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Referat Projekt, Charakterisierung, Interpretation, Papier, Essay
Die rückkehr in die zukünftige kindheit: goethes werther
Im Gegensatz zu den anderen hier behandelten Romanen beginnt Goethes Die U'iden des jungen Werthers[ nicht mit der Kindheit seines Helden, sondern damit, daß der junge Mann gerade seine Mutter verlass
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Das Kind als (revolutionäres) Vorbild



Bevor die Romantik das Kind in der Figur des "genie enfant" idealisiert,3' verhilft ihm Goethes Werther schon zu einem außergewöhnlichen Status. Jenseits aller "pa-thogenen" Strukturen von Werthers Glück verheißendem Mutter-Bezug werden Kinder, das Kindsein und der kindliche Wille bis hinein in den abschließenden Herausgeberbericht als Reflex von Werthers Herzen und damit als Gegenmodell zu gesellschaftlichen Werten und Ordnungen konnotiert. Werthers identifikatorische Aufwertung von Außenseitern in der spätfeudalen Gesellschaft findet ihren Höhepunkt in der Idealisierung der Kinder. In ihnen sieht er jene Lebensganzheit und wahre Naturverbundenheit, die er sich selbst gerne zugedenkt, die aber als antizivilisatorisches Trieb- und Glücksverständnis von der bürgerlichen Einschränkung beschnitten wird.' Wie die sozialgeschichtliche Werther-Forschung der sechziger Jahre herausgestellt hat, verweigert Werther die Anerkennung von gesellschaftlichen Konventionen, wie sie sich entweder in der ständischen Hierarchie der Feudalgesellschaft oder in der bürgerlich ökonomisch-rationalen Lebensplanung der Mutter exemplifizieren, da ihre reglementierende Struktur sein Selbst einschränkt. Stattdessen versucht der sich jenseits aller sozialen Strukturen wähnende Werther, gesellschaftliche Beziehungen auf der Grundlage seines subjektzentrierten Empfindens selbst herzustellen.1'' Im Laufe des Romans zeigt sich das Scheitern dieses Unternehmens an der gesellschaftlichen Realität. Werthers skandalöses Auftreten in der Adelsgesellschaft, seine Auseinandersetzungen mit den Repräsentanten der bürgerlichen Weltauffassung und seine Unfähigkeit, seine Liebe zu Lotte durchzusetzen oder sich zu bescheiden, verdeutlichen die Unmöglichkeit seines Anspruchs, sein Selbst gegen die soziale und symbolische Ordnung behaupten zu wollen. Folglich versucht der sich von den anderen mißverstanden Fühlende, in familiären Gemeinschaften eigene Beziehungen anzuknüpfen, weil er glaubt, hier der gesellschaftlichen "Einschränkung" zu entgehen. Da aber familiäre Ordnungen letztlich insoziale Strukturen eingebunden sind, und da sich die Erwachsenen nicht darauf reduzieren lassen, Reflex von Werthers Selbst zu sein, hält sich Werther an die Kinder. In ihnen sieht er Individuen, die sich dem gesellschaftlichen Zugriff entziehen, so daß er ihnen gerade die Qualitäten unterstellen kann, die den Erwachsenen fehlen.
      Werthers Beziehung zu Kindern und zur Kindheit an sich ist im Roman äußerst subtil arrangiert. Im ersten Teil macht er provokante Aussagen über die Musterhaftigkeit von und den erwachsenen Umgang mit Kindern, konstruiert Idyllen mit von ihm beobachteten Kindern und beschäftigt sich aktiv mit Lottes Geschwistern, indem er mit ihnen spielt oder sie in der Rolle eines Mutterersatzes unterhält. Gelegentlich vergleicht sich Werther auch schon selbst mit einem Kind, allerdings durchaus selbstkritisch, wenn er nämlich seine imaginäre Liebe zu Lotte beschreibt . Im zweiten Teil hingegen taucht der Themenkomplex Kind erst mit Werthers ernüchternder Rückkehr an den Geburtsort auf. Hier wird er mit den unabgegoltenen Sehnsüchten der eigenen Kindheit konfrontiert und beginnt seine Regression in eine imaginierte Kindheit, die ihm die in der Realität verweigerte Wunschbefriedigung verspricht." Sah sich Werther vor seiner Flucht aus Wahlheim noch auf der gleichen symbolischen Generationsstufe mit Lotte , so wird er gegen Ende des zweiten Teils selbst von Lotte den Kindern zugerechnet, denn er soll wie diese beschenkt werden und mit diesen erst am Weinachtsabend zu ihr zurückkommen. Schließlich bildet sich Werther ein, daß sein Tod ihm den Eintritt in die neue "Lebensphase" innerhalb einer imaginierten Familie ermöglicht, wo er als Kind symbiotische Beziehungen eingehen und seinem Herzen seinen Willen gestatten kann.
