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Die geschichte der novelle in der epoche des naturalismus

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Hermann Sudermann



In den gleichen Umkreis des Naturalismus gehört auch die Novelle Sudermanns, dessen Schaffen zeitlich mit dem frühen Werk Gerhart Hauptmanns zusammenfällt. Der Dichter hat zu seinen Lebzeiten harte Kritik erfahren. Unter seinen Kritikern ist vor allem Alfred Kerr zu nennen. In einer Darstellung der Geschichte der Novelle dieser Zeit darf aber trotz des weithin berechtigten Vorbehaltes gegenüber dem Schaffen Sudermanns ein Prosawerk nicht unerwähnt bleiben, das im Rang wiederum die Erzählungen Schlafs und seiner Zeitgenossen überragt: die ,Litauischen Geschichten', 1916 erschienen. Unter diesen wird man einiges aussondern müssen, was kaum dem Charakter dieser Gattung entspricht: ,Jons und Erdme' etwa und auch ,Die Magd'. Eine der ,Litauischen Geschichten' erfüllt in vollem Umfange, was die Gattungsform der Novelle voraussetzt: ,Die Reise nach Tilsit'. Daß sich Sudermann gerade dem Raum Litauens zugewandt hat, hängt mit seiner Herkunft zusammen. Er ist im östlichen Teil Ostpreußens geboren, hat seine Kindheit da erlebt, und die dort gewonnenen Eindrücke waren geeignet, ihn für jene Landschaft und jenes Volkstum aufzuschließen, in dessen Umkreis die litauischen Geschichten' gehören.

