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Sie war die Erste nicht - Ãober Johann Wolfgang von Goethe



Der junge Mann Johann Woltgang G., nicht eigentlich Doktor, sondern Eizenziat der Rechte, ein junger Anwalt, der vor kurzem erst nach Ahschluss des Studiums in Straßburg nach Frankfurt zurückgekehrt war, schritt die Treppe vom ersten Stock des Römers hinunter, wo er eben in einem Streitfall zwischen Vater und Sohn um den Besitz einer Porzellanfabrik plädiert hatte. Seine Schritte hallten in dem weiten Flurraum, als von oben das Wechselspiel von zwei Männerstimmen und einer hohen, eingeschüchtert klingenden Frauenstimme an sein Ohr drang. Er ging noch einmal zurück in den ersten Stock und öffnete die Tür, die nur angelehnt stand. Drinnen saßen an einem langen Tisch, auf dem ein Kruzifix stand, drei Männer, von denen G. zwei näher kannte. Der in der Mitte war ein Verwandter, Johann Textor, Mitglied des Rates der Stadt. Er führte offenbar den Vorsitz. Daneben, zur Einken, saß der Sekretarius und rechts neben diesem ein Mann, den G. ebenfalls kannte. Es war Doktor Metz, der Hausarzt der Klettenberg, einer Freundin seiner Mutter. G. erinnerte sich, wie ihm Metz, der Alchimist war, ein weißes Pulver verabreicht und ihn mit den alchimistischen Schriften eines gewissen Paracelsus bekannt gemacht hatte.

     
Vor den drei Männern stand auf einem Podest, flankiert von zwei Stadtpolizisten, eine junge Frau, eine Schwarzhaarige. Sie musste einmal nicht schön, aber hübsch gewesen sein. Jetzt war sie bleich und wirkte abgezehrt. Ihre fahle, fast gelbliche Gesichtshaut bildete einen gespenstischen Kontrast zu den geröteten Augen.
      »Kommen Sie nur herein und nehmen Sie Platz, sofern Sie der Casus interessiert«, sagte Textor und wies mit einer einladenden Geste auf die Stühle im Hintergrund. G. nickte und verneigte sich gegen die Männer, blieb aber an der Tür stehen. Er war über den Tatbestand im Großen und Ganzen im Bilde. Fast jeder in Frankfurt kannte den Fall. Die Delinquentin, die hier verhört wurde, hieß Susanna Mar-garetha Brandt. Sie war die Tochter eines Soldaten und fünfundzwanzig Jahre alt. Sie hatte als Magd im »Gasthof zum Einhorn« gearbeitet. Im Sommer war Gerede aufgekommen, sie sei schwanger. Ihre Schwester, die mit einem Tambour verheiratet war, hatte sie zu einem Geständnis gedrängt. Susanna, so der Rufname der Angeklagten, hatte nachdrücklich beteuert, daran sei kein wahres Wort. Am 2. August war sie aus der Stadt verschwunden. In einem Schuppen an der Stau-fenmauer hatte man die Eeiche eines neugeborenen Kindes gefunden, das offenbar erstickt worden war. Noch am Abend war ein Haftbefehl gegen die Brandt in der Stadt ausgetrommelt worden. Schon am Tag darauf hatte man die Gesuchte am Bockenheimer Tor erkannt und festgenommen.