      Werther liebt die Kinder und diese lieben ihn. Mit dieser Aussage beginnt ja schon der Roman: "Die geringen Leute des Orts kennen mich schon, und lieben mich, besonders die Kinder" . So wie Werther der Zuneigung Lottes bzw. seiner Freundin bedarf, um sich selbst lieben zu können, benutzt er die Aufmerksamkeit der Unterprivilegierten dazu, auch zu ihnen identifikatorische Beziehungen einzugehen. Während die angebliche "Liebe" des Volkes schon in den folgenden Sätzen am Ständeunterschied erkaltet, denn die Bauern fühlen sich von dem Bürger, dem sich zu ihnen herablassenden Werther, eher provoziert als respektiert, bilden Werthers eingebildete und tatsächliche Kontakte zu Kindern die einzigen von ihm selbst initiierten Beziehungen, die Dauer haben und als solche von Werther wie auch vom Erzähler beschrieben werden. Im Brief vom 26. Mai 1771 schildert Werther, wie er in seinem Wahlheim alleingelassene Bauernkinder beobachtet und zeichnen will:
Nur ein Knabe von ohngeführ vier Jahren saß an der Erde, und hielt ein andres etwa halbjähriges vor ihm zwischen seinen Füssen sizzendes Kind mit beyden Armen wider seine Brust, so daß er ihm zu einer Art von Sessel diente, und ohngeachtet der Munterkeit, womit er aus seinen schwarzen Augen herumschaute, ganz ruhig saß.

Die zum Stilleben transformierte Szene kommentiert Werther mit einem seiner typischen widersprüchlichen Theoreme zur Nachahmungsästhetik. Die Zeichnung soll entstanden sein, "ohne das mindeste von dem meinen hinzuzuthun" ; das Gezeichnete selbst soll ein Abbild der "Natur" sein. Der Blick auf die "natürliche" Brüderlichkeit ist aber selbst erst durch den Umgang mit Kunstprodukten inszeniert. Werther bringt den bürgerlichen Salon ins Freie, indem er vor einem Wirtshaus sitzt und Kaffee trinkend seinen Homer liest. Wie sich seine Umgebung gestaltet, wenn der Lesende vom Buch auf und in die ihn umgebende Welt blickt, hat der Leser schon einige Briefe zuvor erfahren. Werther ästhetisiert die Alltagsbeschäftigungen der Mägde vor dem Brunnen, vergleicht sie mit "Töchler|n| der Könige", indem er die gelesene "patriarchalische Idee" über die gesehene Wirklichkeit stülpt. Auch wenn er die Kinder beobachtet, verfehlt er die soziale Realität der sich selbst Überlassenen, die einen ganzen Tag auf die Rückkehr ihrer Mutter warten müssen. Stattdessen ist Werther von deren "brüderlicher Stellung mit vielem Ergözzen" so affiziert, daß er sie bildlich festhalten will. Was ihn so fesselt, ist jedoch weniger "brüderlich" als vielmehr "mütterlich" zu nennen, denn der ältere Bruder übernimmt gegenüber dem jüngeren Kind die Funktionen der abwesenden Mutter. Er beruhigt den Säugling in der wohl typischsten Haltung der Mutter-Kind-Dyadc: er hält ihn "mit beyden Armen wider seine Brust" . Als die natürliche Mutter schließlich zurückkehrt, fällt der von seinem eigenen Begehren