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Die novelle unter dem einfluß des impressionismus

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,Spiel im Morgengrauen'



Mancherlei Gründe sind dafür maßgebend, die Analyse des ,Leutnant Gustl' mit der Novelle ,Spiel im Morgengrauen' zu verbinden. Daß es gewisse Vergleichsmöglichkeiten gibt, wurde schon berührt. Im Mittelpunkt beider Novellen steht als Exponent der vom Ende bedrohten Monarchie ein Offizier, jeder von beiden typisch für eine Zeit, in der die überkommenen Normen unverbindlich geworden sind und nur noch die Flucht in die Zerstreuung als Schutz vor dem Gefühl der Überflüssigkeit übrigbleibt. Aber auch die Gegenspieler der beiden Offiziere sind vergleichbar, obgleich sie aus völlig verschiedenen Schichten der Gesellschaft kommen. In einem jedenfalls finden sie sich zusammen, der selbstbewußte Handwerker im ,Leutnant Gustl' wie der Konsul Schnabel in der zweiten Novelle: in der Verachtung jener Schicht des Volkes, die bisher die Verantwortung für das Land getragen hat; vor allem für den Stand des Offiziers. Man könnte mit der Gestalt des Konsuls Schnabel auch auf die Leopoldines in der zweiten Novelle verweisen. Denn auch sie hat begriffen, daß man in der neuen Zeit nur bestehen kann, sofern man bereit ist, sein Leben auf die kühle kalkulatorische Vermehrung des Besitzes zu stellen und diesem Zweck alles andere unterzuordnen. Aber Leopoldine, die komplexer gezeichnet ist als der Konsul, möge zunächst aus dem Vergleich ausscheiden.
      So nahe beide Novellen aneinanderrücken, man darf darüber den wiederholt erwähnten Unterschied nicht übersehen. Das erste Erzählwerk hatnur negativ decouvrierenden Charakter. Auch die zweite Novelle enthüllt auf ihre Weise die Fragwürdigkeit einer Epoche, die auf Repräsentation abgestellt war. So hat der Konsul auf der Fahrt nach Wien durchaus Recht, wenn er seinen Gesprächspartner darauf hinweist, wie für viele seiner Kameraden Ehre und Verantwortung in erschreckender Weise ausgehöhlt sind. Trotzdem geht die Novelle an einem entscheidenden Punkt über die Negativität des ,Leutnant Gustl' hinaus. Ja, man glaubt in ihr eine gewisse Ehrfurcht des Dichters vor dem Stand des Offiziers zu erkennen. Eines ist jedenfalls sichtbar; während Gustl am Ende des Geschehens unverwandelt ist wie am Anfang, macht Kasda eine Entwicklung durch, die man von seiner Seite nicht erwarten konnte. Und mit ihm erweist sich auch Leopoldine positiver, als man zunächst annehmen durfte.
      Die Novelle, die in Wien und der weiteren Umgebung der Stadt spielt, gliedert sich in ihrem Aufbau in zwei Teile. Im Mittelpunkt des ersten steht die Konfrontation zwischen Kasda und dem zuvor genannten Konsul Schnabel, sich zuspitzend in dem für den Offizier verhängnisvollen Glücksspiel; im zweiten die Wiederbegegnung des Leutnants mit Leopoldine, seiner früheren Geliebten, von der er hofft, daß sie ihm hilft, seine Spielschulden zu begleichen. Um diese drei Hauptfiguren gruppieren sich zahlreiche Nebengestalten, alle ebenso sorgfältig charakterisiert wie die zuvor genannten. Im ersten Teil tritt zu Kasda Bogner, ein früherer Kamerad, der sich in der Vergangenheit durch seine Spielleidenschaft ins Unglück gestürzt hat, ebenso wie es diesem in der Gegenwart bevorsteht. An dem Spiel nehmen mit dem Leutnant zahlreiche andere Figuren teil, unter ihnen auch Offiziere, die übrigens nicht alle unter negativem Aspekt dargestellt werden. Auch im zweiten Teil treten den Mittelpunktsgestalten, Kasda und Leopoldine, andere Bezugspersonen zur Seite, vor allem der Oheim Kasdas, der mit Leopoldine in einer seltsamen Ehe verbunden ist.
