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Der Weg ins Paradies - Über Christoffel von Grimmelshausen



Der Junge mochte zwölf, dreizehn Jahre alt sein. Vor ihm stand eine große Trommel und neben ihm einer von den Kaiserlichen, ein Mann in einer abgerissenen Uniform, mit einem fuchsfarbenen Schnauzbart und mit von zersprungenen Adern durchzogenen Wangen.
      »Wenn die erste Linie vorrückt«, erklärte er dem Jungen, »trommelst du langsam drei Schläge, die ihrem Schritt ange-passt sind. Dann einen Schlag lang Pause. Das ist, damit sie aufmerken und nicht einfach stur vorangehen. Gleich darauf werden schon ziemlich viele ins Gras beißen. Nun kommt die zweite Linie. Jene brauchen schon etwas mehr Anstachc-lung. Also schlägst du jetzt rasch, wiederum drei Schläge, machst eine Pause und fügst noch einmal drei Schläge hinzu. Unterdessen wird auch die zweite Linie ziemlich viele Lücken aufweisen. Die Männer sind jetzt eingeschüchtert, weil sie ständig über die toten und verwundeten Kameraden stolpern. Deswegen musst du sie mit deinem Schlag aufmuntern. Er sollte nicht mehr so dumpf klingen wie zu Anfang. Er sollte rasch kommen wie für die zweite Linie, aber noch etwas spritziger. Er muss denen, die in der dritten Linie voranrücken, Mut geben. Deshalb schlägst du nun, wenn du drei rasche Schläge getrommelt hast, einmal mit dem Stecken auf den Trommclrand. Das ist das Geräusch, von dem man sagt, dass es einen den Tod vergessen lässt. Hast du das verstanden?«
Der Junge nickte lebhaft.
      »Gut, dann nimm dir jetzt die Trommel und geh dort hinten in das Wäldchen und übe. Du darfst beim Üben nicht mit voller Kraft schlagen, sondern ein wenig leiser, gedämpfter als morgen in der Schlacht. Aber dass du mir wenigstens eine halbe Stunde übst. So viel braucht es, um die Gelenke an die Bewegungen zu gewöhnen. Falls dich die Posten am Lagertor anhalten - die Parole lautet: >Sankt Jakob!< Wenn du sie ihnen nennst, werden sie dich hinaus- und später wieder hereinlassen.«
Der Junge, der Stoffel hieß, nahm die Trommel auf und hängte sie sich mit dem breiten Ledergurt über die rechte Schulter. Da er die Parole hersagen konnte, gelangte er ohne Schwierigkeiten durch das Lagertor.
      Während er auf das Buchenwäldchen zulief, dachte er: Ich sollte so einen Golem haben, so ein durch Zauber erschaffenes Wesen, das statt meiner trommelt. Dann wäre es leicht, fortzulaufen und einen sicheren Vorsprung zu erlangen. Aber so muss es auch ohne den Golem hingehen. Denn fortzulaufen, dazu war er fest entschlossen. Kr marschierte jetzt schon über vier Wochen bei den Kaiserlichen mit. Sie hatten die Stadt, in der er mit seinen Eltern lebte, eingenommen. Seine Mutter war von einer Kugel getroffen worden, als sie über die Straße gelaufen war, um beider Nachbarin ein Brot zu erbitten. Den Vater hatten sie totgeschlagen, als er sie daran hatte hindern wollen, zum dritten oder vierten Mal das Haus zu plündern, und sie sich daran machten, aus purem Mutwillen die Federbetten aufzuschlitzen.
      Nachdem er über den Tod beider Fdtern geweint hatte, war ihm von einem Soldaten erklärt worden, Tränen hülfen da wenig, nur mit List und Verstellung werde er selbst überleben. Als die Kaiserlichen ihn als Trossbuben hatten mitgehen heißen, hatte er, dieses Rates eingedenk, so getan, als ob ihn das freue.
