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Annette von Droste-Hülshoff



12.1.1797 in Hülshoff, 24.5.1848 in Meersburg

Anna Klisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste-Hülshoff wird auf der Wasserburg Hülshoff in der Gemeinde Roxel bei Münster geboren. Wahrscheinlich am 12. Januar 1797, genau weiß man es nicht. »Annette« ist ein Siebenmonatskind. Die Familienübcrlieferung erzählt, dass die Mutter beim Schlittschuhlaufen auf dem Schlossgra-ben gestürzt sei.
      Annette hat eine zwei Jahre ältere Schwester. Jenny hat ein Zeichentalent. Bilder von ihr vermitteln uns einen Kindruck vom Aussehen Annette von Droste-Hülshoffs. Später werden noch zwei Brüder geboren: Werner Constantin , der spätere Stammherr von Haus Hülshoff, und Ferdinand , der früh an Tuberkulose stirbt. Der Vater, Freiherr August von Droste-Hülshoff, ist ein milder, naturliebender Mann. Die Mutter, Freifrau Therese von Droste-Hülshoff, wacht penibel über die aristokratische, streng katholische Sitte des Hauses. Die Mutter will immer informiert sein. Bis an ihr Lebensende wird Annette die zahlreichen Briefe an die Mutter mit »deine gehorsame Tochter Nette« unterschreiben. Annette wird sich der Strenge durch Lügen entziehen. Die religiöse Krzichung, die auf dem Grundgedanken beruht, dass man schuldbeladen, der Hölle nahe lebe, wird sie immer wieder in Schuldnöte stürzen. Doch setzt sie ihre große, für manchen befremdende Freiheitslust, ihre Freiheitsgier dagegen.
      Das Wasserschloss Burg Hülshoff ist 1349 erstmals urkundlich erwähnt. Die Familie von Droste-Hülshoff gehört dem mittleren, nicht sehr einflussreichen Adel an. Hin [.eben lang hängt Annette mit großer Zärtlichkeit an ihrer Amme Maria Catharina Plettendorf, mit der sie im westfälischen Platt spricht. Annette erhält eine gute Ausbildung. Unterrichtet werden die Kinder von der Mutter, vom Vater und später von Hauslehrern. Annette hat vielfältige Talente: Sie zeichnet, komponiert, singt, erzählt mitreißend und schreibt schon früh. Kleine Gedichte der Siebenjährigen sind überliefert, zum Beispiel dieses für die Mutter:dir scheint stets Wonne wie eine Sonne Glück Heil und Segen auj allen Wegen das was ich wünsche ist daß du in deinem Leben durch deine Tugend kannst uns stets ein Beyspiel gebenvon deiner Nette Annette reist häufig zu Bekannten und Verwandten. 1813 ist sie in Bökendorf auf dem Bökcrhof, dem Stammsitz der Familie der Mutter, wo die Großmutter lebt. Dort trifft sie den Märchenkreis, zu dem auch Wilhelm Grimm gehört. Mit zweiundzwanzig lernt sie August Straube kennen, ihre erste, tiefe Liebe, und wird Opfer einer Intrige. Sie reist auch nach Abbenburg im Paderbornischen, ein weiterer Sitz der mütterlichen Familie von Haxthausen. Hier verfasst sie Teile der Erzählung Die Judenhuche und der Gedichtsammlung Das Geistliche Jahr. Weitere Reisen führen sie nach Bonn, Köln und Koblenz. Später wird sie in Meersburg am Bodensee leben.
      Nach dem Tod des Vaters, 1829, zieht Annette mit der Mutter und Jenny ins Rüschhaus, das der Vater wenige Jahre zuvor als Witwensitz für seine brau gekauft hat. Annette wohnt in drei kleinen Räumen über den Stallungen. Dort schreibt sie, ordnet ihre zahlreichen Sammlungen , plaudert mit Freunden, pflegt geselligen Umgang, ganz ihrem Stande gemäß.
      Annette von Droste-Hülshoff übernimmt als Unverheiratete auch soziale Aufgaben. Aber immer wieder ist sie dramatisch krank. Es plagen sie Kopfweh, Fieberschübe, Augenentzündungen.
      Im Rüschhaus empfängt sie dienstags Levin Schücking . Er ist der Sohn ihres »frühen Dichteridols« Catharina Busch. Schücking schreibt über diese Stunden mit Annette von Droste-I Iülshoff: »Wenn schlechtes Wetter oder gar Winterschnee die Streifereien >zu den umliegenden Baucrnhöfen< unmöglich machten, flössen die Stunden nicht minder darum mit Windeseile vorüber, verplaudert in dem stillen Stübchcn, das Annette ihr >Schneckenhäuschen< nannte und das so bürgerlich schlicht eingerichtet war wie möglich.« Annette ist wieder verliebt.
      Aber in der Nähe der Mutter kann sie ihre Liebe mit dem siebzehn Jahre jüngeren Mann nicht ausleben. So reist Annette von Droste-I Iülshoff an den Bodensee, wo ihre Schwester Jenny, als verheiratete von Laßberg, auf der mittelalterlichen Meersburg lebt. Der Schwager stellt Schücking, auf Lmpfehlung der Droste, als Bibliothekar ein. Die sich heimlich Liebenden unternehmen ausgedehnte Spaziergänge am Ufer des Bodensees. Im Winter 1841/42 arbeiten sie intensiv an literarischen Texten. Die Droste behauptet, ihre »Poesie« könne sie »herbeicommandieren«. Sie wettet mit Schücking, dass sie täglich mindestens ein Gedicht schreiben könne. Als Ergebnis dieser Wette entstehen berühmte Gedichte, zum Beispiel Der Knabe im Moor, Im Moose, Die 'Taxuswand oder Brennende Liebe. Eins der Gedichte ist wohl Lcvin Schücking selbst gewidmet. Es beginnt:
An
Kein Wort, und war' es seharj wie Stahles Klinge,