      Höhepunkt des ersten Teiles ist die Spielerszene in einem Cafe in Baden, so gestaltet, daß sie von Stunde zu Stunde stärker zu einem Duell zwischen Schnabel und Kasda zugespitzt wird. Sie endet für den Offizier mit einem Verlust, der um ein Vielfaches seine finanziellen Möglichkeiten überschreitet. Das Ganze ereignet sich an einem Sonntag, der für den Leutnant damit begonnen hat, daß sein früherer Kamerad ihn in dem Offizierstrakt der Kaserne aufsucht mit der Bitte, ihm tausend Gulden zu leihen, die er, seit seiner Verabschiedung als Kassierer in einer Banktätig, dort unterschlagen hat, um damit seinem kranken Kind zu helfen. Kasda weist ihn mit höflichen Worten ab, da er über die Mittel nicht verfügt. Als er auf diese Weise ausweicht, schlägt ihm Bogner vor, seinen Oheim Wilram um die Summe zu bitten. Noch einmal weist ihn Kasda ab: Er ist dem Oheim seit Jahren entfremdet. Dafür macht er ihm einen anderen Vorschlag. Da er die Absicht hat, den Nachmittag in Baden zu verbringen, will er versuchen, dort im Glücksspiel die erbetene Summe zu gewinnen.
      Damit wird der Schauplatz des Geschehens von Wien nach Baden verlegt. Nach dem Besuch bei einer befreundeten Familie geht Kasda in das Cafe, wo das Spiel stattfindet. Dort findet er die Beteiligten, eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft von Offizieren und Schauspielern, alle um den Konsul als den weitaus Finanzkräftigsten im Spiel geschart. Dieser wird als Gegenspieler des Offiziers nun immer stärker in den Vordergrund gerückt. Nach anfänglicher Zurückhaltung nimmt Kasda am Spiel teil, um in kurzer Zeit so viel zu gewinnen, daß die Summe noch um ein Beträchtliches jene tausend Gulden übersteigt, die Bogner notwendig hat. Obwohl er sich vorgenommen hat, damit das Spiel zu beenden, kehrt er am gleichen Tag noch zweimal in das Cafe zurück, um es fortzusetzen. Zunächst noch einmal vom Glück begünstigt, kommt es dann zu dem verhängnisvollen Endspiel bis in das "Morgengrauen", in dem Kasda sich ins Unglück stürzt. Wenn man sich in den ersten Teil der Novelle einliest, scheint der Offizier tatsächlich der Mittelpunktsgestalt der zuerst interpretierten Novelle in jedem Zug ähnlich zu sein: in der Neigung, sich dem Zufall der wechselnden Situation allzu willig auszuliefern, in der Vorliebe für rasch sich ablösende Liebeleien. Daß in der zweiten Novelle die Leere eines inhaltlosen Daseins in die unbeherrschte Spielerleidenschaft umschlagen kann, wird von einem Dichter beobachtet, der um einen solchen Umschlag von der Langeweile in die Besessenheit nur zu genau weiß.
      Damit ist der Punkt erreicht, wo es notwendig ist, sich dem Konsul Schnabel als dem Gegenspieler Kasdas zuzuwenden. In diesem Zusammenhang ist etwas Formales in der Darstellung Schnitzlers zu beachten. Die erste Novelle - ,Leutnant Gustl' - war ausschließlich aus der Perspektive der Hauptgestalt entworfen. Auch die Hauptgestalt der zweiten Novelle ist aus der Innensicht des Leutnants gestaltet, einer Perspektive, die auf dem Höhepunkt, wie oft in den Novellen Schnitzlers, durch die Redeform des style indirect libre ergänzt wird. So ist es nicht schwer,

über ihn Klarheit zu gewinnen. Schwieriger ist es, den Konsul zu verstehen. Dieser wird in der ersten Partie der Novelle nur durch Gebärden, gelegentlich durch ein hingeworfenes Wort charakterisiert. Erst auf der Heimfahrt von Baden nach Wien wird er faßbar, vor allem was seine Herkunft und seinen Lebensweg betrifft. Allerdings erfährt man auch das nur von außen und in indirekter Weise. Will man ihn fassen, dann muß man sich an die spärlichen Äußerungen des Erzählers während der Spielerszenen halten.
