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Die novelle in der epoche des expressionismus

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,Der Dieb'



Ein gewisses Interesse beansprucht auch die Novelle, nach der die Sammlung benannt ist. Manches verbindet das Werk mit jenem, dasden Titel ,Der fünfte Oktober' trägt: vor allem die Wendung zum Apokalyptischen hin und in Konsequenz dessen die Eigenart einer Meta-phorik, die in ihrem ekstatischen Charakter die letzte Novelle noch beträchtlich überbietet. Im Mittelpunkt steht nun nicht die Masse als Trägerin der Handlung, sondern ein Einzelner. Was aber beide Erzähl-werke insbesondere verbindet, ist eben jene Steigerung ins Mythisch-Apokalyptische; wie sie zuvor durch das Kollektiverlebnis ermöglicht wurde, so wird sie in der zweiten Dichtung durch die Wahnvorstellung eines vom Irrsinn Befallenen entbunden. In beiden Fällen aber läßt sich der Dichter derart in solche außergewöhnlichen Zustände ein, daß jeder Vorbehalt des Maßvoll-Humanen dadurch geopfert wird. 'Aux sots je prefere les fous / Dont je suis, chose, helas! certaine." So das Motto aus einem Gedicht Baudelaires, das sich am Eingang der Dichtung findet.
      Was als kontrollierbare Handlungsfolge in die Gestaltung eingeht, ist in wenigen Worten zusammengefaßt. Irgendwo in Paris verliert sich ein Irrer in die Vision eines apokalyptischen Ringens zwischen göttlichen und dämonischen Mächten, vergleichbar der dualistischen Konzeption, wie sie den Manichäismus oder andere religiöse Strömungen charakterisieren. Christi Erlösungstat ist gescheitert. Das Wort des scheidenden Erlösers am Kreuz 'Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" ist das Eingeständnis dieses Scheiterns. Unter diesen Umständen glaubt der von solchen Visionen Heimgesuchte berufen zu sein, das Ringen mit dem Bösen wieder aufzunehmen und es durch eine neue Heilstat zu überwinden.
      Dabei geschieht es, daß sich das Böse in den Gedanken des Irren - wiederum in Erinnerung an manichäische Mythen - in der Gestalt der Frau verdichtet. 'Ja, das Weib war das ursprüngliche Böse. Christi Werk war umsonst gewesen . . ." Als Urbild der Dämonie erscheint ihm Leonardos ,Gioconda', von deren rätselhaftem Lächeln er nicht loskommt. Tag für Tag geht er in den Louvre, um sich mit der von ihm dämonisierten Gestalt der Frau zu messen. Man hat sich dort an seine Besuche gewöhnt. Die Wärter, durch großzügige Spenden verwöhnt, lassen ihn über die Besuchszeit hinaus in dem Saal. So geschieht es, daß er in einer Abendstunde das Bild entwendet. Nun steht er ihm in seiner Kammer gegenüber, und das Ringen auf Leben und Tod kommt zur letzten Steigerung. Immer noch ist er von dem Gedanken besessen, daß sich in dieser Frau und ihrem Lächeln das Böse schlechthin verkörpere,eben jenes Böse, dem das Heilswerk Christi nicht gewachsen war. Von Mal zu Mal gerät diese Konfrontation vehementer in die Dimension des apokalyptischen Kampfes. Vielleicht würde es ihm gelingen, das Dämonische in der Frau zu überwinden und damit die Schöpfung zu erlösen. Aber alles ist vergebens: 'Ach, wenn sie geweint hätte, nur einen einzigen Tropfen, eine einzage Träne der Reue. Er riß den Vorhang ganz vom Fenster zurück, ehe sie auf seine Bewegungen achtgeben konnte. Er hatte schon richtig vermutet, ihr fiel gar nicht ein, zu weinen. Auf diese Stirn voll Laster wagte sich kein Gedanke der Reue herauf ... Sie hatte sich um nichts gebessert, seitdem er sie hier eingesperrt