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Die novelle in der epoche des expressionismus

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Georg Heym



Fritz Martini schreibt in seiner Literaturgeschichte im Zusammenhang mit der Darstellung der expressionistischen Epoche, daß die Form des Romans "der expressionistischen Sprache, ihrem symbolischen Lyrismus und Dynamismus, ihrer Vergeistigung, Abstraktion zum Typischen und ihrer Konzentration . . . Widerstand entgegengesetzt habe . . ."', daß dagegen die kurzen epischen Formen den neuen Stil leichter in sich aufnehmen konnten; allerdings - so fügt der Verfasser mit Recht hinzu -auch hier um den Preis einer "erheblichen Veränderung gegenüber der Novellenform der realistischen Tradition". Welche Veränderung die Novellenform durchgemacht hat, kann man nachprüfen, wenn man Gottfried Benns Sammlung ,Gehirne', oder auch die Novellistik Döblins daraufhin prüft. Noch exemplarischer dafür sind die Prosawerke, die Georg Heym hinterlassen hat.
      Mit einem Hinweis auf diese Dichtung sei das Expressionismuskapitel deshalb eingeleitet. Der traditionellen Novelle am nächsten scheint ein Prosawerk zu kommen, das unter dem Titel ,Die Novella der Liebe' 1907 entstanden ist und von Karl Ludwig Schneider 1962 aus dem Nachlaß veröffentlicht wurde. Zunächst glaubt man bei der Lektüre in eine Novelle altitalienischer Herkunft hineingeleitet zu werden. Es geht wie in Dichtungen dieser Art um die Liebe eines jungen, reichen Patriziersohnes, Julio Lanza mit Namen, zu der schönen Seraphina da Tren-ta, aus Bologna gebürtig, der Stadt, an deren Universität Julio zusammen mit Seraphinas Bruder Giovan Battista das ius canonicum studiert. Ein Abenteuer, in das Seraphina gerät, gibt ihrem Verehrer Gelegenheit, ihre Eltern zu besuchen und sich ihnen bei dieser Gelegenheit bekannt zu machen. Wie Julio von dem Augenblick an, da er das Mädchen gesehen, von Liebe zu ihr erfüllt ist, so fühlt sich auch diese mit gleicher Leidenschaft zu ihrem Retter hingezogen. Ohne zu zögern, willigt sie ein, ihn in der folgenden Nacht wiederzusehen. Der Bruder Seraphinas, in das Geheimnis eingeweiht, ist bereit, für die beiden ein Wort beidem Vater einzulegen, wobei es für ihn selbstverständliche Bedingung ist, daß Julio die Ehre seiner Schwester achtet.
      Bis dahin folgt Heym dem Stil der romanischen Novelle. Dann aber bricht aus Julio die Leidenschaft in einer Maßlosigkeit durch, wie sie der klassischen Novelle fremd ist. Was nun folgt, wird rückhaltlos ins Maßlose hinausgetrieben. Das Kind, das Seraphina gebärt, wird von ihr mit der Halskette erdrosselt und des Nachts in einen Brunnen geworfen. Sie selbst bleibt in ihrem Blut auf der Piazza der Stadt liegen, wo sie von Bürgern der Stadt am Morgen gefunden wird. Auch was nun geschieht, durchbricht in der Neigung, das Schreckliche und Erbarmungslose unverhüllt und ohne Schonung zu berichten, den sachlichen Erzählstil der altromanischen Novelle. Die grell ekstatische Darstellungsform bestimmt auch die folgenden Partien; weniger in der sprachlichen Diktion, als in der Tendenz, das Furchtbare zu steigern. Das tote Kind, das Seraphina in ihrer Verzweiflung in den Brunnen geworfen, wird von Studenten ebendort zur Schau gestellt. Dabei fällt wiederum von seiten des Erzählers ein Wort, das schockierend wirkt: "Und dort hing die kleine Leiche zur Freude der Stadt." So gerät man immer wieder an Äußerungen einer boshaften Grausamkeit; sowohl in dem Bericht von dem Geschehen selbst, wie auch in der Einstellung der Menschen, die als Zuschauer fungieren. Dabei erinnert man sich an den Satz, mit dem die Erzählphase geschlossen wurde, in der vom Tode Seraphinas, einem Tod ohne den Trost der Kirche, gesprochen wurde: "Und auf allen Gesichtern war Freude und Gelächter." An Stellen dieser Art kann man nachprüfen, wie es dem Erzähler nicht nur darauf ankommt, die Handlung selbst ins Äußerste zu steigern, auch das Verhalten der Menschen verzerrt sich in Gebärden des erbarmungslosen Hasses und der Schadenfreude. Noch einmal: alles ist unendlich weit von dem entfernt, was die Diskretion der klassischen Novelle erlaubt hatte. Und wie vom Schicksal Seraphinas gesprochen wurde, so auch von dem folgenden Ereignis: Giovan Battista folgt dem in die Kirche der Dominikaner geflüchteten Julio nach, wird aber in dem dort stattfindenden Zweikampf von Julio niedergestreckt. Dieser, sinnlos geworden über das Schicksal der Geliebten, über den Tod des Freundes und zugleich über die Entweihung des Kirchenraumes, steigert das Sakrileg, zerstört den Altar und zerbricht den Behälter der Hostien. In diesen Augenblick dringt der Vater Seraphinas an der Spitze der rachedurstigen Menge in die Kirche, und sie stürzen Julio, der in dem Turm eine letzte Rettung gesucht hat, in die Tiefe. Die Novelle endet mit dem befremden-den Satz: "Und im Fallen hörte in der Luft er das unbekannte und gewaltige Lied der großen - herzbezwingenden und vernichtenden Liebe." Man wird nicht fehlgehen, wenn man feststellt, daß die Form und die Darstellung, wenn auch noch unbeholfen und das künstlerische Maß verletzend, doch etwas Wesentliches jenes Erzählers zum Ausdruck bringen, der mit gutem Recht als einer der großen Lyriker des Expressionismus geschätzt wird: die rücksichtslose Enthüllung dessen, was im Innern des Menschen durch Sitte und Selbstbeherrschung niedergehalten wird; sei es die Hingerissenheit der Leidenschaft, sei es das Unmaß der Grausamkeit und des Bösen.
      Ein Blick in andere Prosawerke Georg Heyms bestätigt den ersten Eindruck, Werke, die allerdings im Vergleich zu der Frühnovelle eine größere Reife zeigen. Veröffentlicht wurden von Heym 1911 fünf Novellen in einer Sammlung, die nach der letzten ,Der Dieb' betitelt wurde. Von diesen Erzählwerken beanspruchen die folgenden ein besonderes Interesse: ,Der fünfte Oktober'; Jonathan'; ,Das Schiff' und ,Der Dieb'.

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