      Daß Schnabel Mittelpunkt der Gesellschaft ist, wurde schon gesagt. Er allein ist reich genug, um ein Spiel wagen zu können, ohne seine Existenz zu gefährden. Fehlte seine Teilnahme, so hätte das Spiel für die andern keinen Reiz. Vermutungen über die undurchsichtige Herkunft des Mannes lassen sie um seines Reichtums willen auf sich beruhen. Jede Geste, jedes Wort von seiner Seite verrät im übrigen, daß der Konsul sich seiner überlegenen Position bewußt ist. Nichts macht ihn unsicher. Weder sein zweideutiges Verhältnis zu einer Operettensängerin, noch die ebenso zweifelhafte Stellung als Vertreter eines südamerikanischen Zwergstaates. Diese Sicherheit ist auch bezeichnend für sein Verhalten dem Leutnant gegenüber. Selbst sein Spiel bleibt in genau kalkulierbaren Grenzen. Im Gespräch fällt von seiner Seite das aufschlußreiche Wort, daß das Spiel ein Laster sei, "wenn man seine Spielschulden zu zahlen nicht imstande ist". So erscheint er in jedem Zug als Gegenspieler Kasdas. Wie der Offizier sich vom Zufall treiben läßt, behält Schnabel unbeirrbar sein Ziel im Auge. Offenbar ist er sich auch des Gegensatzes bewußt. Als Kasda den Raum des Spiels zum erstenmal verläßt, heißt es, daß er ihm "mit einem kalten, raschen Aufschauen von den Karten gefolgt war" . Instinktiv ahnt er, daß der unreife, allen beliebigen Anlässen ausgelieferte Offizier eine leichte Beute für ihn ist. Mit dem Gegensatz der menschlichen Wesensart verbindet sich eine andere Form der Antipathie: Der Haß des Parvenüs gegen den Repräsentanten einer militärischen Tradition, und mit diesem Haß der Wille, ihn wenn möglich zu Grunde zu richten.
      Das Bild, das man so von Schnabel gewinnt, wird durch Andeutungen ergänzt, die er während der Fahrt nach Wien dem Leutnant hinwirft. Durch sie wird die Gestalt zunehmend negativer und dunkler. Was die Beteiligten in der Umgebung des Konsuls bisher ahnten, wird von ihm in zynischer Weise enthüllt. Dabei bestätigt sich die anfängliche Vermutung: immer stärker erkennt man, daß der abgründige Haß des EmporkÖmm-lings die Triebfeder für alles war, was er zuvor unternommen hatte. Hochmütig spricht er von Offizieren, die, einmal genötigt, aus dem Beruf auszuscheiden, sich ein Leben lang deklassiert vorkommen. Weiter wird deutlich, wie er, aus dem Nichts aufgestiegen, nur durch seine Skru-pellosigkeit reich geworden ist. Was Schnabel an anderer Stelle andeutet, ist für Kasda noch erschreckender. Als der Weg am Gefängnis der Stadt vorbeiführt, heißt es nämlich: "Der Blick, den der Konsul auf dem Gebäude haften ließ, ein verachtungs- und zugleich erinnerungsvoller Blick, gab Willi zu denken." Auf Grund einer späteren Bemerkung des Konsuls wird es Kasda zur Gewißheit, daß die erste nur flüchtige Vermutung nicht getrogen hat. Dem entspricht die Härte, mit der Schnabel auf seiner Forderung besteht; alle Bitten Kasdas um Aufschub der Schuldbegleichung sind umsonst.
      Im zweiten Teil wechseln der Schauplatz und zugleich damit die für die Szene beherrschenden Personen. Der Konsul verschwindet aus dem Gesichtskreis, ohne noch einmal in Erscheinung zu treten. An seine Stelle tritt in diesem Teil Leopoldine, die ähnlich wie der Konsul dargestellt wird. So menschlich sie am Ende erscheint, zunächst ist auch sie Vertreterin jenes Zeitalters, das die Wertordnung der Repräsentation beiseite schiebt, um das Leben auf genau kalkulierte Geldspekulationen und auf Werte materieller Art aufzubauen.
