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Die geschichte der novelle in der epoche des naturalismus

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Johannes Schlaf



Wenn zuvor darauf hingewiesen wurde, daß in dieser Zeit neben Dichtungen mit ausgesprochen novellistischem Charakter auch zahlreiche andere Werke zu finden sind, für die der Gattungsbegriff der 'Erzählung" angemessener ist, so gilt das fast ausnahmslos für die Dichtungen Schlafs, dessen Schaffen sich von den naturalistischen Anfängen bis in die dreißiger Jahre erstreckt. Hingewiesen wurde schon auf die Anfänge des Dichters, der durch die in gemeinsamer Arbeit mit Arno Holz geschaffenen Prosawerke in den Vordergrund trat. Auch als Johannes Schlaf sich von Arno Holz löste, um sich in selbständigen Arbeiten zu versuchen, blieb es zunächst bei skizzenhaft hingeworfenen, im sprachlichen Niveau im Vergleich mit ,Papa Hamlet' allerdings merklich absinkenden Milieuschilderungen, auf die der Begriff der Erzählung besser paßt als der der Novelle. Das gilt für die 1890 veröffentlichte Erzählung ,Dach-stubenidyll', die in das Leben der Münchner Boheme hineinführt. Ã"hnliches ist über die Skizze ,Ein Tod', die von der letzten Stunde eines im Duell verwundeten Studenten berichtet, zu sagen13. Weitere Arbeiten sind in der Bibliothek Bondi 1910 unter dem Titel ,Der alte Herr Weismann' - benannt nach dem Titel der ersten und umfangreichsten Erzählung der Sammlung - veröffentlicht worden. Im Gegensatz zu den zuvor genannten ist darin über das Episodische hinaus eine Handlung entfaltet, die von der Erziehung und Entwicklung eines aus den Randzonen der bürgerlichen Gesellschaft stammenden jungen Menschen berichtet. Weismann, wohlhabend und in der Gesellschaft einer kleinen Stadt angesehen, hat sich nach seiner Verabschiedung als Prokurist eines größeren Werkes der Pflege seines umfangreichen Landbesitzes gewidmet. Bei einemseiner täglichen Spaziergänge wird er von einem ihm nur flüchtig bekannten jungen Mann wegen einer Anomalie in seinem Ã"ußeren beschimpft. Zunächst davon betroffen, bemüht er sich dann zu ergründen, was seinen Widersacher zu dieser grundlosen Beleidigung bewogen hat. Bald wird er sich darüber klar, daß die Ursache in der sozialen Situation des jungen Menschen - von unehelicher Herkunft, kommt er aus einem durch Armut und drückende Arbeit belasteten häuslichen Milieu - zu suchen ist. Von daher also der Haß des vom Gefühl der Minderwertigkeit Geplagten gegen den reichen und hochgeachteten Herrn. Er hat Erfahrung und Menschenkenntnis genug, um rasch zu begreifen, daß bei aller Verworrenheit in der Verfassung seines Schützlings ein guter Kern verborgen ist. So zieht er ihn in sein Haus, beauftragt ihn mit der Verwaltung seines Besitzes, und es gelingt ihm, das Vertrauen Ferdinands - dieses der Name des jungen Menschen - zu erringen. Das Ende: Weismann, der keine Erben hat, vermacht ihm seinen Besitz. In diesen Ablauf spielt noch eine Liebesaffäre zwischen Ferdinand und Olga, der Nichte Weismanns, hinein; auch sie als Teil der Entwicklungsgeschichte Ferdinands gestaltet und dem Ganzen eingefügt.
      Wenn man sich erinnert, daß der Verfasser aus dem Umkreis des Naturalismus kommt, ist man nun über den moralischen Optimismus und den ungeschmälerten Glauben an die Möglichkeit einer harmonischen und krisenlosen Lösung sozialer und menschlicher Konflikte überrascht; ein Glaube, der allerdings durch den Verzicht auf eine überzeugende soziale Kritik erkauft ist. Alles, was einen guten Ausgang gefährden könnte, wird in der Erzählung konsequent unterschlagen. Zwar wird die Mutter Ferdinands, eine Gestalt von asozialer Prägung, dazu in hoffnungslos verkommener Umwelt, am Rande in die Erzählung einbezogen. Aber nur, um dann bis zum Ende überhaupt nicht mehr erwähnt zu werden. Schon um dieser Vereinfachung willen ist es schwer möglich, von dem Werk als einer Novelle zu sprechen. Die Krisenmöglichkeit und die Konflikte, die in der Begegnung der beiden Hauptfiguren beschlossen sind, werden durch den Harmonieglauben des Verfassers allzu rasch geglättet und überspielt.