      In den ersten Wochen beim I leer hatte er all jene Arbeiten verrichten müssen, die Soldaten nicht gern taten: ihr Unterzeug waschen und ihre nach Schweiß stinkenden Stiefel putzen; wenn sie abends würfelten und nichts mehr zu trinken hatten, zur Marketenderin laufen und Nachschub an Branntwein herbeischaffen; Tote eingraben, den Bauern Schweine forttreiben, Hühner stehlen ... Nun, er hatte all das ohne Murren ausgeführt und so mit der Zeit das Vertrauen der Männer erlangt, ja, er war ihnen unentbehrlich geworden. Bis dann eines Abends nach jenem Gefecht, in dem ihr Trommler auf dem Feld der Ehre sein Leben ließ, ihnen beim Würfeln der Einfall gekommen war, ihn zu ihrem Trommler zu machen. Das war eine Tätigkeit, bei der man ohne Waffe in die Schlacht ging, und deswegen riss sich keiner von ihnen darum. Jörg, dem sonst das Trommeln zugefallen wäre, wozu er sich aber nicht bequemen wollte, weil er einmal trommelnd verwundet worden war, hatte schließlich den Auftrag erhalten, den Jungen einzuweisen. Nun aber würde Jörg in der Schlacht, die morgen bevorstand, doch wieder selbst die Trommelstöcke führen müssen.
      Stoffel setzte entschlossen den Korpus der Trommel auf den Boden, strich noch einmal über die Schnüre, die von seitwärts das Fell spannten, legte die Stöcke quer über das Fell, feixte und ging in der dem Lager entgegengesetzten Richtung von dannen.
      Unermüdlich lief er immer weiter und wagte nicht, eine Rast einzulegen. Überall, wohin er kam, bot sich ihm das gleiche Bild: verlassene, verbrannte Dörfer und verwüstete Äcker, auf denen erst kürzlich ein Gefecht oder eine Schlacht getobt hatte.
      Seitdem ihm einmal in einer Scheune, in der er im Stroh übernachtet hatte, das Dach über dem Kopf angezündet worden war, schlief er, sofern es die Witterung zuließ, im Freien. Aber in den letzten Tagen hatte es viel geregnet und der Boden war überall durchnässt. Als nun bei Einbruch der Dämmerung eine Ortschaft vor ihm auftauchte und er sah, dass die meisten Häuser Ruinen waren, beschloss er, dort irgendwo unterzukriechen. Er entdeckte schließlich in einem der verlassenen Häuser ein Zimmer mit einem Kamin. Auch fand er Holz und Zunder. Er zündete ein Feuer an und ging dann in den Keller, um nach etwas Essbarem zu suchen. Er entdeckte nichts als ein Holzfass voller Gurken, aber da erfurchtbaren Hunger hatte, stopfte er von der sauren Speise so viel in sich, bis er satt war.
      Als er heraufkam und das Zimmer wieder betrat, in dem im Kamin das Feuer brannte, schrak er zusammen. Da saß jemand. F>st auf den zweiten Blick erkannte er, dass es ein kindliches Mädchen war. Als er eintrat, wandte sie sich zu ihm um und musterte ihn mit einem langen, misstrauischen Blick.
      »Guten Tag«, sagte er. Keine Antwort. »Wie heißt du?« Keine Antwort.
      »Gibt es hier etwas zu essen?«, fragte er.
      Diesmal bemerkte er ein schwaches Nicken. Sie stand auf und bewegte den Zeigefinger, zum Zeichen, dass er ihr folgen sollte.
      Die Speisekammer in der Küche hatte er übersehen. Ys fand Brot dort, mehrere Würste und einen Topf mit Schmalz. Die Augen fielen ihm fast aus dem Kopf.
      Das Mädchen deutete auf die Flaschen, die am Boden standen. Er holte ein Glas, goss einen Schluck ein und kostete. Ein ziemlich saurer Apfelwein. Dennoch trank er hastig zwei, drei Gläser.
      Bis das Mädchen ein Wort sagte, dauerte es bis zum nächsten Morgen.
      Sie hatten die Nacht vor dem Kamin verbracht. Sic hatte den Kopf an Stoffels Schultern gelegt und in dieser Stellung ruhig geschlafen. Stoffel hatte ihren warmen Atem an seinem Hals gespürt.
      Am Morgen, nachdem sie etwas gegessen hatten, sagte er: »Gehen wir!«
Sie schüttelte den Kopf. Der Zeigefinger wies auf den Boden. Es war klar, sie wollte bleiben.
      »Nein«, sagte er. »Wenn du hier bleibst, bist du verloren.« Sie machte eine Geste der Gleichgültigkeit. Kr runzelte die Stirn und überlegte. Schließlich sagte er: »Das lassen nehme ich mit.« Da kam das erste Wort aus ihrem Mund. »Wohin gehst du?«, fragte sie.