     
Es hatte sich herausgestellt, dass sie am Tage zuvor durch dasselbe Tor entwichen und bis nach Hoechst gelaufen war. Dort hatte sie sich von einem Fischer dem Mainzer Marktschiff nachrudern lassen. Sie war bis Mainz gekommen und hatte gegen Hingabe ihres Ohrringes ein Nachtlager gefunden. Doch dann schien ihr der Gedanken, einer weiteren Flucht sinnlos vorgekommen zu sein. Sie war wieder umgekehrt. Nach ihrer Festnahme hatte man sie in den Turm der alten Katharincnpfortc, am Ausgang des Hirschgrabens, gesperrt - nur zweihundert Meter vom Elternhaus des G. entfernt.
      Was eben erörtert wurde - vom Arzt berichtet und von der jungen Frau jeweils nur bestätigt -, war der Verlauf der Ereignisse in der Nacht der Geburt und des Mordes. Diese Aufeinanderfolge von Ins-Leben-Treten und sofortiger Zerstörung eines sich eben noch mit einem Schrei kundtuenden Lebens, die Fähigkeit einer Frau, Leben zu geben und zu nehmen, war es, was G. in Gedanken beschäftigte, während er zuhörte. Von einer mit den Zähnen der Mutter durchtrennten Nabelschnur war die Rede. Von dem Schreien des Neugeborenen, das, wie die Frau aussagte, sie in jähe Angst gestürzt und ihr erst die ganze Hoffnungslosigkeit ihrer Lage bewusst gemacht habe. Danach habe sie nach einem Kartoffelsack gegriffen und ihn so lange auf das Gesicht des Neugeborenen gedrückt, bis dieses stumm geworden sei. Was G. erstaunte, was ihn nach einem ersten Erschaudern hellwach werden ließ, war die Genauigkeit und Anschau-lichkeit, mit der die F'rau in der Lage war, ihre Gefühle in diesen schrecklichen Augenblicken zu schildern. Sie hatte dabei nie versucht, ihr Verhalten zu entschuldigen. Sie hatte genau beschrieben, was war. Das hatte ihn fasziniert. Nicht nur, weil er sich mit dem Gedanken trug, für das Theater zu schreiben, und dies ein Stoff war, mit dem sich gewiss noch etwas anfangen ließe. Mehr noch, weil sich da eine Ehrlichkeit gegenüber den eigenen Abgründen offenbarte, die er bereit gewesen wäre bewunderungswürdig zu nennen. Er sagte sich, jemand, der derart ehrlich gegen sich selbst sei, erfahre damit Strafe genug und dürfe eigentlich nicht bestraft werden.
      Er verließ dann den kleinen Saal, ging seinen Tagesgeschäften nach und vergaß darüber auch seine augenblickliche Ergriffenheit von dem Fall.
      Am Wochenende begegnete er seinem Vetter Textor. Er erkundigte sich beiläufig, zu welchem Urteil man im Fall der Brandt wohl kommen werde, und erfuhr, dass die öffentliche Hinrichtung durch das Schwert beschlossene Sache sei, völlig gerechtfertigt, auch notwendig im Sinn von vorbeugender Abschreckung, da sich Fälle von Kindesmord in letzter Zeit mehrten. Wiederum einem spontanen Impuls folgend, fragte G., ob ihm der Vetter die Erlaubnis verschaffen könne, die Brandt in ihrem Turm zu besuchen. Textor sah ihn etwas verwundert an, schüttelte den Kopf und sagte: »Was haben Sic vor?« G. legte ihm seine Empfindungen und seine Gedanken beim Mitanhören der Verhandlung dar und sprach von seiner Ãoberlegung, dass die große Ehrlichkeit der Delinquentin doch eigentlich Sühne genug sei. Einen merkwürdigen Standpunkt entwickle er da, erwiderte der Verwandte. Ja, er könne ihn nachvollziehen, aber juristisch sei er völlig irrelevant, nicht einmal dazu angetan, den Urteilsspruch in irgendeiner Weise abzumildern. G. beharrte auf seiner Bitte, mit der Brandt sprechen zu dürfen. Textor hob die Achseln: »Wenn Ihnen so viel dran liegt!«
Zwei Tage später schloss ein Scharwächter G. die Tür zum Turmgefängnis auf. Der Innenraum hatte nur in der Höhe der einen Wand ein vergittertes Fenster. Auf einer Schütte Stroh hockte die Brandt, neben sich einen Krug und einen irdenen Becher. In einer Ecke gab es einen Kübel mit einem Kasten Torf und einer Schaufel daneben. G. nahm einen scharfen, animalischen Geruch wahr. Bei dem Wasserkrug sah G. ein Neues Testament liegen, ein abgegriffenes, schwarzes Buch, mit sichtbaren Eselsohren. Offenbar hatte es schon anderen Gefangenen zu Trost und Erbauung gedient. Nachdem G. seinen Namen genannt hatte, trat eine Pause ein. Schließlich sagte er, mit dem Kopf gegen die Heilige Schrift deutend: »Lesen Sie darin?« »Ich kann nicht lesen«, war die Antwort. »Ich möchte Sie einiges fragen«, sagte G., weil er fand, er müsse seine Anwesenheit erklären. »Warum?«, fragte sie. »Ich möchte Ihnen helfen.«

Sie lachte kurz auf. »Wie denn?«
»Es könnte sich etwas finden lassen, das Sie vor dem Henkerrettet.«

»Nie und nimmer«, sagte sie ruhig.
      »Doch«, sagte er unbeirrt. »Es hat mir gefallen, wie ehrlich

Sie gewesen sind bei den Verhören.«
»Mein Gott«, sagte sie achselzuckend, »es ist, wie es ist. Der

Satan hat es so gewollt.«
G. horchte diesem Satz nach. »Wer war der Mann, der Ihnendas Kind gemacht hat?«
»Ein holländischer Goldschmiedegeselle. Ist nach Russlandweitergereist.«
»I laben Sie ihn geliebt?«

»Ich weiß nicht, ob man das Liebe nennt. Er hat mir überd
Haar gestrichen. Davon war ich abgelenkt. Er muss mir ein
Mittel in den Wein getan haben. Ich wurde sehr müde. Allesandere war des Teufels Werk.«
»Er hat Sie also betäubt und vergewaltigt?«

