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Narzißmus und gespaltenes Mutterbild
Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu seyn! Ich weis du verzeihst mir's. Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meinige zu ängstigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig!
Der deutsche Liebesroman über das unmöglichste aller Begehren beginnt mit der Flucht des Helden vor dem Begehren einer Frau. Werther ist von Leonores "Leidenschaft" so verängstigt, daß er nicht nur seine Freude über die geglückte Flucht so überschwenglich ausdrückt, sondern auch den Preis dafür bezahlt. Er sieht sich gezwungen, seinen Freund Wilhelm zumindest räumlich zu verlassen; als Briefpartner bleibt er ihm und damit wohl auch die "unzertrennliche" Freundschaft erhalten, denn Werther glaubt sogar zu wissen, daß ihm sein alter ego die Flucht verzeiht. Schon in diesen ersten Sätzen fällt eine Dichotomie von Beziehungsstrukturen auf: der selbstgewählten und spiegelbildlichen Freundschaft stehen Verbindungen gegenüber, auf die Werther keinen Einfluß hat, die ihm vom "Schicksal" aufgebürdet werden und zugleich die erstere Beziehung zu bedrohen scheinen. Werther entzieht sich dem Anspruch des Dritten, leugnet jede Verwicklung in das Begehren Leonores und versucht zugleich die exklusive Zweierbeziehung mit Wilhelm allein schon durch den Akt des Schreibens fortzusetzen. C. Zahlmann hat auf die Parallele zwischen diesem Romananfang und der Sage von Narziß hingewiesen. Auch Narziß flieht vor einem anderen Begehren. Seine von der Nymphe Echo widergespiegelte Rede des Verlangens treibt ihn in die Flucht und vor das eigene Spiegelbild im Wasser, in das er sich verliebt. Wie sein Vorgänger Narziß schreckt Werther vor dem Begehren des Anderen zurück, weil es ein Anderes ist. Diese Bewegung des Weglaufens wird im Text fast endlos wiederholt. Werther flieht vor Leonore, seiner Mutter, später vor den Ansprüchen Alberts, er verläßt den Grafen und den Fürsten, schließlich Lotte. Auch wenn die jeweilige Trennung vom Anderen unterschiedlich motiviert zu sein scheint, bleibt die Struktur die gleiche: Werther kann die Inkompatibi-liät von Wünschen und Erwartungen nicht ertragen. Er weicht dem Begehren des Anderen aus oder glaubt, da der Andere seines nicht anerkennt. Beides spürt Werther am Organ des Empfindens, welches in der Intimität der Kleinfamilie erst produziert wird: dem Herzen.
Das Herz ist für Werther der Ort der Wahrheit des Subjekts. Es gilt ihm als das autonome Innen des Menschen , welches mit sozialen und rationalen Regeln in Konflikt kommt, da es einer anderen Ordnung angehört und eine eigene Sprache hat . Das Herz ist vom Verstand nicht erfaßbar und ihm sogar überlegen, denn mit dem Herzen wird die Natur und Gott "gefühlt" . Schließlich vereinigen sich die Liebenden zu einer Herzensgemeinschaft , die wie die den Roman eröffnende dyadische Beziehung exklusiv ist. Ein Herz zu haben bedeutet, Werther gleich zu sein, was nur möglich ist, wenn man mit dem anderen verschmilzt oder sich in ihm spiegelt. Werther billigt nämlich nur den Personen ein Herz zu, zu denen er eine spiegelbildliche Beziehung eingehen kann . Das von ihm gebrochene Herz Leonores zählt wenig, Albert hat keines, der Fürst ist unfähig, Werthers Herz zu erkennen, das dochmein einziger Stolz ist, das ganz allein die Quelle von allem ist, aller Kraft, aller Seligkeit und alles Elends. |...| Mein Herz hab ich allein.