      Sie hatte gesprochen. Sie konnte reden. Er hatte schon gemeint, sie sei stumm. Es kam ihm vor wie ein Wunder. Er hob die Schultern und sagte: »Dorthin, wo es besser ist.« Sie sah ihn lange prüfend an, dann fragte sie: »Wo ist das?« Er machte eine unbestimmte Armbewegung. »Ist das auch wahr?«, fragte sie. »Wenn ich es doch sage!«
Sie lief fort und kam mit einer Bibel zurück. Sic nahm seine Hand und legte sie auf das Buch. »Schwöre es mir.« Er zog die Hand fort und sagte: »Entweder vertraust du mir oder ich gehe eben allein.«
Sie ließ ein Stöhnen hören, dann huschte der Anflug eines Lächelns über ihr Gesicht. »Also gut«, hörte er sie sagen, »gehen wir zusammen.« Sie wanderten viele Tage. Ihre Wanderung hatte kein anderes

Ziel, als den Krieg hinter sich zu lassen und zu überleben. Anfangs hatte er bei sich gedacht: Es ist angenehm, das Mädchen um mich zu haben. Nichts weiter. Doch dann veränderte sich etwas in seinen Empfindungen. Es war an dem Abend, an dem sie ihm zum ersten Mal vor dem Einschlafen einen Kuss gab. Er tat kaum ein Auge zu in jener Nacht, so sehr beschäftigte ihn dieser Beweis ihrer Zuneigung.
      Sie übernachteten im Freien, und wie er so wach lag, beobachtete er die Sterne. Endlich sagte er sich: Also gut, ich liebe sie. Es ist so eine Liebe, wie man sie für eine kleinere Schwester empfindet.
      Es war ein starkes Empfinden in ihm, dass er sie beschützen müsse. Aber leider wusste er noch immer nicht, wohin er sie führen sollte. Inzwischen war ihm, als sei überall Krieg, und einen Fleck Erde zu erreichen, wo Frieden herrschte, sei gänzlich unmöglich.
      Er dachte an sein Versprechen beim Aufbruch und kam sich wie ein Betrüger vor.
      Seitdem sie die Würste und das Brot aufgegessen und die Flaschen mit dem Apfelwein ausgetrunken hatten, ging er jeden Tag erst einmal auf die Suche nach etwas zu essen und zu trinken.
      Gewöhnlich ließ er das Mädchen, wenn sie sich einer Ortschaft näherten, auf dem Feld hinter einem Busch zurück und schlich sich selbst zwischen die Gehöfte. Häufig waren diese verlassen und in den Räumen fanden sich keine Nahrungsmittel mehr. Wohl aber konnte es geschehen, dass die Bewohner die Keller nicht ausgeräumt hatten, bevor sie geflohen waren. Einmal stahl er ein Huhn. Ein anderes Mal wurde er halb totgeschlagen, als ihn ein Bauer im Mühnerstall erwischte, wo er gerade dabei war, Eier einzusammeln. Wieder ein andermal brachte er nur ein Bund Mohrrüben mit.
      Den großen Heerhaufen verstand er immer aus dem Weg zu gehen, entweder indem er sich mit der Kleinen irgendwo verbarg oder indem er sich im Eilschritt mit ihr in genau die entgegengesetzte Richtung davonmachte. Des Nachts hatte er sich angewöhnt, über viele Stunden zu wachen und nur kurz zu schlafen, aus Furcht, es könne sich währenddessen eine Gefahr ergeben.
      Das Mädchen sprach wenig. Aus ihr herauszufragen, was in der Ortschaft geschehen war, in der sie sich begegnet waren, hatte er aufgegeben.
      Eines Nachmittags, am neunten Tag ihrer Wanderung, fragte sie ihn plötzlich: »Ist es noch weit?« »Ist was noch weit?« »Das Paradies.«
Erst wusstc er nicht, was sie meinte, dann fiel ihm ein, dass er ihr vorgestern, als er merkte, dass sie nicht einschlafen konnte, das Märchen vom Schlaraffenland erzählt hatte, wo in den Bächen Milch und Honig fließen und an den Bäumen Würste und Schinken hängen. Offenbar hatte sie alles für bare Münze genommen.

