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Die geschichte der novelle in der epoche des naturalismus

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Novellenkunst im Umkreis des Naturalismus



In den Jahren, in denen Hauptmanns Schaffen die Aufmerksamkeit auf sich zog, erwacht auch sonst ein erneutes Interesse für die Gattungsform der Novelle. Mancherlei Namen sind hier zu nennen, Namen, die heutezum Teil fast vergessen sind: die schon genannten Novellisten Max Kret-zer, Ilse Frappan, dazu Johannes Schlaf, Max Halbe, Hermann Sudermann und andere. Nicht immer erfüllen die Erzählwerke dieser Zeit die spezifische Gattungsgesetzlichkeit der Novelle. Bei zahlreichen Schöpfungen wird man es vorziehen, den Begriff der 'Erzählung" heranzuziehen. Trotzdem finden sich einige Dichter darunter, die in der Darstellung der Geschichte der Novelle dieser Jahre nicht fehlen dürfen. Es ist nicht leicht, die Eigenart des Schaffens im Umkreis und im Gefolge des Naturalismus summarisch zu umschreiben. Man spricht zuweilen von dem neu erwachten Interesse für das, was man Dorfgeschichte nennt. Tatsächlich sind hier die dichterisch überzeugendsten Schöpfungen in dieser Weise zu charakterisieren. Die Novelle ,Die Kuhmagd' von Johannes Schlaf gehört dazu. Man wird auch Max Halbes ausgezeichnetes Erzähl-werk ,Frau Meseck' so verstehen müssen, nicht anders als die ,Litauischen Geschichten' von Sudermann. Indessen, wenn man die Breite des Schaffens dieser Epoche berücksichtigen will, genügt dieser Begriff nicht. Was für alle novellistischen Werke dieser Zeit aufschlußreich erscheint, ist das Interesse für soziale Gruppen, die im 19. Jahrhundert nur gelegentlich das Interesse der Dichter angezogen hatten. Wenn man sich die wirtschaftliche Entwicklung und die ökonomische Situation dieser Zeit vergegenwärtigt, ist allerdings eines überraschend: dies nämlich, daß die Welt der Industriearbeiter und des Proletariats kaum Beachtung findet. Dagegen wandte sich die Aufmerksamkeit vor allem solchen Menschen zu, die unscheinbar und ohne Anspruch auf eine Stellung in der Gesellschaft ihr Leben leben. Wie Gerhart Hauptmann die sozial anspruchslose Gestalt eines Bahnwärters in den Mittelpunkt seiner Novelle stellt, so stößt man in dem Werk der Novellisten dieser Zeit mehrfach auf Gestalten dieser Herkunft. Die Dichtung des 19. Jahrhunderts war in dieser Beziehung noch zurückhaltend. Nur gelegentlich treten dort Menschen in den Mittelpunkt, die am Rande der bürgerlichen Welt ihr Leben fristen oder in ihr gescheitert sind. Bei Gottfried Kellers ,Grünem Heinrich' findet sich im zehnten Kapitel des zweiten Buches eine Episode, da der Held des Romans am Morgen des Tages, da er seine Fahrt in die Welt antritt, Abschiedsbesuche bei den Familien macht, die als Mieter im Hause seiner Mutter untergekommen sind. Da stößt man fast ausnahmslos auf gescheiterte oder zu kurz gekommene Randfiguren der Gesellschaft. In den ,Leuten von Seldwyla' tauchen gelegentlich ähnliche Gestalten auf. Auch Wilhelm Raabe hat sich des öfteren Menschen zugewandt, die von der Welt vergessen schienen. Der Roman ,1m alten Eisen' ist dafür aufschlußreich. Das 20. Jahrhundert konnte hier anknüpfen. Es sind vor allem die Erzählungen Max Kretzers, die sich oft in diesem sozialen Umkreis aufhalten. Aber noch einmal sei betont: die stärksten Schöpfungen im Novellenschaffen dieser Zeit sind der Welt des Bauern zugewandt, vor allem dem Bauerntum des Ostens. Auch hier ist, wie schon in der Einleitung angedeutet, das 19. Jahrhundert in gewisser Weise vorangegangen; vor allem Theodor Storm wäre als Anreger zu nennen. Allerdings unterscheidet sich die zuvor genannte Novelle Max Halbes - insofern Gerhart Hauptmanns Novelle vergleichbar - von Storm darin, daß Triebgewalten, Begierde, Haß, Grausamkeit unverdeckter und elementarer ins Wort kommen als in den Novellen des norddeutschen Dichters.
     

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