Die mehrfache Verwendung von "allein" und "alles" im Sinne von Originalität und Totalität des Herzens deutet eine Projektion an, die von den Allmachtsphantasien eines Kleinkindes nicht allzu weit entfernt ist.g Wie dieses befindet sich Werther, als er die Glorifizierung seines Herzens schreibt, in einem Zustand realer Hilflosigkeit und Abhängigkeit vom Anderen. Er ist zwangsweise vom Hof entfernt worden, will gar in den Krieg entfliehen und ist auf das Wohlwollen des Fürsten angewiesen, der ihn nicht versteht. Und dennoch wähnt er sich als stolzer Besitzer eines Herzens, welches sein alles umfassendes, aber imaginäres Sein ausmacht. Ausgestattet mit diesen Attributen der Eigentlichkeit und Fülle bildet das Herz die Grundlage jener imagi-nierten Selbstgewißheit, die im Anschluß an Lacans Begriff der Ich-Spaltung dem imaginären Ich zugeordnet ist. Werthers so oft unter der Formel "Absolutismus des Herzens" beschriebener Narzißmus" bezeichnet genau die Funktionen dieses "Spiegel-Ichs", welches eine psycho- und ontogenetische Konstante im Prozeß der Identitätsbildung darstellt, die das Subjekt auf dem Weg zum sozialen Ich durchläuft. Werthers Wunsch, vom Anderen als Träger seines absoluten Herzens anerkannt zu werden, unterminiert aber zugleich durch diese Abhängigkeit die Überschätzung seines Selbst und gefährdet sogar die Selbstgewißheit. Die Ansprüche der Anderen "ängstigen" sein Herz , die Reden der ihn demütigenden Adelsgesellschaft gehen ihm wie "Schwerdter durch's Herz" , schließlich folgt dem Tod des Herzens die Selbstvernichtung im wörtlichen Sinne. Das Herz ist also trotz seiner unterstellten Macht und Kraft ein äußerst zerbrechliches Wesen, denn es benötigt den Anderen, um sich überhaupt erst entfalten zu können, so wie das moi das je braucht, um sich zu artikulieren.
Auf den Anderen angewiesen zu sein, um ganz sich selbst zu sein, bezeichnet die Konstitution des Subjekts in der Kindheit. Werther zieht selbst diese Parallele zwischen Selbst und Kind in einer seiner widerspruchsvollen Selbstdefinitionen:
Du fragst, ob du mir Bücher schicken sollst? Lieber, ich bitte dich um Gottes willen, laß sie mir vom Hals. Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuret seyn, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst, ich brauche Wiegengesang, und den hab ich in seiner Fülle gefunden in meinem Homer. Wie oft lull ich mein empörendes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast du nichts gesehn als dieses Herz. |...| Auch halt ich mein Herzgen wie ein krankes Kind, all sein Wille wird ihm gestattet. Sag das nicht weiter, es giebt Leute, die mir's verübeln würden.
In dem Versuch, der Fremdbestimmung durch andere Personen auszuweichen, reproduziert Werther gerade seine Abhängigkeit. Zunächst will er sich von den Büchern befreien, denen er Qualitäten beimißt, die sich durchaus auf die ihn dominierende Familienfigur bezichen lassen: seine Mutter. Sie "leitet" seine Tätigkeiten , sie will ihn zu einer bürgerlichen Karriere "ermuntern" , von ihr wird Werther "angefeuret", sich beim Hof zu bewerben . Als er schließlich seinen Posten aufgeben will, werden aus den Verben der Ermunterung Schuldvorwürfe: "ihr seyd doch allein schuld daran, die ihr mich sporntet und triebt und quältet" . Schon einige Briefe später, wenn Werther von seiner "Di-mißion bey Hofe" berichtet, wird deutlich, daß sich hinter dem pluralen "ihr" die Mutter verbirgt, die sich den "schönen Lauf des Sohnes doch so sehr gewünscht hatte:
Bring das meiner Mutter in einem Säftgen bey, ich kann mir selbst nicht helfen, also mag sie sich's gefallen lassen, wenn ich ihr auch nicht helfen kann. Freylich muß es weh thun. .
