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Lessings Philotas



Auf recht subtile Weise hat Lessing seine Skepsis gegenüber dem Gattungstyp der heroischen Tragödie im Philotas zum Ausdruck gebracht, dessen Figurengestaltung die Gesetzmäßigkeiten des klassizistischen Trauerspiels ironisch konterkariert . Der erst achtzehnjährige Titelheld, der, nach militärischen Mißerfolgen dem Feind in die Hände gefallen, enttäuscht über sein eigenes Versagen, anstelle der ihm verheißenen Freilassung den Selbstmord wählt, scheint auf den ersten Blick eines jener »schöne Ungeheuer« aus der Familie Polyeucts, Rodrigos und Catos zu sein, als die Lessing im Brief vom November 1756 die großen Heroen der klassizistischen Tragödie bezeichnet : heldenmütig, ehrversessen, rücksichtslos gegen sich selbst, rigoros in der moralischen Wertung, stets das Unbedingte suchend und den Kompromiß als Ausdruck verwerflicher Schwäche verabscheuend. Lessing hat die Charakterisierung des Protagonisten jedoch aus ironischem Abstand vorgenommen und derart auch seine theoretisch formulierten Einwände gegen den Gattungstyp der heroischen Tragödie zur Geltung gebracht. Solche Distanz bekundet sich in der szenischen Gestaltung ebenso wie in der Personenkonstellation: Philotas wird als Gefangener in einem Frauenzelt verwahrt, was auf empfindliche Weise sein soldatisches Rollenverständnis verletzt ); seine Naivität bekundet sich nicht nur in formelhaftem Heldenpathos, sondern auch in der schülerhaften Attitüde, mit der er die Gesetzmäßigkeiten logischen Denkens erprobt und rhetorische Mittel zum Zweck der Überredung einsetzt. An der »wunderbaren Vermischung von Kind und Held« ), die Aridäus ihm attestiert, läßt sich bereits die gesamte Problematik der Titelfigur ablesen: Philotas ist das Produkt einer auf militärische Stärke und heroische Ideale setzenden Erziehung, die ihn zum Sterben, nicht zum Leben vorbereitet hat, sein Drama die Konsequenz gescheiterter Pädagogik im Prozeß der Entfaltung einer destruktiven Energie, die aus Heldenidealen sukzessive die Praxis der Selbstzerstörung hervortreten läßt .
      Die bedenklichen Aspekte der von Philotas repräsentierten Wertvorstellungen beleuchtet Lessing durch die Technik der Charakterkontrastierung. Dem jugendlichen Titelhelden begegnen in König Aridäus und dem erprobten Soldaten Parme-nio Vertreter eines pragmatisch abgetönten, gemäßigten Weltbildes, die die Exaltationen des Titelhelden als Ausdruck fehlender Erfahrung und naiver Begeisterung entlarven. An die Stelle des Heroismus setzen sie Verständnis und Einfühlung, wie sie sich zumal durch das fürsorgliche Verhalten des Königs bekunden; beide betonen im Gespräch, daß sie selbst Väter halbwüchsiger Söhne seien, und beleuchten damit eine dem Heldenideal konträre Wertwelt: jene der familiären Bindung, der Toleranz und Sensibilität. Daß Philotas wiederum nicht nur das unselbständige Geschöpf fehlgeleiteter Erziehung ist, sondern die Fähigkeit zur analytischen Reflexion besitzt, belegt sein großer Monolog in der vierten Szene, der ihn zum Selbstmordvorhaben führt. Der Protagonist zeigt sich hier als aufgeklärter Kopf, der über die Technik des logischen Schlußverfahrens verfügt: »Jedes Ding, sagte der Weltweise, der mich erzog, ist vollkommen, wenn es seinen Zweck erfüllen kann. Ich kann meinen Zweck erfüllen, ich kann zum Besten des Staats sterben: ich bin vollkommen also, ich bin ein Mann.« . Im Schatten der Kritik am Heroismus entfaltet sich, so erweist der Monolog, zugleich ein Drama der Selbstbestimmung, das den Protagonisten als Suchenden zeigt, der um Autonomie ringt und sie, darin tragisch, nur durch den Freitod zu erlangen vermeint.
      Der Philotas ist mithin, anders als ältere Deutungen behaupten, kein Beitrag zur Heldenverherrlichung der friderizianischen Epoche, weder eine antikisierende Glorifizierung Preußens noch das Dokument literarischer Propaganda zur Zeit des Siebenjährigen Krieges . Im Gegensatz zu seinen Freunden Kleist und Gleim steht Lessing den modischen Bezeugungen des Patriotismus denkbar fern: »Ich habe überhaupt von der Liebe des Vaterlandes keinen Begriff, und es scheinet mir aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.« . Das Bekenntnis des Kosmopoliten, der der patriotischen Zeitstimmung wenig abgewinnen kann, schließt die Distanz gegenüber den Heldengestalten der klassizistischen Tragödie ein. Ohne primär Gattungsparodie zu sein, bringt der Philotas diesen inneren Abstand, der Lessing vom heroischen Trauerspiel trennt, auf subtile Weise zum Ausdruck.
      Am Ende der 50er Jahre kommt es noch einmal zu einer kurzzeitigen Hochkonjunktur der klassizistischen Tragödie: Cronegks Olint und Sophronia , Wielands Lady Johanna Gray, Brawes Brutus und Kleists Seneka greifen die Impulse der älteren Tradition auf und präsentieren dem Zuschauer Heldenfiguren, deren Gemüt unerschütterlich, deren Prinzipientreue durch keine äußeren Einflüsse anfechtbar ist. Wegweisend für die künftige Entwicklung des deutschen Trauerspiels werden jedoch die programmatischen Argumente, mit denen Lessing seine Kritik an der heroischen Tragödie begründet hatte; der neue Dramentypus, der ab der Mitte der 50er Jahre auf deutschen Bühnen reüssiert, setzt sie in die Praxis um.
     

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