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Vom Schultheater zum Kunstdrama
Stärker noch als andere Gattungen ist das Schauspiel der Aufklärung geprägt durch die literarische Entwicklung des 17. Jahrhunderts. Zum wesentlichen Faktor der theoretischen Selbstverständigung avanciert dabei das Prinzip der Kritik: das deutsche Drama, das im Gefolge Gottscheds nach annähernd 50jährigem Interregnum der Epigonen als originelle Gattungsform eigenständig hervortritt, möchte sich zumal von den problematisch gewordenen Mustern des Barockzeitalters abgrenzen. In besonderem Maße gilt das für das Trauerspiel, dessen ältere Vertreter Gryphius und Lohenstein in den aufgeklärten Poetiken vornehmlich als abschreckende Repräsentanten des überwundenen Schwulststils verhandelt werden. Die Tatsache, daß das Werk beider Autoren einen bemerkenswerten Höhepunkt in der Geschichte des deutschen Dramas markiert, findet dabei im Zuge der programmatischen Polemik keine Beachtung.
Das sogenannte schlesische Kunstdrama, das ab der Mitte des 17. Jahrhunderts die literarische Landschaft beherrscht, entwickelte sich aus dem jesuitischen Ordenstheater und dem protestantischen Schuldrama des Späthumanismus . Vorgebildet schienen hier vor allem Grundformen der dramatischen Struktur, die allegorische Disposition und mit ihr die Tendenz zur Präsentation sinnbildlicher Figuren, die scharfsinnige Rhetorik, die Vorliebe für Sentenzen und Stichomythien , die den Dialog charakterisiert, nicht zuletzt die Ausrichtung an einer christlichen Motivwelt, die ihre Stoffe aus der Spätantike bezieht und im Drama vorwiegend konfessionelle Botschaften versteckt. Für den Jesuitenorden war das Theater wesentlich ein praktisches Instrument der Bekehrung im Prozeß der Gegenreformation , die nach übereinstimmenden Quellenzeugnissen eine eindrucksvolle Zahl von Konversionen im Kreis der Zuschauer nach sich zoG) . Die durchweg dem protestantischen Glauben zugehörenden schlesischen Dramatiker folgten keinem unmittelbar konfessionellen Kalkül, teilten jedoch mit ihren süddeutschen Vorgängern das Interesse an geistlich-erbauenden Wirkungsintentionen, die Trauer- und Lustspielkonzeption gleichermaßen regierten.
Das humanistische Schultheater protestantischer Ausrichtung blieb wiederum bestimmt durch einen gelehrten Anspruch, der seinerseits auch die Bühnenwerke der Schlesier beherrschte. Die ausführlichen Anmerkungsapparate der Trauerspiele Lohensteins vor allem dokumentierten, daß Dramenkunst hier keineswegs nur Unterhaltung, sondern ebenso Belehrung durch die Rezeption von naturkundlichen Schriften der Antike, Texten der Kirchenväter, allegorischen Lexika, emblematischen Standardwerken, nicht zuletzt der Bibel anstrebte. Auf diese Weise wurden die Schauspiele des Späthumanismus zum normierenden Maßstab gelehrten Wirkungsanspruchs und eines intellektuellen Geltungsinteresses, das sich bald nicht mehr auf die Darbietung antiker Stoffe konzentrierte, sondern auch theologische und naturwissenschaftliche Quellenschriften, wie vor allem das satirische Tendenz des neulateinischen Dramas, die der Komödie des Barockzeitalters mancherlei inhaltliche Anregungen verschaffte; thematisiert wurden hier wie dort verblendete Eitelkeit, Hybris fehlgeleiteten Ehrgeizes und Engstirnigkeit der Vertreter niedriger Stände .
Originalität erreichte im 17. Jahrhundert vor allem das durch Gryphius, Lohenstein und ihre Nachfolger Hallmann und Haugwitz repräsentierte Trauerspiel. Nur begrenzten Einfluß übte hier das Muster der attischen Tragödie aus, die zumal für die Form des aus dem Chor hervorgehenden Zwischenspiels, des Reyens, strukturprägendes Gewicht besaß . Größere Betieutung gewannen die Dramen Senecas, die den Schlesiern die Botschaft der stoischen Weltverachtung, die Neigung zur scharfsinnigen Dialogdiktion, nicht zuletzt die bühnenwirksamen Greuelmotive zuspielen durften .
Einflußreich wirkte zudem das Werk des niederländischen Dramatikers Jost van den Vondel, dessen Trauerspiel De Gebroeders Gryphius 1641, ein Jahr nach seinem Erscheinen, ins Deutsche übersetzte . Mit dem Schlesier teilte Vondel die loyale Gesinnung gegenüber dem absolutistischen Staat, die Ausrichtung am Neostoizismus, wie er vornehmlich vom Leidener Universitätslehrer Justus Lipsius und seiner dem spätantiken Stoizismus eines Boethius und Seneca folgenden Abhandlung De constantia repräsentiert wurde, ferner die moderate protestantische Konfession, die hier wie dort irenische Tendenzen nicht ausschloß . Nicht zuletzt vererbte Vondel den schlesischen Autoren den Begriff >Reyen |