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Die Rückkehr in die zukünftige Kindheit: Goethes Werther
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Die Rückkehr in die zukünftige Kindheit: Goethes Werther


Im Gegensatz zu den anderen hier behandelten Romanen beginnt Goethes Die U'iden des jungen Werthers[ nicht mit der Kindheit seines Helden, sondern damit, daß der junge Mann gerade seine Mutter verlassen hat, die er auch nicht mehr wiedersehen wird. Dennoch strukturiert gerade diese kaum elaborierte Mutter-Kind-Beziehung, die als Werthers Kindheitsgeschichte im Text eher beiläufig erscheint, seine Phantasien, Liebesbeziehungen und seinen Selbstmord und läßt sich deshalb als Subtcxt des Romans betrachten. Während in Gcllcrts Schwedischer Gräfin Kindheit die unabänderliche Einschrift sozialer, geschlechtlicher und moralischer Identität meinte, während sie in den auto-biographischen Romanen die Etablierung von psy-chogenetischen Urs/.cnen bedeutete, die die Wahrheil des Subjekts konstituieren, werden im Werther die (unbewußten) Folgen einer Kindheit lesbar, die nicht nur das Leben des Erwachsenen determinieren, sondern auch seinen Freitod im Zeichen einer imaginierten familiären Utopie motivieren. Diesen Tatbestand haben traditionelle Interpretationen geistes- und sozialgeschichtlichcr Provenienz schlichtweg übersehen, indem sie Werthers Leiden an seiner Umwelt und die Unmöglichkeit seiner Liebe zu einer vergebenen Frau als Leidensgeschichte einer ins Pathologische gesteigerten, empfindsamen Einbildungskraft, als Rebellion des Herzens gegen die gesellschaftliche und private Begrenzung des Individuums oder als moderne Variante der "Imitatio Christi" ansehen.2 Zwar wurde bereits 1903 auf die besondere Bedeutung von Kindheit, Kindlichkeil, Kinderspiel und mündlichen Poesieformen (Märchen) für den jungen Goethe hingewiesen, aber im Sinne des Biographismus der ästhetische Text unter das Leben seines Autors subsumiert.•' Auch die klassische Literalurpsychologie kann die Beziehung zwischen Poesie und Kindheit nicht zufriedenstellend deuten.


Narzißmus und gespaltenes Mutterbild
Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu seyn! Ich weis du verzeihst mir's. Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meinige zu ä
Das Kind als (revolutionäres) Vorbild
Bevor die Romantik das Kind in der Figur des "genie enfant" idealisiert,3' verhilft ihm Goethes Werther schon zu einem außergewöhnlichen Status. Jenseits aller "pa-thogenen" Strukturen von Werthers Glück verheißendem Mutter-Bezug werden Kinder, das Kindsein und der kindliche Wille bis hinein in den
Werthers himmlischer Familienroman
Wenn das männliche Subjekt Werther als Kind in der Mutter-Kind-Dyade Erfüllung sucht, muß sich die Gemeinschaft ändern, die ihm diesen Status als Erwachsener zubilligt. Dies geschieht im Roman durch die sukzessive Umwandlung der patriarchalischen Familienstruktur in eine matrilineare, ein Prozeß, de

 

Lyrik des 20. jahrhunderts (1900-1945)
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19. jahrhundert
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