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Aktuelle Tendenzen
Nach dem Abflauen der sozialhistorischen Hausse traten in den letzten Jahren bisher vernachlässigte Themen in den Vordergrund. Im Fall des bürgerlichen Trauerspiels suchte man jenseits der kanonischen Texte die schon von Daunicht und Wier-lacher aufgezeigte Vielfalt der Gattung anhand detaillierter Einzelinterpretation zu erweisen , wobei sich die Tendenz zeigte, sozialgeschichtliche Untersuchungsmethoden mit hermeneutischen und gattungstheoretischen Ansätzen zu verbinden. Neues Interesse zog zudem die klassizistische Tragödie der Gottsched-Ära auf sich, die seit der Mitte der 80er Jahre ins Zentrum der Forschung rückte. Auch hier spielten die gesellschaftskritischen Methoden der vorangehenden Dekade nur noch eine marginale Rolle; statt dessen dominierten Fragen, die dem Einfluß rhetorisch-poetologischer Kategorien auf die Programmatik des heroischen Trauerspiels galten , Formmuster und Wirkungskonzeptionen betrafen oder übergreifende bildungs- und theatergeschichtliche Aspekte erschlossen . Zu den wesentlichen Konsequenzen dieser neuen Akzentuierung gehörte es, daß die klassizistische Tragödie mit ihrer >Dramaturgie der Bewunderung< gegenüber dem zumeist höher geschätzten bürgerlichen Trauerspiel und seiner Poetik des Mitleids rehabilitiert und von negativ wertenden Geschmacksurteilen befreit wurde.
Sämtliche der genannten Studien berührten mit ihrem jeweiligen Ansatz auch Gesichtspunkte der anthropologisch interessierten Aufklärungsforschung , ohne daß deren Probleme dabei ins Zentrum der dramengeschichtlichen Untersuchung gerückt wären . Erst Alexander Kosenina und Matthias Luserke haben neuerdings anthropologische Fragestellungen für eine systematische Analyse der aufgeklärten Tragödie fruchtbar gemacht. Koseninas aus reichem Quellenmaterial gespeiste Studie erörtert Aspekte zeitgenössischer Schauspieltheorien und deren Einfluß auf die dramaturgische Praxis zwischen Lessing und Schiller. Besonders instruktiv ist dabei der Versuch, die Wirkungsprogrammatik von Regieanweisungen und die darin manifeste Kultur der Körpersprache bei der Textinterpretation gründlicher als zuvor zu berücksichtigen . Charakteristisch scheint der Umstand, daß erst im Ausgang der Aufklärung die für die Gottschedära typische Konzentration auf das Wort durch komplementäre Konzepte einer nonverbalen Darstellungskunst ergänzt wird, unter deren Einfluß auch außersprachliche Ausdrucksformen zum Mittel dramatischer Gestaltung avancieren .
Die Arbeit Luserkes sieht die raison d'etre der aufklärerischen Dramentheorie darin, daß sie Literatur als wirkungsästhetisch gefaßtes Mittel der Disziplinierung menschlicher Leidenschaften faßt. Diese Konzeption integriert sie in einen weit gespannten, seit dem Spätmittelalter in Gang gekommenen Prozeß der Zivilisation, den Luserke mit Elias als Vorgang fortschreitender Tnebsublimierung, mit Foucault aber zugleich als Beitrag zur Etablierung bestimmter diskursiver Strategien im Ringen um intellektuelle Machtpositionen versteht . Fern vom Zentrum politischer Entscheidungen, suche sich der Bürger im 18. Jahrhundert ein eigenes Feld, auf dem er als Subjekt mit individueller kultureller Identität hervortreten könne. Die Literatur ist jedoch für Luserke gerade dort, wo sie, wie im Drama, Verhaltensmuster mit Vorbildcharakter umreißt, mehr als nur ein Instrument der Entlastung angesichts realer politischer Ohnmacht. Gerade durch die in der Tragödie signifikante Darstellung von Leidenschaften und deren kathartische Bereinigung wirke sie auch als Mittel der Disziplinierung von Affekten, die dem Bürger erst das eigenständige soziale Profil verschaffe . Trotz problematischer Tendenz zu Neologismen und der Überanstrengung ihres eigenen Ansatzes liefert Luserkes Studie anregende Einsichten, die das bisherige Bild von der aufklärerischen Tragödie durch anthropologische bzw. zivilisationsgeschichtliche Aspekte nützlich ergänzen.
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