» » » Die rührende Komödie
Die rührende Komödie
Ende der 40er Jahre tritt in Deutschland ein neuer Gattungstypus hervor, der, nach seinem geringfügig älteren französischen Vorbild, der comedie larmoyante, wie sie vor allem das Werk La Chaussees repräsentiert, als >rührendes< oder, bereits negativ wertend, >weinerliches< Lustspiel bezeichnet wird. Wesentlicher Exponent des Genres ist Christian Fürchtegott Geliert, der mit seiner Betschwester , dem Loos in der Lotterie und den Zärtlichen Schwestern innerhalb weniger Jahre Maßstäbe für ein neues Komödienverständnis setzt, das die zentrale Funktion der Gattung nicht in der Belehrung durch Gelächter erzeugende Abschreckung, sondern im Lob der Tugend aufgrund der Illustration sittlich hochstehender Charaktere anzutreffen meint. Von der älteren Tragödie unterscheiden sich Gellerts Dramen einzig durch den glücklichen Verlauf und das bürgerliche Personal, dessen besondere Disposition zur Empfindsamkeit wenige Jahre später auch die Affektkultur des bürgerlichen Trauerspiels bestimmen wird . In der Vorrede zu einer 1747 veröffentlichten Sammlung seiner Komödien erklärt Geliert lakonisch: »Sollten einige an der Betschwester, dem Loose in der Lotterie und den zärtlichen Schwestern überhaupt tadeln, daß sie eher mitleidige Thrä-nen als freudiges Gelächter erregten: so danke ich ihnen zum voraus für einen so schönen Vorwurf.« )
Bereits 1741 hatte Gottsched erste Vorbehalte gegen das ernsthafte Lustspiel mit rührendem Effekt angemeldet und es aufgrund seiner gattungspoetisch zweideutigen Programmatik getadelt. In der vierten Auflage der Critischen Dichtkunst schlägt er vor, das modische Genre dem Typus der Tragikomödie zuzuordnen, weil es durch die ihm eigentümliche affektive Wirkung, die die Erregung von Mitleid einschließe, unzweifelhaft ein tragisches Element aufweise, das den zumal in der Auswahl bürgerlichen Personals manifesten Komödiencharakter durchbreche . In Frankreich entflammte am Beginn der 40er Jahre ein heftiger Disput über die poetischen Qualitäten der comedie larmoyante, der wesentlich durch die scharfe Kritik Pierre Mathieu Martin de Chassirons gespeist wurde. Chassiron, hoher Staatsbeamter und Mitglied der Akademie für Literatur und Wissenschaft in La Rochelle, brachte gegen La Chaussees Rührkomödie die konventionelle Position des vom Regelwerk Boileaus geprägten klassizistischen Geschmacks zur Geltung, der auf einer exakten Trennung der Gattungen bestand und stilistische Mischungen als Produkte einer unorthodoxen neuen Modetendenz verwarf . Chassirons Maßstab bildeten das CEuvre Molieres und die Texte des Theatre Italien, die den Gesetzen der traditionellen Dramaturgie folgten, insofern sie sich von ernsthaften, mitleiderregenden Stoffen fernhielten .
In seiner lateinisch verfaßten Leipziger Antrittsvorlesung, die den Titel »Pro comoedia commovente« trug, verteidigt Geliert 1751 die Poetik des rührenden Lustspiels mit dem Hinweis darauf, daß das neue Genre hinreichend gegenüber der Tragödie abgegrenzt sei und eine klare gattungspoetische Zuordnung gestatte. Geliert betrachtet die Abweichungen von älteren Formmustern lediglich als graduelle Modifikationen, die der vielschichtigen Psychologie menschlicher Gefühlsäußerungen entsprächen. Neben die durch die satirische Typenkomödie evozierte Reaktion des heftigen Gelächters tritt in Gellerts System des Komischen das milde Lächeln, das Empfindungen eines gemäßigten Mitleids und der Rührung einschließt, ohne daß diese wiederum mit den vom Trauerspiel erregten großen Leidenschaften verwechselt werden dürfen. Die Vorzüge des neuen Gattungstyps gegenüber der satirischen Komödie liegen in der intensiveren moralischen Wirkung begründet, deren Priorität auch für Geliert außer Frage steht: »Die Abschilderungen tadelhafter Personen zeigen uns bloß das Ungereimte, das Verkehrte und Schändliche; die Abschilderungen guter Personen aber zeigen uns das Gerechte, das Schöne und Löbliche. Jene schrecken von den Lastern ab; diese feuern zu der Tugend an und ermuntern die Zuschauer, ihr zu folgen.« f.).
Gellerts rührende Komödie greift Formtendenzen auf, die bereits in den Lustspielen Richard Steeles und ersten Ansätzen zur subtileren Personencharakterisierung im CEuvre Pierre de Marivaux' auftraten . Zeigen die Betschwester und das Loos in der Lotterie mit der Darstellung lasterhafter Figuren, denen die Repräsentanten der Tugend entgegentreten, durchaus noch die konventionellen Züge der Typenkomödie , die hier von rührenden Szenen begleitet wird, so entfaltet sich das Ideal einer Erziehung des Herzens durch die Komödie vollends erst in den Zärtlichen Schwestern. Zwar bleibt Geliert auch hier älteren Gattungsnormen verpflichtet, insofern er am Schluß die Bestrafung der fehlerhaften Figur und den Triumph der reinen Gefühle über die Verstellungskunst vor Augen führt, doch dominiert jetzt die detaillierte Darstellung einer affektiv gefärbten, empfindsam rührenden Tugendmoral, deren Prinzipien durch das Handeln der Protagonisten plastisch beglaubigt werden dürfen ). Die Differenzen gegenüber der Gellerts Dramen vorangehenden Typenkomödie bleiben freilich auch hier vorwiegend gradueller Art; verschoben haben sich primär die Gewichtungen, die nunmehr für die stärkere Profilierung der positiven Charaktere sorgen und das dramaturgische Element der satirischen Denunziation des Lasters in den Hintergrund treten lassen. Vorrangiges Wirkungsziel ist dabei durchgängig die Erregung rührender Empfindungen, die, in ihrer affektiven Ausprägung weniger extrem als die tragischen Leidenschaften, den Zuschauer zu einer Form der ruhigen Sympathie mit dem Schicksal der dramatis personae führen soll. An den Platz des Verlachens als Programm der älteren Komödie rückt damit, wie es Richard Steele 1723 in der Vorrede zu seinem Lustspiel Conscious Lovers formuliert, »a joy too exquisite for laughter« .
In der Nachfolge Gellerts kommt es häufig zu Stilmischungen, unter deren Einfluß Elemente der comedie larmoyante mit jenen der satirischen Typenkomödie verknüpft werden. Krügers Der blinde Ehemann und Die Candidaten , nicht zuletzt Christian Felix Weißes Einakter Großmuth für Großmuth liefern anschauliche Exempel für die Möglichkeit der formalen Synthese zwischen beiden Formen. Der satirische Charakter der Intrigenhandlung, der auch bei Geliert nie gänzlich fehlt, schließt offenkundig die Darstellung vorbildlicher Lustspielfiguren und mit ihr die Orientierung an einer empfindsamen Affektkultur nicht aus.
|