strukturierte Blick Werthers sofort auf die Mutter-Kind-Beziehung, die im Zeichen der mütterlichen Befriedigung von körperlichen und affektiven Bedürfnissen steht. Das Brotzuteilen, womit auch später Lottes Muttcrrolle symbolisiert wird, geht einher mit einem Begrüßungskuß, in dem Werther den Ausdruck "aller mütterlichen Liebe" zu sehen glaubt. Werther verkennt die materiellen und persönlichen Sorgen der vorübergehend alleinstehenden Mutter, die ihre jüngsten Kinder verlassen muß, um zerbrochenen Hausrat ersetzen zu können. Er sieht in ihrem einfachen Dasein den bäuerlichen Lebensrhythmus in Form einer "glücklichen Gelassenheit" , die sich von seinem tumultartigen Innenleben so deutlich abhebt, daß er sich damit identifiziert und sogar selbst gegenüber den Kindern die Mutterfunktion wahrnimmt:
Seit der Zeit bin ich oft draus, die Kinder sind ganz an mich gewöhnt. Sie kriegen /.ucker, wenn ich Caffee trinke, und (heilen das Bullerbrod und die saure Milch mit mir des Abends,
Schon im nächsten Brief zeigt sich die Bedeutung von Werthers Fixierung auf die Mutterrolle. Wieder handelt es sich um ein künstlerisches Tableau, "das reizendste Schauspiel" , wenn Werther Lotte in der Mitte ihrer Geschwister beim Brotschneiden erblickt. Doch diesmal wird die mütterliche Bedürfnisbefriedigung auch hinsichtlich ihrer reziproken Struktur beleuchtet. So wie Lotte die abendliche Speisung individualisiert, indem sie jedem Kind "sein Stück nach Proportion ihres Altersund Appetites" gibt, erhält sie von ihren Geschwistern das Attribut, unersetzlich zu sein . Lacan hat darauf hingewiesen, daß das Muttergefühl und die Mutterliebe keine altruistischen Zuwendungen zum Kind bedeuten, sondern auf gegenseitige Befriedigungen zielen:
Im Säugen, Umarmen und Anschauen des Kindes empfangt und befriedigt die Mutter zugleich das ursprünglichste aller Begehren. [...] Die Verwirklichung dieser lmago im Bewußtsein gewährt der Frau eine privilegierte psychische Befriedigung, während ihre Effekte aufs Verhalten der Mutter das Kind vor einer Verlassenheit bewahren, die ihm verhängnisvoll wäre.

     
   Die für die körperliche und psychische Bedürfnisbefriedigung des Kindes unabdingbare Mutterfunktion hebt die Position der Mutter aus den übrigen familiären Beziehungen hervor und macht sie damit auch für Werther begehrenswert. So wie er per Identifikation mit seiner älteren Freundin erst in die Lage versetzt wurde, ein Herz zu erhalten, bemüht er sich, Lottes Position zu übernehmen, um wie Lotte von den Kindern als Spender körperlicher und geistiger Nahrung anerkannt zu werden:
Ich schnitt ihnen das Abendbrod, das sie nun fast so gerne von mir als von Lotte annehmen, und erzählte ihnen das Hauptstückgen von der Prinzeßinn, die von Händen bedient wird. Ich lerne viel dabey, das versichr' ich dich, und ich bin erstaunt, was es auf sie für Eindrücke macht.
