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Die geheime Verlobung - Ãober Heinrich von Kleist



Es gab keine Vorwarnung für sie, nicht das geringste Anzeichen. Auch später, als sie schon wusste, was für eine schockierende Beigabe ihr Aufsat/.hcft heute enthielt, konnte sie sich an nichts Ungewöhnliches in Heinrichs Verhalten erinnern. Seine Miene war streng wie immer und ein wenig missbilligend. Wahrscheinlich, dachte Wilhelmine von Zenge, habe ich wieder zu viele Deutschfehler gemacht. Aber war das ihre Schuld? Die Regeln der deutschen Sprache hatte sie nie richtig gelernt. In ihrem Elternhaus sprach man Französisch, wie in vielen adligen Familien in Preußen. Man schrieb das Jahr 1800. In England hatte man wenige Jahre zuvor die erste Pferdeeisenbahn eingerichtet. In Frankreich war das Metermaßsystem eingeführt worden und in Berlin lief seit einem Jahr die erste Dampfmaschine. Ach ja, Berlin! Noch immer wurden Wilhelmines große, braune Augen vor Sehnsucht feucht, wenn sie sich an die preußische Hauptstadt erinnerte. Bevor ihr Vater vor einem Jahr nach Frankfurt an der Oder versetzt wurde, war er bei der Infanterie des Königs in Berlin stationiert gewesen. Für Wilhchninc war der Umzug eine Katastrophe gewesen. Sie war achtzehn und gerade erst in die Berliner Gesellschaft eingeführt worden. Als älteste Tochter des Generalmajors
Hartmann von Zenge hatte sie auf Bällen getanzt, sich von jungen Kavalieren den Flof machen lassen, hatte mit ihren Eltern die Oper besucht und die eleganten Damen aus dem Hofstaat der schönen Königin Luise bestaunt. Plötzlich, fast über Nacht, war das alles vorbei gewesen. Auf Befehl von Friedrich Wilhelm

II.

, dem König von Preußen, war der Generalmajor von Zenge zum Standortkommandanten von Frankfurt an der Oder ernannt worden. Vorbei die glänzenden Bälle. Schluss mit den sie jedes Mal von neuem verzaubernden Opernaufführungen. Nach all den aufregenden Jahren in der Hauptstadt hatte sich Wilhchninc in einem Provinznest mit gerade mal zwölftausend Einwohnern wiedergefunden.
      In dieser gesellschaftlichen Einöde war es fast schon ein Glück, dass gleich nebenan die Familie von K. wohnte. Die Restfamilie, um genau zu sein. Denn die Eltern waren beide schon vor vielen Jahren gestorben, zuerst der Vater, ein Bataillonskommandeur, dann auch die Mutter. Eine Tante hatte die Führung des Haushalts übernommen und sich um die sieben Waisen gekümmert.
      Die Familie von K. war ein altes pommersches Adclsge-schlecht ohne große Besitztümer. Sic hatte schon zahllose Offiziere hervorgebracht, darunter mehrere Generäle und Feldmarschälle. So war es nahe liegend, dass sich die jungen Töchter des Standortkommandanten mit den Schwestern der Familie von K. anfreundeten. Aber die Hauptperson in dem stattlichen Haus gegenüber der Marienkirche war zweifellos Leopold, der jüngere Bruder, ein lebenslustiger, fröhlicher junger Mann, der es verstand, die Mädchen mit Scherzen und Albernheiten zu unterhalten. Leopold hatte, der Familientradition entsprechend, die Offizierslaufbahn eingeschlagen. Lnde 1799 wurde er dann nach Potsdam versetzt und die Aufmerksamkeit der Mädchen richtete sich - notgedrungen - auf den einzig übrig gebliebenen jungen Mann im Haus von K., auf den zweiund-zwanzigjähngen Heinrich.
