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Der Geheimauftrag - Ãober Georg Büchner



Georg geht von Vilbel aus über Land, zu jenem Dorf hin, in dem F.lbert wohnt.
      Zweierlei hat er sieh vorgenommen. Er will sich erkundigen, wie die Bauern die politische Flugschrift Der I/essische Landbote, die er und seine Freunde von der »Gesellschaft der Menschenrechte« verfasst haben, von den Bauern aufgenommen worden ist. Zudem inuss er jenen F.lbert, einen Gefängniswärter, aufsuchen und herausfinden, ob man Garl Minnigerode, der vor ein paar 'lagen mit 158 zum Teil in den Rock eingenähten, zum Teil in den Stiefeln verborgenen Landboten-Drucken verhaftet worden ist und jetzt in Butzbach einsitzt, vielleicht durch Bestechung der Wächter dort befreien kann. Georg läuft lange durch einen Wald und nach einer Weile kommt wieder Angst über ihn. Die Bäume und Sträucher sind ihm so fremd und selbst die Vogelrufe tun ihm weh in den Ohren.
      Iis hat angefangen zu regnen. Das Blattwerk ist dicht, aber es dauert nicht lange und sein Gesicht ist nass, der Weg wird glitschig. Fs geht jetzt bergab, immer noch durch den Wald in das Tal hinab, in dem das Dorf liegt. Seine Hosen bekommen von der Nässe dunkle Flecken auf den Oberschenkeln und seine Stiefel sind lehmbeschmiert.

     
Als er den Talgrund erreicht, fällt der Regen noch dichter. Aber der dunkle Wald liegt hinter ihm. Fr geht durch Wiesen, die dampfen. Fr läuft auf eine Steinbrücke zu. Auf dem anderen Ufer liegt das Dorf mit dem Kirchturm. Fan Mann kommt ihm entgegen. Seinen Gruß beantwortet dieser nur mit einem stieren, verwunderten Blick, so dass Georg es nicht wagt, ihn nach dem Dorfkrug zu fragen. Die Behausungen im Dorf sind mehr Flutten denn Häuser. Auch die Hauptstraße ist schlammig, mit Pfützen so groß wie kleine Seen. Plötzlich ist ein barfüßiger Junge mit einer Herde Gänse neben ihm, der vergnügt pfeift und durch die Pfützen platscht. Aber auch den wagt er nicht anzusprechen. Schließlich stößt er an einem Platz gegenüber der Kirche auf den Dorfkrug und tritt ein. Kr steht in einer dunklen, verräucherten Höhle mit zwei winzigen Fenstern zur Straße hin. An der fensterlosen Wand erkennt er einen großen, offenen Kamin, in dem kein Feuer brennt. Tische gibt es nicht, nur hölzerne Bänke, die kreuz und quer im Raum vor einer Theke stehen.
      Niemand lässt sich sehen. Fan säuerlicher Geruch kitzelt Georg im Hals. Fls ist so still, dass er sich einbildet, che Bewohner des Hauses seien tot. Fr räuspert sich, ruft. Niemand kommt. Kr nimmt sein Ränzel ab, setzt sich auf eine der Bänke und wartet. Seine Hosenbeine kleben nass auf seinen Oberschenkeln. Das Hemd ist an den Schulterblättern durchgeschwitzt. Kr hört schlurfende Schritte. »Ja?«, fragt der Mann, der groß und gedrungen ist und von dessen Gesichtszügen er nicht viel erkennen kann. »Ein Bier, bitte.« »Bier gibt's nicht.« »Einen Korn dann.«
Der Mann gießt aus einer Tonflasche ein, kommt mit dem Schnapsglas, das aus Steingut ist, hinter dem Tresen hervor und stellt es neben Georg auf die Holzfläche der Bank. Georg trinkt. Der Schnaps macht heiß, aber wenigstens vertreibt er die Dumpfheit, die er mit sich herumgetragen hat. Er fragt nach dem Preis.
      »Später«, sagt der Mann, »vielleicht trinkt Ihr ja noch einen.«
Was jetzt sagen? Es ist gut, dass es so düster ist. Bestimmt habe ich jetzt wieder diese roten Flecken auf Wangen und Hals, denkt Georg. Soll er den Schnaps loben, vom Wetter reden? Aber dann nimmt ihm der Mann das Fragen ab. »Kommt Ihr von weit her?«
»Heute von Frankfurt. Habt Ihr immer so wenig Gäste?« »Herr«, sagt der Mann, »es gibt nicht allzu viele Leute in unserem Dorf, die sich unter der Woche einen Schnaps leisten können.«
»War die Ernte nicht gut?«
»Gut oder schlecht«, sagt der Mann, »das ändert nichts.« Aber der Roggen sei noch nicht herein und man müsse mit Schaden rechnen bei den häufigen Regenfällen in den letzten Tagen.