      Fritz Martini hat gelegentlich davon gesprochen, daß Schlaf in seinen Erzählungen zu der im ausgehenden 19. Jahrhundert beliebten Form des Genrebildes neige. Schon die Charakterisierung der Hauptgestalt der zuvor erwähnten Erzählung kann diese Vorliebe nicht immer verbergen. Dolf Sternberger hat es unternommen, in seinem Buch ,Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert' zu klären, was unter dem Begriff des

Genrebildes zu verstehen ist. Für die Charakterisierung der von Johannes Schlaf geschaffenen Prosawerke genügt ein Zitat aus der Abhandlung des Verfassers, das diesen Widerspruch zu klären versucht: 'Es sind Momentbilder der Schönheit, der kindlichen Unschuld, Szenen des Lasters, der Ãoppigkeit und Wollust, der kalten Grausamkeit, des schmelzenden Mitleids und der reinen Güte. Lebende Bilder also - das sind nicht nur Allegorien, wohl aber menschliche Modelle, die Allegorien spielen. Oder auch Allegorien, welche in menschliche Figuren eingelassen, eingesperrt sind"17. Wenn man, auf eine solche Art der Darstellung aufmerksam gemacht, noch einmal auf die Erzählung Schlafs zurückblickt, wird man gewahr, daß in ihr die Neigung besteht, nicht nur die Titelgestalt, sondern auch andere Figuren der Erzählung als solche 'Lebende Bilder" zu stilisieren; Olga, die Nichte Weismanns nach der positiven, die Mutter Ferdinands in ähnlicher Weise nach der negativen Seite hin.
      In den dieser Erzählung folgenden Prosaskizzen der oben zitierten Sammlung ist die gleiche Stiltendenz zum Genrebild hin noch stärker ausgeprägt. Nur eine für das Schaffen des Verfassers wiederum charakteristische Erzählung sei herausgegriffen; nämlich die zweite der Sammlung, ,Die Verlobungsvisite' betitelt. Es ist kaum statthaft, sie als Erzählung zu bezeichnen; denn gestaltet ist im Grunde nur jene flüchtige Episode, auf die der Titel hinweist. Daß die Beschränkung auf Episoden dieser Art - Momentbilder flüchtigen Charakters also, die nach der Vergangenheit und Zukunft hin ergänzungsbedürftig sind - zum Wesen des Genrebildes gehört, hat Dolf Sternberger in der gleichen Abhandlung gesagt. In diesem Sinn wählt er dafür Begriffe, wie die von dem 'angehaltenen Augenblick" und von dem 'erstarrten Moment". So verhält es sich mit den Gestalten der zuvor erwähnten Schlafschen Skizze. Man hört nichts oder kaum etwas von ihrer Herkunft und dem künftigen Schicksal. Stattdessen benutzt Schlaf die ,Verlobungsvisite', um das Milieu des Elternhauses der Braut dem jenes Oheims entgegenzustellen, dem der Besuch der Brautleute vor allem gilt. Der Vater hat, durch wirtschaftliche Umstände begünstigt, trotz ärmlicher Herkunft einen ungewöhnlichen Reichtum erworben und ist zu hohen gesellschaftlichen Ehrenstellungen gelangt. Aber im Gegensatz zu seiner Frau und der Tochter, die glauben, dank ihres Reichtums dem Leben mehr Glanz und Ansehen geben zu müssen, hat er die Einfachheit und Schlichtheit seines früheren Lebensstils beibehalten. In dieser Weise verdichtet sich zunächst das Ganze in der Gestalt des Vaters, und zwar genrehaft auf das szenischrealisierte Modell stilisiert: Bewahrung der Schlichtheit und Bescheidenheit trotz der Versuchung einer parvenuhaften Ãoberheblichkeit. Es folgt der Aufbruch der Verlobten und die Ankunft bei dem Oheim der Braut. Damit entfaltet sich eine neue Erzählphase, und zwar eine, die wiederum alle Kennzeichen des Genrebildes hat. Im Gegensatz zum Vater der Braut ist der Oheim ein einfacher Handwerker geblieben und zufrieden mit seinem Schicksal. So bleibt er sich auch in der Begegnung mit den eleganten, auf ihre gehobene gesellschaftliche Position bedachten Brautleuten durchaus seines Wertes bewußt. Wiederum zieht sich die Darstellung in einem 'Momentbild" modellhafter Art zusammen. Es sei eine Stelle zitiert, um das Gesagte zu verdeutlichen. Die Verlobten werden zu der Werkstatt begleitet, in der der Oheim als Bauschlosser arbeitet. 