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Die rezeption der französischen adelskultur in deutschland

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Chronologie und Geographie der literarischen Rezeption



Auf keinem anderen Gebiet war der französische Einfluß im 12. Jahrhundert so dominierend wie auf dem der volkssprachigen Literatur. Im Lauf von nur wenigen Jahrzehnten hat sich damals das Erscheinungsbild der weltlichen Literatur vollständig verändert. In der Nachahmung und Aneignung französischer Vorbilder entstand die höfische Dichtung in ihren beiden Hauptgattungen, dem Minnelied und dem höfischen Roman. Getragen wurde die literarische Rezeption von derselben Hofgesellschaft, die sich in ihrer Sachkultur und in ihren Umgangsformen nach Frankreich orientierte.

      Der erste französische Text, der ins Deutsche übertragen worden ist, war das Alexanderepos des Alberic von Besangon. Die deutsche Bearbeitung des Pfaffen Lamprecht ist wahrscheinlich um 1150 entstanden; wo und in wessen Auftrag, ist nicht bekannt. Es war ein erster, vereinzelter Versuch. Der Hauptstrom setzte 20 Jahre später ein. Um 1170 ist das deutsche >Rolandslied< entstanden . Gleichzeitig sind in Deutschland die ersten höfischen Minnelieder nach dem Vorbild der Trobadors und Trouveres gedichtet worden. In dem halben Jahrhundert zwischen 1170 und 12

   erreichte die literarische Rezeption ihre größte Intensität. Sie richtete sich fast ausschließlich auf das, was damals in Frankreich modern und aktuell war. In einigen Fällen scheint der zeitliche Abstand zwischen dem französischen Original und der deutschen Bearbeitung nicht mehr als ein Jahrzehnt betragen zu haben: ein erstaunlich kurzer Zeitraum, wenn man bedenkt, wie lange es damals gedauert haben muß, bis literarische Neuerscheinungen international bekannt wurden, und wie viel Zeit die Ãobertragung eines umfangreichen epischen Werks erforderte. Offenbar war man an den deutschen Höfen über die Neuigkeiten auf dem französischen Literaturmarkt gut informiert. Auch die Minnesänger haben sich hauptsächlich an den zeitgenössischen romanischen Lyrikern orientiert, mit denen sie vielleicht in persönlichem Kontakt gestanden haben.
      Nach 1220 änderte sich die Situation grundlegend. Zwar blieb der französische Geschmack dominierend, und die aus Frankreich übernommenen Gattungen des Minnelieds und des höfischen Romans haben das Bild der Literatur noch lange geprägt. Aber die unmittelbare Rezeption französischer Texte hörte ebenso plötzlich auf, wie sie begonnen hatte. Im 13. Jahrhundert sind nur noch wenige französische Epen ins Deutsche übertragen worden, und das Interesse war nicht mehr auf die literarischen Neuerscheinungen gerichtet. Charakteristisch für die Literatursituation im 13. Jahrhundert sind die Quellenverhältnisse bei Konrad von Würzburg , der für zwei seiner Epen französische Vorlagen benutzt hat. Die beiden französischen Werke, die er bearbeitet hat, waren damals schon fast ein Jahrhundert alt: für seinen >Trojaner-krieg< benutzte er den alten >Roman de Troie< von Benoit de Sainte-Maure, der um 1210 schon einmal, von Herbort von Fritzlar, übertragen worden war; und sein >Partonopier und Meliur< griff auf einen berühmten französischen Abenteuerroman des 12. Jahrhunderts zurück, den >Partonopeus de BloisTristrant< von Eilhart von Oberg dieser rheinischen Epik zuzuzählen ist. Eine Generation später hat sich der Schwerpunkt der epischen Dichtung an den Oberrhein verschoben. Hier dichteten Hartmann von Aue und Gottfried von Straßburg, außerdem Ulrich von Zatzikhoven noch kaum ein volkssprachlicher Literaturbetrieb nachweisbar ist, während sich der thüringische Hof unter seinem Bruder und Nachfolger Hermann I. in kurzer Zeit zum bedeutendsten Mittelpunkt der Rezeption französischer Dichtung entwickelt hat. Landgraf Hermann hat Veldeke nach Thüringen berufen und hat die Vollendung der >Eneit< bewirkt. Er hat außerdem die französische Vorlage besorgt, nach der Herbort von Fritzlar sein >Liet von Troie< gedichtet hat. Und er hat auch Wolfram von Eschenbach mit der französischen Quelle seines >Willehalm< bekannt gemacht. Vielleicht sind noch weitere Epen nach französischen Vorlagen

.
      Norddeutschland hatte an der höfischen Dichtung französischen Stils nur ganz geringen Anteil. Niederdeutsche Hofdichtung nach französischen Quellen hat es im 13. Jahrhundert nicht gegeben, abgesehen vielleicht von dem sogenannten >Loc-cumer ArtuseposTristrant< von Eilhart von Oberg, dorthin.
      Ãoberschaut man die Geographie der literarischen Rezeption, so treten dieselben Einflußwege zu Tage, die auch für die sprachlichen Verbindungen und für den Wirtschaftsverkehr zwischen Deutschland und Frankreich maßgebend waren. Für die Aneignung der höfischen Epik waren offenbar der Niederrhein und die Mosel die wichtigsten Umschlagplätze. Zwischen Maastricht und Kleve hat Heinrich von Veldeke seine ersten Gönner gefunden. Von dort gelangten die literarischen Neuerungen einerseits rheinaufwärts nach Süddeutschland, andererseits landeinwärts nach Thüringen. Die alte Handelsstraße zwischen dem Rheinland und Bayern, zwischen Köln und Regensburg, war offenbar die wichtigste Schiene der literarischen Geo-graphie im 12. Jahrhundert. In einigen Fällen können "wir sehen, wie die Ausbreitung der französischen Literatur mit den Reisewegen der Dichter verknüpft war. Veldeke ist vom Rhein nach Thüringen gereist und hat dort die neue Kunst der Epik im französischen Stil begründet. Vielleicht ist der Pfaffe Lamprecht von Trier nach Bayern gereist und hat dort für ein bayerisches Adelspublikum seinen >Alexander< gedichtet; jedenfalls stammt die einzige Handschrift, die das Werk überliefert, aus dem Südosten .
      Aber nicht nur die Dichter sind gereist, sondern auch die Handschriften. Veldekes >Eneit< wurde bereits im 12. Jahrhundert mehrfach in Bayern abgeschrieben, und umgekehrt ist das >Rolandslied

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