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Die novelle unter dem einfluß des impressionismus

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Detlev von Liliencron



Der Impressionismus war für die Gattungsform der Novelle nicht in dem Maße ertragreich wie der Naturalismus. Man wird in diesem Kapitel den österreichischen Novellisten Arthur Schnitzler - allerdings nur in begrenzter Weise - einbeziehen. An erster Stelle aber ist Detlev von Liliencron zu nennen. Zwar kann man in seinen lyrischen Schöpfungen den Stil der Epoche besser fassen als in seinen Novellen. Fritz Martini stellt in seiner Literaturgeschichte die Gedichte als besonders beispielhaft für das Schaffen des Dichters heraus: "Er hört, sieht, schmeckt die Wirklichkeit - sie löst sich, wie in der impressionistischen Malerei, in flimmernde, bewegte Striche und Punkte auf." Aber auch im Aufbau und der Zeichnung der Gestalten in den Novellen sind charakteristische Stilformen des Impressionismus festzustellen. Liliencrons Novellen sind im 7. Band der von Richard Dehmel besorgten Gesamtausgabe gesammelt. Bekannt sind vor allem die ,Kriegsnovellen', die Ereignisse des Krieges Preußens gegen Österreich und vor allem des deutsch-französischen Krieges 1870/71 verarbeiten. Im übrigen wurde der Dichter immer wieder von seiner norddeutschen schleswig-holsteinischen Heimat zum Schaffen angeregt. So trägt eine Gruppe von Novellen den bezeichnenden Titel: ,Aus Marsch und Geest'. Auch die historischen Novellen, zusammengefaßt unter dem Titel ,Könige und Bauern', beziehen ihre Stoffe aus der gleichen Landschaft. Was vor allem als bezeichnend für die Novellenkunst Liliencrons betrachtet werden muß, ist die Auflösung der geschlossenen Novellenhandlung in Einzelimpressionen, eine Auflösung, die sprachlich - dem Stil der für den französischen Impressionismus beispielhaften Prosawerke der Brüder Goncourt entsprechend - in der Vorliebe für parataktische Fügungen und vor allem in der Neigung zu kurzen Ausrufesätzen zum Ausdruck kommt. Diese Eigentümlichkeit des Stils gilt für die Kriegsnovellen wie auch für die, die an der Küste Schleswigs spielen.
      Exemplarisch für diese Arbeitsweise kann die Novelle ,Der Richtungspunkt' aus der Gruppe der ,Kriegsnovellen' gelten. Beschrieben wird eine Schlacht aus dem deutsch-französischen Krieg, die ihren Höhepunktin einem Reiterangriff hat. Liliencron läßt die auf ihn einstürmenden Eindrücke Revue passieren. Sie wechseln von Abschnitt zu Abschnitt. Zahlreiche Gestalten, vor allem die an der Schlacht beteiligten Offiziere, alle flüchtig, aber sinnlich prägnant dargestellt, ziehen an dem Auge vorüber, um alsbald wieder durch andere abgelöst zu werden. So der Oberkommandeur, zu dem der Erzähler als Adjutant des Regimentskommandeurs tritt: "Gegen den Chef des Stabes, den ich schon von der Garnison her kannte, hatte ich, wie man zu sagen pflegt, eine Pike. Sein fürchterliches Mathematikherz, das auf der weiten Gotteswelt keine Freude, keine Lust kannte als die Freude und Lust des Rechnens und Berechnens, flößte mir von jeher ein Grauen ein. Sein fahlblasses, auch durch den stärksten, unaufhörlichsten Sonnenschein nicht um einen Ton gefärbtes Gesicht mit der ewig finstern Stirn, mit den blutlosen, schmalen Lippen, die niemals lachten oder lächelten, mit den kalten grauen Augen war mir schrecklich." Dazwischen sind Impressionen der Landschaft eingefügt. "Die Ebene, die an den Rändern mit Dörfern, Gütern, Höfen, Weilern, einzelnen Gebäuden übersät schien, hatte um den Hügel die ungefähre Ausdehnung eines Geviertkilometers. Diese Wüste war flach wie ein Pfannkuchen. Vor dem eingegrabenen Häuschen lag ein bunter Wiesenfleck, eine Oase, die den Garten ersetzte. Taubnesseln, hellgelbe Sirupsblumen, rote Futterwicken, Baldrian, Gundermann, Klappertopf, Kamillen, Männertreu wucherten durcheinander." Man sieht, wie hier die verschiedenen Pflanzen- und Farbeindrücke nebeneinander gesetzt werden. In analoger Weise wird die Schlacht beschrieben. Auch in dieser Beschreibung reihen sich die einzelnen Phasen diskontinuierlich aneinander. Augenscheinlich legt es Liliencron darauf an, immer wieder den Wechsel und das Überraschende in seiner Darstellung herauszuarbeiten.
