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Lessings Poetik des Mitleids



Ihre ingeniöse Begründung erfährt die Theorie des bürgerlichen Trauerspiels durch Lessing, dessen wesentlicher Beitrag darin besteht, daß er die formalen Bestimmungen der Gattung um Elemente einer neuen Gefühlskultur ergänzt, die teils aus der britischen Moral-sense-Philosophie, teils aus sensualistischen Quellen stammen. Lessings Ausgangspunkt bildet Nicolais »Abhandlung vom Trauerspiele«, die der Autor seinem Freund in einem Brief vom 31. August 1756 näher erläutert. Nicolai hatte sein Augenmerk, geschult durch Dubos' entsprechende Bestimmungen aus den Reflexions critiques , primär auf die affektive Dimension der Tragödienwirkung konzentriert . Daß das Trauerspiel seinen Zweck vor allem darin finde, die Leidenschaften der Zuschauer zu erregen, betont Nicolai mit größtem Nachdruck ; der Mechanismus der Katharsis und die an ihn womöglich gebundene moralische Erziehungsleistung der Gattung interessieren ihn ebensowenig wie Fragen der dramatischen Figurengestaltung und der Formsprache. Belehrt durch die Theorien des ästhetischen Sensualismus, konzentriert Nicolai seine gesamte Abhandlung auf die Analyse der tragischen Affektpsychologie, der gegenüber die kathartischen Effekte einer Dramaturgie der Leidenschaften kaum näher berücksichtigt werden.
      Lessing, der im November 1756 auf Nicolais brieflichen Selbstkommentar antwortet, erstrebt hingegen eine Verknüpfung zwischen sensualistischer und moraldidaktischer Bestimmung des Trauerspiels. Für den zentralen Wirkungsbegriff, der das künstlerische Profil der Tragödie entscheidend bestimmt, hält Lessing das Mitleid, dem Schrecken und Bewunderung als Sekundäraffekte untergeordnet werden. Während die mitleidige Empfindung den Grundakkord bildet, der die Gemütsverfassung des Zuschauers im Verlauf der Bühnenhandlung, graduell je verschieden, beherrscht, stellen sich, so Lessing, Schrecken und Bewunderung stets nur kurzzeitig als Folgen plötzlicher Handlungsumschwünge oder der Darstellung ungewöhnlicher Charaktergröße im Kontext tragischer Heldenschicksale ein. An der Hauptaufgabe der Tragödie läßt Lessing keinen Zweifel:
sie soll unsre Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern. Sie soll uns nicht bloß lehren, gegen diesen oder jenen Unglücklichen Mitleid zu fühlen, sondern sie soll uns weit fühlbar machen, daß uns der Unglückliche zu allen Zeiten, und unter allen Gestalten, rühren und für sich einnehmen muß Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter, und das Trauerspiel, das jenes tut, tut auch dieses, oder - es tut jenes, um dieses tun zu können. .
      Lessings Neudeutung besteht darin, daß sie den funktionalen Status des Mitleidsbegriffs verändert, indem sie ihn nicht nur als affektive, sondern auch schon als moralische Kategorie auffaßt. Empathie, wie sie das Trauerspiel hervorrufen soll, schließt Uneigennützigkeit und Menschenfreundlichkeit ein - sittliche Tugenden, die an der Spitze der aufklärerischen Werthierarchie stehen. Die hier vollzogene Aufwertung des Mitleidsbegriffs erlaubt es Lessing, auf die sensualistisch geprägte Gattungslehre Nicolais zurückzugreifen, ohne dabei die seit Gottsched vertraute moralische Begründung der Tragödienwirkung preiszugeben. Die Katharsis, über deren Mechanismus sich erst die Hamburgische Dramaturgie genauer äußern wird, tritt hingegen in den Hintergrund. Da die mitleidige Empfindung als vom Trauerspiel ausgelöster Primäraffekt a priori eine sittliche Wertigkeit besitzt, scheint es kaum notwendig, ihn im Prozeß der Läuterung entsprechend zu regulieren und übergeordneten moralischen Zwecken zuzuführen.
