten dann die Verse, mit denen der Tod dem Mädchen antwortet:
»Gib deine Hand, du schön und zart Gebild! Bin freund und komme nicht zu strafen. Sei gutes Muts! Ich bin nicht wild, Sollst sanft in meinen Armen schlafen!«

Solche Augenblicke des Schmerzes und des Trostes konnte er nur in Wandsbek erleben, am Ort des Dichters Matthias Claudius, gleich neben dem Hibenlabyrinth im Garten des elterlichen Schlosses. Aber häufiger noch sang er die herrlichen Lieder des Dichters, jenes vom Mond zum Beispiel, das gerade heute so gut passte.
      »Der Mond ist aufgegangen«, begann er und hoffte, dass seine Schwester den Zusammenhang zwischen Dichtung und Wirklichkeit erkennen würde. Sie liebte dieses Gedicht doch auch. »Die goldenen Stcrnlein prangen ...« Doch Luise zog ihn energisch am Hemd. »Du hast es versprochen, Joseph! Du hast gesagt, dass du diesmal wirklich mit mir schwimmen gehst, bevor du wieder fort bist.« Sie hatte ja Recht. Krst vor zwei Tagen war er auf einen kurzen Urlaub von den Lützower Jägern eingetroffen, hatte sich die steife Uniform vom Leib gerissen, sie einfach fallen lassen und die Befreiung von dem einzwängenden steifen Kragen durchatmend genossen. Aber lange konnte er auch diesmal nicht bleiben. Dann musste er wieder Abschied nehmen von der Idylle im elterlichen Schloss und zurück in die Schlacht gegen die napoleonischen Truppen. Dort musste er sich als Sanitäter um die Verwundeten kümmern. »Komm jetzt endlich!«
Luise zerrte so heftig an seinem Hemd, dass es zu reißen drohte.
      Joseph lachte, hob seine Schwester hoch in die Luft unci drückte sie an sich. »Ich komme ja, Luischen, ich komme jaschon. Hast du denn gar keine Angst, mitten in der Nacht schwimmen zu gehen?«
Das Kind schüttelte heftig den Kopf. »Der Mond scheint doch so hell.«
»Aber du kannst nicht schwimmen, Luise.« »Du bist doch bei mir, Joseph. Du passt auf mich auf.« Die Litern begleiteten Joseph und Luise bei ihrem nächtlichen Spaziergang an die Oder. In der Weißdornhecke lärmten Nachtigallen, die sie aufstörten. Ein Käuzchen weinte seine nächtliche Klage. Der Mond spiegelte sich in der Oder, die heute ein ruhiger Silberstrom war. Am Himmel waren einige dunkle Wolken aufgezogen, aber noch waren sie weit entfernt von der fast runden Scheibe des Mondes. Joseph und Luise tollten unten am Ufer herum. Sie spritzten sich gegenseitig nass, wurden immer ausgelassener. Dann ließ sich Joseph auf den Rücken fallen: »Los, Luise, hock dich auf mich. Jetzt schwimmen wir bis in die Mitte des Flusses.« Das fand sie aufregend. Das war lustig. Plötzlich jedoch wurde ihr bewusst, wie weit sie sich schon vom Ufer entfernt hatten. Ihr Lachen erstarb. Ihre ausgelassene Stimme kippte plötzlich. Luise schrie vor Angst.
      Vom Ufer hörten sie den Vater ihnen nachrufen: »Kommt jetzt zurück!« Als Joseph an der schmalen Gestalt der Schwester vorbeiblickte, sah er am Ufer auch die Mutter, die allerdings unbesorgt schien. Sic nestelte an den Bändern ihrer Haube und lachte. Joseph schwamm weiter. Er wusste, dass er ein guter Schwimmer war. Was sollte also passieren? Mit kräftigen Zügen hielt er auf die Strommitte zu und versuchte gleichzeitig, Luise zu beruhigen. »Lass nur«, sagte er, »du musst nicht weinen. Ich bin das sicherste Schiff der Welt. Nirgendwo bist du sicherer als auf meiner Brust. Halte dich nur fest. Das Wasser trägt uns beide.«
Ks gelang ihm tatsächlich, Luise sT) weit zu besänftigen, dass sie ruhiger wurde und nicht mehr schrie. »Siehst du«, sagte Joseph. »Ks ist alles wieder gut.« Genau in diesem Moment wehte von Osten eine Brise herüber und trieb ein paar Wellen heran, die an Luises Beinen hinaufschwappten. Gleichzeitig schob sich hoch über ihnen eine Wolke vor den Mond. Ganz, plötzlich war es finster. Luise schrie voller Angst und suchte blind nach einem besseren Halt. Ihre Hände fuhren dem Bruder durch das Gesicht. Joseph spürte einen scharfen Schmerz am Auge, griff unwillkürlich dorthin, um sich vor weiteren Verletzungen zu schützen, und merkte entsetzt, dass seine kleine Schwester von seiner Brust heruntergerutscht war.