Werther kann die Wünsche der Mutter nicht erfüllen und fürchtet deren Reaktion so sehr, daß er den Freund mit der unangenehmen Aufgabe beauftragt, ihr das Schmerzhafte schonend beizubringen. Seine Legitimation, die Mutter enttäuschen zu müssen, redet eine andere Sprache. Werthers Mangel an Sein, seine Hilflosigkeit, sich selbst zu helfen oder zu genügen, mit anderen Worten seine narzißtische Selbstkrise verhindern, daß er die Wünsche anderer befriedigen kann. Mit der Forderung nach Wahrnehmung bürgerlicher Aufgaben reduziert die Mutter Werthers Ich auf ein soziales Ich, wovor der Sohn zurückschreckt. Die Mutter und nicht "Leute" würde es ihm "verübeln", daß er seinem Herzen folgt, daß er sich seinem narzißtischen Ich bedingungslos hingibt, denn das "ungleiche" und "unstete" Herz des Sohnes widerspricht allen Ansprüchen nach bürgerlicher Normalität. Obwohl damit schon in einem der ersten Briefe Werthers Konflikt mit der Mutter auftaucht, deren Lebenswelt der Sohn im Namen seines Herzens ablehnt, bedarf andererseits gerade Werthers Herz einer Mutter. Werther braucht "Wiegengesang", um sein Herz "einzulullen", d.h. er identifiziert seine eigentlichen Bedürfnisse mit den ersten eines zudem noch "kranken" Kleinkindes." Das doch angeblich so starke, willkürliche Herz ist gleich mehrfach auf die Hilfe anderer zur Beruhigung und Gesundung angewiesen. Die Suche nach der mütterlichen und pflegenden Frau ist also schon vorprogrammiert, noch bevor Werther "an meinem eignen armen Herzen" fühlt, "was Lotte einem Kranken seyn muß" . Zunächst muß er sich jedoch mit Anderem begnügen: wenn hinter den verworfenen "Büchern" die Mutter steht, dann findet Werther zugleich auch in einem Buch einen Mutterersatz, der ihm das gibt, was ihm die natürliche Mutter zu verweigern scheint. Diese Differenzierung der Bücher in "gute" und "schlechte", in Texte also, die Werther ablehnt oder mit denen er sich identifizieren kann , wiederholt die Spaltung des Ichs in einander widersprechende mütterliche Imagines. Jenseits aller Redundanzen der Struktur der Ichbildung ist der Konflikt des Individuums zwischen imaginiertem Ich und oktroyiertem, sozialem Ich immer originell. Seine spezifische Gestalt ergibt sich daraus, welche Bilder intersubjektiver Identifikationen sich dem Kind dauerhaft einschreiben und inwiefern der Erwachsene diese modifiziert, wiederholt oder überwindet. Aus diesem Grund wird Werthers Kindheit interessant, denn ihre Repräsentation im Text gibt Aufschluß über die individuelle Struktur von Werthers Verkennungen und Einbildungen der Selbstbezüglichkeit. Werthers Kindheitserinncrungen stehen an extrapolierter Stelle des Romans. Im gleichen Monat, in dem er ein Jahr zuvor sein "Wahlheim" fand, macht er nach dem Abschied vom Hofe eine "Wallfahrt nach meiner Heimath" und verwendet die gleiche Stadt-Land-Opposition wie zu Beginn des Textes:
Morgen geh ich von hier ab, und weil mein Geburtsort nur sechs Meilen vom Wege liegt, so will ich den auch wieder sehen, will mich der alten glücklich verträumten Tage erinnern. Zu eben dem Thore will ich hineingehen, aus dem meine Mutler mit mir herausfuhr, als sie nach dem Tode meines Vaters den lieben vertraulichen Ort verließ, um sich in ihre unerträgliche Stadt einzusperren,
Der Tod des Vaters verkleinerte nicht nur die Familie, sondern veranlaßte auch die Mutter, den Ort zu verlassen, der in Werthers Erinnerung Signifikant des Glücks ist.