Im gesamten ersten Teil des Romans nimmt Werther weder gesellschaftliche noch familiäre Rollen ein. Er produziert nichts, geht weder einer Arbeit noch einem Amt nach und findet keine gesellschaftlichen Kontakte. Sieht man von seiner Bekanntschaft mit Lotte einmal ab, als deren Anhängsel er zu ihrem Freundeskreis hinzutritt, fallen lediglich seine Interaktionen mit Kindern auf. Bei diesen macht er "Eindrücke", allerdings in einer Position, die er nur "fast" einnehmen kann, denn letztlich ist ja Lotte unersetzlich und Werther kein Mitglied der Familie des Amtmanns. Auch in der kleinsten sozialen Zelle sind Positionen und Rollen nicht beliebig austauschbar. Analog zu der sterbenden Mutter, die ihre Tochter Lotte als ihre Stellvertreterin einsetzt, ermöglicht nämlich auch erst Lottes Einverständnis Werthers Übernahme von ihrer Stelle. Diese Abhängigkeit vom Veto der mit familiärer Macht designierten Frau kann aber auch in das Gegenteil von Werthers Wünschen umschlagen, wenn nämlich seine Projektionen auf alltägliche, familiäre Situationen nicht mit Lottes Vorstellungen über Umgangsformen kongruieren. Als Lotte mit zwei ihrer Schwestern an den Wahlheimschen Brunnen gelangt, integriert Werther sie in seine "melusinische" Tagtraumlandschaft. Eingelullt in seine imaginäre Produktion sieht er Lotte an und "fühlte alles, was ich an ihr habe" , doch gerät ihm diesmal die narzißtische Spiegelung in Lotte und der Mutter-Kind-Beziehung zur Katastrophe. Als Malgen Lotte ein Glas Wasser mit den Worten reicht, "nein, Lottgen, du sollst zuerst trinken", liest Werther in der kindlichen Zuneigungsbekundung "Wahrheit" und "Güte" , so als hätte er selbst Lottes extraponierte Stellung in diesem Satz manifestiert. Werther ist so überwältigt, daß er das Kind küßt, aber er wird zugleich sowohl von dem erschrocken schreienden Kind als auch von der ihn wegen dieser Zudringlichkeit scheltenden Lotte zurückgewiesen. Anstatt jedoch über diesen Zwischenfall hinwegzusehen oder ihn mit Lotte zu diskutieren, erniedrigt sich Werther mit einer pathetischen Geste, die lediglich seine Einbildungen in Bezug auf Lottes Vergöttlichung reflektiert: er hätte sich "gern vor ihr niedergeworfen wie vor einem Propheten" . In der Perspektive des untergeordneten Dritten, aus der Werther ja nicht nur den Umgang von Lotte zu ihren Geschwistern beobachtet, sondern später auch ihre Beziehung zu Albert beargwöhnt, erfährt Werther den Ausschluß von Zweierbeziehungen und die Grenzen seiner narzißtischen Projektionen des Herzens. Um dennoch in den Genuß von Lottes ausschließlicher Zuneigung zu kommen, versucht er schließlich eine familiäre Position ihr gegenüber einzunehmen, die ihm die Befriedigung seines totalitären Anspruchs verschaffen soll. Da er weder ihr Mann noch ihr Stellvertreter auf Dauer sein kann, kann er auch nicht mehr die Illusion aufrechthalten, es handle sich bei Lottes Geschwistern um "unsere kleinen Lieben" , sondern regrediert selbst zum Kind.
      Werthers Kindwerdung wird von einem theoretischen Diskurs über das Kindliche begleitet, der das Kind zum Antibürger und potentiellen "neuen" Menschen stilisiert. Man kann nicht umhin, dieser Erhöhung des sozialen und generativen Status "Kind" rcbelliöse Tendenzen beizumessen. Indem er die Kinder zum Reflex seines idealisierten Selbst und sich damit auch zu einem Kind macht, partizipiert Werther am Diskurs der Moderne, die den Vater abschafft und an seine Stelle das Regime der Brüder setzt. Während der spätfeudalc Staat sich der Kinder annimmt, um aus ihren Körpern verwertbare Untertanen zu produzieren, sieht die Literatur der Revolution in den Kindern autonome Wesen, die sich selbst eine Identität geben. Werther nimmt quasi schon den politischen Symbolgehalt des Kindes vorweg. Aber seine bewußte, programmierte und gewissermaßen politische Rolle als Kinderadvokat kann nicht den unbewußten Wunsch verdecken, daß er selbst Kind sein will, um egozentrische Ziele zu verfolgen. Letztlich läuft nämlich die Aufwertung des Kindseins darauf hinaus, das kindliche, unkontrollierte Wollen zu legitimieren, hinter dem sich Werthers Begehren, Lotte haben zuwollen, verschanzt. So vergleicht Werther in einem seiner ersten Angriffe auf die bürgerliche Zweckrationalität und ihre "Einschränkung" das Glück des begehrenden Menschen mit dem des Kindes:
Ich gestehe dir gern, denn ich weis, was du mir hierauf sagen möchtest, daß diejenigen die glücklichsten sind, die gleich den Kindern in den Tag hinein leben, ihre Puppe herum schleppen, aus und anziehen, und mit großem Respekte um die Schublade herum schleichen, wo Mama das Zuckerbrod hinein verschlossen hat, und wenn sie das gewünschte endlich erhaschen, es mit vollen Backen verzehren, und rufen: Mehr! das sind glückliche Geschöpfe!