      »Luise!«, sagte er, halblaut nur, denn er wollte die Kitern am Ufer nicht beunruhigen.
      Aber sie schienen trotzdem etwas bemerkt zu haben. Die Mutter lachte nicht mehr. »Joseph!«, rief sie. »Luise!« Dann die noch besorgtere Stimme des Vaters. »Ist was passiert? Antwortet doch!«
Joseph, der im ersten Moment noch geglaubt hatte, dass er nur die Hand ausstrecken müsse, um Luise wieder zu fassen,geriet, nachdem er fünf-, sechsmal ins Leere gegriffen hatte, zunehmend in Panik.
      Wenn es nur nicht so dunkel gewesen wäre auf einmal. Kr konnte fast nichts sehen.
      Wilde Gedanken jagten sich in seinem Kopf. Kr musste an das sterbende Mädchen aus dem Gedicht von Matthias Claudius denken. »Bitte, Luise«, betete er, während er planlos ins Wasser griff, »lass dich finden.«
Dann fiel ihm ein, wie derb und geschmacklos er selbst einmal mit dem Tod einen Scherz getrieben hatte. Sechzehn war er da gewesen. Am Breslauer Königlichen Gymnasium hatte es einen schrecklichen Todesfall gegeben. Jacob Müller, der arme Sohn eines Landmannes aus Cotzemcuschel, ein Muster von Rechtschaffenheit und Fleiß, starb um ein Uhr in der Nacht an den Kolgen der Lungenentzündung, die er sich durch sein Nachtstudieren zugezogen hatte, als ein Opfer seiner Kmsigkeit. Ks musste im Februar gewesen sein. Fasching war gerade vorüber. Joseph hatte der Tod seines Mitschülers tief beeindruckt. Aber zwei Wochen später schon hatten er und andere Schüler sich einen Scherz ausgedacht, hatten mit dem Tod gespielt.
      Sie hatten Josephs Kleider ausgestopft und sie so auf sein Bett gelegt, dass jeder glauben musste, da liege Joseph selbst. Darauf waren sie zu Herrn von Heppen, ihrem Lehrer, gerannt, hatten ihm vorgeflunkert, abermals liege ein Schüler in den letzten Zügen und wolle noch von ihm Abschied nehmen. Als von Heppen in Schlafrock und -mutze in den Schlafsaal der Schüler gestürzt war, hatte man ihm von allen Seiten entgegengerufen: »Kr ist tot, er ist tot!« Ungefähr zehn Minuten lang hatte der Lehrer am Lager seines angeblich schon verschiedenen Schülers gesessen. Endlich, nachdem er die vermeintliche Leiche berührt hatte, war ihm klar geworden, dass man ihm einen Streich gespielt hatte.
      Jetzt, während Joseph in dem aufgewühlten Wasser nach dem Körper seiner kleinen Schwester tastete, fiel ihm dieser törichte Streich wieder ein. Hier und jetzt war es ihm völlig unverständlich, dass er sich damals an diesem rüden Spaß beteiligt hatte. Und doch, überlegte er, bin ich gar nicht so sicher, ob ich nicht morgen schon, wäre ich mit den anderen wieder zusammen, abermals so verfahren würde. Der Schreck über diese Hinsicht war so heftig, dass er für einen Moment meinte, weinen zu müssen. Und fast gleichzeitig fiel ihm eine andere Situation ein, die gleichermaßen widersprüchlich war. Deutlich stand ihm das Lied einer Lerche in der Erinnerung, die hoch über die Felder aufstieg, und nur Sekunden später hatte er das Gewehr hochgerissen und auf den Vogel geschossen. Am Nachmittag des gleichen Tages, an dem er die jubelnde Lerche getötet hatte, war er durch den Garten geschlendert, zwischen den Obstbäumen hindurch zum Blumengarten. Der Wind hatte ein leises Rauschen herangetragen und Joseph hatte einmal mehr das erhebende und zugleich gefürchtete Gefühl gehabt, dass seine geliebte Muse, lächelnd und ihn streifend, an ihm vorbeiging.