     
»Trinkt Ihr einen Schluck mit?«, fragt Georg. »Warum nicht, Herr«, sagt der Mann, schlurft wieder zum Tresen und holt einen zweiten Becher und die Tonflasche. »Auf Eure Gesundheit.« »Auf die Eure!«
Der Mann sitzt jetzt auf einer Bank, ihm schräg gegenüber, und sie trinken.
      »Hättet Ihr ein Bett über Nacht für mich?«, fragt Georg. »Nur im Heu ... Ihr seid Student, oder?« Georg nickt. Er versucht noch immer, die Gesichtszüge des Mannes auszumachen. Auf dem Weg nach Gießen sei er, sagt Georg, vielleicht habe er ja einen Schatz hier. »Dann seht nur zu, dass Ihr nicht mit den Fäusten unserer Burschen Bekanntschaft macht ... Und wenn Ihr das Mädchen mitbringt, wenn Ihr sie mitnehmt ins Heu, in meiner Scheune, dann müsst Ihr schon noch einen Kreuzer dazulc-gen.«
»Nein«, sagt Georg, wegen eines Mädchens sei er nicht hier. Er spürt, wie der Mann neugierig wird. Der Mann rückt auf der Bank etwas auf ihn zu und fragt: »Trinkt Ihr noch einen?« Dabei hat er schon eingeschenkt.
      »Nur, wenn Ihr auch noch einen mittrinkt. Auf meine Rechnung, versteht sich.«
»Ich bin so frei«, sagt der Mann und ächzt wohlig, als er den Schnaps hinuntergekippt hat. »Nicht wahr, Ihr seid kein Student?« »Doch, bestimmt.«

»Aber Ihr stellt Nachforschungen an, Herr Student. So ist's doch?«

»Und wenn es so wäre?«
»... könnt Ihr bei mir so manches erfahren«, sagt der Mann wichtigtuerisch. Er gießt sich wieder ein und trinkt. Diesmal vergisst er Georg.
      Dann fängt er an zu reden, als kriege er es bezahlt, und Georg wird heißer dabei als zuvor bei den Schnäpsen. »Klar«, sagt der Mann, er sei im Bilde. Es gehe doch gewiss um die Flugblätter. Zwei davon seien vorgestern im Dorf gefunden worden. Das eine bei Lauritzens hinter dem Schweinestall. Das andere auf dem Kirchhof. Die Bauern, die sie gefunden hätten, seien zu ihm gekommen, weil er recht flüssig lese und der Pfarrer nicht gleich zur Stelle gewesen sei. Fr habe nur einen Blick auf den Wisch zu werfen brauchen, da sei ihm schon alles klar gewesen. Revoluzzerblätter. Hetze gegen die hohe Obrigkeit. Fr habe den Bauern geraten, die Blätter auf der Stelle nach Vilbel auf die Gendarmeriestation zu tragen. Zwei Gendarmen seien dann auch noch am heiligen Sonntag zu Pferde herübergekommen. Sie hätten die Fundorte genau protokolliert und selbst der Herr Pfarrer sei verhört worden.
      »So ist's recht«, lobt Georg und sagt, jetzt schon ganz sicher in der Rolle, die er sich vorgenommen hat zu spielen: »Wir messen nämlich der Angelegenheit größte Bedeutung bei.« Der Mann stockt, starrt ihn an. »Ihr seid also tatsächlich von der ...«

»Keine Namen, bitte, Diskretion!«
»Ehrensache«, stammelt der Mann, »ich hab's doch gleich gewusst, dass Ihr kein Student seid.« »Wie das?«
»Zum Ersten: Ihr seht so gesetzt aus. Zum Zweiten: Hat man je einen Herren Studiosus getroffen, der einem armen Mann einen Korn zahlt?«
»Ah so. Und noch etwas: Kein Wort von unserer Unterhaltung zu den Gendarmen und zum 1 lerrn Pfarrer.« »Ist's denn ein Staatsgeheimnis?«
»Unsinn. Meine Behörde legt lediglich Wert darauf, sich ein eigenes Bild von der Situation auf dem Fand zu machen. Zudem: Viele Gendarmen sind Tölpel. Und gegenüber der Geistlichkeit auf dem Fände ist neuerdings durchaus auch Misstrauen angebracht.« »Was Ihr nicht sagt.«
»Also, offen heraus, was sagen die Feute zu der Schrift?« Ob er noch einen Korn nehmen dürfe, fragt der Mann. »Aber bitte, bedient Euch nur.«
»Wo's doch auf Staatskosten ist«, sagt der Mann und grinst. Nachdem er noch einen Schnaps gekippt hat, wischt er sich mit dem Handrücken über die Lippen. »Eure Auskünfte«, erinnert ihn Georg.
      »Ja, also«, fängt der Mann an, »wenn Ihr wissen wollt, was man hier denkt ... ich will mal sagen: Wir sind arme Feute, wir bleiben arme Feute, aber unsern Großherzog lieben und verehren wir doch!«
»Bravo, guter Mann, und weiter?«
»Und Fremde müssen da nicht kommen und uns sagen wollen, wie es auf der Welt zugeht. Fremde nicht und Franzosen schon allemal nicht.« »Wieso Franzosen?«
»Das kommt doch alles aus Frankreich herüber. Woher denn sonst!«