hatte, sie war nur noch böser geworden, diese Hure da . . ." So endet das Geschehen mit der Katastrophe. Im Paroxismus des Wahns zerstört der Dieb das Bild. Indessen, die Tat bringt keine Befreiung. Im Gegenteil: 'Und plötzlich konnte er, als er seine Tat übersah, das Wesen der Dinge erkennen, und er wußte, daß nichts war, kein Leben, kein Sein, keine Welt, nichts, nur ein großer schwarzer Schatten um ihn herum. Und er war ganz allein oben auf einem Felsen. Und wenn er nur einen Schritt tat, sank er herunter in den ewigen Abgrund." Es sind Sätze, bei denen dem Leser zuweilen die Erinnerung an nihilistische Träume Jean Pauls kommt; vor allem an den von der Botschaft des toten Christus aus dem ,Siebenkäs'. In seiner Verzweiflung zündet der Wahnsinnige das Haus an, und alles kommt in dem Flammenmeer um. Dabei ist es kein Zufall, daß am Ende das gegenständliche Geschehen sich mit der Assoziation des Weltbrandes vermischt. Man könnte dem Werk Heyms die künstlerische Relevanz absprechen, indem man es als Beschreibung eines pathologischen Zustandes begriffe. Vielleicht hat man sogar Recht, in dieser Weise jene Novelle zu beurteilen, die unter dem Titel ,Der Irre' in der gleichen Sammlung zu finden ist. Bei der Novelle ,Der Dieb' wird man aber zögern, das Werk so voreilig abzuwerten. Offenbar ist der Dichter der Meinung, daß dem Irren eine Sicht der Welt möglich wird, die dem Gesunden verschlossen ist. Sprachlich ist ,Der Dieb' noch konsequenter gestaltet als das zuvor interpretierte Erzählwerk. Im Mittellpunkt stehen ausführliche Zitate aus dem 17. Kapitel der Apokalypse; dazu auch solche aus der Leidensgeschichte der Evangelien. Diese schaffen in ihrer beherrschenden Bedeutung so etwas wie ein Sprachfeld mythisch-metaphysischer Art. Vor allem das Weltbild Leonardos wird in dieser Weise umgedeutet. Von daher verwandelt sich aber auch die Umgebung des Irren, das Innere des Zimmers und die Natur draußen. Ein Beispiel: Nachdem Sätze aus der Apokalypse zitiert wurden, kommtder Erzähler auf das Bild zu sprechen: 'Das Tier, das gewesen ist, und nicht ist, wiewohl es doch ist - Und der Tiefsinn dieser Worte machte ihn erschrecken. Er sah vor sich den Hals des teuflischen Tieres in schrecklicher Traurigkeit, und über seinen Hörnern hängend das Gesicht des Weibes, über ihrer Stirn das Siegel des Todes, und um ihren Mund ein furchtbares und herzzerreißendes Lächeln wie den Widerschein des höllischen Abgrundes." So wird das Bild transparent für die Gegenwart des Dämonischen. In analoger Weise verwandelt sich auch die Natur: 'Die Abende verbrachte er damit, daß er in den Tiefen seines Lehnstuhles dem schwindenden Lichte nachsah und den Schiffen der Wolken, die ... nach Westen reisen auf der Fahrt nach neuen, geheimnisvollen Ländern. Oder im Spätsommer, wenn die Tage des Nordwestwindes beginnen, mit den großen und seltsamen Gebilden am Himmel, damit, daß er den himmlischen Tieren, die der Herbst über die grünen Weiden sandte, zusah . . ." Einige Zeilen später heißt es: 'Ãober alle merkwürdigen Erscheinungen machte er sich Aufzeichnungen. So sah er einmal vor einem weinroten Grunde den Teufel über einem Haufen von schwarzen Leibern, die ihn anbeteten . . ." Mit Visionen und Metaphern dieser Art ist der Text der Novelle durchwoben. Inneres und Ã"ußeres, Gegenständliches und Biblisch-Visionäres, die Erfahrung und das Wort ergänzen sich und entsprechen so einander.
     

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