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Ein Schüler wird »geköpft« - Über Gottfried Keller



Protokoll
über die Sitzung der aus Vertretern der Kantonsbehörde Zürichund aus der Lehrerschaft der hiesigen Industrieschule im Juli 1834 gebildeten Kommission zur Untersuchung jener in der letzten Woche stattgehabten Krawalle
Es ergeht als ßeschluss: Der Schüler Gottfried Keller ist eindeutig als Anstifter und Rädelsführer jener unerlaubten und allen guten Sitten Hohn sprechenden Krawalle der Schülerschaft, die sieb die Demütigung des Lehrers Gaspar Bcnzli zum Ziel gesetzt hatten, überführt worden. Angesichts der Dreistigkeit seines Vorgehens in besagter Angelegenheit, das dazu angetan war, in der Stadt Unruhe und Unordnung hervorzurufen, erkennen wir bei dem Schüler auf ein völliges hehlen an sittlicher Reife und auf eine eindeutige Neigung zu kriminellem Verhalten und verfügen den Verweis von unserer Anstalt.
      Das Verhör der an dem Skandal beteiligten Schüler erbrachte folgende Erkenntnisse:
Besagter Lehrer Caspar Bcnzli, der in jener Klasse der Industrieschule ob des allseitigen Lehrermangels als Hilfskrafteingesetzt worden ist, erfreute sich von Anfang an bei seinen Schülern keiner allzu großen Beliebtheit. Bei unserer Untersuchung stellte sich unter anderem heraus, dass sein ordentlicher Name Bcnzli allgemein im Munde der Schüler in Bünzli [Spießer] abgewandelt wurde.
      Eine gewisse Rolle mag dabei gespielt haben, dass gleich zu Beginn des Schuljahres das Gerücht verbreitet wurde, Bcnzli habe geschworen, die Aristokratenkinder der Stadtjugend mit eiserner Rute zu bändigen. Bcnzli bestreitet, je derlei gesagt oder auch nur angedeutet zu haben. Man kann davon ausgehen, dass die Behauptung einer solchen Äußerung letztlich von den Eltern einiger Schüler ausging, die an den radikalen politischen Ansichten Herrn Benzlis Anstoß nahmen und es dahin bringen wollten, dass ihre Kinder dem Einfluss eines solchen Mannes möglichst bald wieder entzogen würden.
      Von Anfang an, so Bcnzli, habe die Klasse ihn abgelehnt, allerlei Unfug getrieben und sich geweigert, die ihr gestellten Aufgaben auszuführen. Ohne dass der einzelne Übeltäter namhaft zu machen gewesen wäre, sei über ihn geschnödet [abfällig geredet] worden.
      Die Dinge spitzten sich dann immer mehr zu, bis Herr Benzh sich schließlich nicht mehr anders zu helfen wusstc, als jeden Schüler vor die Tür zu stellen, der auch nur den geringsten Schabernack verübte. Es wurde durch mehrere Schüler bestätigt, dass selbst eine unschuldig gestellte Frage an ihn, das absichtliche oder unabsichtliche Fallenlassen eines Gegenstandes hingereicht habe, um aus der Klasse gewiesen zu werden.
      Schließlich, so Ben/h, sei es dahin gekommen, dass er vor drei oder vier ewig Braven Unterricht gehalten habe, während der Rest der Schüler sich vor der Tür auf seine Kosten belustigte und allerlei Allotria trieb.
      Im Laufe des Schuljahres habe sich der Konflikt immer weiter verschärft. Ms sei erwiesen, dass die Schüler daheim vor ihren Eltern mit ihrem aufsässigen Verhalten geprahlt hätten. Diese seien dann zwar nicht so weit gegangen, derlei Schandtaten ihrer Kinder gutzuheißen, doch hätten sie sich wohl an die Streiche erinnert, die sie selbst ihren Lehrern in ihrer Schulzeit zu spielen pflegten.
