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Lustspiele des Gottschedkreises
Herausragende Bedeutung fällt den Komödien der Gottschedin zu, die sich durch satirische Schärfe, pointierte Dialoge und ein feines Gespür für Fragen des Zeitgeists auszeichnen. Besondere Aufmerksamkeit darf dabei das 1736 erstmals veröffentlichte Debütwerk Die Pietisterey im Fischbeinrocke beanspruchen, das durch seine intelligente Karikatur frömmelnder Borniertheit in pietistischen Kreisen rasch für Verärgerung gesorgt, die Zensurbehörden in Königsberg und Berlin sogar zur Indizierung des Textes veranlaßt hatte . Ähnlich wie der Sterbende Cato stellt die Pietisterey kein Originaldrama dar, sondern die, freilich kunstvolle, Überarbeitung des im Jahr 1730 erstmals publizierten Lustspiels La Fcmme Docteur ou la Theologie Janseniste tom-bee en Quenouille, das aus der Feder Guillaume-Hyacinthe Bougeants stammte. Hatte sich die Satire des Franzosen gegen die Jansenisten, eine katholische Frömmigkeitsbewegung gerichtet, die, aus der Opposition gegen scholastisches Ordnungsdenken und jesuitische Lehre von der Willensfreiheit des Menschen geboren, primär die Verinnerlichung des Glaubens und eine mit ihr verbundene mystische Grundlegung der Erlösungsidee anstrebte, so übertrug die Gottschedin ihre komödiantische Kritik auf die deutschen Pietisten und deren sektiererisches Streben nach einer neuen, gefühlshaft fundierten Religion .
Die besondere Leistung der Komödie besteht darin, daß sie traditionelle Lustspielelemente - die verhinderte Heirat, die Intrige eines Betrügers, die von gescheiten Dienerfiguren angebahnte Lösung des Konflikts - mit einer dezidiert kritischen Attacke gegen die als Repräsentanten unaufgeklärter Schwärmerei betrachteten Pietisten verbindet. Geprägt durch den Rationalismus der Wölfischen Schulphilosophie und deren neologische Vernunftreligion, stand die Gottschedin pietistischen Vorstellungsinhalten denkbar fern; noch erinnerte man sich in Leipzig sehr genau an die aktive Rolle, die Joachim Lange und August Hermann Francke als führende Vertreter der neuen Frömmigkeitsbewegung bei der Vertreibung Woiffs aus Halle gespielt hatten . Fraglos trägt die Pietisterey daher auch die Züge einer satirischen Abrechnung mit den früheren Gegnern der Wölfischen Neuscholastik und den rationalistischen Ideen der Leipziger Frühaufklärung . Daß die Autorin in ihrem polemischen Eifer bisweilen das rechte Maß vermissen läßt, gehört dabei zur Signatur der Gattung: Pietismus, Mystizismus, Quäkertum und Calvinismus besitzen hier den Status von identischen Formen eines frommen Sektiereitums, das am Ende als scheinhafte Verschleierung rein materieller Interessen, mithin als Spielart des Betrugs ausgewiesen werden soll. Wesentliches Stilmittel der Komödie ist die Sprachsatire, welche die symptomatische Verbindung von Gemütsverwirrung, intellektueller Konfusion und schwärmerisch-dunkler Rede der Lächerlichkeit preisgeben darf; die Darstellung eines Disputs über den Gedanken der Wiedergeburt ) gerät so zur Möglichkeit, die im religiösen Fanatismus begründete Verblendung durch den stilistischen Habitus der Sprecherinnen auf desavouierende Weise zu charakterisieren .