      Den pragmatischen Übergang vom ersten zum zweiten Teil der Novelle nachzuzeichnen, macht keine Mühe. Kasda ist auf der Suche nach einem Geldgeber, der ihm hilft, die verlorene Summe zu begleichen und seine Offiziersehre zu retten. Nun bleibt ihm kein anderer Ausweg, als seinen Oheim um das Geld zu bitten. Mit diesem tritt nun eine der wichtigen Gestalten des zweiten Teiles auf den Plan. Auch Robert Wilram ist ein weithin negativ gezeichneter Vertreter der untergehenden Zeit. Was Kasda im Gespräch mit ihm erfährt, ist problematisch genug. Sein Leben auf der Basis des von der verstorbenen Frau ererbten Vermögens ist ein Dasein ohne jeden Inhalt; nur ausgefüllt von Zerstreuungen und erotischen Abenteuern. So hat der Offizier den Oheim noch in Erinnerung. Nach langer Zeit stehen sich beide wieder gegenüber, und Kasda bekommt Einsicht in seine veränderte Lage. Früh gealtert, hatte er sich die Gunst einer Blumenverkäuferin nur so erhalten können, daß er mit ihr die Ehe einging, aber unter Bedingungen, die nicht demütigender sein konnten. Sie sehen so aus, daß er ihr sein Vermögen überantwortet, um sich von Monat zu Monat mit den ihm ausgezahlten Zinsen zu begnügen,während sie weiter getrennt leben; Robert Wilram ist es nur erlaubt, sie in genau festgelegten Zeitabständen zu besuchen. Damit tritt Leopoldine in den Vordergrund; Kasda erinnert sich ihrer, da er zugegen war, als der Oheim sie kennen gelernt hatte. Wenn ihm noch ein Funken Hoffnung bleibt, die Summe Geldes zu erhalten, so ist er gezwungen, sich an sie zu wenden. So schwer er sich dazu entschließen kann, er macht sich auf den Weg, um ihre Wohnung ausfindig zu machen.
      Im folgenden erlebt Kasda alles auf zwei zeitlichen Ebenen: auf der der Gegenwart und zugleich in der Erinnerung an die vergangene Begegnung mit Leopoldine, eine Begegnung, die nur langsam wieder lebendig wird. Schon im Gespräch mit dem Oheim beginnt er sich ihrer zu entsinnen. An dem Abend, da sie sich zum erstenmal gesehen, hatte Kasda sie noch einmal getroffen, um bis zum Morgen mit ihr zusammenzubleiben. Während er nach ihrer Wohnung sucht, wird die Erinnerung an diese Episode immer lebendiger. Und noch ein drittes Mal, nämlich während des letzten Zusammenseins mit ihr in der Kaserne, denkt er an das Vergangene zurück. Aber jetzt geschieht es so, daß das aus der Verdrängung herausbricht, was er damals verfehlt hat. "Und neu lebendig stieg Erinnerung in ihm auf - nicht an die Lust nur, die sie ihm gegeben, wie manche andere vor ihr, manche nach ihr . . . auch der wundersamen, niemals sonst erlebten Hingegebenheit erinnerte er sich nun, mit der sie die schmalen Kinderarme um seinen Hals geschlungen, und verklungene Worte tönten in ihm auf, - der Klang und die Worte selbst, wie er sie von keiner andern je vernommen hatte: "Laß mich nicht allein, ich hab' dich lieb." All dies Vergessene, nun wußte er es wieder. Und geradeso, wie sie es heute getan . . . unbekümmert, gedankenlos, während sie noch in süßer Ermattung zu schlummern schien, hatte er sich damals von ihrer Seite erhoben, nach flüchtiger Erwägung, ob es nicht auch mit einer kleineren Note getan wäre, nobel einen Zehnguldenschein auf das Nachttischchen hingelegt . .." Aber das greift dem Ende voraus. Es ist notwendig, noch einmal aus der erinnerten Vergangenheit zu dem zurückzukehren, was sich in der Gegenwart ereignet. Kasda hat die Wohnung Leopoldines ermittelt. Sie erkennt ihn sofort wieder. Er wird in ihr Arbeitszimmer vorgelassen. In merkwürdiger Weise hat sie sich verändert: "Sie sah dem Geschöpf nicht im geringsten ähnlich, das er in der Erinnerung bewahrt hatte, war stattlich und voll . . . trug eine einfache glatte, beinahe strenge Frisur, und, was das merkwürdigste war, auf der Nase saß ihr ein Zwicker, dessen Schnur sie um das Ohr geschlungen hatte."