      Mehr noch mag zu einer augenzwinkernd erteilten Ermuntc-rung ihrer Kinder beigetragen haben, dass Benzli, was seine politischen Ansichten anging, im Ruf stand, ein Radikaler zu sein, deren neuerlich zunehmender Einfluss im Geschehen der Stadt den meisten Eltern widerstrebt. Ercilich sind die Vorgänge auch dem Direktor der Schule und den Vertretern der Schulpflege, ja endlich sogar dem zuständigen Beamten des Erziehungsdepartments zur Kenntnis gebracht worden. Dann erkrankte Herr Benzli, wohl nicht zuletzt aufgrund der starken nervlichen Belastung. Man überlegte, ob man auf seine weitere Mitarbeit nicht besser verzichten solle, bekam aber von ihm zu hören, er sei auf diese Einkünfte auf Leben und Tod angewiesen, weil er eine zahlreiche Familie habe, die nach Brot schreie.

     
Ehe Benzli darauf den Unterricht wieder aufnahm, begab sich der Direktor der Anstalt in die Klasse und redete den Schülern ins Gewissen, eine Maßnahme, die sich als völlig nutzlos erwies, denn kaum betrat Herr Benzli selbst wieder das Klassenzimmer, versöhnlich und bescheiden, wie er selbst seine Haltung beschrieb, da brach bei den Schülern wilder Jubel los, den man keineswegs als Zustimmung werten darf, sondern der Ausdruck von Genugtuung darüber war, dass ihnen die Zielscheibe für Hohn und Rüpelhaftigkeit derart wiedergegeben wurde.
      Nun zu den Aussagen des Schülers Gottfried Keller, der von der Kommission zu seiner Rolle bei den Vorgängen sehr ausführlich befragt worden ist.
      Er behauptet, zunächst nur deshalb sich an den Streichen beteiligt zu haben, die jeweils zu einem Hinauswurf führten, »weil er um keinen Preis bei den wenigen verpönten Gerechten bleiben wollte, die im Klassenzimmer saßen«. Schon damit zeigt sich ein gehöriges Maß an Unreife, Haltlosigkeit und fortgeschrittener Verdorbenheit, wie sie auch die weitere Handlungsweise des Schülers Keller in der bewussten Angelegenheit bestätigt.
      Er will, so behauptete er vor der Kommission, für Benzli sogar heimliches Mitleid empfunden haben, worin man aber eine Schutzbehauptung, um nicht zu sagen eine plumpe Lüge, sehen muss.
      Einmal sei er Benzli auf einem Spaziergang begegnet; dieser habe mit seinem Blick auf ihn so gewirkt, als flehe er um Barmherzigkeit, worauf er, Keller, artig die Mütze gezogen und ihm einen Gruß entboten habe. Ein freudiges Glänzen sei daraufhin in Benzlis Blick aufgekommen, und Keller habe sich vorgenommen, man müsse in Zukunft mit dem Lehrer unbedingt artiger umgehen.
      Diesen Behauptungen stehen die Aussagen einiger Mitschüler Kellers krass entgegen. Eine Gruppe von drei oder vier derselben hatten sich zusammengefunden, um das weitere Vorgehen, das Abstrafen von Benzli, wie sie es nannten, zu besprechen. Dabei habe Keller ganz und gar nicht zur Mäßigung oder Schonung des Lehrers gemahnt, sondern vielmehr zum Besten gegeben, wie dieser am 'lag zuvor wie ein gepeitschter Hund auf dem Eeldweg an ihm vorbeigeschhehen sei, zu zittern begonnen und um Gnade gewimmert habe, als er, Keller, freilich nur zum Schein, Anstalten gemacht habe, ihn tätlich anzugreifen.
      Sodann kam die Kommission bei ihrer Befragung des Keller auf jene Vorgänge zu sprechen, die sich an besagtem Donnerstagnachmittag während des Unterrichts und danach zutrugen.