Formal folgt die Komödie dem im Gottschedkreis beliebten Schema der Figu-rentypisierung, wobei die Fehlerhaftigkeit der negativen Exempelgestalten graduell verschieden ausfällt. Erscheint der Magister Scheinfromm als heimtückischer Scharlatan, dem es einzig um materiellen Gewinn zu tun ist, so dominiert im Charakter der Frau Glaubeleichtin, die das weltliche Glück ihrer Tochter dem pietistischen Glaubensbekenntnis zu opfern bereit ist, das Moment der naiv-dümmlichen Borniertheit, welches wiederum die psychologische Prämisse für ihre religiöse Verführ-barkeit und die blinde Begeisterung angesichts der leeren Phrasen Scheinfromms bildet. Während sich die Komödie im Fall des Magisters auf die Entlarvung der ihn leitenden betrügerischen Absichten beschränkt, demonstriert sie am Exempel der Frau Glaubeleichtin die Möglichkeiten einer Vernunfterziehung, die zum Schluß auch die Schwärmerin in die Gefilde rationalen Denkens zurückführt. Die Hauptfigur vollzieht damit gedrängt jenen Prozeß der Einsicht nach, den auch der Zuschauer absolviert, der die Ränkespiele des >Pietisten< im Lauf der Ereignisse sukzessive durchschauen lernt. Nicht unproblematisch bleibt freilich, daß die Schwärmerkritik, die die Gottschedin vorführt, am Ende der Logik der Intrigenhandlung und dem satirischen Schema der Typenkomödie geopfert wird; die Gleichsetzung von Pietismus und Betrügerei, ohne die das von der korrigierenden Belehrung der Hauptfigur abhängige glückliche Finale nicht denkbar gewesen wäre, nimmt der in der Sprachsatire manifesten Polemik gegen die konfessionellen Sektierer letzthin die Spitze.
Vergleichsweise konventionell wirken die Gegenstände der Komödienkritik in den übrigen Lustspielen der Gottschedin: Hypochondrie und mit falscher Demut verbundene Geldgier beherrschen die Negativfiguren des Testaments , an dessen Ende die Obristin von Tiefenborn die Intrige ihrer Ziehkinder aufdecken, die Ehrlichkeit der offenherzigen Karoline belohnen kann. Abweichend von Gottscheds Warnungen überschreitet die moralische Fehlhaltung der zum Schluß entlarvten Gestalten hier bereits die Grenze zum Strafbaren: Amalie und ihr Bruder schrecken sogar vor einem Mordkomplott, das ihnen das Erbe der Obristin sichern soll, nicht zurück; komplementär schreibt die Autorin den Geschwistern freilich eine Reihe positiver Charakterzüge - Witz, Selbstironie und Heiterkeit - zu, die es ihr am Ende gestatten, das Komödienfinale auf die bereinigende Kraft der poetischen Gerechtigkeit zu konzentrieren, die Intriganten aber im juristischen Sinne straffrei ausgehen zu lassen ; vgl. IV Catholy AR, 32f.).
In vergleichbar didaktischer Tendenz führt der Witzling Arroganz und Selbstüberschätzung der Halbgebildeten vor, die, mit Hilfe der Vertreter lebenszugewandter Vernunft, zum Schluß der Lächerlichkeit preisgegeben werden. An die Stelle der von Gottsched geforderten Erziehung zur Selbsterkenntnis tritt hier die Evokation des Gelächters über eine falschverstandene Form von Gelehrsamkeit, die nicht das Urteilsvermögen des aufgeklärten Verstandes besitzt, sondern sich in eitler Hybris und gespreizter Prätention gefällt , ebenfalls berühreN). Verknüpft ist die Satire mit einem bereits für die Pietisterey zentralen Feld der intellektuellen Auseinandersetzung, das auch Gottscheds Wirken immer wieder tangiert hat; ins Zentrum rückt die Erörterung von Gewicht und Funktion der deutschen Sprache im Zusammenhang des öffentlichen Diskurses. Es scheint kein Zufall, daß die Vertreter einer anachronistischen, allein der Entfaltung eitler Selbstgenügsamkeit dienenden Wissenskultur - die Gestalten Vielwitz, Sinnreich und Jambus - entschieden für das Festhalten am lateinischen Idiom plädieren, demgegenüber die angeblich regellose deutsche Sprache dezidiert abgewertet wird. Dem Kaufmann Reinhart, einem Repräsentanten aufgeklärter Vernunft, fällt es zu, die Positionen des Sprachreformers zu profilieren und die Borniertheit der drei unverständigen Toren als Produkt selbstherrlicher Verblendung zu entlarven. Kaum nebensächlich ist dabei, daß Reinhart sich zugleich als regelmäßiger Leser der Deutschen Schaubühne zu erkennen gibt, deren Herausgeber seine editorische Sammeltätigkeit auch als Beitrag zur Festigung des Vertrauens in die Ausdrucksqualitäten der deutschen Sprache aufgefaßt hatte.
