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Sozialhistorische Arbeiten



Gestützt auf den Ertrag der hier genannten Studien, jedoch mit kritischem Vorbehalt gegenüber ihrer soziologischen Abstinenz sucht Peter Szondi in seiner posthum veröffentlichten Theorie des bürgerlichen Trauerspiels das Fundament für eine stärker sozialhistorisch ausgerichtete Gattungsgeschichte zu legen. Szondi erarbeitet nicht nur die poetologischen Aspekte, die die Entfaltung des Genres zwischen Lillo und Lessing bestimmen, sondern untersucht auch dessen Anspruch, einen Beitrag zur kulturellen Identitätsstiftung des Bürgertums im Prozeß seines gesellschaftlichen Aufstiegs zu leisten . Für einen wesentlichen Aspekt dieser Intention hält Szondi die Dialektik bürgerlichen Selbstverständnisses, die in der Form des Trauerspiels ihren adäquaten ästhetischen Ausdruck finde; in der Priorität moralischer Werte gegenüber politischen Handlungsoptionen bekunde sich einerseits deren neue programmatische Qualität, zugleich aber auch schon ein problematischer Reflex der Introversion angesichts der unverrückbar scheinenden Herrschaftsverhältnisse der feudalabsolutistischen Gesellschaftsordnung. Melancholie und Empfindsamkeit, die zentralen Affekthaltungen der dramatis personae bei Lillo, Diderot und Lessing, betrachtet Szondi dabei als jeweiliges Produkt dieser Dialektik, insofern sie von der spannungsvollen Verinnerlichung des gesetzhaften Tugendanspruchs zeugen, die das Bürgertum im Prozeß seiner sozialen Stabilisierung vollzieht . Damit war die Gegenthese zu Pikuliks Position formuliert: Gerade die allgemeinmenschliche Perspektive des neuen Trauerspiels und die ihr zugehörende Leidenschaftskultur bildeten, so Szondi, den Ausdruck eines spezifisch bürgerlichen Standesethos .
      Szondis Arbeit bahnte den Weg zu einer größeren Zahl von sozialgeschichtlich ausgerichteten Studien, die seit Beginn der 70er Jahre die Erörterung der gesellschaftliche Bedingungen des aufgeklärten Trauerspiels mit einer soziologischen Analyse bürgerlicher Selbstentwürfe zu verbinden suchten. Dabei faßte man den sozialgeschichtlichen Forschungsansatz, wie dies dezidiert Heinz Schlaffer im Vorwort seines vieldiskutierten Buchs Der Bürger als Held formulierte, zumeist als Instrument der Ideologiekritik; die historische Perspektive sollte zugleich einen Beitrag zur »Theorie der Widersprüche in der bürgerlichen Gesellschaft« leisten. Bedeutsamer als die Aufbereitung des konkreten sozialgeschichtlichen Materials , die punktuell bis zur Gegenwart ein Desiderat geblieben ist, schien die Analyse der Antinomien, die Bewußtsein und Wertwelt des Bürgers im Prozeß seiner gesellschaftlichen Emanzipation prägten.
      Besondere Aufmerksamkeit zog dabei die Darstellung der Familie im bürgerlichen Trauerspiel bzw. in Gellerts rührender Komödie auf sich. Verstanden als idealer Ort der privaten Selbstbestimmung, schien sie sich bei näherer Betrachtung nicht selten als Medium repressiver Erziehungspraxis und unbedingter väterlicher Autorität auszuweisen. Unter diesem Aspekt konnte man die vom Trauerspiel vorgeführten Katastrophen, in denen die ältere Forschung den künstlerischen Reflex eines tiefgreifenden Antagonismus zwischen Bürgertum und Adel zu erkennen pflegte, für den Ausdruck innerbürgerlicher Konflikte im Spannungsfeld von Individualität und Rollenerwartung halten. Verband sich am Beginn der 70er Jahre mit dieser Diagnose zumeist ein kritischer Ansatz, der dem Selbstverständnis der neuen Gesellschaftsschicht, wie es das Drama umriß, politische Naivität, Tendenz zur Introversion und Verzicht auf den Entwurf revolutionärer Perspektiven vorhielt , so bemühten sich spätere Arbeiten primär um die Beschreibung jener Dialektik bürgerlicher Wertethik, die im tragischen Zusammenbruch der Familieneinheit bei Lessing nicht allein den destruktiven Charakter des feudalabsolutistischen Ordnungsstaates und der leidenschaftlichen Exzesse seiner Repräsentanten, sondern ebenso die Problematik eines sich primär als Verhaltensregulativ verstehenden, praktisch oft neue Unterdrückungsformen hervorbringenden Tugendrigorismus aufscheinen ließ .