      Benzli hatte eine Überprüfung in Physik schreiben lassen und dabei Fragen gestellt, die, wie die Schüler behaupten, deswegen von ihnen unmöglich beantwortet werden konnten, weil derlei Stoff nie im Unterricht dargestellt worden sei. So sei beispielsweise nach dem Durchmesser des Planeten Venus, dessen Achsenneigung und dessen Entfernung zur Sonne gefragt worden. Schon nach Diktieren der Fragensei es zu einem Proteststurm gekommen, der sich nach Einsammeln der Blätter in dem allgemeinen Ruf fortgesetzt habe: »Bünzli auf die Venus!«
Der Lehrer habe daraufhin seine Mappe samt den Blättern zusammengerafft und sei eiligst verschwunden. Da es die letzte Stunde war, hätten sich auch die Schüler angeschickt heimzugehen. Es habe sich vor der Schule eine Art quirliger Haufe gebildet, in dem jedermann zwar bereit gewesen sei, es dem Benzli heimzuzahlen, aber keiner habe zu sagen gewusst, wie.
      Etliche Bürger seien unter ihre Türen getreten und hätten miteinander getuschelt: »Was mögen die nur vorhaben? Die sind, bei Gott, so munter, als wir es einst gewesen sind.« Auch aus anderen Klassen seien Schüler hinzugekommen und es sei ein Stimmengewirr aufgekommen, das man bis zur Gemüsebrücke hin gehört habe.
      Was den Schüler Keller angeht, so behauptet er, zuerst abseits gestanden zu haben und im Zweifel gewesen zu sein, ob er da mittun solle, was nun wiederum in krassem Widerspruch zu seinem späteren Verhalten steht. Er sei schließlich nur zu dem Haufen der Aufgebrachten und Krakeelenden hingegangen, um herauszufinden, was sie denn nun zu tun vorhätten. Er sei mit dem Ruf begrüßt worden: »Ah, da kommt der Grüne Heinrich, der wird Rat wissen, was nun geschehen soll.« Grüner Heinrich sei wegen seiner Vorliebe für grüne Kleidungsstücke Kellers Spitzname gewesen. Schon dieser Ausruf, so betonte ein Mitglied der Kommission in der Beratung, ein Ausruf, der im Übrigen von Keller selbst rapportiert worden ist, weise darauf hin, dass dieser von Anfang an die Rolle eines Rädelsführers übernommen habe.
      Was der Sehüler Gottfried Keller nun aussagte, verdient über den Zwischenfall hinaus Beaehtung, beweist es doch, wie gefährlich sich der Geist der Sansculotten [Anhänger der Fran-zösischen Revolution] in den Hirnen unserer Jugend bereits eingenistet hat. Keller erklärte uns nämlich, in eben dem Augenblick sei ihm eine in einem Buch gelesene Szene von Volksbewegung und Revolution in den Sinn gekommen. Es habe ihn eine Art Begeisterung überkommen, die mehr mit der loffnung auf eine baldige Veränderung der politischen Verhältnisse in unserem Kanton als mit Benzli zu tun gehabt habe. Keller habe darauf zu dem unordentlichen und krakeelenden Haufen seiner Mitschüler gesagt: »Wir müssen uns unbedingt jetzt in gleichmäßigen Abteilungen aufstellen und ein Vaterlandslied anstimmen.« Genau dies sei auf der Stelle geschehen und die Schülerabteilung habe sich unter lautem Gesang in Bewegung gesetzt. Wie er da mit den anderen durch mehrere Straßenzüge gezogen sei, habe er über die Frage nachgesonnen: »Was wollen wir nun eigentlich beginnen, wenn wir Benzlis Haus erreichen?«, wohin der Umzug sich nämlich offensichtlich bewegte. Vorgestellt habe er sich, dort ein Lied abzusingen und mit einem Hurra auseinander zu gehen. Vor dem Haus angekommen, hätten aber einige sogleichwieder gerufen: »Bünzli auf die Venus!« Andere riefen: »Holen wir uns doch die Blätter mit unserer Überprüfung zurück!« Und wieder andere: »Ins Haus, ins Haus! Wir wollen ihm eine Dankesrede für sein Tun abstatten!« Worauf die Mehrzahl sich tatsächlich in den engen Hausflur hineingedrängt habe und die Stiegen hinaufgestürmt sei. Üben, im ersten Stock, an der Wohnungstür der Familie Benzli, habe man verharrt. Fs sei mucksmäuschenstill geworden. Fr, Keller, habe unten gestanden und gehorcht, unschlüssig, was er unternehmen solle, doch wolle er nicht leugnen, dass er dem Benzli jetzt den ganzen Aufruhr vergönnt habe, denn die Fragen der Überprüfung seien wirklich unglaublich schikanös gewesen.