Deshalb weist Werther der Mutter Schuld zu, indem er ihr unterstellt, mit dem Wegzug sein Glück beschnitten zu haben. Sie verläßt den "lieben vertraulichen Ort", um sich "in ihre unerträgliche Stadt einzusperren". Auf den ersten Blick scheint es, daß sich Werther nach der vollständigen Kleinfamilie und dem Vater sehnt, dessen Tod die triadische Bezichungsstruktur der Familie drastisch veränderte. Fortan übernimmt die Mutter jene Funktionen, die in der bürgerlichen Konjugalfamilie dem Vater obliegen: sie repräsentiert die bürgerliche Ordnung im "Namen des symbolischen Vaters"14. Durch diese innerfamiliären Veränderungen werden die Identifizierungsmöglichkeiten des Kindes regressiv verschoben. Der Vater erscheint nicht mehr als der Vertreter einer Ordnung, die dem Kind den Zugang zur Mutter und damit sein Begehren untersagt, was die strukturale Psychoanalyse als "symbolische Kastration" im Sinne des Untergangs des Ödipuskomplexes bezeichnet. Vielmehr fallen in der Mutter das Objekt des Begehrens und die Instanz des Gesetzes zusammen, was u.a. bewirken könnte, daß auch das inzestuöse Verbot hinfällig wird. Rebelliert Weither gegen die Mutter, weil er in ihr den symbolischen Vater verwirft und mit ihr eine symbiotische Beziehung wieder aufnehmen will, die sie verweigert?" Die Sprache subvertiert Werthers bewußte Darstellung der Heimkehr an den Geburtsort und entlarvt ein regressives Begehren, welches auf die früheste Kindheit zielt. In der Antinomie von "hineingehen" und "herausfahren" reaktualisiert sich nämlich ein Geburtstrauma, denn Werther will in den Geburtsort "hineingehen", aus dem die "Mutter mit mir herausfuhr". Diese Metaphorik der Rücknahme situiert das Ereignis der Trennung von den "alten glücklich verträumten Tagen" zeitlich am anderen Schauplatz. Nicht der Tod des Vaters beendet das Glück des Kindes, sondern der zweimalige Hinweis auf die Schuld der Mutter, die das Kind von etwas trennt . Werther sehnt sich also nach einer Zeit vor der bewußten Erinnerung an die Kindheit, d.h. nach dem Mutterschoß bzw. der Symbiose, denn so "glücklich" waren die Tage der eigentlichen Kindheit ja auch nicht, standen sie doch schon im Zeichen der "Herzensangst" und eines abwesenden Genusses, "dessen Ermangeln ich so oft in meinem Busen fühlte" . Werther stellt selbst fest, daß sein kindliches Verlangen "hinaus in die unbekannte Welt" ein Fehlschlag war und ihn letztlich wieder an den Ort seines Entstehens zurückbringt. Diese Sehnsucht nach dem "Heim" kennzeichnet die fundamentalste Ur-Imago, welche stets wiederkehrt und die Suche nach Ganzheit in immer neuen Namen ausdrückt: "metaphysische Fata Morgana der universalen Harmonie, mystischer Abgrund der affektiven Verschmelzung [...] alle Formen des Heimwehs nach einem vor der Geburt verlorenen Paradies und der dunkelsten Strebungen zum Tod"l7. Werthers Schicksal läßt sich auf dieses tödliche Streben nach absoluter Vereinigung mit dem anderen beziehen. Erst im Tod ist er sich des gewünschten Paradieses sicher, welches ihm das Leben zu verwehren scheint.
Zwischen den Schuldvorwürfen gegenüber der Mutter und dem gleichzeitigen Heimweh nach dem Geburtsort kristallisiert sich ein gespaltenes Mutterbild, welches Lacan historisch und psychogenetisch zu erklären versucht hat. Zum einen führte seit dem 18. Jahrhundert der familiäre Verfall der Vaterrolle,''' wie er u.a. durch die Abwesenheit der erwachsenen Männer in der bürgerlichen Konjugalfamilie bedingt war , zur Stärkung der mütterlichen Erziehungsfunktion; andererseits scheint die Mutter aber auch für die Über-Ich-Bildung mitverantwortlich zu sein, jener "Eltcrninstanz" in der Psyche des Kleinkindes, die nach Freud das Begehren des Subjekts durch Verinnerlichung von Versagungen oder Verboten begrenzt.2" Eine diesbezügliche mütterliche Imagoproduktion in der Ich-Entwicklung ergibt sich daraus, daß die Mutter nach dem Ausschluß der Ammen und des Gesindes die erste Präsenz darstellt, die das Kleinkind wahrnimmt. Sich verzweifelt an ihre Brust klammernd soll die Schulzlosigkeit, die die Frühgeburt bedingt, kompensiert werden, die Geburt quasi in der Symbiose wieder zurückgenommen werden. Die Mutter diszipliniert aber den Anspruch des Kindes auf ausschließliche Nähe durch die von den männlichen Pädagogen so vehement geforderte Durchsetzung der geregelten Ablactation - und dadurch, daß