      Der allerdings war alles andere als ein Charmeur. In sich gekehrt und mit finsterer Miene bewegte er sich durchs 1 laus. Wortkarg war er und immer von einem leisen Hauch von Geheimnis umgeben. Keiner wusste eigentlich genau, was dieser seltsame Griesgram mit seinem Leben vorhatte. Heinrich studierte an der Frankfurter Universität, einer gemütlichen, kleinen Hochschule mit kaum mehr als dreihundert Studenten. Er hatte sich an der philosophischen Fakultät eingeschrieben. Eigentlich war er zu alt für ein Studium. Umso eifriger versuchte er, sich eine möglichst umfassende Bildung zu erarbeiten.
      Zu alt fühlte er sich offenbar auch für das Ansinnen der Mädchen, den verwaisten Platz seines lebenslustigen Bruders Leopold auszufüllen. Er schien wenig Lust zu verspüren, ihnen auf harmlos-amüsante Weise die Zeit zu vertreiben. Aber etwas anderes fiel ihm ein, als die Mädchen nicht lockerließen. Er fasstc den Plan, sich um die Bildung der jungen Damen zu kümmern, und ließ extra ein Katheder fürsich anfertigen, von dem herab er seinen Schülerinnen Vorträge hielt. Manchmal, wenn er sich in ein Thema hineinsteigerte, verfiel er dabei in eine Art Stottern. Zum Unterricht gehörten auch die Regeln der deutschen Sprache. Die jungen Mädchen mussten kurze Aufsätze schreiben, die der selbst ernannte Lehrer streng korrigierte. An diesem kühlen 1 lerbstabend erhielt Wilhelmine von Zeuge ihren Aufsatz als Letzte zurück. Wie immer war das Heft in weißes Papier eingeschlagen. Kaum hatte Heinrich ihr das Päckchen überreicht, da beendete er den Unterricht abrupt und verließ das Schulzimmer.
      Wilhelmine nahm ihren Aufsatz mit nach 1 lause. Erst dort öffnete sie den Umschlag und fand zwischen den Blättern einen Brief. Zu ihrem größten Erschrecken las sie, dass Heinrich von K. sie schon lange herzlich liebe und sie ihn durch ihre Hand sehr beglücken könne. Sie erbleichte. Ein Heiratsantrag!
Betroffen las das Mädchen den Brief, den sie im ersten Schreck in ihren Schoß hatte sinken lassen, noch einmal. Diesmal folgte ihr Blick den schmalen, hastig voranstürmenden Zeilen Wort für Wort. Aber ihre Hoffnung, sie habe vielleicht zu viel hineingelesen in den kurzen Text, erfüllte sich nicht. Dieser rätselhafte Mensch hatte es sich offenbar wirklich in den Kopf gesetzt, dass er sie ehrlich liebe. Er bat allen Ernstes um ihr Jawort.
      Hatte sie ihm denn jemals Hoffnungen gemacht? Eindringlich prüfte sie ihr Verhalten in den vergangenen Monaten.

     
War sie ihm gegenüber etwa zu freundlich gewesen? Sie hatte ihm doch immer weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt als ihre beiden Schwestern, Luise und Charlotte. Sie war doch die Ã"lteste, sie musste Vorbild sein. Hatte sie auch nur ein einziges Wort zu ihm gesprochen, das ihn hätte glauben machen können, sie hege in ihrem Busen andere als freundschaftliche, ach was, als nachbarliche Gefühle für ihn? Nein, ganz bestimmt nicht!
Hatte denn andererseits er durch herzliche Worte, zärtliche Gesten oder schmachtende Blicke ihr jemals zu verstehen gegeben, dass er tief in seinem Inneren mehr für sie empfand als ein gestrenger Lehrer für seine gehorsame Schülerin? Hatte er auch nur andeutungsweise ihr so den Hof gemacht, wie sie es in Berlin mehr als einmal bei den heimlich entflammten jungen Offizieren beobachtet hatte? Wiederum nein!
Wie konnte er es dann wagen, durch diesen gänzlich unerwarteten - und ebenso unwillkommenen - Antrag sie, die er doch angeblich herzlich liebte, derart in Verlegenheit zu setzen?