Es fragt sich, wie diese seltsame Wandlung zu verstehen ist. Obwohl die Andeutungen des Oheims schon eine gewisse Erklärung dafür gegeben haben, gibt erst der letzte Teil der Novelle in vollem Umfang Antwort. Zunächst ist festzustellen, daß sich aus dem kindlichen Wesen der Vergangenheit eine Geschäftsfrau entwickelt hat, die genau zu rechnen und das ihr überlassene Vermögen wohl zu nutzen wußte. Mit ihr tritt zum zweitenmal in die Handlung eine Figur, die das Zeitalter vertritt, in dem nur bestehen kann, wer unbelastet von Emotionen seinen finanziellen Vorteil wahrzunehmen vermag. Es gibt so etwas wie eine Wortbrücke, die den Konsul Schnabel und Leopoldine in Zusammenhang bringt: das Epitheton "kalt". Zuvor hatte Schnabel Kasdas Abgang mit einem "kalten, raschen Aufschauen von den Karten gefolgt" . Das erste Gespräch Kasdas mit Leopoldine schließt mit einem Satz, der damit fast identisch ist. Der Leutnant verabschiedet sich, und von Leopoldine wird gesagt: "Ihr Blick war kalt und fremd." Daß Leopoldine indessen nicht nur die kühle, rechnerisch gewandte Geschäftsfrau ist, läßt sich schon dem ersten Gespräch entnehmen. Schon daß sie Kasda auf den ersten Blick wiedererkennt, ist auffallend genug; und so geschäftsmäßig sie auf seine Bitten reagiert, ebenso wenig wird man überhören, daß sie zwischendurch zu dem Du der alten Vertrautheit wieder zurückfindet. Eben hat sie noch Kasda wie einen beliebigen fremden Menschen, mit dem sie in Geschäftsverbindung steht, abgefertigt, da fällt von ihrer Seite ein Wort, das erkennen läßt, daß die Vergangenheit für sie noch nicht vergangen ist: "Und ich - ich, Willi, bin das einzige menschliche Wesen auf Erden, an das du dich in dieser Situation wenden konntest"? Man fragt sich nun, was in ihr den Vorrang hat, der Verstand oder das Herz.
      Die Antwort gibt die nächste entscheidende Szene, die von Leopoldines Besuch in der Kaserne berichtet. Sie war in dem Gespräch mit dem Offizier dabei verblieben, daß man ihm am Abend des Tages noch mitteilen wolle, ob sie die von ihm gewünschte Summe flüssig machen kann. Nun tritt sie selbst auf, um ihm von dem Ergebnis ihrer Bemühungen Mitteilung zu machen. Der Abend und die folgende Nacht verlaufen aber anders als erwartet. Das Gespräch, das sich zwischen beiden entspinnt, verläuft so, daß weder die Dinge der Vergangenheit, noch die Frage nach dem Geld berührt werden. Wiederum gleitet die Anrede der Frau in das vertraute Du hinüber. Indem der Ton des Gesprächs intimer wird, finden sie wieder zueinander. Die Vergangenheit scheint mächtiger als die Gegenwart.