ihr Begehren in derauf Gefühlen basierenden Familie nicht nur auf das Kind, sondern auch auf andere, Geschwister und Vater, zielt. Diese zweite traumatische Erfahrung des Kleinkindes stellt einen weiteren Schritt in der Abnabelung von der Mutter dar und wiederholt zugleich die Vehemenz des Geburtsschocks. Auf diese Weise kann Werthers Bild der "bösen" Mutter erklärt werden, die nicht nur die Rede des toten Vaters repräsentiert, jenes "klassische" Über-Ich, das die Symbiose zwischen Mutter und Kind stört, sondern auch für Werthers Geburtstrauma verantwortlich gemacht wird, denn sein Heimweh zielt auf den Geburls-Ort, "aus dem meine Mutter mit mirherausfuhr" . Der mütterliche Anteil an der Uber-Ich-Bildung ist im Kindheitsdiskurs ein durchaus historisches Phänomen: sollte Werthers Mutter ihr Kind wirklich über die Bedürfnisregulierung diszipliniert haben, dann hätte sie ganz im Sinne der zeitgenössischen Pädagogen gehandelt, die selbst die mütterliche "Liebe" nur als psychische Disziplinierungstechnik verstanden. Die Vorstellung der Mutter-Kind-Beziehung als Ort, wo imaginäre Einheits- und Ganzheitsphantasmen inszeniert werden, findet sich dagegen in anderen Texten, was den Werther - wie noch zu sehen ist - zum Korrektiv des szientifischen Kindheitsdiskurses erhebt.
Dem Über-Ich als intemalisierte Versagung, die Werther am Bild der "bösen" Mutter festmacht, über die sich im ganzen Roman kein einziges positives Wort finden läßt, korreliert aber eine andere Instanz, die dem Kind Sublimationshilfe bietet: das Ideal-Ich, welches in der Identifikation mit dem ersten sichtbaren Anderen entsteht und das Selbst als Imagination des Ich konstituiert:
Es erscheint uns aber wichtig, dieses System theoretisch ins Gleichgewicht zu bringen und ihm das System der idealen Projektionen beizufügen, das - von den Größenphantasien der Einbildungskraft bis zu den Phantasmen, die das Sexualbegehren polarisieren, und zur individuellen Illusion des Machtwillens - die imaginären Formen des Ich als eine nicht minder struk-turale Bedingung der menschlichen Realität erweist.
Diese imaginären Idealisierungen formieren Werthers eingebildete Realität. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß sie immer nur eine dyadische Struktur haben und damit auf jene frühkindliche Entwicklungsstufe verweisen, in der die narzißtische Identifikation des Kindes mit der Mutter stattfindet. Das Objekt des Wunsches und das Selbst fallen in diesen Idealisierungen des anderen zusammen.2'' Werther idealisiert jedoch nicht die natürliche Mutter. Stattdessen nimmt die ältere "Freundin meiner Jugend" den Platz der "guten" Mutter ein, die allerdings wie Lottes Mutter bereits tot ist:
Aber ich hab sie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu seyn als ich war, weil ich alles war was ich seyn konnte. Guter Gott, blieb da eine einzige Kraft meiner Seele ungenutzt, könnt ich nicht vor ihr all das wunderbare Gefühl entwickeln, mit dem mein Herz die Natur umfaßt, war unser Umgang nicht ein ewiges Weben von feinster Empfindung, schärffstem Witze, dessen Modifikationen bis zur Unart alle mit dem Stempel des Genies bezeichnet waren?
Werthers "autonomes" Herz, sein Selbst, ist in der intersubjektiven Beziehung mit der älteren Frau hergestellt worden. Bevor Werther von der Größe seines Herzens überhaupt sprechen kann, "fühlt" er das eines anderen und "entwickelt" erst sein eigenes als Reflex auf das idealisierte seiner Freundin. In der an die Mutter-Kind-Dy-ade erinnernden symbiotischen Verwebung mit dem anderen erfährt Werther sein Selbst in der Totalität der gemeinsamen Seelenkräfte, als Medium zur Naturumfassung und als das Besondere eines "Genies", mit einem Wort: Werther reproduziert narzißtische Phantasien von Macht und Weltverwobenheit des Kleinkindes. Diese sind aber immer zugleich an den Platz des anderen gebunden, den sich Werther aneignet, indem er zunächst glaubt, seine Freundin zu haben, um sie dann gar sein zu wollen, teilt er doch mit ihr das gleiche "Herz." und die gleiche "Seele". Freud hat diesen identifikatorischen Prozeß des Narzißmus auf einen Verdrängungsakt zurückgeführt:
Der Knabe verdrängt die Liebe zur Mutter, indem er sich selbst an deren Stelle setzt, sich mit der Mutter identifiziert und seine eigene Person zum Vorbild nimmt, in dessen Ähnlichkeit er seine neuen Liebesobjekte auswählt."