      An sich ist die Novelle auf eine Pointe hin erzählt. Der ,Richtungspunkt', der als Titel fungiert, ist ein Hügel inmitten der weiten Ebene Nordfrankreichs, gekrönt durch eine gewaltige Esche. Auf ihm befindet sich ein Gehöft, als dessen einzige Bewohner ein uralter Bauer, ein junges Mädchen und ein kleines Kind, offenbar das Enkelkind des Alten, zurückgeblieben sind. Der Hügel wird in der kommenden Schlacht zum Orientierungspunkt für die preußische Generalität. Zu Beginn der Handlung spielt sich dort eine flüchtige Liebesbegegnung zwischen einem Offizier und dem jungen Mädchen ab: "Als ich meinen Handriß in die Satteltasche geschoben hatte, sah ich mich nach meinen Ulanen um, um den Befehl zum Rückritt zu geben. Ein malerischer Anblick überraschte mich: Unter einem Goldregenbusch, der trotz des Julitages, den wir heutdurchlebten, noch in voller Blüte stand, unter diesem, dem einzigen Gesträuch bei dem Riesenbaume, hielt der Leutnant. Er bog sich lächelnd zu dem ihm seitwärts, etwas erhöht stehenden Mädchen hinunter und hielt ihre auf den Sattelknopf gelegten Hände mit den seinen gefangen. Auch sie lächelte zu ihm hinauf. Es war wie im tiefsten Frieden . . ." Man würde allerdings die Novelle falsch verstehen, wenn man dieses Ereignis als Mitte des Geschehens begriffe. Auch dies bleibt Episode in der Flucht der Eindrücke, die in der Novelle aneinandergereiht werden; kaum weniger isoliert und punktuell als die anderen. Von gleicher Flüchtigkeit ist auch das Ende dieser Begegnung. Der Erzähler findet, nachdem die Schlacht ihren Abschluß gefunden hat, den Offizier und das Mädchen wieder, beide in dem blutigen Ringen um das Leben gekommen, ebenso wie das Kind von den Pferden der Reiter erdrückt und erschlagen worden war. Zu der impressionistischen Erzähltechnik Liliencrons gehört es, daß er auf den Bau eines final bezogenen Handlungszusammenhanges verzichtet, um dafür die Möglichkeit zu gewinnen, die mannigfaltigen Geschehnisse rasch vorübergleiten zu lassen. Daß in der Novelle ,Der Richtpunkt' alles auf die Perspektive jenes Ich-Erzählers bezogen ist, den man hier ohne Bedenken mit dem Dichter identifizieren kann, wurde schon angedeutet. Es ist nicht schwer, die Gesinnung dieses Erzählers und die besondere Weise, in der er an den kriegerischen Ereignissen teilnimmt, zu charakterisieren. Es ist noch einmal der Geist eines ungebrochenen kriegerischen Feudalismus, für den das Leben in Kampf und Krieg kulminiert und die Treue zum König den höchsten Wert repräsentiert. Das bedenkenlose Freund-Feind-Verhältnis beherrscht in einer für die relativ späte Zeit höchst naiven Weise das Denken, gleichgültig, ob sich der Kampf gegen Österreich oder gegen Frankreich richtet. Es fehlt jede Distanz zum Geschehen. Daher auch die Möglichkeit der impressionistischen Darstellung, wie Liliencron sie liebt und wie sie für seine Novellenkunst eigentümlich ist. Denn nur die völlige Unreflektiertheit macht eine solche Weise des Erlebens überhaupt möglich. Der Rausch und die Lust des Kämpfens beherrscht in dem Maße das Ganze, daß selbst die oft anklingende Schwermut angesichts der Nähe des Todes demgegenüber ohne Konsequenz bleibt.

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