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Fanny und Amalia - Ãober Adalbert Stifter



Spät am Abend zog es ihn in einen Ballsaal. Kr trank Wein, sang, tanzte, aß mindestens sechs Korellen und war noch immer hungrig, rauchte 'Zigarren und gab Geld aus, das er sich nur geborgt hatte. Gewiss, er war durchaus in Geldnöten, aber in dieser Augustnacht überließ er sich nur dem Augenblick.

      Amalia Mohaupt, die dunkelhaarige, schöne Putzmacherin, gefiel ihm von Polonaise zu Polonaise besser. Kr genoss ihre unverhohlene Sinnlichkeit. Klug war sie wohl nicht, verstand auch nicht, was er ihr von Jean Paul oder den Naturgesetzen erzählte. Stattdessen schwärmte sie ihm vor, dass sie gern Kinder hätte, viele Kinder, und eine Wohnung mit Tüllgardi-nen, einem mächtigen Ohrensessel, einem Pianoforte und Häkeldeckchen überall.
      Sie waren schon draußen auf der Straße, da fügte Adalbert noch hinzu: »Wir brauchen auch ein richtiges Cacteenposta-ment. Nachts können wir dann beobachten, wie die Blüten sich öffnen. Und natürlich darf ein Hund nicht fehlen. Putzi werden wir ihn nennen. Aber am wichtigsten sind doch unsere Kinder.«
Amalia sah ihn skeptisch an, malte aber den Wohnungstraum weiter aus. »Und recht ordentlich und sauber muss es immersein!«, sagte sie, während sie sich vertraulich bei ihm einhakte.
      Sie genossen beide die gemeinsame Nacht. Ihre Leidenschaft wurde durch keine Krwartung, Verpflichtung oder Ã"ngstlichkeit gestört. Als sie sich trennten, fragte Amalia allerdings vorsichtig: »Wir sehn uns doch wieder?« Adalbert antwortete nicht, umarmte sie nur.
      Als Amalia gegangen war, schrieb er auf einen Zettel: »Wir alle haben tigerartige Anlagen ...« Krst stockte er, setzte aber dann doch noch hinzu: »... wie wir eine himmlische haben.« Adalbert sah aus dem heilster, betrachtete das Gewimmel und Geschiebe von Dächern, sah die Giebel und Schornsteine. Wien schien ihm in diesem Augenblick etwas Krcmdcs und Abenteuerliches zu haben. Als er wenig später auf die Straße ging, spürte er wieder einmal diese Ode, die ihn manchmal erfasste, wenn er andere Menschen auf der Gasse sah. Kr fühlte sich fast gespenstisch einsam. Verwirrt dachte er an Amalias Körper, den er für eine Nacht rauschhaft besessen hatte. Kin Satz ging ihm durch den Kopf: »Man trägt hier wunderschöne Augen und von der Herzenslicbenswür-digkeit der Wiener haben die Krauen einen mächtig großen Teil empfangen.« Der Satz gefiel ihm, nachher würde er ihn aufschreiben.
      Adalbert wusste, dass Amalia arm war, dass sie Erfahrungen mit Männern hatte, dass sie deren Geschenke oder Geld brauchte, um leben zu können. Aber es war gut, dass es Krauen gab, die leidenschaftlich waren, die ihre Sinnlichkeit nicht versteckten. Adalbcrt hatte aber auch der hübsche Traum von der Familie in der sauberen Wohnung gefallen. Das war alles so überschaubar. Amalia gegenüber musste er sich nicht beweisen. Es störte sie nicht, dass er noch in Geldnöten steckte.
      Sicher dachte sie, der studierte Mann würde schon Wege finden, um sich ein bürgerliches Leben einzurichten. Und seine Liebhabereien sollte er ruhig weiter pflegen. Zum Beispiel malte er, aber so, dass man die Gegenstände deutlich erkennen konnte. Das gefiel ihr wahrscheinlich. Nur dass sein neuestes kleines Bild eine Burgruine zeigte, das hatte sie nicht verstanden. Es gab doch I lübscheres, das man abbilden konnte. Aber eigentlich war es in dieser ersten gemeinsamen Nacht nicht um Bilder gegangen, sondern vor allem um ihr Vergnügen aneinander.
      Irritiert blieb Adalbcrt stehen. Er war am Stephansdom angekommen. Er betrachtete die Zickzacklinien des Kirchendaches, zeichnete sie innerlich nach und drehte sich dann abrupt weg. Er begriff nicht, dass er so lange über Amalia nachdachte. Sie war doch nur eine einfache brau, eine käufliche dazu. Ã"rgerlich über sich selbst, ging er weiter. Sicher, sie war eine angenehme Affäre. Es war eine schöne, aber doch wohl eher unbedeutende Nacht gewesen. Schließlich liebte er Fanny, die in Friedberg war, keine zehn Meilen von Wien entfernt. Fanny Grcipl war sein heiliger Engel. Ihr galt seine Sehnsucht. Sie war sein Traum. Er musste sich um eine einträgliche Stelle bemühen, damit er sie end-lieh heiraten konnte. Er musste Fanny und ihre Eltern davon überzeugen, dass er zuverlässig war. In der Schule war er in allen Klassen immer der Primus gewesen. Alles war ihm leicht gefallen. Er hatte mit Ausdauer und Leidenschaft gearbeitet.