      Vorrangige Intention des sozialgeschichtlichen Ansatzes blieb es, in den literarischen Zeugnissen der Aufklärung Reflexe des beschleunigten Emanzipationsprozesses aufzufinden, den das Bürgertum des 18. Jahrhunderts vor allem im ökonomischen Bereich durchlief. Wollte man die Risiken eines allzu simplen Widerspiegelungskonzepts vermeiden, das Literatur nur als konkrete Illustration gesellschaftlicher Konstellationen auffaßte, so bedurfte es einer dialektisch verfahrenden Untersuchungsmethode, die das komplexe Verhältnis von literarischer Form und menschlicher Bewußtseinsgeschichte zu reflektieren vermochte. Einen instruktiven, wenngleich nicht durchgängig überzeugenden Ansatz zur Vermittlung von literarhistorischem und soziologischem Interesse bot Jochen Schulte-Sasses Dramenartikel im Aufklärungsband von Grimmingers Sozialgeschichte . Der Autor geht davon aus, daß die Entwicklung der Gattung zwischen Gottsched und Lessing in drei Phasen ablaufe: deren erste sei gekennzeichnet durch das Prinzip einer zweckhaft gefaßten, auch im bürgerlichen Geschäftsverkehr unabdingbaren Rationalität, das heroische Tragödie und Typenlustspiel, gestützt auf je verschiedene Stilmittel, gleichermaßen beleuchteten, wobei die fortdauernde Geltung der Ständeklausel als Ausdruck bürgerlicher Anpassung an die für unantastbar erachtete soziale Hierarchie gelten müsse. Eine zweite Phase diene der Entwicklung bürgerlicher Identitätsmuster, die zunächst in Gegensatz zur Welt der ökonomischen Realität träten, wie dies Gellerts Rührkomödie durch die von ihr dargestellten Konflikte zwischen materiellen Interessen und zweckfreien Empfindungen zur Anschauung bringe. In einer dritten Phase führe das bürgerliche Trauerspiel private und öffentliche Sphäre zusammen, indem es die innerfamiliär erprobte empfindsame Tugendmoral zum Maßstab auch des politischen Handelns erhebe . Trotz einer bedenklichen Tendenz zur Typisierung erschließt Schulte-Sasses Ansatz die heuristischen Möglichkeiten einer sozialhistorischen Analyse des Aufklärungsdramas jenseits der Simplifizierungen der Widerspiegelungstheorie. Problematisch bleibt jedoch auch hier, daß der Anspruch einer faktengestützten Begründung der literatursoziologischen Methode nicht angemessen erfüllt wird; die allzu summarischen Hinweise auf ökonomische Praxis, Bildungsgeschichte und Alltagskultur des aufgeklärten Bürgertums vermögen den sozialgeschichtlichen Ansatz kaum sachlich solide zu fundieren .
      Die hier zutage tretenden Defizite suchen einige seit dem Ende der 70er Jahre publizierte Studien zum Drama Lessings, zur Rolle der Frau im Prozeß der Aufklärung und zur Lesekultur des 18. Jahrhunderts zu beheben, ohne daß sie dabei jedoch einer dezidiert literatursoziologischen Methodik folgen . Vorsichtige Distanz gegenüber den ideologiekritischen Tendenzen früherer Arbeiten verraten auch aktuelle Einführungswerke zum Thema , deren Darstellung sozialhistorische Aspekte berücksichtigt, ohne im literarischen Text ausschließlich Reflexe gesellschaftlicher Problemkonstellationen aufzusuchen. Der hier sich bekundende methodische Eklektizismus scheint charakteristisch für die gegenwärtige Aufklärungsforschung zu sein, die der neu entdeckten Pluralität ihres Gegenstands durch unterschiedliche Verfahrensweisen im Zusammenspiel von sozial-, mentalitäts- und kulturgeschichlichen Methoden gerecht zu werden trachtet.

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Sozialhistorische  Arbeiten    

Drama zwischen barock und aufklärung
Theaterreform seit gottsched
Tragödie der frühen aufklärung
Das bürgerliche trauerspiel
Entwicklung der komödie

 

 

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