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Die rezeption der französischen adelskultur in deutschland

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Die Übernahme französischer Gesellschaftsformen



Die Anfänge des gesellschaftlichen Einflusses aus Frankreich reichten bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts zurück, als Kaiser Heinrich I

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eine der großen südfranzösischen Fürstinnen, Agnes von Poitou , die Tochter Herzog Wilhelms

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von Aquitanien , heiratete. In den konservativen deutschen Kirchenkreisen wurde mit Empörung registriert, daß die modische Erscheinung der französischen Herren in der Umgebung der Kaiserin beim deutschen Adel Zustimmung und Nachahmung fand. Hauptzeuge dafür ist Abt Siegfried von Gorze , der in einem Brief an den Abt Poppo von Stablo aus dem Jahr 1043 den Niedergang der gesellschaftlichen Umgangsformen beklagte und dabei besonders an die französische Heirat des Kaisers dachte: »Was uns jedoch am meisten bedrückt und worüber wir nicht schweigen dürfen, ist, daß die Ehre des Reichs, die zu Zeiten der früheren Kaiser in bezug auf Kleidung, Aussehen, Bewaffnung und Reitwesen in schicklichstem Ansehen stand, in unseren Tagen vernachlässigt wird und daß die schändliche Mode französischer Geschmacklosigkeiten eingeführt wird, nämlich das Abrasieren der Barte und die höchst anstößige und das verschämte Auge beleidigende Verkürzung und Veränderung der Kleider sowie viele andere Neuerungen, die aufzuzählen zu lange dauert.« Besonders bedenklich erschien dem Verfasser des Briefs, daß diejenigen, die diese neuen Sitten annahmen, »beim König und manchen Fürsten mehr Vertrauen finden« als die, die sich dagegen wehrten. Daß manche Neuerungen, insbesondere das Abrasieren der Barte, in Deutschland Erfolg hatten, wird auch durch eine Geschichte bezeugt, die Otloh von St. Emmeram im Anhang zu seiner Schrift >Vom geistlichen Wettlauf< überliefert hat. Danach passierte einem »vornehmen Herrn« das Mißgeschick, daß ein Gottesurteil zu seinen Ungunsten ausging, obwohl er unschul-dig war. Warum Gott ihm zürnte, wurde ihm anschließend von einem Geistlichen erklärt: »Obwohl du ein Laie bist und nach der Sitte der Laien niemals einen rasierten Bart tragen dürftest, hast du das göttliche Gesetz gebrochen und hast wie ein Kleriker deinen Bart rasiert.« Der Mann versprach, sich nie mehr zu rasieren, und prompt ging das noch einmal angerufene Gottesurteil zu seinen Gunsten aus, womit sowohl seine Unschuld bewiesen war als auch die Gültigkeit der Feststellung, »daß kein Laie einen Bart rasieren darf«84. Aber die Geschichte war noch nicht zu Ende. Die neue Mode war offenbar so verführerisch, daß der adlige Herr bald sein Versprechen vergaß und wieder anfing, sich zu rasieren. Für den Rückfall mußte er hart büßen: er fiel in die Hände seiner Feinde und wurde geblendet.

      Wie schockierend das Auftreten der jungen französischen Adligen mit ihren modischen Accessoires und ihrer betonten Weltlichkeit auf die Vertreter einer traditionellen monastischen Ethik gewirkt hat, wird am deutlichsten bei dem normannischen Mönch Ordericus Vitalis , der voll Trauer auf »die ehrwürdige Sitte unserer Vorväter«3' zurückblickte und voll Abscheu von »den neuen Einfällen« berichtete, denen die adlige Jugend in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts nachhing. Die jungen Leute rasierten sich die Stirn und ließen sich hinten »lange Locken wachsen wie Frauen«; sie »kräuseln ihre Locken mit dem Brenneisen«; sie ließen sich kleine Barte stehen; sie kleideten sich »in sehr enge Gewänder« mit »langen weiten Ärmeln« und fegten »mit den überflüssigen Schleppen ihrer Kleider und Mäntel den staubigen Boden«86. Am schlimmsten waren für den geistlichen Autor die spitzen Schnabelschuhe, die nach seinem Bericht von Graf Fulko

