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Geistesgeschichtliche Strömungen der älteren Tragödienforschung



Literaturwissenschaftliche Aufklärungsforschung konzentriert sich seit geraumer Zeit bevorzugt auf die dramenhistorische Entwicklung zwischen Gottsched und Lessing. Zumal die Tragödie avanciert dabei zum bevorzugten Gegenstand, an dem immer wieder die verschiedensten Untersuchungsmethoden erprobt werden. Betrachtet man die Stationen der Forschung seit 1945, so treten vier zentrale Strömungen hervor: der für die 50er Jahre bestimmende geistesgeschichtliche Ansatz , die quellenorientierte positivistische Verfahrensweise, die die folgende Dekade dominierte , die literatursoziologische bzw. sozialhistorische Perspektive der 70er und frühen 80er Jahre , schließlich die gegenwärtig vorherrschende Konzentration auf rhetorische, wirkungspsychologische und anthropologische Aspekte der Aufklärungstragödie, wie sie neuere Studien seit 1985 durchgängig zu kennzeichnen scheint .
      Benno v. Wieses rasch zum Standardwerk aufgestiegene Arbeit zur Tragödiengeschichte von Lessing bis Hebbel führt die geistesgeschichtliche Untersuchungsmethode in ihren Möglichkeiten und Grenzen exemplarisch vor Augen. Zum leitenden Interpretationsaspekt wird die Frage des tragischen Gehalts, der sich bei Lessing, wie v. Wiese ausführt, im Konflikt zwischen konkreter Leidenserfahrung und Theodizeemodell abzeichne. Die für die Aufklärung seit Leibniz verbindliche Vorstellung von der besten aller möglichen Welten kollidiere mit dem Scheitern des dramatischen Helden, dessen unverschuldeter Untergang das Vertrauen in die rationale Ordnung der diesseitigen Verhältnisse fundamental erschüttere und die Evidenz eines teleologischen Geschichtsprinzips tiefgreifend in Zweifel ziehe . So erscheine die Tragödie als künstlerische Erprobung des Theodizeegedankens unter den Bedingungen des Ernstfalls - als literarisches Experiment mit den vernunftwidrigen Abgründen des Nihilismus. Die Rettung der optimistischen Weltsicht erfolge letzthin, so auch die Auffassung von Otto Manns dramengeschichtlicher Studie , im Akt des Glaubens, unter Rekurs auf eine göttliche Gnadeninstanz, die den Menschen für innerweltliche Tugendhaftigkeit im Jenseits belohne und derart das irdische Leiden vergelte . Bedenklich bleibt an diesem Ansatz, daß er die Tragödie der Aufklärung von ihrem wirkungspoetischen Konzept löst und primär im Hinblick auf den ihr zugrundeliegenden Gehalt erörtert, Fragen des literarischen Kalküls, der Aristoteles-Rezeption und des praktischen Theaterbezugs jedoch vollkommen außer acht läßt. Maßgeblich wird damit eine Perspektive, die für Schillers spätere Synthese zwischen wirkungs- und gehaltsästhetischer Programmatik, nicht aber für Lessings Affektdramaturgie evident scheint. Problematisch bleibt schließlich der Verzicht auf jegliche Untersuchung des spezifisch sozialen Hintergrunds der von Lessing dargestellten bürgerlichen Konfliktstrukturen, mit dem sich weder v. Wiese noch Mann näher befassen.
     

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Theaterreform seit gottsched
Tragödie der frühen aufklärung
Das bürgerliche trauerspiel
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