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Die rezeption der französischen adelskultur in deutschland

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Die Bildungsverhältnisse



Noch früher als die Kaufleute hatten die Gebildeten den Blick nach Frankreich gerichtet. Von dort war schon im 10. Jahrhundert die große religiöse Erneuerungsbewegung ausgegangen, die mit dem Namen des burgundischen Klosters Cluny verknüpft ist. Von dort verbreitete sich im 11. Jahrhundert der Gottesfrieden . Und Frankreich war auch der Ausgangspunkt des Kreuzzugsgedankens: In Clermont hatte Papst Ur-banll. am 27. November 1095 den französischen Adel zur Heerfahrt nach Palästina aufgerufen.


     

Um dieselbe Zeit gewannen die französischen Schulen hohes Ansehen in ganz Europa. Seitdem der Italiener Lanfranc im normannischen Kloster Bec unterrichtete, zogen viele Studenten dorthin. Die Kathedralschule von Laon wurde durch Anselm berühmt. In Paris unterrichtete Wilhelm von Champeaux . Auch die Kathedralschulen von Reims, Orleans und Chartres entwickelten sich im 12. Jahrhundert zu blühenden Mittelpunkten der wissenschaftlichen Studien, die auch deutsche Studenten in wachsender Zahl anzogen. Welchen Prestigewert ein Studium in Frankreich bereits im 11. Jahrhundert besaß, beleuchtet die Nachricht, daß Bischof Heribert von Eichstätt einen Lehrer seiner Domschule, namens Gunderam, absetzen wollte, »weil dieser zuhause und nicht am Rhein oder in Frankreich studiert hatte«31. Der gelehrte Abt Williram von Ebersberg , der um 1065 eine >Erklärung des Hohen Liedes< in deutscher Sprache verfaßt hat, sprach in der lateinischen Vorrede zu diesem Werk von dem außerordentlichen Ruhm der Schule von Bec unter Lanfranc, »den zu hören viele von unseren Landsleuten zusammenströmen«^"; und er knüpfte daran die Hoffnung, daß die neue Gelehrsamkeit »auch in unseren Gegenden«3^ Früchte tragen möge. Der spätere Erzbischof Adalbert IL von Mainz , aus dem Haus der Grafen von Saarbrücken, wurde als junger Mann von seinem Onkel, Erzbischof Adalbert I. von Mainz , zuerst zum Studium der Logik nach Reims geschickt, wo Alberich, der spätere Erzbischof von Bourges , sein Lehrer war, und anschließend zur weiteren Ausbildung nach Paris. Die bald nach Adalberts Tod von einem sonst unbekannten Anselm verfaßte >Vita Adalbert^ in lateinischen Hexametern erzählte sehr ausführlich und mit vielen interessanten Einzelheiten von den Studienjahren des Erzbischofs in Frankreich. Wie groß der Einfluß der französischen Bildung war, ist auch den Lebensdaten anderer deutscher Kirchenfürsten des 12. Jahrhunderts zu entnehmen. Die meisten Bischöfe und Erzbischöfe, über deren Bildungsgang etwas bekannt ist, haben in Frankreich studiert: Otto von Freising , Konrad von Mainz , Rainald von Dassel , Hillin von Trier , Heinrich von Lübeck , Brunovon Köln , Ludolf von Magdeburg usw. Fast alle stammten aus hochadligen Familien; und ihrem hohen Rang ist es hauptsächlich zu danken, daß Einzelheiten über ihre Lebensverhältnisse überliefert wurden. Man kann jedoch davon ausgehen, daß es daneben eine große Zahl weniger Prominenter gab, die ebenfalls zum Studium nach Frankreich zogen und die französische Bildung nach Deutschland zurückbrachten. Zufällig wissen wir, daß Otto von Freising, ein Sohn des Markgrafen von Ã-sterreich, auf dem Weg von Paris zurück nach Ã-sterreich mit einem Gefolge von »fünfzehn anderen erlesenen Klerikern, die mit ihm gekommen waren«34, im Zisterzienserkloster Morimund einkehrte. Es waren wahrscheinlich alles Deutsche, die später »alle zu verschiedenen Würdenstellungen erhoben wurden«35; der einzige namentlich bekannte darunter war der spätere Abt Friedrich von Baumgartenburg. Daß es schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts eine größere Anzahl deutscher Studenten in Reims gab, bezeugt eine Episode in der >Vita AdalbertiSumma dictaminum< von Ludolf von Hildesheim steht der Musterbrief eines Pariser Studenten44, der seinen Vater um Geld bat, zusammen mit der vorformulierten Antwort des Vaters. Ihren bedeutendsten literarischen Niederschlag hat die Wanderbewegung der Studenten und Scholaren in der lateinischen Vagantendichtung gefunden. Die Forschung ist längst davon abgekommen, die Selbstdarstellung der Verfasser dieser Lieder für bare Münze zu nehmen. Sie waren kein Haufen verkommener Studenten, die ihr Leben dem Alkohol, dem Glücksspiel und den Freuden sinnlicher Liebe verschrieben. Vielmehr waren die meisten Dichter hochgebildet, und einige von ihnen haben später hohe Würdenstellungen bekleidet. Das schließt nicht aus, daß auch Wirklichkeitselemente in die Vagantenlyrik eingegangen sind, zum Beispiel in das Abschiedslied eines schwäbischen Studenten, der zum Studium nach Paris aufbricht: »In das gastliche