Wieder ließ sie den Brief sinken. Ihr Blick richtete sich ins Unbestimmte und sie sann darüber nach, wie sie sich nun, da dieses Schreiben nun einmal in ihre Hand gelangt war, verhalten solle. Sie musste schleunigst dafür Sorge tragen, dass weder ihrem eigenen Ruf noch dem des unbedachten Schreibers unauslöschbarer Schaden zugefügt wurde. Ihr erster Gedanke war, sich ihrer Mutter anzuvertrauen.

     
Aber sogleich schüttelte sie heftig den Kopf. Würde die Mutter ihr denn glauben können, dass sie wirklich nicht die geringste Veranlassung gegeben hatte zu diesem unverhofften Antrag? Die Mutter würde mit dem Brief wahrscheinlich stehenden Fußes zum Vater laufen und schon wäre der schönste Skandal da. Kein Mensch würde ihr glauben, dass sie ganz und gar unschuldig war an diesem schockierenden Vorfall.
      Aber der Gedanke an die Kitern brachte sie auf eine ganz andere Ãoberlegung. Wer war dieser Heinrich von K. denn überhaupt? Nein, Heinrich K. musste sie ihn wohl besser nennen. Das »von« ließ er ja neuerdings gern weg. Als ob er drauf pfeifen würde auf seinen Adel. Von ihr würde er das dann wohl auch erwarten und sie würde mit Wilhelmine K. unterschreiben müssen, wenn sie ihn denn heiratete. Die Eltern würden als Allererstes, wie es ihre Pflicht war, natürlich die Frage stellen, wovon er ihre älteste Tochter denn ernähren wolle. Noch vor einem Jahr hätte der junge Bewerber darauf leicht Antwort geben können. Mit fünfzehn war er, soviel sie wusste, auf Fürsprache seiner Verwandten in das Potsdamer Garderegiment aufgenommen worden und hatte im Jahr darauf am Rheinfeldzug gegen die Franzosen und an der Belagerung von Mainz teilgenommen. In sieben Jahren hatte er es zum Sekondeleutnant gebracht. Einer militärischen Karriere hätte nichts im Wege gestanden. Bei Berücksichtigung des vermutlich nicht sonderlich großen, aber doch ausreichenden Familienvermögens, über das er nach seiner Volljährigkeit würde verfügen können, hatten die Mittel vielleicht ausgereicht, eine Familie zu unterhalten.
      Aber was hatte dieser rätselhafte Mensch getan? Schon als Offizier in Potsdam hatte er sich, mehr Student als Soldat, den Wissenschaften verschrieben. Er habe sich ausschließlich mit Mathematik und Philosophie beschäftigt, den beiden Grundfesten allen Wissens, hatte er einmal, vom Katheder herab, seinen jungen Schülerinnen verkündet, und als Nebenstudien die griechische und lateinische Sprache betrieben. All das mochte ja noch hingehen, solange der Dienst es erlaubte. Aber dann hatte der junge Leutnant in seinem ungestümen Wissensdrang und aus wachsender Abneigung gegen den Soldatenstand einen leichtfertigen Schritt getan, der seine berufliche Zukunft für immer zerstörte: Kr war beim König um seine Kntlassung aus dem Garderegiment eingekommen und hatte seinen Abschied erhalten. Das war die Situation, in der dieser eigensinnige Mensch ohne jede Vorwarnung, wie ein Blitz aus heiterem Himmel sozusagen, um ihre Hand anhielt. Wilhelmine beschloss, den Antrag erst einmal für sich zu behalten. Womöglich hatte Heinrich den Brief aus einer bizarren Laune heraus geschrieben und bereute seinen Schritt längst. Wer weiß, wenn sie überhaupt nicht auf sein Schreiben einging, wenn sie sich den Anschein gab, dass es ihr nie unter die Augen gekommen sei, vielleicht ließ der vorwitzige Kerl dann die ganze Angelegenheit auf sich beruhen. Aber sie würde noch vielmehr als bisher peinlichst auf sich Acht geben müssen. Kein Wort, kein Lächeln, keine noch so winzige Geste von ihr durfte ihm auch nur die geringste Hoffnung machen. Ja, dachte sie, sich mit Zuversicht wappnend, so würde es vielleicht gehen.
