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Die novelle in der epoche des expressionismus

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,Der fünfte Oktober'



Was in dieser Novelle berichtet wird, läßt sich chronologisch und historisch einigermaßen genau festlegen. Man wird in eine frühe Epoche der Französischen Revolution versetzt, und zwar in den Zeitraum zwischen der Erstürmung der Bastille und dem Zug nach Versailles, der Residenz des Königs. Träger des Geschehens ist in diesem Fall nicht ein Einzelner, sondern die Masse des Volkes. Auch wenn auf dem Höhepunkt Mail-lard als einer der Anführer bei dem Sturm auf die Bastille das Wort ergreift und damit in den von Resignation und Verzweiflung Niedergedrückten den Entschluß auslöst, die königliche Familie in die Hauptstadt zu holen, ist er keineswegs der Anführer der durch seinen Aufruf entbundenen Bewegung. Kaum daß er seine Rolle ausgespielt hat, wird er beiseite geschoben, und wieder ist es das Kollektiv des Volkes, von dem die Initiative der Bewegung ausgeht: 'Die ersten Reihen setzten sich spontan in Marsch. In Reihen zu vieren, zu fünfen, so weit die Breite der Straße es erlaubte. Maillard sah das. Er kletterte, so schnell er konnte, von seinem Baum herab, rief drei Mann, die er kannte, zu sich und rannte mit ihnen über die Felder an den Massen entlang, bis er ihre Spitze erreichte. Da stellte er sich mit seinen Leuten dem Strome entgegen und versuchte, auf sie einzureden, sie sollten einen Führer wählen . . . Aber er wurde nicht gehört . . . Die Massen stießen ihn zur Seite, sie

überschwemmten die kleine Mauer der vier Mann und rissen Maillard und seine Leute mit sich die Straße hinab. Ein unsichtbarer Führer führte sie . .."
Was das Volk in dieser Weise zu einer einzigen Bewegung verschmelzen läßt, ist zunächst das übermächtige Ausmaß der Bedürftigkeit und Not, dann aber am Ende der Umschlag von der äußersten Ausweglosigkeit in eine ekstatische Erwartung und Hoffnung: 'Ihre Herzen, die in der trüben Flut der Jahre, in der Asche der Mühsal erstickt waren, fingen wieder an, zu brennen ... sie gaben sich die Hände auf dem Marsche . .. Sie wußten alle, daß die Jahre der Leiden vorbei waren, und ihre Herzen zitterten leise."
Hatte sich Heym in der Frühnovelle zuvor noch - wenigstens im ersten Ansatz - im Rahmen des konventionellen Erzählens gehalten, so wird diese Konvention in dem sechs Jahre später entstandenen Werk gesprengt. Die Eigenart der künstlerischen Leistung ist in besonderer Weise in der sprachlichen Realisierung dessen begründet, was in Novellenhandlung evoziert wird. Darum ist es erst durch die Analyse des Stils möglich, näher zu umschreiben, was den ausgesprochen expressionistischen Charakter des Werkes ausmacht.
      Zwei Stilzüge sind es, die die Eigenart der Sprache prägen: die Meta-phorik und das Gewicht des Epithetons; beides Mittel, um die Vorgänge zur äußersten Ekstatik zu entfesseln. Die gleiche Dynamik war in der ,Novella' in der Outrierung des Geschehens zu erkennen. Auch der Handlungsverlauf des ,Fünften Oktober' verrät eine analoge Tendenz - vor allem in der Weise, wie der Einzelne in die Bewegung der Masse hineingerissen wird; aber über die ,Novella' hinaus partizipiert nun auch die Sprache unmittelbar an dieser Bewegung.
      Was zunächst bei der Analyse des Stils auffällt, sind Metaphern religiös-apokalyptischer Herkunft. Der Text ist davon so überfrachtet, daß nur einige wenige Beispiele gegeben werden können. So ist schon im Eingang die Rede von den 'Paradiesen der Sättigung, die man erträumt" . Das erwartete gemeinsame Mahl wird so zum Mahl 'eines gewaltigen Sabbath". Man wartet auf die Brotkarren 'wie ein Volk Astronome, das nach einem neuen Gestirn sucht" . Die Mühlen, die den Horizont umsäumen, werden zu 'riesigen Gottheiten des Kornes, die mit den Armen ihrer großen Flügel Mehlwolken aufstäuben, als dampfe Weihrauch um ihre großen Häupter" . So ist auch das Ende gestaltet: der Beginn des Zuges nach Versailles: 'Eineewige Melodie erfüllte den Himmel und seine purpurne Bläue, eine ewige Fackel brannte."
Wie sich die Träume des künftigen Paradieses hier ins Apokalyptische steigern, so ist auch die gegenwärtige Drangsal in einer absteigenden Bewegung ins Abgründig-Dämonische verzerrt. Wie die Bilder der Erwartung ins Göttliche gesteigert wurden, so sucht der Dichter nach mythischen Vorstellungen dämonischer Herkunft, um das Heillose der Gegenwart zum Ausdruck zu bringen. So wird die Königin bei ihren Festen in den Gärten des Luxembourg 'eine ungeheure Astarte, starrend von weißer Seide und glitzernd wie eine Heilige von tausend Perlen" . Den in ihrer Verzweiflung erstarrten Menschen erscheinen 'unzählige Lots, die die Flamme eines höllischen Gomorra in ewige Starre geschmolzen hatte" . Die Schatten, die über den dunklen Gassen der Stadt liegen, kriechen 'unter den Häusern hervor und krochen an ihnen hoch, schwarze Polypen der Gasse mit ihrer kalten Umarmung" . Die Menschen, die vor dem Luxembourg ohnmächtige und verachtete Zeugen des königlichen Reichtums sind, hängen 'wie gräßliche Spinnen" an den Gittern der Gärten . So wird alles, Erwartung und Verzweiflung ins Grenzenlose entfesselt. Auch die Wahl der Epitheta trägt das ihre dazu bei, die Hypertrophie zu intensivieren. Fast ausnahmslos sind es Superlative Formen der Adjektive, die die Sprachgebung bestimmen. Manches davon klang schon in den zuvor ausgewählten Zitaten an. Da war die Rede von den 'riesigen Gottheiten des Korns" ; von der 'ungeheuren Astarte" ; von den 'gräßlichen Spinnen" . Da finden sich Wendungen wie die von dem 'entsetzlichen Schweigen" , von dem 'ungeheuren Malstrom, in dem sich die Menschen zum Zug formiert haben" ; da verwandelt sich Maillard im Geäst des Baumes in einen 'riesigen schwarzen Vogel" . Da kommt der Zorn der Menge wie ein Echo vom Himmel zurück 'wie ein schwarzer riesiger Wirbelwind" . Ob es noch erlaubt ist, von dieser Dichtung als einer Novelle zu sprechen, ist fraglich. Zu sehr sind die scharf umrissenen Konturen der Gestalten und das Klima der Faktizität - Stilelemente, die wesenhaft zur Novelle gehören - in Emotionen lyrischer Art aufgelöst, als daß man diese Dichtung dem Gattungsbereich der Novelle zuordnen könnte.

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