Obwohl Werther seiner natürlichen Mutter unterstellt, sein Selbst zu beschneiden, führen ihn seine Liebesobjekte über sein Ideal-Ich im Namen des Herzens zur Mutter zurück, die als positive Imago Spiegel seines Selbst ist. Es handelt sich im Grunde genommen um die gleiche logische Operation. Indem die Mutter ihn aufsein soziales Ich verpflichtet und von Werther erwartet, ihre Wünsche zu befriedigen, wird Werther hilflos, kann er weder sich selbst noch der Mutter genügen. Auf der anderen Seite bedingt die Identifikation mit dem vermeintlich autonomen Selbst des anderen , daß Werther ein eigenes Selbst erhält und sich einbildet, sich und dem anderen das zu sein, was in der Beziehung zur natürlichen Mutter nicht funktioniert. An die Stelle des allmächtigen Selbst ist der allmächtige Andere getreten, der letztlich jedoch nur die Position innehat, die das Ich sich selbst gibt.2" Die Wahrheit des Selbst, seine Konstitution wie seine Struktur, befindet sich somit am Ort des Anderen. Diese Spiegelung im Anderen bildet die Formel für Werthers Umgang mit der Natur, der Kunst, seinen Mitmenschen und natürlich mit Lotte.
Die Gcspaltenheit der mütterlichen Imago, nämlich sowohl Ort des pränatalen/symbiotischen Glücks als auch die Verweigerung desselben zu sein, wird im Roman auch auf die "Mutter" Natur als Lebensspenderin übertragen. In der berühmten Naturschilderung im Brief vom 10. Mai beschreibt Werther, wie er mit seinem Herzen die mikro- und makrokosmische Einheit mit der Welt spürt. Er ist so überwältigt von der "Herrlichkeit dieser Erscheinungen", daß er seine Seele als "Spiegel des unendlichen Gottes" imaginiert. So wie Werther am Herzenaber auch die Ansprüche der Anderen erfährt, die nicht mit den seinigen kongruieren, verändert sich nach der Ankunft Alberts das Naturempfinden. Das "volle warme Gefühl meines Herzens an der Natur" wird zu einem "unerträglichen Peiniger" , der "Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewig offnen Grabs" . Auch Werthers Liebe zu Lotte steht im Bannkreis der Mutterimago.' Als er sie zum ersten Mal trifft, sieht er das "reizendste Schauspiel" : Lotte verteilt wie eine Mutter Brot unter ihre Geschwister. Dieses mütterliche Brotteilen war Werther auch in der selbstgeschaffenen Dorfidylle bei der Tochter des Schulmeisters aufgefallen. Es ist kein Zufall, daß er bereits in diesem Zusammenhang von der "mütterlichen Liebe" spricht. Der einmal auf das Objekt des Begehrens gefallene Blick strukturiert auch die weiteren Wahrnehmungen, denn Werthers selektive Beobachtungen klammern sich fast ausschließlich an die Attribute von Lottes Mütterlichkeit. Beim Tanz, hängt er wie ein Kind "an ihrem Arme und Auge" und schildert in größter Ausführlichkeit die Tätigkeiten einer Mutter. Lotte beruhigt die Tanzgesellschaft vor dem Gewitter, pflegt Kranke, ersetzt die verstorbene Mutter im eigenen Hause und verschafft mit ihrem Singen und Klavierspielen Werther den gewünschten "Wiegengesang" . Schließlich dient sie dem "Kind" Werther als Spiegel:
Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre Theilnehmung an mir, und meinem Schicksaale. Ja ich fühle, und darin darf ich meinem Herzen trauen, daß sie - O darf ich, kann ich den Himmel in diesen Worten aussprechen? - daß sie mich liebt. Mich liebt! Und wie werth ich mir selbst werde! Wie ich -darf ich's wohl sagen, du hast Sinn für so etwas - wie ich mich selbst anbete, seitdem sie mich liebt. f.)