     
   ,Die Reise nach Tilsit' erinnert in manchen Zügen - allerdings vom Norden Deutschlands in den Osten übersetzt - an novellistische Dichtungen Theodor Storms. Wie die Novelle ,Draußen im Heidedorf' ereignet sie sich in einer bäuerlichen Welt und im Bereich des Dorfes. Auch die Handlung könnte mit der genannten Novelle Storms verglichen werden. In eine Bauernfamilie, in der sich bis dahin alles dem Herkommen gemäß entwickelt hat, tritt eine Magd, Busze mit Namen, ein. Dank ihrer Vitalität weiß sie sich in Haus und Hof unentbehrlich zu machen. So versteht sie es auch, den Besitzer des Hauses, den schwachen und gutmütigen An-sas - im Gefüge der Handlung die zweite wichtige Gestalt - seiner Frau zu entfremden und ihn für sich zu gewinnen. Im Ganzen der Dichtung ist es vor allem die Frau des Ansas, die man trotz ihrer eigentümlichen Passivität als Mittelpunktsgestalt des Werkes zu betrachten hat. Wie in der erwähnten Novelle Storms Hinrich Fehse sich zwischen der Liebe zu der reizvollen Magd und der Bindung an die bäuerlich unscheinbare Frau hin und her gerissen fühlt, so geschieht es ähnlich bei Sudermann. Aus dem so gelagerten Konflikt entfaltet sich dann die Novellenhandlung. Da Indre, die Frau des Ansas, aus einer reichen Bauernfamilie stammt, hatte man sich im Dorf gewundert, daß ihre Wahl auf den zwar relativ wohl-habenden, aber sonst nicht sehr angesehenen Ansas gefallen war. Um so verständlicher ist die Entrüstung von Indres Vater über seinen Treubruch. Von den Nachbarn über das Los seiner Tochter unterrichtet, erscheint er eines Tages auf dem Hof seines Schwiegersohns, um Gericht über ihn zu halten. Ansas, im Grunde unentschieden und willenlos, willigt in die Forderung des Alten ein und entläßt in seiner Gegenwart die Magd. Indessen weiß Busze auch nach ihrer Entlassung Ansas weiter an sich zu fesseln. So treffen sich die beiden regelmäßig bei Einbruch der Dunkelheit, und Busze stachelt den ihr hörigen Ansas an, Indre zu beseitigen. Man einigt sich, in folgender Weise vorzugehen: Ansas soll Indre zu einer Schiffsfahrt nach Tilsit - daher der Titel der Novelle - verleiten, dabei das Schiff an einer gefährlichen Stelle des Haffs zum Stranden bringen, damit die des Schwimmens ungewohnte Frau untergeht, während Ansas nach den Plänen der Magd Vorkehrungen trifft, um sich retten zu können. Das geschieht alles in der vorbedachten Weise. Indre, obwohl von Todesahnungen heimgesucht, willigt schicksalsergeben, wie sie ist, in die Fahrt ein. Mit ihr kommt die eigentliche Wende in das Geschehen. Die Ehegatten erreichen Tilsit, ohne daß Ansas seinen Plan auszuführen gewagt hat. Während des Aufenthaltes in der Stadt aber erwacht die Liebe des Mannes zu Indre wieder. In einem damit regt sich in Ansas immer stärker die Reue über all das, was er seiner Frau angetan hat und antun wollte. Indre, beglückt über die unerwartete Wendung der Dinge, weiß aber eines: Damit Ansas verziehen werden kann, muß er sich zu seiner Schuld bekennen. Das geschieht auch auf der spät am Tage angetretenen Rückfahrt. Sie finden in der gleichen Nacht zueinander, so daß sie darüber die gefährliche Stelle, da sich die Memel in das Haff ergießt, außer acht lassen und das Schiff dabei strandet. Aber nun ist es nicht Indre, sondern Ansas, der dabei sein Leben läßt; ein Tod, der nicht als dunkles Verhängnis, sondern als Sühne zu begreifen ist. Indre erwartet nach der Ãoberfahrt ein Kind. Dieses Kind nimmt sie bei allem Leid um das Geschehen dankbar als Unterpfand dafür, daß Ansas Verzeihung gefunden hat. So entfaltet sich die Novelle in allen ihren Handlungsphasen konsequent aus dem Motivkreis der Schuld, der Sühne und der sittlichen Regeneration. Während in der zuvor genannten Novelle Storms alles in einem ausweglosen und tiefen Pessimismus endet, öffnet sich in der Novelle Sudermanns der Bannkreis des Verhängnisses. Die Novelle schließt mit dem Blick auf den weiteren Lebensweg Indres. Sie erzieht die Kinder zu tüchtigen und angesehenen Menschen: 'Die Indre ist nun eine alte Frau und lebt im Ausgedinge bei dem ältesten Sohn. Wenn sie zur Kirche geht, nei-gen sich alle vor ihr. Sie weiß, daß sie nun bald im Himmel mit Ansas vereint sein wird, denn Gott ist den Sündern gnädig. Und also gnädig sei er auch uns!" Der knappe Ãoberblick über das Geschehen konnte die innere Konsequenz des Handlungsablaufs aufzeigen, aber andere Vorzüge des Werkes nicht in die Deutung hineinnehmen. Besonders reizvoll ist die nuanciert anschauliche Erzählweise, in der der Charakter der handelnden Personen sorgfältig entwickelt wird: die gegensätzlichen Charaktere der beiden Frauen, der komplexe Charakter des Ansas. Kunstvoll ist aber auch, wie - darin den anderen ,Litauischen Geschichten' vergleichbar - die Landschaft und das Menschentum der fremden Welt evoziert sind. Eigenartig ist die von dem Dichter gewählte Figur des Erzählers und die damit verbundene Erzählhaltung. Es ist ein Erzähler, der, zugleich im deutschen und litauischen Volkstum angesiedelt, zwischen beiden zu vermitteln weiß. Worauf es ihm ankommt, ist vor allem dieses: die Distanz nach Möglichkeit aufzuheben, die den Leser von dem ihm fremden Raum Litauens trennt, ihm die Gestalten und Landschaften so nahe zu bringen wie nur möglich. Das wird auf vielfältige Weise realisiert. So nimmt der Erzähler die fremdklingenden litauischen Bezeichnungen für die Dinge und die Menschen, für das Schiff und für die Schiffer, die Ansas und Indre auf ihrer Fahrt begegnen, in seinen Bericht hinein, um sie alsbald ins Deutsche zu übersetzen. Der Text ist mit Bruchstücken von Volksliedern in litauischer Sprache durchflochten, alles Mittel, um die Eigenart des anderen Volkstums lebendig werden zu lassen. Dabei bleibt der Erzähler, ohne den Reiz der Fremdheit aufzuheben, in einer fast intimen Weise dem nahe, was er zu berichten weiß. Immer wieder entwickelt sich so etwas wie ein Dialog mit seinen Gestalten: 'So ist die Indre Balczus. Und wenn ich der Ansas wäre, ich würde meine Hände zum Himmel heben, morgens und abends, daß sie meine Frau ist und keine andre." Auf Erzählerkommentare dieser Art stößt man immer wieder: 'Des reichen Jaksztat erinnern wir uns noch alle. Der o-beinige, kleine Mann mit dem lappigen Knochengesicht und den ewigen Rasiermesserkratzen war ja bekannt genug." Und noch ein Mittel muß erwähnt werden, dessen sich der Erzähler bedient, um den Leser an den inneren Regungen seiner Gestalten teilnehmen zu lassen: die verschiedenen Redemittel, die Sudermann von den französischen Prosaisten des 19. Jahrhunderts übernommen hatte, vor allem die Form der erlebten Rede.
     

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