      Lessings Mitleidsbegriff, der der Wirkungspoetik des bürgerlichen Trauerspiels den programmatischen Horizont verschafft, speist sich aus unterschiedlichen Quellen, deren Bedeutung die neuere Forschung kontrovers diskutiert hat . Insgesamt lassen sich drei Einflußfelder erkennen, die jeweils einzelne Aspekte des Lessingschen Konzepts geprägt zu haben scheinen. Die methodische Synthese zwischen sensualistischer und moraldidaktischer Begründung der Tragödie, wie sie in der doppelten Nuancierung des Mitleids als Affekt und ethischer Wert zutage tritt, wird möglich durch den Rekurs auf die britische Mora/-sewse-Philosophie, zu deren wichtigsten Vertretern Shaftesbury, Francis Hutcheson und, prägend vor allem für das letzte Drittel des aufgeklärten Jahrhunderts, Adam Ferguson zählen. Als sittliches Wesen ist der Mensch, so betont Hutcheson, keineswegs nur von der Vernunft gesteuert; vielmehr besitzt er eine natürliche Disposition zum moralischen Handeln, die wesentlich mit seinem Empfindungsvermögen verknüpft scheint. Die Fähigkeiten der sensuellen Wahrnehmung begründen ihrerseits die Bereitschaft zur einfühlenden Anteilnahme am Schicksal anderer Menschen und damit eine moralische Fertigkeit, die, anders als im Kontext der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie, nicht als Produkt der Vernunft, sondern als synthetisches, sinnliche und intellektuelle Kräfte zusammenführendes Vermögen angesehen wird. Lessing kannte diese Auffassung zumal aus Hutchesons Abhandlung A System of Moral Philosophy , deren deutsche Übersetzung er 1756 vorlegte; es ist offenkundig, daß die Theorie des Mitleids als affektiv gegründete Form tugendhafter Menschenliebe methodische Anregungen durch die angelsächsische Moral-sense-Philosophie empfangen hat .
      Eine zweite Quelle bilden Moses Mendelssohns »Briefe über die Empfindungen«, die Lessing im Jahr 1755 unautorisiert und ohne Nennung des mit ihm befreundeten Verfassers publiziert. Für Mendelssohn stellt das Mitleid das paradigmatische Beispiel einer gemischten Empfindung vor, in der Lust- und Unlustgefühle zusammenfließen. Es »ist nichts, als die Liebe zu einem Gegenstande, mit dem Begriffe eines Unglücks, eines physikalischen Uebels, verbunden, das ihm unverschuldet zugestoßen. Die Liebe stützt sich auf Vollkommenheiten, und muß uns Lust gewähren, und der Begriff eines unverdienten Unglücks, macht uns den unschuldigen Geliebten schätzbarer, und erhöhet den Werth seiner Vortreflichkeiten.« Über den besonderen Charakter derartiger gemischter Empfindungen hatte bereits Geliert in seiner Ende der vierziger Jahre entstandenen Abhandlung »Von den Annehmlichkeiten des Mißvergnügens« nachgedacht, ohne dabei aber näher auf den Mitleidsbegriff einzugehen .
      Als »Vermischung von angenehmen und unangenehmen Empfindungen« bildet das Mitleid für Mendelssohn eine Synthese zwischen moralischer und sinnlicher Disposition, insofern es nicht nur der Ausdruck entwickelter Sensibilität, sondern auch das Produkt moralischer Wertvorstellungen und ein Reflex der Liebe zu >Vollkommenheiten< ist, wie Mendelssohn in der konventionellen Terminologie der Leibniz-Wolffschen Schulphilosophie erklärt. Entsteht das Lustgefühl des Mitleidenden aus der allgemeinen Liebe zur Tugend, so die Linlust aus der emotionalen Anteilnahme am unglücklichen Schicksal eines mustergültigen Menschen. Verfeinerte Sensibilität und moralisches Urteilsvermögen bilden damit die Voraussetzungen der Mitleidsfähigkeit, die nur dann gegen Fehlhaltungen immun bleibt, wenn ihre beiden Komponenten gleichermaßen zur Geltung kommen. Im Gegensatz zu den Vertretern der Mora/-se«se-Philosophie findet Mendelssohn im Mitleid nicht a priori die sittliche Kraft vernünftiger Menschenliebe wirksam; vielmehr bedarf es der äußeren Vermittlung mit moralischen Wertmaßstäben, um der Empathie das notwendige ethische Fundament zu verschaffen.
      Beeinflußt wird die Mitleidslehre des Briefs vom November 1756 nicht zuletzt durch Rousseaus Discours sur 1'inegalite {1755), den Lessing im Jahr seines Erscheinens für die »Berlinische privilegierte Zeitung« rezensiert . Rousseau integriert seinen Mitleidsbegriff in die dezidierte Kritik der Zivilisation, wie sie der Discours durchgängig formuliert. Das Mitleid ist für ihn »un sentiment naturel« , eine natürliche Empfindung, die dem Menschen im Prozeß der modernen kulturellen Entwicklung sukzessive verlorengegangen ist. Besitzt der Wilde (>homme sauvagePetat de naturesentiment natureh vergleichbar, eine selbständige Kategorie, deren moralische Dignität unabhängig scheint von der Frage, ob die sie kennzeichnende emotionale Teilnahme einem würdigen oder einem unwürdigen Gegenstand gilt. Mit dieser Ansicht steht Lessing der seit den 50er Jahren zum literarischen Modephänomen avancierten Empfindsamkeit nahe, die im >Joy of grief

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