      Aber als sie am nächsten Morgen aus einem unruhigen Schlaf erwachte, beschloss sie, zusätzlich noch einen Antwortbrief zu schreiben. In bewusst nüchternen Worten teilte sie dem unerwünschten Verehrer mit, dass sie ihn nicht liebe und auch nicht seine Krau zu werden wünsche, doch würde er ihr als Kreund immer recht wert sein.
      Wie erleichtert war sie, als sich Heinrich in der nächsten Unterrichtsstunde ganz normal gab. Seine Zunge mochte vielleicht ein wenig schwerfälliger sein als sonst. Kr behandelte Wilhelmine mit derselben Distanz wie immer. Kr prüfte sie sogar peinlicher denn je und seine blauen Augen musterten sie dabei finsterer als üblich. Kr weist mich zurück, dachte das Mädchen erfreut. Kr bereut seinen Antrag und gibt mir nun auf seine Art zu verstehen, dass ich diesen unsäglichen Brief vergessen soll.
      Nach der Vorlesung richtete sie es so ein, dass sie als Krste den Raum verlassen würde. Doch Heinrich rief sie zurück. »Sie haben sicher bemerkt, meine liebe Wilhelmine«, sagte er, als sie allein waren, mit einem treuherzigen Lächeln, »dass ich heute strenger als sonst mit Ihnen war. Das wird in Zukunft immer so sein. Ich lege Wert darauf, dass meine künftige Krau ...«

»Ihre künftige Frau? Aber ich habe Ihnen doch geschrieben, dass ich unter keinen Umständen daran denke ...« Er könne ja verstehen, dass sie Bedenkzeit brauche, lenkte er sofort ein. Diese Zeit würde er ihr selbstverständlich einräumen. Aber inzwischen müsse sie gestatten, dass er sich der Entwicklung ihres Bildungsstandes annehme. So ganz vertan, wie er immer behauptete, waren die sieben Jahre als Soldat wohl doch nicht für ihn gewesen. Beim Potsdamer Garderegiment hatte er gelernt, worauf es beim Erstürmen einer Festung vor allem ankommt: auf Hartnäckigkeit. Diese Strategie wendete er auch bei der Eroberung der abweisenden Wilhelmine von Zeuge an: Er ließ nicht locker. Er akzeptierte das klare Nein nicht und warb unbeirrt weiter um die Neunzehnjährige. Seine Briefe wurden flehender. Er warf sich der Umworbenen zu büßen, bettelte um noch so winzige Zeichen der Zuneigung, lauerte Wilhelmine auf, machte Versprechungen, drohte, sich das beben zu nehmen, wenn sie ihn nicht endlich erhöre.
      East ein halbes Jahr lang bearbeitete er das junge Mädchen. Dann endlich hatte er erreicht, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Wilhelminc erlag der hartnäckigen Werbung und der Garnisonschef Hartmann von Zenge willigte in die Verbindung ein. Allerdings wurde die Verlobung in aller Stille gefeiert. Denn die künftigen Schwiegereltern hatten die Bedingung gestellt, dass das Paar so lange mit der Heirat warten müsse, bis Heinrich von K. eine Arbeit gefunden hatte, die genug Geld einbrachte, um eine Familie zu ernähren.