      Dass Fannys Eltern ihm gegenüber trotzdem misstrauisch waren, konnte er nachvollziehen. Er hatte den Termin für eine wichtige juristische Prüfung völlig vergessen, war einfach nicht erschienen. Damit war ihm eine einträgliche juristische Laufbahn versperrt. Eine Katastrophe. Aber er war merkwürdig erleichtert gewesen, dass sein Studium nun zu Ende war, auch wenn die Umstände natürlich unangenehm gewesen waren. Jetzt konnte er malen, sein Talent schulen, Künstler sein. Er konnte sich seine Sorgen und Ã"ngste von der Seele schreiben und so Erleichterung erfahren.
      Adalbcrt dachte an all die Sommermonate, in denen er und seine Freunde die Gastlichkeit des Greiplhauses in Friedberg erfahren hatten. Er hatte sich mit Mathias Greipl angefreundet. An ihren Wanderungen durch die Wälder oder an der Moldau entlang hatten auch einige Mädchen teilgenommen. Einmal war auch Fanny, die Schwester von Mathias, dabei gewesen. Adalbcrt und Fanny verstanden sich gut. Sie liebten beide die Natur, bestaunten die Schönheit der Steine, des Wassers, der Bäume. Beide fürchteten die heftigen Gewitter, die so willkürlich Häuser zerstörten und Menschen töteten. Ã"ngstlich hatte Adalbcrt die Freundschaft mit Fanny gehütet. Dann war aus der Freundschaft doch Liebe geworden. Kr verlangte von sich, dass es eine Liebe ohne Leidenschaft sein sollte. Ihre Liebe sollte heilig und rein sein. Vom Stephansdom aus war Adalbcrt geradewegs zurück nach Hause gegangen. Voller Unruhe betrat er sein Zimmer, blickte auf die billige Hinrichtung, die er auf dem Wiener Tandelmarkt erworben hatte, sah das Kartenspiel, mit dem er sich mit seinen Freunden manche Nacht vertrieben hatte, sah die spärlichen Gegenstände in seinem Zimmer, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Ihm war, als liege von vorhin noch dunkler Zigarrenrauch in der Luft.
      Kr öffnete das Fenster und setzte sich vor das kleine Ã-lbild, das die Burgruine Wittinghausen zeigte, drehte dabei dem Fenster den Rücken zu und betrachtete die verfallenden Quader. Die Düsternis der Steine machte ihn melancholisch. Kr spürte die Tränen nicht, die aufstiegen. Hilfe suchend wandte er sich wieder einmal einem inneren Bild zu, das ihn in Traurigkeiten so oft schon getröstet hatte. Kr sah sich und Fanny im Sommer durch den Hochwald wandern, plaudernd, schweigend, sich neckend und auf die Natur schauend. Kr hatte diese helle Krinnerung aufgeschrieben. In dunklen Momenten las er sie sich laut vor und verspürte dabei Trost: »Die Waldblumen horchten empor, das Eichhörnchen hielt auf seinem Buchast inne, die Tagfalter schwebten seitwärts, als sie vordrangen, und die Zweiggewölbe warfen blitzende Karfunkel und fliegende Schatten auf die weißen Gewänder, wie wir vorüberkamen.«

Fanny und er hatten einen Licblingsplatz, den sie gern besuchten. Sic stellten sich vor, dass sie die ersten Menschen waren, die ihn betreten hatten, dass er ihr heimlicher Ort, ihr Paradies war.
      Hier hatten Fanny und Adalbcrt sich das erste Mal geküsst. Zart und staunend hatten sie sich einander genähert, sich umarmt. Adalbcrt war nur noch Glück. Aber zugleich stieg hinter der übergroßen Seligkeit, die ihn erfüllte, etwas wie ein langer, großer Schmerz auf.
      Hand in Hand waren sie an diesem Abend in Fannys Elternhaus zurückgekehrt. Beide waren still gewesen. Wenn Adalbcrt Fanny anschaute, schien sie ihm zu leuchten, schien ihm wie von einem hellen Licht umgeben, das, so meinte er, alle anderen Menschen im Raum auch sehen mussten. Aber diese lachten und lärmten nur, spielten Karten, tranken Bier, sangen laut, machten derbe Scherze und gingen schließlich lärmend zu Bett.