     
Wenn Schnitzler den Titel ,Spiel im Morgengrauen' für seine Dichtung gewählt hat, muß man sich fragen, worin dieser Titel begründet ist. William H. Rey hat darauf aufmerksam gemacht, daß die frühe Morgenstunde in der Novelle leitmotivische Bedeutung hat. In dieser Stunde nimmt Kasda von Leopoldine Abschied, indem er sie, für die das Zusammensein mit ihm das Erlebnis echter Liebe war, wie eine Dirne abfertigt. In der gleichen Stunde nimmt das Spiel mit dem Konsul die für Kasda verhängnisvolle Wende. In der Stunde des frühen Morgens nimmt Leopoldine nach der zweiten Liebesnacht mit Kasda Abschied. Die graue Morgenstunde der Ernüchterung kennt man bereits aus den Dichtungen der Romantik; sie wird in dieser Darstellung noch einmal bei Hofmannsthal begegnen. So lautet auch der Titel der Schnitzlerschen Novelle ,Spiel im Morgengrauen'. Dabei darf man weder die Zeitangabe des frühen Morgens noch das Wort "Spiel" übersehen. Denn auch dieses hat darin zentrale Bedeutung: Einmal im buchstäblichen Sinn; dabei ist das Glücksspiel gemeint, in das sich der Leutnant einläßt; des weiteren im metaphorischen Sinn: zu verstehen als verantwortungsloses Spiel mit einem Menschen, über den man nach Belieben verfügt; das Spiel Kasdas mit Leopoldine, das Spiel der Frau mit ihm in der Situation der Gegenwart.
      So scheint es zumindest bei ihrem Abschied vom Leutnant beim "Morgengrauen" zu sein. Bei dessen Erwachen steht Leopoldine schon angekleidet vor Kasda. Wieder ist eine Verwandlung mit ihr vorgegangen. Wenn es schien, als ob den Abend zuvor ihre alte Liebe wieder Macht über sie bekommen hätte, so war diese Annahme offenbar Trug. Der Gedanke des Erwachten gilt - aus begreiflicher Sorge um seine Existenz als Offizier - der Summe des Geldes, die Leopoldine für ihn auftreiben wollte. Und wie er in der Hast nachforscht, ob sie ihm diese Summe hinterlassen hat, fügt der Erzähler hinzu: "Und zugleich fühlte, wußte, sah er, wie sie immer seinem Blick, seinen Bewegungen gefolgt war, mit Spott, wenn nicht gar mit Schadenfreude. Den Bruchteil einer Sekunde nur traf sein Blick sich mit dem ihren. Er wandte den seinen ab wie ertappt . . ."
Dann folgen Sätze, in denen sich der zweite Teil der Novelle zusammenzieht. Leopoldine kommt zurück und legt eine Banknote von tausend Gulden auf den Tisch. Mit der gewünschten Summe hat das Geld keine Beziehung: "Die tausend Gulden, die sind nicht geliehen, die gehören dir - für die vergangene Nacht . . ." So wie er sie Jahrezuvor für die Liebesnacht bezahlt hat, so bezahlt sie ihm die ihr heute gewährte Nacht. Nichts mehr von der Rückverwandlung der kalten Geschäftsfrau in ein liebendes Wesen bleibt zurück. Wieder stößt man auf das Epitheton "Kalt", das als Wortbrücke beide Teile der Novelle verbindet. Als Leopoldine Abschied nimmt, heißt es: "Indessen aber, während jene längst verflossene Nacht in ihm so unbegreiflich lebendig ward, erlosch allmählich der kindlich-holde Schimmer in Leopoldinens Auge wieder. Kalt, grau, fern starrte es in das seine . . ." Und noch schärfer erscheint das gleiche Attribut, als Leopoldine Kasda die Tausendguldennote hingeworfen hat. Sie blickt ihn - so heißt es - mit "etwas verwundertem, eiskaltem Blick an" . Und noch einmal wird der gleiche Blick erwähnt, als der Offizier, noch auf dem Bettrand sitzend, sie um die notwendige Summe bittet: "Und unwillkürlich unter ihrem immer eisigeren Blick zog er die Bettdecke über seine nackten Beine."
Noch eine Gebärde Leopoldines fällt in dieser Abschiedsszene auf, auch sie von leitmotivischer Bedeutung. Als Kasda sie in ihrem Büro um Geld angeht, liest man, während sie das Ganze reserviert wie ein beliebiges Geschäft behandelt: "Sie ließ ihre Zunge zwischen den Zähnen spielen." Nun erscheint die gleiche Gebärde am Morgen des Abschieds wieder: "Und zwischen ihren halb geöffneten Lippen, ihren blitzenden Zähnen spielte ihre feuchte Zunge hin und her."