Die Augen, in die Werther blickt, sind die Augen einer Mutter, von denen das Kind als besonderes anerkannt werden will. Nicht leidenschaftliches Verlangen oder gar Wollust liest er in ihnen, sondern Anteilnahme, die - wie in der Beziehung zur älteren Freundin - letztlich in Narzißmus umschlägt. In den Pupillen der angebetenen Frau sieht Werther nur sich selbst, folglich kann er sich auch selbst anbeten, hatte er doch schon in der Klopstockszene nur "Vergötterung in diesem Blicke gesehn" . Bis in seinen Tod hinein klammert sich Werther an Lottes erfüllenden mütterlichen Blick, den "Ausdruck des innigsten Antheils des süßten Mitleidens" . Doch die narzißtische Seelenspiegelung ist durchaus nicht stabil oder gar eine von gegenseitiger Übereinkunft. Werther muß sich stets versichern, daß er der Auserwählte des alter ego ist. Wie Anton Reiser, der als Kind das ihm zugedachte Essen auch als das seine benannt hören will, sucht Werther unablässig nach dem Liebesbeweis aus Lottes Händen. Er bildet sich ein, daß die Ohrfeigen, die er bei dem das Gewitter überbrückende Spiel von Lotte erhält, "stärker seyen" als die, die sie an die anderen Gästen austeilte; er fetischisiert ihren Schattenriß, die roten Schleifen und sogar die Pistolen, die durch ihre Hände gehen; unablässig lechzt er nach ihrem Blick:
Ich suchte Lottens Augen! Ach sie giengen von einem zum anderen! Aber auf mich! Mich! Mich! der ganz allein auf sie resignirt dastund, fielen sie nicht! Mein Herz sagte ihr tausend Adieu! Und sie sah mich nicht!
Schließlich wird die verzweifelte Suche nach den Augen der Mutter doch noch befriedigt und Werther gibt sich selbst das Attribut, ein "Kind" zu sein . Das dreimalige "mich", die ausschließliche Konzentration auf den anderen als den Erfüllungsort eines Glücks, das mit einem Blick schon befriedigbar zu sein scheint, zugleich aber auch die Angst, daß die Herzenskommunikation nur einseitig verläuft, werfen die Frage auf, was der Andere denn hat, daß es Werther so sehr begehrt, um er selbst sein zu können. Das, was zwischen Mutter und Kind, Werther und Lotte/der älteren Freundin den Reigen der Spiegelungen mit dem Ausdruck der Herzensgemeinschaft eröffnet, folgt einer Logik, die dem Subjekt Fülle vorgaukelt, in Wirklichkeit aber einen Mangel festschreibt. Werther unterstellt dem Anderen etwas zu haben oder zu sein, was ihm abgeht, in dessen Besitz er aber über die Identifikation mit dem Anderen gelangt:wir fühlen so oft, daß uns manches mangelt, und eben was uns fehlt, scheint uns oft ein anderer zu besizzen, dem wir denn auch alles dazu geben was wir haben, und noch eine gewisse idealische Behaglichkeit dazu. Und so ist der Glückliche vollkommen fertig, das Geschöpf unserer selbst.
Werthers Einsicht in die imaginäre Erhöhung des Liebesobjekts, die er selbst der "Einbildungskraft" zu schreibt, ist um so erstaunlicher, da er selbst dem Gesetz von eigenem Mangel und unterstellter Fülle des anderen unablässig folgt. Ein Jahr nach der unvermuteten Aussage über die Verkennung des Seins des Anderen, ist Lotte wieder das unabdingbare Komplement des mangelhaften Selbst:
Ich denke oft: Wenn du sie nur einmal, nur einmal an dieses Herz drücken könntest. All diese Lücke würde ausgefüllt seyn.