     
Damit wiederum schien es, wie Wilhelmine bald entdeckte, ihr heimlicher Verlobter nun überhaupt nicht eilig zu haben. Viel wichtiger war es ihm, sich mit der Aufstellung eines Ee-bensplans für sich zu beschäftigen, dessen festen Grundsätzen er mit allem, was er dachte, fühlte und tat, folgen wollte. »Was der Reiseplan dem Reisenden ist«, schrieb er einmal, »das ist der Eebensplan dem Menschen ... und der Zustand ohne Eebensplan, ohne feste Bestimmung, immer schwankend zwischen unsichern Wünschen, immer im Widerspruch mit meinen Pflichten, ein Spiel des Zufalls, eine Puppe am Drahte des Schicksals - dieser unwürdige Zustand scheint mir verächtlich und würde mich so unglücklich machen, daß mir der Tod bei weitem wünschenswerter wäre.« Nach der geheimen Verlobung, von der natürlich alle wissen, es darf nur nicht darüber geredet werden, erwartet Wilhel-mine, dass Heinrich sich nun mit Feuereifer daran macht, sein Studium zu beenden und eine Anstellung zu finden. Aber weit gefehlt. Heinrich bricht seine Studien an der Frankfurter Universität ab und geht Mitte August zusammen mit einem Freund aus Offizierstagen auf eine geheimnisvolle Reise.
      Die daheim gebliebene Braut erfährt erst nach und nach, wohin genau die beiden jungen Männer, die sogar unter falschem Namen reisen, eigentlich unterwegs sind. Mal schreibt Heinrich aus Berlin, dann aus Pasewalk, wieder aus Berlin, aus Leipzig, aus Dresden, aus Reichenbach, aus Bayreuth und schließlich aus Würzburg. Angeblich will er nach Wien, vielleicht auch nach Straßburg. Aber was er dort vorhat, darüber verrät er nichts.
      Seiner Schwester Ulrike, von der er sich das Geld für diese Reise geliehen hat, schreibt er: »Ich kehre nicht so bald wieder. Doch das behältst Du für Dich.«
Würzburg erweist sich schließlich als Endstation, weil den beiden jungen Männern das Geld ausgegangen ist. Heinrich ist unruhig. Kr hat Wilhelminc mindestens zehnmal geschrieben, wie er ihr in seinen Briefen vorrechnet, von ihr aber nur zwei- oder dreimal Antwort erhalten.
      Das liegt sicher auch daran, dass die Briete, die er seiner Verlobten schreibt, alles andere als Liebesbriefe sind. Von Anfang an bombardiert er Wilhelmine mit Kragezetteln und Denkaufgaben, mit denen er angeblich ihren Verstand schulen will. So stellt er ihr etwa die berühmte Krage, »welcher von zwei Eheleuten, deren jeder seine Pflichten gegen den anderen erfüllt, am meisten bei dem frühen Tod des anderen verliert«, und kommt nach allerlei Drehungen und Wendungen »zu dem natürlichen Schluß, daß derjenige, der am meisten empfängt, auch am meisten verlieren müsse und daß folglich, da der Mann unendlich mehr empfängt als die Krau, er auch unendlich mehr bei dem Tode derselben verlieren müsse als die Krau bei dem Tode ihres Mannes.« Von Würzburg kehrt Heinrich nach Berlin zurück und bemüht sich dort um eine Anstellung im preußischen Staatsdienst. Es wird ihm erlaubt, als Hospitant an den Sitzungen der Technischen Deputation teilzunehmen. Aber er ist nursehr halbherzig bei der Sache. »Liebe Wilhelminc«, schreibt er an die in Krankfurt wartende Braut, »vergißt du denn, daß ich nur darum so furchtsam bin, ein Amt zu nehmen, weil ich fürchte, daß wir beide dann nicht recht glücklich sein würden? Vergißt Du, daß mein ganzes Bestreben dahin geht, Dich und mich wahrhaft glücklich zu machen?