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Das Modell der Emilia Galotti
Lessings anthropologisches Ideal repräsentiert der wohltemperierte Charakter, dessen Affekte sich selbst regulieren, ohne daß sie einer entsprechenden externen Steuerung bedürfen. Im Hinblick auf dieses Modell erweist sich sein eigenes Tragödienwerk freilich als Beitrag zur skeptischen Bewertung optimistischer Hypothesen über die Selbstheilungskräfte des Menschen. In solchem Sinn läßt sich fraglos die Emilia Galotti lesen: auch sie ist, wenngleich ihr der Autor die spezifizierende Gattungsbezeichnung versagt, ein bürgerliches Trauerspiels insofern sie eine Familientragödie im Einflußfeld höfischer Intrigen darstellt, die nicht allein ständische Konflikte, sondern zugleich die Sprengkraft der Leidenschaften und die Disharmonie zwischen Emotion und Vernunft vor Augen führt.
Mit dem Stoff der Emilia Galotti, der, abweichend von der Praxis der meisten Verfasser bürgerlicher Trauerspiele, auf eine Begebenheit aus der Historie, die vom römischen Autor Livius geschilderte Geschichte der Virginia zurückgeht, beschäftigte sich Lessing seit dem Beginn der 50er Jahre. 1754 übersetzte er eine französische Inhaltsangabe von Luyandos Virginia für die »Theatralische Bibliothek«, 1755 rezensierte er in der »Berlinischen Privilegirten Zeitung« Samuel Patzkes Alexandrinertragödie "Virginia. Ende des Jahres 1757 trug er sich, angeregt durch ein Preisausschreiben von Nicolais »Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste«, mit dem Projekt einer »bürgerlich« Virginia«, das er jedoch nicht zum Abschluß brachte. Erst annähernd 15 Jahre später wurde die Arbeit am dramatischen Fragment wiederaufgenommen, nun mit dem erklärten Ziel, »eine modernisirte, von allem Staatsinteresse befreyete Virginia« zu schreiben, die, wie es in einem Brief an den Braunschweigischen Herzog hieß, »nichts als die alte Römische Geschichte« in einer neuen »Einkleidung« bieten sollte. Die Uraufführung der Emilia Galotti fand am 13. März 1772 in Braunschweig statt; zumindest den aufmerksamen Zuschauern dürfte dabei deutlich geworden sein, daß die prätendierte >Moder-nisierung< des Stoffs zwangsläufig auch ein neues Staatsinteresse berührte - auf subtile Weise freilich und in jener >KinkleidungEs< versachlicht und derart als bedrohlichen Reflex eines sich später in Gewaltakten äußernden Triebes vergegenwärtigt: »Es sprach von Schönheit, von Liebe - Es klagte, daß dieser Tag, welcher mein Glück mache, - wenn er es anders mache - sein Unglück auf immer entscheide. - Es beschwor mich - hören mußt' ich dies alles. Aber ich blickte nicht um; ich wollte tun, als ob ich es nicht hörte. - Was könnt' ich sonst?« .
Von unkontrollierbaren Affekten beherrscht zeigen sich nahezu sämtliche der dramatis personae. Der in unerfüllter Liebe entflammte Prinz ist ein »Raub« der sinnlichen Erregung, die ihn beim Anblick Emilias erfaßt hat; Odoardo scheint am Hochzeitsmorgen von Mißtrauen und Angst erfüllt, die ihn zur gestrengen Überwachung der häuslichen Festvorbereitungen anhalten ; Appiani zeigt sich unfähig zur Heiterkeit des erwartungsfrohen Bräutigams und legt statt dessen grüblerische Melancholie an den Tag, die schließlich in düstere Todesvisionen mündet ; die Gräfin Orsina, wenngleich mit überlegenem Intellekt begabt, bleibt von unkontrollierten Gefühlen des Hasses und der Rachsucht beherrscht, die ihre Handlungen wesentlich steuern ; selbst Marinelli, der zunächst souveräne Intrigant und charge d'affairs seines fürstlichen Herren, verliert im Verlauf des Gesprächs mit der Gräfin Orsina die geübte Contenance des Höflings und gerät unter die Regie der Emotionen, deren Macht sich in seinen hilflosen, unbewußt komischen Versuchen einer Erklärung der durch den Tod Appianis entstandenen prekären Situation erweist .
Zur Versöhnung zwischen Gefühl und Vernunft vermögen Lessings Figuren nicht zu finden. Tragische Konsequenzen zeitigt dieses Versagen bei Emilia, deren Tod, häufig als verwirrender Reflex des Märtyrerdramas fehlgedeutet, aus der Einsicht resultiert, daß die eigene sinnliche Affizierbarkeit mit der Geltung des bürgerlichen Moralkodex nicht in Übereinstimmung gebracht werden kann: »Ich habe Blut, mein Vater; so jugendliches, so warmes Blut, als eine. Auch meine Sinne, sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut.« . Von einem Märtyrertod, wie ihn Corneille im Polyeuct , Gryphius in der Catharina von Georgien und im Papinian , Hallmann in der Sophia oder Cronegk in Olint und Sopbronia dargestellt haben, kann hier kaum gesprochen werden: Emilia stirbt nicht, um ihre sittliche Unfehlbarkeit bis zum Schluß beständig zu bewahren, sondern weil sie moralisch unverletzbar allein im Tod ist. Der Selbstmord erweist sich als das einzige Mittel, das die tugendhafte Integrität der Titelheldin bewahren kann; der Dolch des Vaters richtet sich daher nicht, wie es die Orsina gewünscht hatte, gegen den adligen Verführer , sondern gegen die eigene Tochter, weil für ihn die Sicherung der moralischen Überlegenheit bürgerlichen Wertdenkens bedeutsamer ist als die Beseitigung desjenigen, der sie durch sein verantwortungsloses Handeln in Gefahr bringt. In Odoardos Tat bekundet sich auf solche Weise weniger die oft betonte politische Ohnmacht des Bürgers als vielmehr sein ureigenes soziales Selbstverständnis, das auf moralische Sekurität, nicht auf Umsturz zielt . Entscheidend bleibt für ihn, daß die Tugend überlebt - und sei es nur »im Leichnam« als Sinnbild fragiler moralischer Selbstbewahrung .
Damit verdeutlicht der Tod der Protagonistin auch das Scheitern einer bürgerlichen Erziehung, die das Individuum nicht zur freien Auseinandersetzung mit den eigenen Konflikten anhält, sondern, wie das Verhalten Odoardos zeigt, im Beharren auf eine repressiv wirkende Tugendmoral, in Erfahrungsentzug und Gemütsspionage die Programmatik aufgeklärter Vernunftpädagogik pervertiert . Indem Lessing diese Formen verfehlter Erziehungspraxis und mit ihnen die Problematik einer in Unfreiheit und Unmündigkeit umschlagenden Ausrichtung am Gedanken bürgerlicher Moralität durch sein dramatisches Exem-pel beleuchtet, demonstriert er auf eindrucksvolle Weise, daß die Literatur der Aufklärung durchaus imstande war, die Dialektik ihrer eigenen Ideale kritisch zu reflektieren. Erst Schiller hat die Möglichkeiten des Trauerspiels auf vergleichbar hohem Niveau vor Augen geführt; seine Dramaturgie des Pathetisch-Erhabenen und das Programm der Erziehung durch die Tragödie sind ohne Lessing kaum denkbar -Reflexe eines produktiven Fortwirkens aufklärerischer Poetik im Ausgang des 18. Jahrhunderts.
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