      In den Tagen nach dem ersten Kuss gab es in Friedberg nur blauen Himmel. Keine der sonst so häufigen Gewitterwolken zog auf. Adalbcrt war übermütig. Er wollte den Sonnenschein auf seinen Flut stecken und die Abendröte umarmen. Er liebte Fanny. Fanny liebte ihn. Er wollte sie behüten, bestaunte ihre Reinheit und Unschuld. Wenn sie allein waren, berührte er seinen Engel nur zart, fürchtete, das Innerste dieses himmlischen Wesens zu verletzen.
      Dennoch stieg Dunkelheit in ihm auf. Er verzagte. Wie konnte er hoffen, diesen Engel zu besitzen? Er war arm, hässlich, ungelenk, von Pockennarben entstellt. Kr fühlte sich meistens wie ein wandernder Wollsack. Nur seine graublauen Augen bezauberten die Menschen. Manchmal bildete er sich aber auch ein, dass sie in ihm einen Unhold sahen. Dabei liebte er die Menschen. F.r träumte davon, dass es eine friedliche, vernunftgeleitete Welt gäbe. Kr liebte besonders die unscheinbaren Menschen, die kleinen, am meisten natürlich die Kinder.
      In Gedanken phantasierte er sich manchmal in eine menschliche Gesellschaft hinein, in der das Leben voll Gerechtigkeit und Einfachheit verlief. Dort bewunderte jeder das Schöne, jeder starb gelassen.
      Nur Fanny erzählte er von diesem Traum, in dem nicht die kirchlichen Dogmen die Menschen einengen sollten, sondern jeder sollte Anhänger einer allgemeinen Vernunftreligion sein. Männer und Frauen wären gleichermaßen gebildet. In solch einer Welt wäre groß, was sonst als klein gilt: das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne - all dies wäre groß. Diese Erscheinungen wären nicht kleiner als das prächtig cinherziehende Gewitter, der Blitz, welcher Fläuser spaltet, der Sturm, der die Brandung vor sich her treibt, der Feuer speiende Berg oder das Erdbeben, welches Länder verschüttet.
      Fanny hatte ihm immer schweigend und staunend zugehört, wenn er ihr seinen Traum erzählte. Sic hatte ihn dann stetsso zart umarmt und so sanft sein Gesicht gestreichelt, dass ihm ganz wohl war.
      In solchen Momenten war er glücklich und ausgelassen. Nachts allerdings lag er oft wach, quälte sich mit Lebensängsten, fühlte sich klein und unzulänglich und konnte doch nicht darauf verzichten, nach dem Unerreichbaren zu streben.
      Am Morgen, wenn er aufwachte, zuerst an Fanny dachte, sein Glück bestaunte, tat ihm das Herz immer leise weh. Jetzt, im Jahre 1832, kannte er Fanny schon fünf Jahre. Aus der Freundschaft war Liebe geworden. Er wusste, dass niemand Fanny je so gut kennen würde, wie er sie kannte, dass niemand sie jemals so lieben werde, wie er sie liebte. Bis an sein Lebensende würde er sie heben: heftig, staunend und zart.
      Schrecklich war es, wenn Fanny auch mit anderen Männern sprach, wenn er glaubte, dass sie auch anderen, wenn auch nur für Minuten, Platz in ihren Gedanken oder gar in ihrem Herzen gab. Adalbert quälte Fanny deshalb nicht selten mit misstrauischer Eifersucht. Er fürchtete in all seinem Glück auch stets, dass ihre Liebe wie ein Kartenhaus zusammenstürzen könne.
      Adalbert kehrte aus seinen Erinnerungen zurück, erblickte auf seinem kleinen Ã-lbild die Burgruine Wittinghausen, nahm unwillig ein Tuch und verhängte das Gemälde. Schluss jetzt mit der Glückscrinnerung, Schluss auch mit den Vergänglichkeitsängsten. Er musste sich gleich, sofort, genau an diesem Tag um eine Stellung kümmern, damit er genügend Geld verdiente, um Fanny endlieh heiraten zu können. Kr konnte doch nicht riskieren, dass eines Tages ihr gemeinsamer Hausstand gepfändet würde, nur weil er nicht tatkräftig genug war, Geld heranzuschaffen.
      Vielleicht könnte er eine Professur bekommen oder im Schulwesen arbeiten, Schulrat werden. Seine I Iauslehrertä-tigkeit empfahl ihn als guten Pädagogen. Kenntnisse hatte er genügend erworben. Begabt war er auch. Das wusste er. Das wussten auch andere, die ihn kannten.
      Auf die leidenschaftliche, sinnliche Amalia musste er deswegen ja nicht gleich verzichten. Vielleicht konnte er auch sie lieben. Aber anders als Fanny.
      Die Liebe zu der schönen Amaha wäre dann körperlich, archaisch, rauschhaft. Für Fanny aber würde er den Himmel auf Frden schaffen.
     

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