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von Anjou erfunden worden waren und mit denen der Graf überall bei »den leichtlebigen und auf Neuheiten versessenen Menschen« Anklang gefunden habe, so daß nun »fast alle, Arme wie Rei-che, diese Art von Schuhen gerne haben wollen«87. Nicht zuletzt diese modischen Einzelheiten dürften es gewesen sein, weswegen der deutsche Adel im 12. Jahrhundert den Blick nach Frankreich richtete. Wieviel davon tatsächlich nachgeahmt und übernommen -wurde, ist jedoch historisch kaum zu belegen.
      Ein wichtiger Anhaltspunkt für die Chronologie des kulturellen Einflusses aus Frankreich sind die Fürstensiegel. Seit der Mitte des 11. Jahrhunderts gab es in Frankreich Reitersiegel, die mit dem Bild eines schwer gerüsteten Ritters zu Pferd geschmückt waren. Im Jahr 1083 hat zum ersten Mal ein Mitglied des deutschen Hochadels, der Graf Konrad von Luxemburg, den französischen Bildtyp für sein Siegel benutzt, und wenig später sind andere Fürstenhäuser in Deutschland gefolgt. Im 12. Jahrhundert ist das Reitersiegel dann die typische Form des Fürstensiegels geworden.
      Ein weiteres Indiz sind die Schilderungen des höfischen Gesellschaftslebens in der zeitgenössischen deutschen Dichtung. Die Dichter haben gewiß den Erwartungen ihres adligen Publikums entsprochen, wenn sie die höfischen Formen aus Frankreich überall als vorbildlich hinstellten. Die Damen trugen Kleider und Mäntel »in französischem Schnitt«88; sie kleideten sich, »wie es die Französinnen tun« und bemühten sich um »den damenhaften Gang nach Art der Französinnen«90. Auch die Männer schmückten sich mit Gewändern und Waffenröcken, »wie man es in Frankreich tut«91. Zum Empfang der Gäste wurden Sitze aufgeschlagen und »nach französischer Sitte Kissen daraufgelegt«92. Bei der festlichen Mahlzeit benutzte man »weiße Tischtücher im französischen Stil und Pariser Servietten«93. »Französische Gepflogenheit« war es auch, daß die Herrin des Hofes einen Gast auszeichnete, indem sie sich beim Essen zu ihm setzte. Zu den höfischen Unterhaltungsformen gehörte das Fiedeln »in französischer Melodie«95.

     

Otto von Freising berichtete, daß König Lothar von Supplin-burg im Jahr 1127 das staufische Nürnberg ohne Erfolg belagerte und sich dann nach Würzburg zurückzog, wohin ihm die staufischen Brüder, Herzog Friedrich IL von Schwaben und Konrad, der spätere König Konrad I

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, mit ihren Truppen folgten. Sie »rückten bis vor die Mauern und veranstalteten draußen mit den Rittern des Königs ein Kampfspiel, das man jetzt gewöhnlich >Turnier< nennt«96. Das Turnier war in Frankreich zu Hause. Der französische Adlige Goeffrey de Preuilly soll im 11. Jahrhundert die Regeln festgelegt haben. Noch im 13. Jahrhundert sprach Matthäus von Paris von »französischen Kampfspielen, die >Lanzenstechen< oder >Turniere< genannt werden«97. Der Bericht Ottos von Freising über das Würzburger Turnier von 1127 ist für die Rezeption der französischen Adelskultur in mehrfacher Hinsicht aufschlußreich:
— Der Zeitpunkt des Ereignisses läßt erkennen, daß bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Übernahme französischer Gesellschaftsformen voll im Gange war. Dagegen hat die literarische Rezeption mit den ersten Übertragungen französischer Epen erst einige Jahrzehnte später, gegen 1150, eingesetzt.
      - Offenbar ist mit der neuen Sache auch das neue Wort übernommen worden. Wenngleich die Formulierung Ottos von Freising, daß das Reiterspiel »jetzt« Turnier genannt werde, die Möglichkeit offenläßt, daß das französische Wort tour-noiement erst nach 1127 in Deutschland bekannt geworden ist, und wenn man auch damit rechnen muß, daß der deutsche Kirchenfürst nicht genau mit der weltlichen Ritterterminologie vertraut war (was die Staufer vor Würzburg veranstalteten, war im strengen Sinn kein >TurnierBu-hurtGesta Frederici< vor 1158 verfaßt; das erste Buch ist sogar vielleicht schon 1146/47 niedergeschrieben worden. Die ersten poetischen Belege für das franzosische Lehnwort turnei begegnen erst um 1170, bei Heinrich von Veldeke und Eilhart von Oberg.

     
- Träger der Rezeption war der höchste Adel. Es ist wohl kein Zufall, daß die weltlichen Fürsten sich bei dieser Gelegenheit dem König gegenüber als fortschrittlicher, moderner in der Praktizierung neuer französischer Rittersitten erwiesen; und es dürfte ebensowenig ein Zufall sein, daß die Fürsten, die das Ritterspiel veranstalteten, Herzöge von Schwaben waren, deren Herrschaftsbereich an französisches Sprachgebiet grenzte.
     

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