Das desorientierte, nichtsnutzige Tagträumen und das sinnlose Spielen des Kindes beschreiben eine Glücksvorstellung, die diametral den bürgerlich-aufgeklärten Werten der vernünftigen, zielgerichteten Beschäftigung entgegensteht. Mehrfach verweist Werther auf diesen Aspekt des menschlichen Glücks, daß nämlich in der Illusion und im Imaginären ein Genuß für Kinder und Erwachsene liegt. Da aber Traum und Phantasie auch nicht die "entsetzliche Lücke" füllen können, sondern den Mangel erst festschreiben, erscheint neben dem imaginären ein durchaus befriedigbarer Wunsch des Kindes: es will naschen. War die Mutterfunktion schon durch die orale Bedürfnisbefriedigung symbolisiert worden, so wird sie hier dahingehend erweitert, daß mit "Mamas Zuckerbrod" das Kind auch die Befriedigung eines zusätzlichen Vergnügens aus den Händen der Mutter erhält.4S Der Kinderwunsch nach einem nicht lebensnotwendigen Genuß widersetzt sich allerdings einer bürgerlich-kapitalistischen Ökonomie, deren Spargesetze den Triebkörper kontrollieren. Mit "vollen Backen" auch noch "mehr" zu verlangen, entspricht dem Schreckbild, das die zeitgenössischen Pädagogen vom ungezogenen Kind hatten. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zählt gerade die Polemik gegen das unkontrollierte Naschen zu den Hauptthemen der pädagogischen Exempellite-ratur, die den modernen bürgerlichen Menschen durch Tricbkontrolle sowohl gegen den verschwenderischen Aristokraten als auch gegenüber unzivilisierten Wilden abgrenzen wollte. Zugleich paraphrasiert das Beispiel Werthers eigene Existenz. Zu bürgerlichen Geschäften und geregelter Lebensführung unfähig "schleicht" er um "Mama" Lotte herum und fragt nach immer weiteren "Naschereien", bis sie schließlich mit ihrem "seyn Sie ein Mann" den Genuß kindlichen Vergnügens untersagt. Schon zuvor hatte Werther den Unterschied zwischen sich und den Kindern erfahren müssen. Als der Medikus der Stadt sieht, wie einige Kinder des Amtmanns "auf mir herumkrabelten, andere mich neckten und wie ich sie küzzelte, und ein großes Geschrey mit ihnen verführte" , hält er der sinnlichen Ausgelassenheit entgegen, daß Werther die ohnehin schon "ungezogenen" Kinder völlig "verdürbe" . Werther verstößt gleich gegen mehrere Grundprinzipien der aufgeklärten Pädagogik. Er ignoriert die in Schule und Familie institutionalisierte Trennung zwischen Erwachsenen und Kindern und läßt sich zu den Kindern herab. Genau vor dieser Nivellierung des Altersunterschieds und damit auch des hierarchischen Prinzips der familiären, ständischen und patriarchalischen Ordnung warnt aber Basedow in seinem Methodenbuch 11770):
Ihr dürft zwar an den Spielen und Vergnügungen eurer Kinder teilnehmen und mit ihnen scherzen, aber ihr müßt alsobald ernsthaft werden und zu einigem Verdrusse der Kinder aus dem Spiele treten, wenn sie durch Worte, Mienen und andere Handlungen die äußerliche Ehrerbietung gegen euch vergessen.4*
Darüber hinaus wird Werther sogar zu einer Gefahr für das geistige und moralische Wohl der Kinder. Seine Spiele sind weder didaktisch ausgerichtet 4y noch im Einklang mit sittlichen Normen. Wie beim ungezügelten Naschen kommt mit dem intimen Körperkontakt zwischen Erwachsenen und Kindern die kindliche Sexualität ins Spiel. Verweisen die sinnlichen Leckereien des heimlichen Naschens schon auf die Folgen der pädagogischen Isolation des bürgerlichen Kindes, in der später die verbotene Lektüre das Naschwerk ersetzt, so praktiziert Werther im Herumtollen mit den ihm nicht verwandten Kindern vorbürgerliche Interaktionen zwischen Kindern und Erwachsenen. Beides ist der Pädagogik der Aufklärung ein Dorn im Auge. Sie beschwört mit dem Einsamkeitslaster "Naschen" die Autoerotik des Kindesâ„¢ und fordert die körperliche Abhärtung des vom Gesinde und Fremden getrennten Kindes, um jedem lustvollen Umgang mit dem Kinderkörper zuvorzukommen.'' Werther wehrt sich gegen diese Naturbeherr-schung am Kinde und geht sogar darüber hinaus, indem er den ungehemmten Willen des Kindes nach sinnlichem Vergnügen gutheißt.