Frankreich ruft mich jetzt das Studium«4'; »Leb wohl, liebes Vaterland, liebliches Schwaben! Sei gegrüßt, geliebtes Frankreich, du Hof der Philosophen«46; »Zu der Stadt der Weisheit eile ich wiederum.« Mit der »Stadt der Weisheit« ist sicherlich Paris gemeint, nach Caesarius von Heisterbach »die Quelle aller Wissenschaft«48.
      An der Bildungsbewegung des 12. Jahrhunderts hatte Deutschland nur geringen Anteil. Aber durch die studierten Kleriker, die das in Frankreich und Italien Gelernte mit nach Hause brachten, gewannen die wissenschaftlichen Studien auch hier allmählich an Boden und es wuchs die Zahl derer, denen -wie Otto von Freising in der Vorrede zu den >Gesta Frederici< schrieb - »die Erhabenheit scharfsinniger Gedankengänge höheres Entzücken bereitet«49. Otto von Freising war einer der ersten, der die ganze aristotelische Logik kannte und sie durch einen philosophischen Exkurs in seiner >Weltchronik< in Deutschland bekanntmachte. Rainald von Dassel erwähnte in einem Brief die Bücher, »die wir jetzt aus Frankreich mitbringen«30, und die er an befreundete Geistliche auslieh. Wie begehrt die Bücher der französischen Gelehrten in Deutschland waren, bezeugt die Entstehungsgeschichte eines theologischen Werks mit dem Titel >Die Vorratskammer der Ameise< , das dem Mönch Liebhart von Prüfening zugeschrieben wird. In der Vorrede pries der Verfasser »die Klugheit der modernen Lehrer« und lobte den Eifer der Studenten, »die gewohnt sind, das, was sie von ihren Lehrern hören, fleißig aufzuschreiben und die Nachschriften anderen mitzubringen«51. Als nun »Studenten der Theologie die >Distinctiones< des Pariser Lehrers Petrus [Cantor] nach Deutschland mitbrachten«52, hätte ihm ein glücklicher Zufall das Buch in die Hände gespielt; er habe es sofortkopiert. Da jedoch die Zeit nicht gereicht habe, das Buch ganz abzuschreiben, habe er die Lücken durch Entlehnungen aus anderen Autoren gefüllt. Daß gelegentlich auch weltliche Fürsten bei der Vermittlung von Werken der modernen französischen Theologie eine Rolle gespielt haben, bezeugt ein Eintrag in der Vorauer Handschrift des Psalmenkommentars von Gilbert de la Porree -Propst Bernhard von Vorau hat dort notiert, daß »der Archidiakon Otakar dieses Buch dem Markgrafen Otakar und dieser es unserer Kirche übereignet hat«53. Markgraf Otakar I

II.