Die Kontinuität der Vorstellung, daß der Andere alles das hat, was Werther abgeht und was er bedarf, um er selbst zu sein und eine erfüllte Existenz zu haben, beruht auf einer lebenslangen Einschrift aus frühester Kindheit. Wie das Kleinkind vermutet Werther, daß die Mutter den Phallus hat, den Signifikanten der Signifikanten, der hinter den Attributen der Großartigkeit auftaucht und der Rede von den großen Seelen und Herzen erst zu ihren imaginären Höhen verhilft:
Daß der Phallus ein Signifikant ist, bedeutet, daß das Subjekt Zugang zu ihm findet am Ort des Andern. Da aber der Signifikant hier nur verschleiert sein kann, und zwar als Grund des Begehrens des Andern, ist das Subjekt gezwungen, das Begehren des Andern als solches anzuerkennen, das heißt den andern, sofern er selbst durch die signifikante Spaltung gespaltenes Subjekt ist.
Anstatt zu erkennen, daß die Mutter den Phallus auch nicht hat und vom Kind nicht das begehrt, was das Kind begehrt, ignoriert Werther die Seinsverfehlung des Anderen. Er erkennt in allen Anderen nur sein eigenes Schicksal: in Lotte, dem Irren, in Christus, in Texten . Diese imaginäre Selbstreflexion verfehlt jedoch sich selbst, weil sie die Andersheit des Anderen und die Anwesenheit eines Dritten verdrängt.
Werthers ausschließliches Begehren gegenüber Lotte gerät in Kollision mit dem Gesetz, denn Lotte ist in der symbolischen Familienordnung schon Albert versprochen, so wie die Mutter in der Konjugalfamilie dem Vater verpflichtet ist. Das Erste, was Werther von Lotte erfährt, ist die Unmöglichkeit, sich in sie verlieben zu dürfen, da sie schon "vergeben" ist. Werther bescheidet sich jedoch nicht und verzichtet auf sie, noch ist er fähig, die Rivalität mit Albert aufzunehmen und um Lotte zu werben, wie Wilhelm es ihm einmal vorschlägt. Stattdessen verlagert er die Liebe zu Lotte in eine andere Sphäre, um dem Konflikt zwischen Wunsch und Gesetz auszuweichen. Lotte ist ihm als Geliebte und Mutterimago "heilig", "alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart" , so daß der sexuelle Vollzug versperrt bleibt und es in der letzten Begegnung lediglich zu "wüthenden Küssen" kommt. Wenn er von Lotte redet, fallen unzählige Attribute der Vergöttlichung. Ihr Atem ist "himmlisch", sie spielt das Klavier "mit der Kraft eines Engels" , sie ist ihm gar ein "Engel des Himmels" ; selbst Wahlheim liegt ihm "so nahe am Himmel", weil es "alle meine Wünsche einschließt" . Lottes Heiligsprechung und Engclhaftigkeit und damit die Entsexualisierung ihrer Beziehung sowie die Verschiebung des gewählten Heims in den Himmel sind vorstrukturiert. Für Werther ist nämlich die Erfüllung von Wünschen, d.h. die Erfahrung der absoluten Selbstgewißheit in der Symbiose, an das Jenseits und damit an den Tod gebunden. Schon beim Besuch des Geburtsortes hat er einen Punkt erreicht, wo weder die erinnerte Kindheit noch die erfahrene Welt das erfüllen, wonach er sich sehnt, was dazu führt, daß er unbewußt die Geburt zurücknehmen möchte. Es fällt auf, daß die einzigen Figuren, die wie Lotte mit den Attributen der heiligen oder göttlichen Sphäre versehen werden und denen ein Herz zugedacht wird, Mütter und tot sind: die ältere Freundin und Lottes Mutter. Schließlich geht Werther immer dann "zu Grunde" , wenn er narzißtische Glücksmomente hat. Dieser Zusammenhang von Tod, Himmel und Glück ergibt sich aus dem unmöglichen Begehren Werthers, denn er möchte gleichzeitig Kind und Geliebter in der exklusiven Symbiose mit dem Anderen sein: "So traure denn, Natur, dein Sohn, dein Freund, dein Geliebter naht sich seinem Ende" . Bis sich schließlich in der Phantasie im Abschiedsbrief beide Momente des Begehrens Ausdruck verschaffen, vollziehen sich im Laufe des Romans zwei parallele Handlungsstrukturcn. Der Status des Kindes wird aufgewertet und das Kindsein als Ideal verklärt; gleichzeitig werden Familien vorgeführt, in denen sich Werther einen idealen Platz phantasieren kann.
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