Der Novellist Schnitzler erspart sich Kommentare, um damit auszudrük-ken, wie äußeres Geschehen als Ausdruck einer inneren Regung zu verstehen ist. Stattdessen stellt er die Gestalt Leopoldines in Außensicht dar. So ist der Leser aufgefordert, von sich aus das Rätsel zu enträtseln, so wie man in der alltäglichen Wirklichkeit gezwungen ist, die Fremdheit des anderen zu durchdringen. In diesem Sinn sind auch die Gebärden vieldeutig, so, daß man sich scheut, sie auf diese oder jene Ausdrucksmöglichkeit festzulegen. Erotisches Spiel, Verachtung, Ironie, alles ist darin enthalten. Man glaubt, daß damit das letzte Wort über sie gesagt sei. Bis dahin muß man den Eindruck haben, daß die Hingabe nur ein Spiel gewesen sei. Das Ende der Novelle erlaubt vielleicht eine andere Deutung, ohne daß diese mit Bestimmtheit zu verifizieren ist.
      Aber bevor das zur Sprache kommt, möge noch eine Überlegung eingeschaltet werden, um zu überprüfen, was zuvor nachgezeichnet wurde. Die beiden Gestalten, die als Gegenspieler Kasdas erscheinen, wurden so in Zusammenhang gebracht, daß zunächst die Parallele zwischenihnen unterstrichen wurde. Indessen dürfen die Unterschiede darüber nicht vergessen werden. Sie können auf folgende Formel gebracht werden: Der Konsul ist von Natur aus der jeder Gefühlsregung bare Rechner. Leopoldine ist erst durch bittere Erfahrung zu dem geworden, was an ihr abstoßend wirkt. Die Ursache ihrer Wandlung aber ist verletzte Liebe. Ihre Argumentation nach dem ersten enttäuschten Zusammensein mit Kasda mag die folgende gewesen sein: Wenn schon die Käuflichkeit alles bestimmt, dann bleibt nichts anderes übrig, als das Leben darauf aufzubauen. Erst damit aber wird sie die gefühllose, kalkulierende Geschäftsfrau, als die sie dem früheren Geliebten entgegentritt. Daß unter der Maske der Kälte noch anderes lebendig ist, wurde oft genug deutlich. Welche Seite die Oberhand gewonnen hat, läßt sich nicht sagen. Man weiß nicht: will sie am Morgen ihres Abschieds an Kasda Rache nehmen, oder möchte sie ihm sein verletzendes Verhalten in Erinnerung rufen und ihn so zur Besserung zwingen. Daß sie ihm - zu spät allerdings - das Geld schickt, damit er seine Spielschulden begleicht, spricht für die zweite Möglichkeit.
      Bei der Deutung der letzten Partie der Novelle wurde die Hauptgestalt des Werkes ausgespart. Es ist notwendig, daß die Interpretation sich ihr noch einmal zuwendet. Dabei genügt es, wenn man die Aufmerksamkeit auf den letzten Abschnitt richtet. Als Leopoldine beim Verlassen des Zimmers Kasda erniedrigt hat, wird gesagt, daß er in diesem Augenblick von tiefer Scham erfüllt gewesen sei. Scham ist Einsicht in die Schuld, in der Scham wird aber auch die Norm bewußt, gegen die man verstoßen hat. Daß Kasda sich seiner Schuld bewußt wird, wird ausdrücklich betont: "Denn plötzlich wußte er, - und hatte er es nicht früher schon geahnt? - daß er auch bereit gewesen war, sich zu verkaufen." In einem damit wird aber auch die Sorge um seine Ehre in ihm lebendig.
