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Joseph von Eichendorff



Ein Jahr vor Beginn der Französischen Revolution wird Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff am 10. Mär/ 1788 auf dem Schloss Lubowitz bei Ra-tibor in Ãoberschlesien geboren. In dieser Region wachst man zweisprachig auf: Die Menschen beherrschen das Deutsche und das Polnische. Die Familie Eichendorff gehört dem Landadel an. Josephs Bruder Wilhelm ist zwei Jahre älter. Die beiden Brüder sind während ihrer Kindheit und Jugend unzertrennlich. Sie spielen, jagen, raufen, haben gemeinsame Freunde, besuchen dieselben Schulen. Wilhelm wird später komponieren. Joseph von Eichendorff beginnt am 14. November 1800, also mit zwölf Jahren, ein Tagebuch, das er ziemlich regelmäßig führt. Darin erzählt er vom ersten Schnee, von den ersten Schwalben, von der Lerchenjagd, von der Beichte, von Krankheiten und Tod, von Familienfeiern, Morden, von äußeren Ereignissen, die ihn bewegen. Er besucht Mozart-Konzerte und wird während seines ganzen Lebens diesen Komponisten besonders lieben. Vor allem die Oper Figaros Hochzeit gefällt ihm. 1801 zieht Joseph mit seinem Bruder Wilhelm in das so genannte Konvikt in Breslau und besucht das Katholische Gymnasium. 1805 bestehen die Brüder Eichendorff dort ihre Examina. Joseph plagen Liebesmclan-cholie und Heimweh. Auch Krankheiten quälen ihn: Er spuckt Blut.


      Joseph und Wilhelm von Eichendorff studieren in Halle und Heidelberg Jura. Halle hat eine berühmte Universität. Die Hallenser Studenten terrorisieren mit großem Vergnügen die Bürger der Stadt, die sie abschätzig als Philister bezeichnen. Sie machen nachts die Straßen unsicher, spielen Professoren derbe Streiche und sprühen vor Lebensfreude. Die Eichen-dorff-Brüder unternehmen Wanderungen, schwelgen in Naturseligkeit und sind von Frciheitsgcfühlen erfüllt. Joseph von Eichendorff geht in das Kolleg des berühmten Görrcs, schließt Freundschaft mit dem romantischen Modedichter Graf Lochen. Auf einer Reise nach Berlin lernt er die romantischen Dichter und Sammler von Volksliedern Achim von Arnim und Clemens Brentano kennen. Auch Heinrich von Kleist trifft er dort.
      Zeit seines Lebens hat Joseph von Eichendorff ein großes »Begegnungsglück«. Er lernt viele bedeutende Menschen seiner Zeit kennen.
      1805 geht er seinem Fernweh nach, reist in den Harz, nach Hamburg und sieht in Travcmünde das erste Mal das Meer, auf das er mit furchtsamer Bewunderung, mit großem Staunen reagiert: »Endlich, als wir den Gipfel der letzten Anhöhe von Travcmünde erreicht hatten, lag plötzlich das ungeheure Ganze vor unseren Augen und überraschte uns so fürchtcrlieh, dass wir alle in unserem Innersten erschraken.« In das ersehnte Italien wird er nie reisen.
      1810 gehen die Brüder Fichendorff nach Wien, um sieh auf ihr Referendarexamen vorzubereiten, das sie 1811/12 ablegen. Dort verbindet Joseph von Eichendorff eine Freundschaft mit Dorothea Schlegel. Er ist jetzt dreiundzwanzig Jahre alt und beginnt mit dem umfangreichen, großen Roman Ahnung und Gegenwart, der 1815 erscheint. Das Werk enthält auch Abschied, Eichendorffs Abschiedsgedicht von Lubowitz: »O Täler weit, o Höhen [...]« und das wehmütige Abendgedicht 'Zwielicht, das so beginnt: »Dämmrung will die Flügel spreiten, / Schaurig rühren sich die Bäume, / Wolken ziehn wie schwere Träume - / Was will dieses Graun bedeuten?«
Viele Gedichte Eichendorffs werden zu regelrechten Volksliedern. Fast jeder kennt »In einem kühlen Grunde, / Da geht ein Mühlenrad [...]«. Fs gibt zahlreiche Vertonungen Eichendorffschcr Fyrik. Robert Schumann zum Beispiel hat in seinem Liederkreis op. 39 Kompositionen zu Fichendorff-Gedichten zusammengefasst.
      Nach ihrem Examen müssen die Brüder sich einen bürgerlichen Brotberuf suchen. Wilhelm gelingt dies, aber Joseph muss sich mit einer Kette beruflicher Misserfolgc abfinden. Auch mit Publikationen kann er kein Geld verdienen. 1812 geht ihm das Geld gänzlich aus. Joseph lässt sich als Soldat bei den Lützowcr Jägern anwerben. Von 1813 bis 1816 nimmt er als Sanitäter an den Befreiungskriegen teil.