      Fndlich sei oben nicht Benzli, sondern dessen Fheweib mit den Blättern in der Hand vor che Für getreten. »Hier habt ihr, was ihr verlangt!«, habe sie gerufen und dem, der am nächsten stand, die Blätter hingereicht. Der betreffende Schüler habe Zündhölzer aus der Tasche gezogen und das Papier sogleich angezündet. Jedenfalls seien im Nu die Überprüfungen als brennende oder halb verkohlte Blätter durch das Stiegenhaus gewirbelt.
      Unterdessen hätten wohl Nachbarn, erschreckt über das Lärmen, die Polizei verständigt und es seien bald drei Sergeanten mit gezogenen Säbeln erschienen. Die meisten übrigen Schüler seien über den Hof entwischt. Nur zwei von denen, die oben krakeelt hätten, und Keller, der immer noch an der Haustür gestanden sei, habe man festgenommen und auf die Wache gebracht, wo sogleich ein Protokoll ausgefertigt worden sei.
      Die beiden anderen arretierten Schüler haben unabhängig voneinander Keller als den Anstifter des Skandals bezeichnet.
      Nach dem Verhör des Schülers Gottfried Keller durch die Kommission, dem die Vernehmung von fünf weiteren der Beteiligten vorausgegangen war, erörterte man die Ereignisse ohne die Missetäter. Dabei wurde man sich der Schwere der verübten Frevel bewusst. Man sah die Tatbestände des Aufruhrs, der Tätlichkeit gegen einen unbescholtenen Bürger, der Nötigung, ja, der versuchten Brandstiftung als gegeben an. Man war sich bald einig, dass, angesichts solchen Skandals, ein Exempel statuiert werden müsse. In einer Zeit wieder unsrigen muss gegen Tätlichkeiten dieser Art mit aller Schärfe vorgegangen werden, will man verhindern, dass der Cholerabazillus der Revolution sich auch in unserer schönen Stadt ausbreitet.
      Da es keinen Zweifel darüber gibt, dass der Keller der Rädelsführer des schändlichen Unternehmens gewesen ist, und da er in seinen eigenen Aussagen bekannte, dass besagter Bazillus schon in seinem Hirn tätig geworden ist, wurde für seine Person der Verweis von der Anstalt einstimmig beschlossen. Bei allen übrigen Beteiligten, sofern ihre Namen in den Aussagen vor der Polizei und der Kommission zutage gekommen sind, wurden Karzerstrafen verhängt, die sie in der Schule verbüßen sollen.

     
Jahre später, in seinem Roman Der Grüne Heinrich, wird Gottfried Keller feststellen:

Wenn über die Rechtmäßigkeit der Todesstrafe ein tiefer und anhaltender Streit obwaltet, so kann man füglich die Frage, ob der Staat das Recht hat, ein Kind oder einen jungen Menschen, die gerade nicht tobsüchtig sind, von seinem I'.rzic-hungssystem auszuschließen, zugleich mit in Kauf nehmen. Gemäß jenem Vorgange wird man mir, wenn ich im späteren Leben in eine ähnliche ernstere Verwicklung gerate, bei gleichen Verhältnissen und Richtern wahrscheinlich den Kopf abschneiden; denn ein Kind von der allgemeinen Erziehung ausschließen heißt nichts anderes als seine innere Entwicklung, sein geistiges Leben köpfen.
     

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Ein  Schüler  wird  »geköpft«  -  Ãœber  Gottfried  Keller    

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