»Seid Ihr da sicher?« »Ganz sicher, Herr.«
»Immerhin, manches in der Schrift entspricht doch jedenfalls den Tatsachen.«
»Tatsachen, Tatsachen«, ruft der Mann voller Eifer, »wen kümmern die Tatsachen! Die Bauern nicht und mich auch nicht. Tatsachen kann ich nicht essen und nicht trinken.« »Aber Tatsache ist doch wohl, dass Ihr hohe Steuern zahlen müsst und die Ablösung für den Zehnten und die Grundrenten. Ihr wollt doch nicht behaupten, dass dies ein jeder nur so aus dem Ã"rmel schüttelt.«
»Steuern gibt's nun mal, da hilft nichts, das weiß der Bauer.« »Und heißt es nicht auf dem Wisch, euer Geld werde ver-prasst in der Residenz? Wird das geglaubt?« »Flerr«, der Mann lächelt schlau, »wisst Ihr, wie viele hier lesen können? Das Dorf zählt um die vierhundert Seelen, aber wenn es fünf sind, dann ist das gewiss schon hoch gegriffen. Schreiben, das mag noch angehen. Den eigenen Namen und auch ein paar Worte mehr. Aber lesen, eine ganze Schrift lesen, das schafft kaum jemand. Und selbst wenn - keiner ist doch je in der Residenz gewesen. Da kann vieles behauptet werden von Prassen und Hurerei. Und dass es glänzend zuginge auf einer Fürstenhochzeit, wer wollte deshalb maulen? Das muss sein.«