      Schon gegenüber den Bauemkindern ergötzt sich Werther an den kindlichen "Leidenschaften und simplen Ausbrüchen des Begehrens" . In seinen Augen reglementieren keine disziplinierende Mutter, kein drohender Vater und schon gar kein gelehrter Vertreter der bürgerlichen Ordnung das kindliche Wollen. Diesen Willen gilt es zu respektieren, wobei die Differenz zwischen Erwachsenen und Kindern für ihn kein Maßstab zur Legitimation des Wollens mehr ist. Seit der Frühaufklärung galt aber gerade die Unreife des kindlichen Begehrens als ausreichende Erklärung dafür, warum der Eigenwillen des Kindes zu "brechen" sei.S Werther greift diesen Diskurs auf, um allerdings zu einem anderen Ergebnis zu gelangen:
Daß die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, durinn sind alle hochgelahrle Schul und Hofmeistereinig. Daß aber auch Erwachsene, gleich Kindern, auf diesem Erdboden herumtaumeln, gleichwie jene nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, eben so wenig nach wahren Zwecken handeln, eben so durch Biskuit und Kuchen und Birkenreiser regiert werden, das will niemand gern glauben, und mich dünkt, man kann's mit Händen greifen.
Die Kritik an den Erwachsenen, wie Kinder von einem unbewußten Willen und den erzieherischen Mitteln Zuckerbrot und Peitsche "regiert" zu werden, wird durch den Kontext des Zitats aufgehoben. Werther lehnt ja gerade das zweckrationale Handeln ab und sieht in einer irrationalen Lebenshaltung einen Ausweg aus der bürgerlichen Einschränkung des Wollens.S Gleichzeitig überantwortet er dem höchsten Erzieher die für den Menschen uneinsichtige Triebdis/iplinicrung, die das Kind Werther am eigenen Herzen erfährt, das sowohl die "Quelle" seiner "Glückseligkeit" als auch seines "Elends" darstellt. Damit wird Erziehung im Sinne von rationaler Affektkontrolle und Verhaltensformierung hinfällig: "wir wollen es mit den Kindern machen, wie Gott mit uns, der uns am glücklichsten macht, wenn er uns im freundlichen Wahne so hintaumeln läßt" . Werthers Idee des erzieherischen "laissez faire" beruht darauf, daß auch dem erwachsenen Menschen Gottes Erziehungsplan nicht zugänglich ist und folglich die bewußte Internalisierung vernünftiger, religiöser Selbstkontrolle keinen Wegweiser zum Glück darstellt, sondern nur das unbewußte, träum- oder wahnartige "Taumeln". Deutlicher kann der Affront gegen die zeitgenössische Pädagogik nicht ausfallen. Die am eigenen Körper erfahrene Disziplinierung des Willens soll ja als Vorbereitung dienen, die Notwendigkeit der Subordination im Namen der Vernunft einzusehen. Noch 1789 definiert C. F. Bahrdt das bürgerliche Glück als freiwilliges Unterwerfen unter die "Fesseln der Gesetze" und leitet daraus ab, daß auch das Kind sich frühzeitig "blindlings |.'] alles gefallen lassen" muß, um später die "vernünftige Ursache des Gebots und Verbots" verstehen zu können. Werther hält der bürgerlichen Unterordnung und erzieherischen Disziplinierung des Kindes sein irrationales Wollen und ungebändigtes Genießen entgegen, denn er glaubt, nur so seine eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können. Damit aus dem egozentrischen Wünschen eine gesellschaftliche Praxis werden kann, behauptet er sogar die Musterhaftigkeit des Kindes.