von der Steiermark war der Gründer des Stiftes Vorau. In den großen Kloster- und Diözesanbibliotheken in Bayern und Osterreich - in Freising, Tegernsee, Salzburg, Admont, Klosterneuburg usw. - waren die wichtigsten Lehrer der französischen Frühscholastik durch zahlreiche Handschriften vertreten. Es ist jedoch bezeichnend für die Bildungsverhältnisse in Deutschland, daß von Abaelard zwar die theologischen Werke in großer Zahl nach Deutschland gelangten, daß seine logischen Schriften hier jedoch fast gänzlich unbekannt geblieben sind. -Ebenso wie der gelehrte Inhalt hat die elegante Ausdrucksweise der französischen Lehrer ihre Zuhörer und Leser fasziniert. Otto von Freising rühmte, als er von den alten Dichtern Galliens sprach, »den französischen Scharfsinn und Redefluß«54. Von dem Eindruck, den der Unterricht Wilhelms von Cham-peaux, des Leiters der Pariser Kathedralschule, gemacht hat, zeugt der Brief eines Studenten: »Wenn wir seine Stimme hören, glauben wir nicht einen Menschen, sondern einen Engel vom Himmel zu vernehmen; denn die Lieblichkeit seiner Worte und die Tiefe seiner Gedanken übersteigt das menschliche Maß.« Abt Wibald von Stablo nannte in einem seiner Briefe die französischen Lehrer seiner Zeit, »Anselm von Laon, Wilhelm von Cham-peaux, Alberich von Reims, Hugo von St. Victor und viele andere, von deren Lehre und Schriften die Welt erfüllt ist«56,und stellte sie auf eine Stufe mit Beda und Hrabanus Maurus, den ehrwürdigen Kirchenlehrern der alten Zeit. In der Chronik Ottos von St. Blasien wurden unter denen, die »in Paris als hervorragende Lehrer berühmt waren«57, besonders Petrus Lombardus und Petrus Comestor genannt.
      Die Laien hatten, jedenfalls in Deutschland, keinen Zugang zu der neuen Bildung. Aber es gab viele Verbindungen zwischen dem Wissenschaftsbetrieb der Hohen Schulen und der Hofkultur des weltlichen Adels. Die meisten jungen Kleriker, die zum Studium nach Frankreich gingen, stammten aus vornehmen Familien. Die Kosten für das Studium wurden in vielen Fällen von den weltlichen Verwandten aufgebracht, die manchmal auch den Anstoß zu der Studienreise gaben. Markgraf Leopold I

II.

von Osterreich machte seinen jüngeren Sohn Otto - den späteren Bischof Otto von Freising - schon im Kindesalter zum Propst des von ihm gegründeten Chorherrenstifts Klosterneuburg. »Daraufhin schickte er ihn zum Studium nach Paris, mit Geldern ausgestattet, die aus seiner eigenen Kasse stammten und aus den Einkünften der Kirche, der er vorstand.«' Weltliche Herrscher waren es auch, die durch Schutzbriefe und Privilegien das Aufblühen der Schulen und die Entstehung der Universitäten gefördert haben. Als König Friedrich I. im Jahr 1155 auf seinem ersten Italienzug in Bologna haltmachte, wurde er von den Bürgern der Stadt und den Mitgliedern der Universität feierlich begrüßt. »Professoren und Studenten gemeinsam kamen in feierlichem Zug, alle begierig, den Römischen König aufzusuchen, sie, die dich, Bologna, in so großer Zahl bewohnten und Tag und Nacht in den verschiedenen Wissenschaften tätig waren.« Der König empfing sie »freundlich« und hörte sich »gütig« ihre Klagen über Unzuträglichkeiten in der Stadt an. Daraufhin erließ er »mit Zustimmung der Fürsten« {prineipibus consultis, 494) ein Gesetz, »daß niemand diejenigen, die ihrem Studium obliegen wollten, bei ihrem Aufenthalt und bei ihrem

Kommen oder Gehen behindern sollte«60. Außerdem bestimmte er, daß die Mitglieder der Universität von der damals üblichen Gesamthaftung befreit wurden. Mit der Mahnung an die Bürger von Bologna, »die Scholaren in der Stadt ehrenvoll zu behandeln«61, verabschiedete sich der König. Diese Begebenheit ist nur poetisch bezeugt; aber es besteht kein Grund, ihre Geschichtlichkeit zu bezweifeln. Die Verordnung aus dem Jahr 1155 war offenbar eine Vorstufe zu dem allgemeinen Scholarenprivileg, das Kaiser Friedrich I. drei Jahre später im Rahmen der Ronkalischen Gesetzgebung erlassen hat. Darin verlieh er »allen Scholaren, die des Studiums wegen in der Fremde auf Wanderschaft sind, und besonders denen, die das göttliche und heilige Recht lehren, dieses Vorrecht Unserer Huld, daß sie selbst sowie ihre Dienstboten in die Orte, an denen wissenschaftliches Studium durchgeführt wird, unbehelligt reisen und dort wohnen dürfen«62. Ferner wurde bestimmt, daß die Scholaren vor kein anderes Gericht als das ihrer Lehrer oder das des Bischofs gezogen werden dürften.
      Es war nicht nur die Liebe zur Wissenschaft, die die weltlichen Herrscher veranlaßte, die Hohen Schulen zu fördern. Für die leitenden Aufgaben in der königlichen Kanzlei, für diplomatische Tätigkeiten und für die höheren Verwaltungsämter wurden in wachsender Zahl gut ausgebildete Leute gebraucht, vor allem Juristen, aber auch Kleriker, die in Rhetorik und Dialektik geschult waren. Ein Zeugnis für das Interesse der weltlichen Herrscher an der wissenschaftlichen Ausbildung junger Kleriker ist das Schreiben Kaiser Friedrichs I. an Erzbischof Eberhard von Salzburg , in welchem der Kaiser darum bat, einem Domherrn der Salzburger Kirche, der ein Verwandter des staufischen Hauses war, die Erlaubnis zu geben, »um einer höheren Bildung willen [auswärtige] Schulen zu besuchen«, damit der junge Mann später »mit einer höheren Bildung versehen, um so ehrenvoller eurer Kirche Dienste leiste und, wenn wir es "wollen, unserem Hof zu dienen in der Lage sei«63. Einige von den deutschen Geistlichen, die in


