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Nathan der Weise als gattungspoetischer Sonderfall



Das schwierige Lustspieh Minna von Barnhelm zeichnet bereits den Übergang zu jenem Werk vor, mit dem Lessing sein Bühnenschaffen abschließt. Nathan der Weise, im Gefolge der unersprießlichen Goeze-Kontroverse zwischen November 1778 und Frühjahr 1779 vollendet, zu Lebzeiten des Autors aus Zensurgründen nie aufgeführt, steht als »dramatisches Gedicht« - so die explizite Gattungsbezeichnung - zwischen Lust- und Trauerspiel. Die Handlung meidet dabei die tragische Katastrophe ebenso wie das traditionelle Hochzeitsfinale des Lustspiels, steuert statt dessen auf einen Schluß zu, der allegorischer Elemente nicht enträt. Die am Modellfall der Ringparabel, deren Stoff Lessing aus Boccaccios Decamerone zog, von Nathan selbst exemplifizierte Gleichursprünglichkeit der Konfessionen und die damit verbundene Verpflichtung zur religiösen Toleranz werden am Ende durch ein harmonisches Tableau beglaubigt, das die Repräsentanten unterschiedlichster Glaubensrichtungen als Mitglieder einer großen Familie zusammenführt . Indem die Bühnenfiguren die ideelle Substanz des in der Parabel illustrierten Harmoniepostulats veranschaulichen, empfangen sie ihrerseits typologischen Charakter jenseits dramatischer Individualität. Die hier manifeste Tendenz zum allegorisch dargestellten Allgemeinen spiegelt sich auch in der kunstvollen Sprachform des Schauspiels, deren flüssige Diktion das Produkt artistischer Stilbeherrschung ist. Der von Lessing verwendete Blankvers, der noch die klassischen Dramen Schillers und Goethes regieren wird, verschafft dem Dialog abgeklärte Kühle und kasuistische Prägnanz, verhindert damit jene naturalistischen Stileffekte und psychologischen Nuancen, die die Sprache der Emilia Galotti zuweilen kennzeichneten .
      Charakteristisch für Lessing scheint die Einarbeitung komischer Dialogelemente in die ernste Handlung; an zahlreichen Stellen begegnen Ironie, Wortwitz, geschliffene Apercus und Paradoxien, sarkastische Pointierungen und Zynismen -Techniken, derer sich der Autor bereits dreißig Jahre zuvor im Jungen Gelehrten bediente. Die dramatische Fabel des Nathan ist mit epischen Stilformen durchwirkt, wie sie sich primär in der Ring-Parabel, aber ebenso in Dajas Bericht von der Rettung Rechas oder in der Erzählung des Klosterbruders abzeichnen. Im Gegensatz zur Emilia Galotti, deren Handlung von einer unerhörten Dynamik im Zuge permanenten Fortschreitens des Geschehens geprägt bleibt, beherrscht den Nathan eine gewisse Statik; angesiedelt im Zwischenfeld von dialogisierter Erzählung und didaktischem Drama, bleibt er ein in der deutschen Literaturgeschichte seltenes Experiment, das kaum unmittelbare Nachfolger gefunden hat. Inspirierend wirkte er gleichwohl - das klassische Schauspiel Goethes und Schillers empfängt von ihm nicht nur das humanistische Ethos, sondern auch die kühle Diktion und die artistische Souveränität gelassener Formbeherrschung. Am Ende der Aufklärung steht damit ein Drama, das jenseits der herkömmlichen Gattungsdifferenzen als Zeugnis geradezu sprichwörtlich gewordenen Toleranzdenkens neue Maßstäbe setzt.
     

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