      Werthers Auflehnung gegen die Regeln der bürgerlichen Mäßigung geschieht im Namen des Herzens und des kindlichen Willens. Letztlich sind beide identisch, denn Werther spiegelt sich in den Kindern und ihrem willkürlichen Egoismus. Seinem "Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde" , sein Herz ist ihm selbst ein "krankes Kind, all sein Wille wird ihm gestattet" . Diese Gleichsetzung von Selbst und Kind mündet darin, daß Werther dem Inneren der von ihm beobachteten Kinder Qualitäten unterstellt, die er selbst zu besitzen glaubt:
Wenn ich so zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller Kräfte sehe, die sie einmal so nöthig brauchen werden, wenn ich in dem Higensinne. alle die künftige Standhaf-tigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Muthwillen, allen künftigen guten Humor und die Leichtigkeit, über alle die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke, alles so unverdorben, so ganz! Immer, immer wiederhol ich die goldnen Worte des Lehrers der Menschen: wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen!
Der kindliche Wille, Objekt der pädagogischen Bekämpfung des Unvernünftigen und Unbeherrschten, soll zum Vorbild für die Erwachsenen werden. Werthers Um-kehrung der herrschenden moralischen und generativen Ordnung erweist sich hier als Sprachspicl. Aus den an sich negativ konnotierten Bezeichnungen des kindlichen Auf-Begehrens, "Eigensinne" und "Muthwillen",'''' leitet er die Tugenden des moralischen Charakters und der unbeschwerten Unternehmungslust ab. Mit dieser Emanzipation des kindlichen Willens kann er davon sprechen, daß die Kinder "unsers gleichen" sind. Ihre Ebenbürtigkeit wird sogar zum "Muster" , weil Werther die vollendete Ganzheit und Reinheit der kindlichen Psyche behauptet. So formuliert er die ersten Prämissen einer "Antipädagogik", denn wenn die "Keime aller Tugenden" schon in der kindlichen Seele vorhanden sind, werden Erziehung und Triebdis-ziplinierung im Sinne der Angleichung des Kindes an eine erwachsene Idealvorstellung überflüssig. Für Werther ist es deshalb auch ein Frevel, daß die Erwachsenen "ihre Kinder nach sich" bilden. Diese Art von Erziehung verderbe die unterstellte, reine Ganzheit der Kinderseele, die Werther auch für sich beansprucht, obwohl er doch im Laufe seiner Leidensgeschichte eher ihre Fragmentierung erfährt. So schreibt sich ein Begehren in den Text. Werthers Wunsch nach identifikatorischer Spiegelung im anderen artikuliert sich, wenn auch verschoben, über diesen Vergleich mit den Kindern. Wie die Kinder werden, bedeutet wie Werther zu werden, der sich als Anwalt des "guten Humors" ausgibt, wenn ergegen die "üble Laune" wettert. Wenn Werther selbst zum Kind wird, steigt hinter der Glorifizierung des kindlichen Willens allerdings auch sein absoluter Anspruch auf, Lotte ganz für sich haben zu wollen.
      Im zweiten Teil des Werther hat der Held die Identität eines Kindes. Er betritt als Kind seinen Geburtsort, widersetzt sich als Kind der natürlichen Mutter, wird von Lotte um die Weihnachtszeit wie ein Kind behandelt und will wie ein ungezogenes Kind der neuen Mutter auch nicht "gehorchen" , als diese seinen Wünschen nicht entspricht. Gegen jede rationale Einsicht in die Unmöglichkeit, die verheiratete Lotte haben zu können, wagt Werther noch einmal den Vergleich seines Wunsches mit dem Wollen der Kinder, um sich dem Gebot zu widersetzen, Lotte nicht berühren zu dürfen:
Und das Zugreifen ist doch der natürlichste Trieb der Menschheit. Greifen die Kinder nicht nach allem was ihnen in Sinn fallt? Und ich?
Werthers Griff nach Lotte geht ins Leere. In einem Bild absoluter Hilflosigkeit dokumentiert sich nicht nur der Objektverlust, sondern auch die Regression des kindischen Mannes. Dreimal streckt Werther wie ein Kind seine Arme nach dem Objekt seines Begehrens aus, dreimal wird er enttäuscht und versinkt in bis an die Psychose reichende Depressionen:
Umsonst strecke ich meine Arme nach ihr aus, Morgens wenn ich nachts von schweren Träumen aufdämmere, vergebens such ich sie Nachts in meinem Bette, |...|.
|...| sah noch dort drunten im Schallen der hohen Lindenbaume ihr weisses Kleid nach derGar-lenthüre schimmern, ich streckte meine Arme hinaus, und es verschwand.
Mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund, und athmete hinab! hinab, und verlohr mich in der Wonne, all meine Qualen, all mein Leiden da hinab zu stürmen, dahin zu brausen wie die Wellen.
Der Bewegung des zielgerichteten Wollens eignet eine aufschlußreiche Progression. Das Objekt, wonach Werther sehnsüchtig die Arme ausstreckt, entschwindet ihm. Während er zunächst einen erfüllenden Traum in der Realität verwirklicht sehen will und im Halbschlaf nach Lottes "Hand" tastet, greift er am Ende des ersten Teils schon nur nach dem Fetisch , denn Albert hat sich mittlerweile zwischen ihn und Lotte geschoben. Schließlich symbolisiert die sich zum vernichtenden "Abgrund" gewandelte Natur, wonach sich das Kind Werther sehnt: in den Tod als die Rücknahme der Geburt. Das Objekt, nach dem Werther zuletzt seine Hände ausstreckt, existiert weder in diesem Bild noch in der Realität.
      Am Ende des Romans werden die revolutionären Implikationen der Umkehrung der Generationsordnung sichtbar, wenn sich nämlich die Kinder mit dem Außenseiter Werther identifizieren. Während die Kirche dem Selbstmörder ein christliches Begräbnis verweigert, wohnen Lottes Geschwister Werthers letzten Atemzügen bei. Der Herausgeber zeichnet ein stilisiertes Bild vom ekstatischen Abschied der Jungen von Werther:
Seine ältsten Söhne kamen bald nach ihm |der Amtmann] zu Fusse, sie fielen neben dem Bette nieder im Ausdruck des unbändigsten Schmerzens, küßten ihm [Werther] die Hände und den Mund, und der ältste, den er immer am meisten geliebt, hing an seinen Lippen, bis er verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriß.

     
Die Konstellation der Figuren um den Sterbenden folgt der gleichen zentrierenden Anordnung, die Lotte und Albert in einer analogen Szene beschrieben haben, so daß der Unterschied zwischen Werthers Einbildungen und einer "objektiveren" Betrachtungsweise familiärer Situationen aufgehoben wird. Die Parallelität zu anderen Sterbeszenen suggeriert, daß Werther den Platz endlich eingenommen hat, den er immer begehrte, klammerte sich doch zuvor das Kind Werther mit ähnlichen Gefühlsausbrüchen an die "Leiche" seiner älteren Freundin . Als totes "Kind" ersetzt er die Mutter, deren zentrale Position in der Familienordnung sich Werther selbst wünschte. Es bleibt jeweils wiederum den Kindern überlassen, den Schmerz zu artikulieren, wenn "man das Liebste seines Lebens so wegtragen läßt", denn nur sie sind in der Lage, den Verlust "so scharf" zu fühlen . Darüber hinaus revidiert die vom Herausgeber geschilderte Anhänglichkeit der Kinder gegenüber Werther den Frevel des Selbstmordes, den die zeitgenössische religiöse und bürgerliche Morallehre verurteilte.S In den Kindern, d.h. in den Söhnen bzw. Brüdern, hat Werlher seine ersten Nachfolger, die weder sein moralisch anstößiges Begehren gegenüber Lotte noch seinen Freitod negativ zu beurteilen scheinen, sondern gerade im Namen des Herzens und der Liebe Werther die Treue halten. Auch wenn die Revolte der Brüder gegen bestehende Ordnungen lediglich in der bekundeten Sympathie mit dem Selbstmörder Ausdruck findet, sind die revolutionären Implikationen familiärer Sterbetableaus kaum zu übersehen. Indem Goethe die Allianz zwischen Lottes Mutter und ihren Kindern generativ und geschlechtlich in der familiären Inszenierung des Selbstmordes verschiebt, in der der Sohn die Mutter ersetzt und die Brüder sich mit ihm verbinden, schreibt er an einer politisch explosiven Familienromanze mit, die in der französischen Revolution zur Glorifizierung der toten Kinderhelden führt." Gegenüber dieser familiären Strukturierung des politischen Generationenumsturzes phantasiert der Romanhcld Werther seinen eigenen Familienroman, der gerade durch den Selbstmord in Erfüllung gehen soll.
     

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