      Eine solche Möglichkeit der Gewissensprüfung gab es in der Novelle JLeutnant Gustl' nicht einmal im Ansatz. An diesem Punkt unterscheidet sich das Spätwerk von dem früher entstandenen. Dort traf man auf eine Ichbezogenheit, die alles zum Objekt flüchtigen Genießens machte. Auch der Konflikt mit dem Handwerker brachte darin keine Wandlung. In dieser Novelle scheint die Ehre des Offiziers nicht gefährdet: niemand weiß ja von dem Zusammenstoß! Gustl aber kennt nur die äußere Ehre, nicht jene, die voraussetzt, daß in einem Menschen das Gewissen lebendig ist. Die Spätnovelle unterscheidet sich von der frühen gerade darin, daß Kasda sich seinem Gewissen stellt. Da stößt man auf einen


Satz, der an das andere Meisterwerk der Spätperiode, ,Casanovas Heimfahrt', erinnert: Kasda sieht sich im Spiegel, und im Spiegelbild erkennt er sich - vergleichbar der Szene, da der gealterte Casanova im Blick Marcolinas sein Gesicht erfahren hat - in seiner sittlichen Erniedrigung wieder: "Im Spiegel über der Kommode erblickte er sein Bild - mit wirrem Haar, dunklen Ringen unter den Augen; er schauderte, unsäglich widerte es ihn an . . ." Auf dieses Sicherkennen folgt auch die Sühne. Sie besteht darin, daß der Offizier zunächst einmal die tausend Gulden seinem früheren Kameraden zusendet. Schon das ist Zeichen der Wandlung. Er, der bisher verantwortungslos mit dem anderen umzugehen pflegte, bekennt sich zu seiner Verantwortung. Aber vor allem sein Sterben muß als Zeichen der Wandlung verstanden werden. In diesem Sinn ist es nichts Beliebiges, wenn Kasda sich in den Mantel des Offiziers hüllt, bevor er stirbt. Auch darin ist ein Unterschied zu dem ,Leutnant Gustl' zu erkennen. Diese Novelle macht nämlich deutlich, wie ausgehöhlt dort der Ehrbegriff war. Die nach dem Krieg niedergeschriebene Spätnovelle verrät in der Rückschau eine tiefere Achtung und Ehrfurcht vor der Vergangenheit als die vorangegangene.
      Noch einmal wird der Oheim von Bedeutung. Er kommt am Ende mit der Summe Geldes, um - zu spät - seinem Neffen zu helfen. So gewinnt auch diese Gestalt an Menschlichkeit: Er ist nicht nur der leichtfertige Lebemann, als den man ihn vorher kennen gelernt hat. Die Frage nach dem Verhalten Leopoldines ist schwieriger zu beantworten. Sie hat das Geld zur Verfügung gestellt. Jedenfalls deutet das an, daß unter der kalten Selbstsicherheit ein Fonds menschlicher Verbundenheit verborgen war.
      Schnitzler hat in seinem Schaffen immer wieder schonungslos auf das Negative im Menschen seiner Zeit hingewiesen, auf seinen Egoismus, auf die Ausgehöhltheit der sittlichen Wertordnung. Trotzdem ist noch einmal zu betonen, daß der früher beliebte Begriff des Nihilismus für ihn nicht zutreffend ist. Es wurde gesagt, daß schon die Novelle ,Leutnant Gustl' - so illusionslos sie scheint - eher aus der Sorge um den Menschen, denn aus Zynismus niedergeschrieben wurde, auch wenn diese Sorge nicht ausdrücklich ins Wort kommt. Daß das ,Spiel im Morgengrauen' nicht nur indirekt, sondern auch direkt ein Beweis für Schnitzlers Verantwortung gegenüber den humanen Werten ist, läßt sich mühelos zeigen. Was immer als Versagen enthüllt wurde, ein Wert erweist sich am Ende stärker als aller sittliche Verfall: die Verpflichtung, den anderen Menschen nicht als manipulierbares Objekt zu nehmen, sondernals die absolute Grenze jedes Verfügens. Man darf vielleicht noch einen Schritt weitergehen: Irgendwie ist in dem Werk des alten Schnitzler der Glaube lebendig, daß es eine Instanz der Gerechtigkeit gibt, die den Verstoß gegen das Du ahndet. Mehr zu sagen, ist allerdings nicht erlaubt.

     

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