Soll trennen, was in tausend Fäden eins,
So mächtig kein Gedanke, daß er dringe

Vergällend in den Becher reinen Weins; Das Leben ist so kurz., das Glück so selten, So großes Kleinod, einmal sein statt gelten! /.../
Im September 1842 beginnt Schücking eine Korrespondenz mit Louise von Gall . 1843 heiratet er Louise. Annette von Droste-I Iülshoff ist wieder allein. 1846 kommt es zum endgültigen Bruch mit Schücking, als dieser Insidcr-kenntnisse über den westfälischen Adel, die von der Droste stammen, in seinem Roman Die Ritterbartigen verwendet. Die Droste gilt heute als eine der größten deutschsprachigen Dichterinnen. Ihr Leben und ihr Werk bezeichnet man als biedermeierlich. Aber sie überschreitet solche Epochenvorstellungen. Manchmal wird sie als »Heimatdichterin Westfalens« missverstanden. Mit ihrem Detailrealismus nimmt sie kommende Perspektiven vorweg. Sie überschreitet Grenzen, auch wenn ihre Gedichte westfälische Impressionen spiegeln. Ihr klarer Verstand, ihre sprachliche Imaginationskraft, ihre Musikalität, ihr Sinn für Dramatik, ihr Freiheitsdrang, ihr Mut lösen die Texte aus engen Epochenbegrenzungen und reizen auch heute zum Verstehen, Entschlüsseln, Identifizieren, auch zum befremdeten Lesen. Ihre Texte zu verstehen erfordert Mühe, erfordert immer wieder ein dialogisches Lesen, das dann plötzlich Verstehen eröffnet. Es war nicht standesgemäß, dass eine Frau Texte veröffentlichte. Aber Annette von Droste-Hülshoff greift nicht, wie etwa George Sand in Frankreich, zu einem männlichen Pseudonym. Sie publiziert ihre Werke zunächst unter der Abkürzung »von I).«. Am linde ihres Lebens aber kümmert sie sich kaum noch um die gesellschaftlichen Tabus. Mit siebenundvierzig lässt sie ihr Gesamtwerk unter ihrem vollständigen Namen erscheinen, erhält sogar so viel Geld dafür, dass sie sich in Meersburg, wo sie bei ihrer Schwester Jenny wohnt, das »Lürstcnhäusle« kaufen kann. Bevor sie dort einziehen kann, stirbt sie, am 24. März 1848, auf der Meersburg.
     

Lesevorschlag:
Als Einstieg in das Werk der Droste sollte man ihre Gedichte wählen, zum Beispiel Brennende Liebe, Das Spiegelbild, Am Turme, Durchwachte Naeht, Lebe wohl und Im Grase. Die lirzählung Die Judenbuehe ist ihr berühmtestes Werk. Unbedingt lesen!

Besichtigungstipps:
Das Wasserschloss Hülshoff bei Münster, das Geburtshaus der Droste, lohnt einen weiten Umweg. Man sollte sich auch Zeit für den schönen Garten nehmen. In Roxel bei Münster ist das sorgsam gepflegte Rüschhaus mit Annettes »Schneckenhaus« zu besichtigen. In Meersburg am Bodensee kann man das Schloss besuchen, in dem Annette von Droste-Hülshoff bei ihrer
Schwester Jenny lebte und wo sie starb. Hier sollte man sich auch das Lürstcnhäuschen hoch über dem Ort nicht entgehen lassen und, wenn man mag, eine Blume auf das Grab auf dem Friedhof von Meersburg legen.
     

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Annette  Droste-Hülshoff    



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