»Ich weiß nicht, wie man das heißt.«
G. ging auf und ab und überlegte. Dann blieb er stehen unddachte, dass er den Geruch der Fäkalien nicht mehr langeaushalten werde. »Man könnte versuchen, den Hergang nocheinmal zu erörtern«, sagte er.
      »Ich habe mein Kind erstickt«, erinnerte sie ihn.
      »Ja«, sagte er, »aber wenn man geschickt plädiert, könnteman mildernde Umstände erreichen.«

»Nicht doch, Herr ...«

Kr sah sie unverwandt an. »Aber warum nicht?« »Weil das Leben zu gut ist für solche, wie ich eine bin ... Und weil der Teufel Macht über mich gehabt hat. Aber jetzt nicht mehr. Jetzt hat der Heilige Geist wieder Macht über mich. Und er hat mir gesagt, ich solle mich in den Tod schicken, dann sei ich entsühnt und würde gerettet.« »Gerettet? Von wem?«
»Von den Kugeln ... von den himmlischen Heerscharen.« Zuerst wollte G. wütend widersprechen. Dann schluckte er seinen Zorn hinunter. Doch er spürte, dass sich dieser irgendwo in seinem Körper staute und von dort wieder hervorbrechen würde.
      »Ja«, sagte er zögernd, »ich verstehe.« Kr war dann ohne Gruß gegangen.
      Die Hinrichtung der Susanna Margaretha Brandt fand am 14. Januar 1772 auf dem Platz vor der Hauptwache statt. G. war an diesem 'lag ungewöhnlich früh aufgestanden, um den Ereignissen in ihrem gesamten Verlauf als Augenzeuge beizuwohnen.
      Zwei Tage später hieß er den Schreiber seiner Anwaltskanzlei, einen gewissen Johann Wilhelm Lieboldt, nach Diktat eine Notiz über das, was er gesehen und gehört hatte, niederschreiben.
      Schon am Abend vor der Vollstreckung des Urteils war neben dem Brunnen der Zunft der Zimmerleute das Schafott errichtet worden. Um fünf Uhr morgens wurden an den Stadttoren alle Wachen verdoppelt. Um sechs Uhr betraten

Stadtschreiber, Henker, Henkersknechte und Obristrichter das Gefängnis im Katharincnturm. Der Richter in rotem Mantel, an den das Stadtwappen geheftet war, zog einen kleinen, roten Stab hervor, den er nach Verlesung des Todesurteils durch den Stadtschreiber unter feierlicher K'ormel zerbrach. Drauf wurde die Brandt in das Armsünderstübchcn geführt, wo für die Henkersmahlzeit eingedeckt war. Von den Speisen aß die Verurteilte nichts, nahm überhaupt nur einen Schluck Wasser.
      Alle Viertelstunden läutete die Glocke. Die junge brau wurde mit Stricken gebunden und hinaus auf die Straße geführt, dann unter fortwährendem Beten und Absingen von Kirchenliedern über den Liebfrauenberg nach Sachsenhausen, bis zum Aschaffcnburger und zum Neuen Tor und wieder zurück. Voran ritt der Obristrichter. Hinter ihm kamen die in Strick geschlagene brau, der Scharfrichter, seine Knechte, die Pfarrer und Soldaten. Gegen zehn Uhr war man wieder an der Hauptwache angekommen.
      »Der Nachrichtcr«, so diktierte G. dem Kanzleischreiber aus der Krinnerung, »führte die Malefikantin mit der Hand nach dem Stuhl, setzte sie darauf nieder, band sie an zwei Orten am Stuhl fest, entblößte den Hals und den Kopf, und unter beständigen Zurufen der Herren Geistlichen wurde ihr durch einen Streich der Kopf glücklich abgesetzt. Unter Beugung der Spitze des Schwertes verneigte sich der Henker vor dem Obristrichter und fragte diesen, ob er das ihm Befohlene ausgerichtet habe, worauf dieser antwortete: >lch habe mein Amt wohl verrichtet und getan, was Gott und die Obrigkeit befohlene Die Leiche der Brandt wurde auf dem Gutleuthof beigesetzt.«
G. war für den Rest dieses Tages, an dem er so früh aufgestanden war, in gereizter Stimmung. Lr war mit sich selbst äußerst unzufrieden. Wenn er sich schon als Anwalt betätigte, so fand er, dann hätte er um das Leben dieser Frauensperson energischer kämpfen müssen. Hin Satz aus den Ge-richtsprotokollen, an den er sich erinnerte, ging ihm nach, war aber kein Trost, sondern ein Stachel: »... sie war die Ers-te nicht und wird die Letzte nicht sein!«

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