« Er hat längst gemerkt, dass er wenig Lust zum preußischen Zivildienst hat. Seiner Schwester Ulrike gegenüber wird er deutlich: »Ich fühle mich zu ungeschickt, ein Amt zu erwerben, zu ungeschickt, es zu führen, und am Ende verachte ich den ganzen Bettel von Glück, zu dem es führt.« Inzwischen hat er zu schreiben begonnen. Er entwirft erste Theaterstücke und merkt, dass er Talent hat. Aber hier wie auch sonst im Leben sind seine Erwartungen an sich selbst sehr hoch. Er hat romantische Träume von großen Werken, die ihn in den Dichterhimmel heben sollen. Während Wilhelmine in Krankfurt an der Oder darauf wartet, dass ihr Bräutigam endlich die Grundlage dafür schafft, dass sie ihre Verlobung offiziell bekannt geben können, entwickelt Heinrich immer neue Pläne. Kr fährt mit seiner Schwester Ulrike nach Paris und lebt dort einige Monate. Eine seiner Arbeiten aus dieser Zeit hat den Titel Die Verlobung in St. Domingo. Sie endet so: »... und noch im Jahre 1807 war unter den Büschen seines Gartens das Denkmal zu sehen, das er Gustav, seinem Vetter, und der Verlobten desselben, der treuen Toni, hatte setzen lassen.« Ein Happyend besonderer Art. Kür Heinrich von K. liegt das Glück der beiden Liebenden nicht darin, dass sie einander bekommen und ein Leben lang zusammenbleiben, sondern darin, dass sie einen idealen Zweck erfüllen, aueb wenn sie dabei den Tod finden.
      Wilhelmine schreibt er von Paris aus: »Ls mag wahr sein, daß ich so eine Art von verunglücktem Genie bin.« Und: »Aber Bücherschreiben für Geld - o nichts davon.« Kr verlangt, dass Wilhelmine ihm in die Schweiz folgt, wo er einen kleinen Bauernhof kaufen will. Dort, so meint er, könnten sie in selbst gewählter Armut gemeinsam glücklich werden. »Aber all dies, liebe Wilhelmine, mußt Du aufs Sorgfältigste verschweigen; sage auch noch Deinem Vater nichts von meinem Plane, er soll ihn erst erfahren, wenn er ausgeführt ist.« Im Februar 1802 lässt sich der nun Künfundzwanzigjährige in der Schweiz nieder. Kr lebt allein auf einer L'lussinsel in der Nähe von Thun und schreibt. Ks gelingt ihm, sein erstes Theaterstück fertig zu stellen, Die Familie Schrofjenstein. Kr arbeitet an der Komödie Der /.erbrochene Krug und an der Tragödie Robert Guiskard.
      Im April schreibt Wilhelmine ziemlich verzweifelt an ihren Verlobten. »Mein lieber Heinrich. Wo Dein jetziger Aufenthalt ist, weiß ich zwar nicht bestimmt, auch ist es sehr ungewiß, ob das, was ich jetzt schreibe, Dich dort noch treffen wird, wo ich hörte, daß Du Dich aufhältst; doch ich kann unmöglich länger schweigen. Mag ich auch einmal vergebens schreiben, so ist es doch nicht meine Schuld, wenn Du von mir keine Nachricht erhältst.«

Sechs Wochen später beklagt Heinrich in einem Brief von seiner einsamen Insel noch einmal die »Gründe, die es Dir unmöglich machen, mir in die Schweiz zu folgen«, und behauptet: »Ich werde wahrscheinlicherweise niemals in mein Vaterland zurückkehren. Ihr Weiber versteht in der Regel ein Wort in der deutschen Sprache nicht, es heißt Khrgeiz. [...] Kurz, kann ich nicht mit Ruhm im Vaterlande erscheinen, geschieht es nie. Das ist entschieden wie die Natur meiner Seele.« Der Brief endet mit der herzlos-wehleidigen Aufforderung an die Verlobte: »Liebes Mädchen, schreibe mir nicht mehr. Ich habe keinen anderen Wunsch, als bald zu sterben.«

Wenige Monate darauf ist er dann doch wieder zurück im Vaterland. Aber die heimliche Verlobung mit Wilhelmine von Zenge ist aufgelöst. Heinrich von K. ist wieder frei.
     

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