Er müsse jetzt gehen, sagt Georg und es kommt ihm vor, als falle dieser Satz vielleicht etwas zu rasch. Deswegen fügt er hinzu: »Ihr habt mir einen wichtigen Dienst erwiesen.« Fr zahlt reichlich für den Schnaps und lässt sich den Weg zu Elbert beschreiben.
      Wenn die hohe Obrigkeit in Frankfurt mal wieder derartige Auskünfte brauche, sagt der Mann, er stehe immer zu Diensten.
      »Pst«, macht Georg und hebt die Hand.
      »Immer zu Diensten, immer zu Diensten«, hallt es ihm nach, als er schon wieder draußen vor der Tür ist und nicht weiß, ob er lachen oder heulen soll.
      Mit dem jungen Elbert geht es dann leichter, als er erwartet hat. Er sagt ihm bei der Begrüßung ein Parolewort, das unverfänglich genug ist, um in einen gewöhnlichen Satz geflickt zu werden.
      Der junge Bursche ist nicht viel älter als er. Er nimmt ihn mit ins Haus und stellt ihn den FJtern als einen Freund aus Friedberg vor. Sie laden ihn zum Essen ein. Es gibt Kartoffeln und dicke Milch. Ehe sie mit dem Füssen beginnen, spricht der Alte ein Gebet. Der Vater, die Mutter und der Großvater stellen keine Fragen. Die vier jungen Geschwister, die mit am Tisch sitzen, blicken Georg manchmal neugierig und prüfend von der Seite an. Das Anwesen der Hlberts ist ein Gehöft, das sieh von den anderen durch eine gewisse Wohlhabenheit unterscheidet. Nach der Mahlzeit erklärt der junge Elbert, der mit Vornamen Karl heißt, er wolle den Kreund noch ein Stück begleiten. Die Mutter nickt stumm. Der Vater sagt trocken: »Passt nur auf, dass euch kein Gendarm begegnet.« Kr scheint eingeweiht.
      Draußen sagt Georg, er wolle auf dem kürzesten Weg nach Butzbach gehen.
      Geradewegs nach Norden, über Kriedberg und Ostheim, rät ihm Karl.
      Als sie auf offenem Kcld sind, fragt Georg ohne Vorbereitung, ob Minnigerode in Kriedberg eingeliefert worden sei. Auf solche Fragen zu antworten sei nicht ungefährlich, entgegnet Karl.
      Georg gibt ihm zwei Geldstücke. Nachdem er an ihnen prüfend herumgefingert hat, meint Karl, das sei nicht genug. Georg gibt ihm noch einmal zwei Geldstücke. Dann fragt er, ob eine Befreiung möglich sei.
      Das komme darauf an, wie viel man dafür aufbringen könne. »Ihr tut das nur für Geld«, stellt Georg fest. »Kür was sonst?«, erwidert Karl.
      Was er von der Klugschrift halte, fragt Georg und drückt ihm noch einmal Geld in die Hand. Er hofft immer noch darauf, dass die Schrift nicht überall so aufgenommen worden ist wie in dem Dorf, aus dem sie kommen. »Unsinn das, und ein gefährlicher dazu«, sagt Karl.
      »Aber der Wirt hat sie immerhin gelesen«, beharrt Georg. »Der Wirt ist ein Dummkopf«, sagt Karl. Den Kindruck habe er allerdings auch, sagt Georg und lacht unsicher. »Wie geht es Minnigerode?«
»Kr hat das Maul bisher nicht aufgetan und sie haben ihn schon zweimal vernommen.«
Georg will nicht genau wissen, wie es dabei zugegangen ist. »Also: Wie viel für die Befreiung?«
Karl nennt die Summe. Kür ihn muss sie beträchtlich sein. Er nennt sie zögernd, ist unsicher, ob er so viel bekommen wird, gewiss könnte man handeln. Georg überlegt sich: Kür ihn ist es der Betrag von zwei Monatswechseln. »Und keine Besuche mehr bei mir daheim«, sagt Karl. »Aber wie kann ich Verbindung zu Euch halten?« »Ãober den Apotheker. Und jetzt muss ich umkehren«, sagt Karl.
      »Einen Augenblick«, sagt Georg. »Wie schätzt Ihr die Wirkung der Klugschrift auf die Bauern ein?« »Einer hat geäußert, das Papier sei gerade gut genug, um sich damit den Arsch zu putzen. Ein anderer hat gesagt, Bibelsprüche mache auch der Pfarrer in der Kirche.« »Vielleicht geht es ihnen immer noch zu gut«, murmelt Georg.
      »Zu gut?«, sagt Karl höhnisch. »Na, Ihr müsst's ja wissen. Ihr seid ja ein gelehrter Herr.«
»Und was sagen die Gendarmen? Was sagen Eure Kollegen im Gefängnis?«
»Mehr Arbeit macht's. Man muss über Land. Man muss viel schreiben. Wer tut das schon gern?«
»Danke«, sagt Georg. »Ihr könnt jetzt umkehren, wenn Ihr wollt.«
Jetzt müsse er noch etwas fragen, sagt Karl. »Und das wäre?«
Ob es wahr sei, dass das Geld von jenseits der Grenze komme.
      Wie das gemeint sei: Von jenseits der Grenze? »Vom Kranzosen!« »Nehmt Ihr's dann nicht?« Ha, Geld sei Geld. Kr wüsste es nur gern. »Nein, bestimmt nicht«, sagt Georg. »Wer bringt denn das auf mit den I'ranzosen?«
Karl zuckt die Achseln: »Die I.eut, aber die reden halt viel, wenn der lag lang ist ...« Ohne Gruß gehen sie auseinander.
      Georg läuft bedrückt die Strafte entlang. Plötzlich richtet er sich auf und redet auf einen Baum ein, der vor ihm auftaucht: »Wir müssen uns davor hüten, gleich alles verloren zu geben. Fehlschlage gibt es immer.« Der Baum hat kein gutes Wort für ihn.
      Kr hört jemanden von den Kommilitonen am Biertisch sagen: »Was uns nicht umwirft, macht uns stark.« Kr bleibt stehen und sagt zu sich selbst: »Herr im Himmel ... wir experimentieren mit Menschen, wir Vornehmen, wir Studenten, wir Gebildeten.« Kr horcht diesem Satz nach undfügt ihm noch einen weiteren an: »Wer gibt uns eigentlich das Recht dazu?«
Und damit ist er wieder bei der Krage, die ihn schon seit einiger Zeit umtreibt und auf die er keine Antwort findet. Was macht, dass einem nur noch die Revolution, die Veränderung wichtig ist?
Was macht, dass man bereit ist, dafür nicht nur mit dem eigenen Leben, sondern auch noch mit dem anderer Vabanque zu spielen? Was?
Georg findet auch diesmal keine Antwort auf diese Krage. Aber er weiß, sie wird weiter in seinem I lirn brennen.
     

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