'Als sie in Begleitung Frau Bürgers ... unten ankamen, und die stattliche Gestalt Onkel Karls in Hemdsärmeln und steifem Schurzfell .. . entgegentrat, blieb Onkel Karl vor der Eleganz der Braut erst einen Augenblick stehen, dann aber sagte er lachend mit seiner klugen und wohlklingenden Baßstimme: ,Nun, das ist freilich so 'ne Sache! Wie soll ich nun mit meiner rußigen Hand hier solch eine duftige und prächtige Maiprinzessin bewillkommnen?' Man kann an diesem Zitat nachprüfen, wie auch die Sprache - vor allem mit ihren wertenden Attributen -das ihre tut, um Gestalt und Milieu nach Möglichkeit bildhaft abzurunden. Daß sich die Prosaliteratur dieser Jahrzehnte durch eine solche Weise der Darstellung, vor allem durch die Reduktion der sozialen Realität auf das Moralische, hoffnungslos von den sozialen und ökonomischen Spannungen der Realität jener Jahre entfernt, bedarf keiner Begründung. Es wäre möglich, an dieser Stelle den Ãoberblick über das Schaffen Schlafs abzuschließen, wenn man nicht noch einmal auf ein Prosawerk stieße, das den genannten überlegen ist; selbst wenn es sich auch in diesem Fall nicht im strengen Sinn um eine Novelle handelt. Es ist die Erzählung, die den Titel ,Miele' trägt. Man hat darauf hingewiesen, daß Johannes Schlaf bei der Konzeption seines Werkes durch Gustave Flauberts innerhalb seiner ,Trois contes' erschienene Novelle ,Un coeur simple' angeregt worden sei. Die Parallelen sind tatsächlich auffallend. In beiden Dichtungen wird das Interesse auf Menschen gelenkt, die sich unauffällig für andere opfern, ein Interesse, das für die Epoche des Naturalismus charakteristisch ist. Im Mittelpunkt steht der Lebenslauf einer Dienstmagd, die in dieser Schlichtheit ihr Leben lebt und am Ende um die Erfüllung ihrer eigenen Existenz betrogen wird. Betrogen wird Miele um die Verwirklichung ihrer künstlerischen oder vielmehr kunsthandwerk-liehen Begabung, betrogen wird sie, die ungewöhnlich liebesfähig ist, um ihr Liebesglück, betrogen wird sie um die Entfaltung dessen, was an innerem Adel in ihr verborgen ist; betrogen wird sie am Ende auch um den materiellen Ertrag ihrer Arbeit: der Erbe der Herrin steckt das Geld ein, das sie sich durch ihre Stickereien erworben hat. Und auch das Versprechen eben dieser Herrin, ihr einen Anteil an dem hinterlassenen Besitz zu sichern, erfüllt sich nicht. Charakteristisch für die Zeichnung der Gestalt ist aber vor allem der Umstand, daß sie nicht gegen die Enttäuschungen aufbegehrt, sondern ebenso unscheinbar und unauffällig ihre Arbeit verrichtet, wie es die Heldin Flauberts tut. Gattungsmäßig gesehen, stellt diese Erzählung mehr eine Antinovelle dar, als daß sie realisiert, was für die Novelle charakteristisch ist. Wenn diese die Tendenz hat, einen Lebenslauf auf die Ãoberraschungsmomente zu zentrieren, so ist es in der Dichtung Schlafs so, daß die entscheidenden zwei Momente im Leben Mieles, die Stunde, da ihre schlummernde künstlerische Begabung wach wird, und die Liebesbegegnung, in der ihr verborgener menschlicher Rang sichtbar wird, zur bitteren Enttäuschung ausschlagen. Um den Verdienst ihrer Arbeit wird sie nicht etwa durch einen abgefeimten Betrug gebracht. Die Herrin hatte einfach vergessen, das durch die Stickereien erzielte Geld als dem Mädchen zugehörig zu deklarieren. So gleichgültig geht man über ihre Existenz hinweg; nicht anders als über ein Stück Hausrat, das man nach Gutdünken benutzt, ohne sich über den Wert und Unwert Gedanken zu machen. In der Begegnung mit dem Soldaten begibt sich Ã"hnliches. Zwar ist der Liebhaber überrascht, wie in seiner zunächst so unscheinbar wirkenden Partnerin eine Wandlung vor sich geht, in der sich die schlummernde Anmut immer mehr zu entfalten beginnt. Aber weit entfernt davon, diese Eigenschaften zu würdigen, nutzt er sie in gemeiner Weise aus, um ihr den schwer verdienten Lohn aus der Tasche zu ziehen. Es ist einleuchtend, daß hier von einem Konflikt, wie er für die Novelle charakteristisch ist, nicht gesprochen werden kann. Das Dasein, so wie es sich in einer Mischung von grauer Alltäglichkeit und gedankenlosem Egoismus darbietet, lastet zu schwer auf allem, als daß es jene Möglichkeiten begünstigte, in denen sich der Wendepunkt anbieten könnte, der die spezifische Novellenhandlung ausmacht. Das Zuständliche überwiegt das Ereignishafte.

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