     
Er versuchte ihr nun zu erklären, dass dies alles nur erfunden, nur ausgedacht sei, etwas, was man sich wünsche, was es jedoch in Wirklichkeit leider nicht gäbe. »Aber warum nicht?«
Er zuckte die Achseln, denn er wusste keine Antwort. »Aber wenn man es doch erzählt«, beharrte sie. »Wie meinst du das?«
»Wenn man es sich erzählt, muss es doch einmal so gewesen sein.«
»Nicht unbedingt. Man wünscht es sich nur, und dann erzählt man es, als wäre es wirklich.« »Aber einmal wird es so sein?«
»Vielleicht, wenn es sich genügend Leute wünschen.« Sie sah ihn lächelnd an und sagte dann: »Zwei langen da nicht ... oder?«
Es schien ihm in diesem Augenblick unbedingt notwendig, ihr Mut zu machen, und wenn er auch wusstc, dass er sie beschwindelte, tat er so, als überlege er, und sagte dann: »Doch, eigentlich müssten zwei reichen.«
»Nur, wo fängt das an und was müssten die zwei tun, damit es geschieht?«
»Nichts als sich lieb haben«, antwortete er rasch und errötete dabei.
      »Du hast mich doch lieb, nicht wahr?«, fragte sie. »Ja doch«, sagte er schroff.
      »Also werden wir irgendwann ins Paradies kommen.« Er wagte es nicht, ihr zu widersprechen.

     
Schweigend gingen sie weiter.
      Es war am zehnten Tag ihrer Wanderung, als sie plötzlich bemerkten, dass ihnen eine Marschkolonne Soldaten entgegenkam.
      Sie erschraken und versteckten sich sofort in einem Dickicht, das am Rand einer Wiese lag.
      Sie drangen beide nur ein paar Schritte weit zwischen die Hecken und Sträucher vor. Das Gebüsch bestand aus Schwarzdornsträuchern, Brennnesseln und Brombeerhecken und hier und da einer morschen Weide. Stoffel war etwas weiter vorangekommen als das Mädchen. Als ihr die Dornenranken Arme und Beine zerkratzten, war sie stehen geblieben.
      Sie meinten schon, die Gefahr sei vorbei, als sie draußen auf der Wiese drei Männer auftauchen sahen. Es waren Schwedische, was Stoffel an den großen Schlapphüten erkannte, die sie trugen.
      »Sie müssen sich in dieses Gebüsch verkrochen haben, Knut«, sagte der Kleinste von ihnen zu einem der beiden anderen, einem Kerl, der einen Schmiss quer über die Wange hatte.
      »Es waren ein Junge und ein Mädchen.«
»Holen wir uns das Mädchen. Ich habe lange schon kein Weiberfleisch mehr vorgesetzt bekommen«, sagte der, der seinen Säbel gezogen hatte und einen Ecdcrhut trug. »Sie schien mir ein recht mageres Ding«, sagte Knut. »In der Not frisst der Teufel Fliegen«, sagte der mit dem Sä-bei und schlug auf die Ranken des Gebüsches ein, um sich einen Weg hinein zu bahnen.
      Das Mädchen stand zitternd wenige Armlängen von Stoffel entfernt, sie schützte nicht wie ihn der hohle Weidenstamm, hinter den er sich gestellt hatte. Und die Männer kamen immer näher. Verdammt, dieser leuchtend rote Rock. Sie würden ihn sehen, auch wenn sie sich jetzt hingehockt hatte. Stoffel hörte eine innere Stimme, die von ihm verlangte, das Mädchen zu schützen. Ja, aber wie? »Komm hierher zu mir«, rief er ihr leise zu. Tatsächlich versuchte sie, von jenem Fleck, da sie kauerte, zu dem Weidenstamm zu gelangen. Aber dazu musste sie sich aufrichten und dabei gab es von den knackenden Ästen ein Geräusch.
      »Da ist die Kleine«, rief der mit dem Schmiss. »Ich habe sie zuerst gesehen. Sic gehört mir.«
»Ach was«, rief der, den sie mit Knut angeredet hatten, »wir können alle drei unseren Spaß mit ihr haben.« »Verdammte Dornenranken«, schimpfte eine hellere Stimme.