Im Idealfall gelingt es der Komödie des Gottschedkreises, die wirkungsorien-tierten Techniken des Lustspiels mit der Reflexion über zeittypische Problemfelder zu verknüpfen. Hinter dem satirischen Spott über die charakterliche Fehldisposition einzelner Figuren steht dabei zuweilen ein kritisches Interesse, das sich nicht allein auf die Verwirklichung der komödienspezifischen Erziehungsintention beschränkt. Besonders signifikant tritt diese erweiterte Perspektive in Quistorps Hypochondri-sten zutage, dessen Held Ernst Gotthart'als charakteristischer Repräsentant einer melancholischen Gemütshaltung erscheint, wie sie im Zeitalter der Aufklärung meist für eine Folge von übertriebener Selbstbeobachtung und religiösem Fanatismus gehalten wird. Quistorps schwärmerkritische Diagnose unterstellt dabei, daß das malum hypochondriacum durch einen Überschuß an schwerflüssigen Säften entsteht, die ihrerseits die Einschwärzung der Galle und damit das Entstehen trüber Gedanken fördern . Es gehört zum bei Quistorp ungebrochen fortlebenden Gottschedschen Gattungsverständnis, daß die Komödienhandlung den Prozeß der mühsamen Heilung des Helden von seinem Übel darstellt. Die Jahrhundertkrankheit der Hypochondrie, an der bedeutende Geister wie Haller, Geliert, Moritz und Hamann litten, ist hier - das grenzt die Komödie gegen spätere Darstellungen des mal de siede ab - weniger die Ausgeburt komplizierter Prozesse der Selbstbeobachtung im Zusammenspiel von Enthusiasmus und Schwermut als ein Symptom, das sich durch die ansteckende Heiterkeit einer jungen Dame mit dem sprechenden Namen Jungfer Fröhlichin< auf recht einfache Weise therapieren und durch die am Schluß avisierte Heirat offenkundig sogar dauerhaft überwinden läßt. Jenseits der so triumphierenden Logik der Gattung bietet Quistorp jedoch ein überraschend subtiles Psychogramm jenes Krankheitsbildes, das, als »Melancholie aus dem Geist der Empfindsamkeit« , vor allem nach der Jahrhundertmitte zum öffentlich diskutierten Thema der Anthropologen, Mediziner, Psychologen und Schriftsteller wurde. Die von Quistorps Helden vorgelebte Hypochondrie, zu der Angstzustände, Visionen, Schwermut, Depression ebenso wie physische Symptome - Appetitmangel und Schlaflosigkeit - gehören, tritt, abgelöst vom rein komödiantischen Wirkungszweck, derart plastisch in Erscheinung, daß man die Überzeugungskraft des glücklichen Finales und dessen Prognose einer dauerhaften Heilung des Protaganisten durchaus bezweifeln kann , 198f. ). Die Kunst der sensiblen Figurenzeichnung durchkreuzt hier die handfeste Ökonomie des aufklärerischen Komödienkalküls und läßt die Psychologie der Darstellung über den Schematismus der didaktischen Poesiekonzeption triumphieren.
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