     
1815 heiratet er die vier Jahre jüngere Aloysia Anna Viktoria von Fansch. Die Liebesheirat führt zu einer glücklichen, lebenslangen Fhc. 1815 wird der Sohn Hermann geboren, 1817 der Sohn Rudolf, 1819 die Tochter Therese. Als juristischer Beamter arbeitet Joseph von Fichendorff in Breslau, Danzig, Berlin, Königsberg, dann wieder in Berlin. Mit fünfundfünfzig erkrankt er schwer, scheidet aus dem Staatsdienst aus und nutzt seinen Ruhestand zum Schreiben. Schon vorher hat er spätromantische Gedichte und Erzählungen veröffentlicht. Aus dem Lehen eines Taugenichts, 1826 publiziert, erzählt von dem Leben eines jungen Mannes, dem das Lebensglück zufällt. Er zieht in die Welt, liebt, lacht, singt, probiert vieles und findet schließlich ein idyllisches Glück mit einer geliebten Frau.
      Nach der glücklichen, turbulenten und behüteten Kindheit und Jugend erlebt sich Joseph Freiherr von Fichendorff als Erwachsener eher als Pechvogel. Im Unstern-Fragment, das er wahrscheinlich 1831 beginnt, schreibt er über einen Protagonisten, über dessen Leben ebenfalls ein »Unstern« steht. Man kann diesen Text wie eine phantastische Selbstbiographie Eichendorffs lesen.
      Eichendorff hat insgesamt eher »konservative Grundeinstellungen«. Diese aber sind vermengt mit einer desillusionie-renden Skepsis in Bezug auf die Möglichkeit, die »alte Zeit« erhalten und bewahren zu können. Er ist sich bewusst, dass die »alte Zeit« unwiederbringlich verloren ist. Freunde und Bekannte erleben Eichendorff als einen warm herzigen Menschen, der freundlich und unauffällig wirkt. Theodor Storni schreibt am 24. Februar 1854 an seinen Vater über Eichendorff: »Er ist ein Mann mit mildem, liebenswürdigem Wesen, viel zu innerlich, um, was man gewöhnlich >vornehm< nennt, an sich zu haben. In seinen stillen blauen Augen liegt noch die ganze Romantik seiner wunderbar poetischen Welt.«
Eichendorff stirbt am 26. November 1857 an den Folgen einer Erkältung.

     
Lesevorschlag:
Wer Joseph von Eichendorff kennen lernen möchte, sollte zuerst seine Gedichte lesen, zum Beispiel Sehnsucht, Mondnacht, Lorelei, Zwei Gesellen, Schläft ein Lied in allen Dingen. Danach ist man eingestimmt auf seine berühmte Erzählung Aus dem Lehen eines Taugenichts.

     
Besichtigungstipps:
In Ratibor in Obcrschlesien kann man das Schloss Lu-bowitz besuchen, Eichcndorffs Geburtshaus. In Neiße ist das Sterbehaus des Dichters erhalten geblieben.
     

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