Frankreich studiert haben, sind später in wichtige Hofstellungen gelangt: Rainald von Dassel zum Beispiel, der als Reichskanzler einen bestimmenden Einfluß auf die Italienpolitik Friedrichs I. hatte, oder der Bischof Heinrich von Lübeck, der zu den engsten Vertrauten Heinrichs des Löwen gehörte. Akademische und höfische Gesellschaft waren auf mannigfache Weise miteinander verflochten. Weltliche Werte - Geld und Ruhm - spielten auch für die Repräsentanten der neuen Wissenschaft eine Rolle. »Zwei Dinge sind es, die die Menschen sehr zur Rechtswissenschaft treiben: die Jagd nach Ã"mtern und eitle Ruhmsucht«64, schrieb Petrus von Blois um 1180 in einem seiner Briefe. Der berühmteste Lehrer des 12. Jahrhunderts, Petrus Abaelard, hat sich selbst beschuldigt, »aus Begierde nach Geld und Ruhm« seinen Lehrberuf ausgeübt zu haben. In der Aufwendigkeit ihres Lebensstils und in der Prachtentfaltung ihrer Hofhaltung haben die hochgebildeten Bischöfe und Kirchenfürsten des 12. Jahrhunderts die meisten ihrer weltlichen Kollegen in den Schatten gestellt. Dem Erzbischof Rainald von Dassel schrieb Abt Ekbert von Schönau: »Täglich schmückst du dein vergängliches Fleisch mit kunstvoll gearbeiteten griechischen Seidenstoffen und russischen Pelzen, die dem Gold und Silber im Wert vorgezogen werden.« Von dem Trierer Erzbischof Albero von Montreuil berichtete sein Biograph Balderich: »Mit seinem großartigen Gefolge und Aufwand stellte er alle anderen Fürsten in den Schatten.«6' Erzbischof Christian von Mainz war einer der größten ritterlichen Herren seiner Zeit. An der Spitze seiner Truppen ritt er 1167 in die Schlacht von Tusculum, »auf dem Pferde sitzend, mit einem Panzer bekleidet, darüber ein blaues Kleid, auf dem Haupte einen vergoldeten Helm und in den Händen eine dreiknotige Keule«68. Von ihm erzählte man sich, »daß die Eselseines Heeres größere Ausgaben verursachten als der gesamte Haushalt des Kaisers«69.
      Für die Verbreitung der adligen Gesellschaftskultur haben die geistlichen Höfe eine wichtige Rolle gespielt. Ob sie auch die Rezeption der französischen Literatur gefördert haben, läßt sich - aus Mangel an Zeugnissen - nicht mit Sicherheit sagen. Es ist jedoch auffällig, daß die ersten Ãobertragungen französischer Epen durchweg von gebildeten Klerikern ausgeführt worden sind. Wir wissen nicht, wo und wie der pfaffe Lamprecht und der pfiffe Konrad ihre Französischkenntnisse erworben haben. Aber die Vermutung liegt nahe, daß sie zu den zahlreichen Deutschen gehörten, die schon im 12. Jahrhundert in Frankreich studierten. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß der Aufschwung der Bildung im 12. Jahrhundert und die Entstehung der höfischen Gesellschaftskultur in einem engen historischen Zusammenhang standen. In Frankreich und England ist das daran zu erkennen, daß die fürstlichen Gönner und Mäzene, an deren Höfen die Wissenschaften und Künste gepflegt wurden, selber Anteil an der neuen Bildung hatten . In Deutschland lagen die Verhältnisse anders. Denn hier waren die Fürsten, die ihren Gesellschaftsbetrieb nach französischen Mustern gestalteten, in aller Regel Analphabeten und besaßen persönlich keinen Zugang zu der lateinischen Bildungstradition. Eine Folge davon war, daß die französische Wissenschaft in Deutschland nicht mit derselben Intensität rezipiert worden ist wie die Dichtung in französischer Sprache. Eine weitere Folge war, daß auch die lateinische Hofliteratur aus Frankreich und England mit den Werken von Johannes von Salisbury, Petrus von Blois, Giraldus Cambrensis, Walter Map, Andreas Ca-pellanus und vielen anderen in Deutschland ohne Resonanz geblieben ist.
     

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