     
Ein kleines, wehmütiges Lied war in ihm aufgestiegen und hatte Geschichten und Lieder, die in den Bäumen, in den Wolken, im Wind, in den Blumen und im Lärm der Sperlinge eingeschlossen waren, geweckt. In ihm hatte es still geklungen:
»Schläft ein Lied in allen Dingen, Die da träumen j ort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, Triffst du nur das 'Zauberwort.«
So vieles und noch mehr war aus seiner Erinnerung aufgestiegen, während er mit wachsender Angst darauf hoffte, diese unselige Wolke möge endlich weiterziehen. »Joseph! Luise!«, hörte er die Stimme seiner Mutter vom Ufer her, jetzt in großer Angst. »Es ist euch doch nichts passiert dort draußen?«
Er versuchte, ganz ruhig zu sein, sich nur durch Wassertreten an der Oberfläche zu halten und zu lauschen. Seine Schwester durfte einfach nicht ertrinken!
»Joseph!«, rief sein Vater vom Ufer und gleich noch einmal, sehr viel leiser, mit unsicherer Stimme: »Joseph, bitte!« Joseph konzentrierte sich ganz auf die Dunkelheit und die Geräusche in seiner Nähe.
      Da! Etwas Helles streckte sich aus dem Wasser. Ein dunkler Kopf erschien an der Oberfläche. Joseph warf sich nach vorn und erfasste Luise am Arm. Die schlug um sich. Kr hielt sie fest. Schließlich merkte er, dass ihr kleiner Körper sich entspannte.
      »Ganz ruhig«, flüsterte er. »Ich bin ja bei dir. Alles ist gut. Wir schwimmen jetzt ans Ufer. Dort warten die Kitern auf uns.«
Plötzlich fiel wieder helles Mondlicht auf den K'luss. Die dunkle Wolke war weitergezogen und man konnte wieder deutlich das Ufer erkennen, wo die Kitern aufgeregt auf und ab liefen.
      Kurz bevor sie das Ufer erreichten, flüsterte Joseph der Kleinen ins Ohr: »Vater und Mutter müssen wir ja nicht so genau erzählen, was da war.«
Luise, die sich inzwischen wieder ganz erholt hatte, zog ihn am Ohrläppchen. »Ach ja?«, sagte sie. »Ktwa weil morgen die andere Luise kommt?«
Die andere Luise, so nannte sie die junge Erau, die Joseph liebte, Luise von Larisch. Ich werde sie heiraten, dachte er plötzlich, und zwar so bald wie möglich. Das stand für ihn fest. Da gab es jetzt keinen Zweifel mehr. Das Problem waren seine Kitern. Sein Vater hatte das Gut durch unglückliche finanzielle Transaktionen heruntergewirtschaftet. Rettung vor dem Ruin sollte eine Vernunftehe bringen. Joseph sollte - so war es geplant - die Gräfin Julia von Hovcrdcn heiraten, eine entfernte Verwandte. Sie war sympathisch und wohlhabend. Josephs Mutter hatte immer wieder gedrängt: »Heirate Julia! Das ist das Vernünftigste - für dich und für uns!« Aber Joseph war sich jetzt ganz sicher, dass er den Wunsch der Mutter nie und nimmer erfüllen würde. Gewiss, er hatte Julia gern. Sie tanzte gut und ausgelassen, scherzte gern, verachtete auch Derbheiten nicht. Aber er liebte sie nun einmal nicht!

Kr liebte Luise von Larisch, die andere Luise, wie seine Schwester sie nannte. Und die würde er heiraten. Kr wollte mit ihr aus der Enge der heimatlichen Mauern ausbrechen. Mit ihr wollte er ans Meer, wollte Travemünde wiedersehen. Auch in die Alpen zog es ihn, nach Italien, vor allem nach Italien.
      Er fürchtete sich nicht vor der Auseinandersetzung mit der Mutter. Wichtiger als alle Vernunft war ihm sein persönliches Glück.
      Als er mit seiner Schwester an der Hand die Uferböschung hinaufkletterte, stürzte die Mutter herbei und nahm das Kind in die Arme. Eilig trocknete sie es ab. »Was war denn nur passiert?«, wollte sie wissen. »Ich habe schreckliche Angst um euch gehabt. Warum habt ihr nicht geantwortet?« Der Vater lachte erleichtert und redete freundlich auf Joseph ein.
      »Ach, Mama«, hörte Joseph Luise sagen. »Da war gar nichts weiter gewesen. Joseph hat mich ein bisschen schwimmen lassen. Aber er hat gut auf mich aufgepasst.« Er atmete erleichtert auf. Vielleicht würde die Mutter sich morgen ein wenig zusammennehmen, wenn die andere Luise kam, seine künftige Frau.
     

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Triffst  du  nur  das  Zauberwort  -  Ãober  Joseph  Eichendorff    




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