      Die Ranken und Büsche niederstampfend, drängten die drei Männer vorwärts. Von dem Mädchen trennten sie jetzt nur noch wenige Schritte. Stoffel überlegte, ob er nach einem Stein suchen oder ein Stück Holz aufheben sollte. Den Stein werfen, mit dem Prügel jedem von ihnen einen Hieb auf den Schädel versetzen. Aber sie waren drei ausgewachsene Männer und er war ein Junge. Sie würden rasch mit ihm fertig werden. Ich muss es trotzdem versuchen, sagte er sich.
      Dann waren sie heran und griffen grölend nach dem Mädchen. Während zwei damit beschäftigt waren, das Mädchen fortzuzerren - jeder von ihnen hielt einen Arm gefasst und sie schleiften sie durch das Dickicht -, stand der Dritte wie unschlüssig da und starrte mit bösem Blick auf das, was da vorging.
      Jetzt hatte Stoffel einen Knüppel in der 1 Iand und stolperte vorwärts. Er brüllte: »Ihr Schweinehunde! Lasst sie los! Loslassen! Christliche Krieger wollt ihr sein, Schweinehunde seid ihr. Bestien!«
Einer der beiden, die das Mädchen fortschleppten, wandte sich kurz zu dem Dritten um und rief ihm zu: »Schaff uns den Jungen vom Leib!«
Der Dritte schien ganz gelassen, ohne Eifer. Stoffel und er standen sich so nahe gegenüber, dass der Junge den Atem des Mannes spürte.
      »Den Knüppel fort! Und verzieh dich! Dann wird dir nichts geschehen«, sagte der Schwedische.
      Stoffel sprang zur Seite, er wollte den beiden anderen nach, die das Mädchen inzwischen schon auf die Wiese geschleift hatten. Der Mann, mit dem er es zu tun gehabt hatte, machte drei große Sätze, dann war er, für Stoffel überraschend, unmittelbar hinter ihm.
      Ein fürchterlicher Hieb traf den Jungen. In dem Augenblick, da ihn der Schmerz durchfuhr, dachte Stoffel: Er hatmit dem flachen Säbel zugeschlagen ... Dann verlor er die Sinne.
      Der Junge wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ihn das Gefühl eines heftigen Schmerzes im Hinterkopf wieder zu sich kommen ließ. Er griff sich mit der Hand an den Hinterkopf und spürte getrocknetes Blut. Er zwang sich, zum Himmel aufzublicken, und sah, dass es zu dunkeln begann. Begleitet von einem Gefühl der Sinnlosigkeit, schickte er sich an, durch das Dickicht zur Wiese hin voranzukommen. Bei jedem Schritt spürte er einen dumpfen Schmerz in seinem Schädel, der so heftig war, dass er sich fast erbrechen musstc. Dann trat er aus dem Dickicht. Und da lag sie ... mitten in der Wiese. Sie war nackt und er wusste sofort, dass kein Leben mehr in ihr war.
      Er wandte sich ab, weil nun der Schmerz von dem Schlag und das Weh über ihren Tod in seinem Körper zusammentrafen. Er taumelte.
      Dann, fort von der Leiche des Mädchens in den sich verdunkelnden Himmel blickend, als könne er von dort einen Rat bekommen, fiel ihm wieder ein, was im ersten Moment in ihm aufgeblitzt war, was dann aber der Schmerz wieder ausgelöscht hatte: Er musstc das Mädchen begraben. Aber wo sollte er einen Spaten hernehmen? Er sah sich auf den Knien und mit den Eingern das Erdreich aufkratzen. Aber damit würde er nicht weit kommen. Deshalb begann er, nach Steinen zu suchen. Am Rand des Dickichts fand er einige, aber nicht genug. Er dehnte seine Suche über die ganze Wiese aus. Endlich fand er einen ganzen Haufen Steine, der wohl während der Heumahd dort zusammengetragen worden war.
      Als die Steine den kleinen, geschändeten Körper und auch den Kopf mit dem wächsern-bleichen Gesicht und den abweisend geschlossenen Augen bedeckten, sprach der Junge ein Gebet. Und wieder fasste er den F.ntschluss fortzugehen. Dorthin, wo Menschen in Frieden leben, ging es ihm durch den Kopf.
      »... das Paradies suchen«, sagte er mit einem traurigen Lächeln und tat den ersten Schritt.
     

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