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Die geschichte der novelle in der epoche des naturalismus

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Gerhart Hauptmann



Was von Gerhart Hauptmanns Novellendichtung überliefert ist, findet sich in dem 1948 edierten Band ,Gesammelte Erzählungen' vereinigt. Dabei wird man manches ausscheiden, das nicht im eigentlichen den Anspruch der novellistischen Gattungsform erfüllt, den ,Ketzer von Soana' etwa, der eindeutig die Grenze von der Novelle zum Roman hin überschreitet. Echt novellistischen Charakter hat das 1887 entstandene Werk ,Fasching', novellistisch in dem Sinn, daß in ihm alles auf den jähen Umschlag von Lebensgier zum Todesgrauen hin erzählt ist. Ein Jahr später folgt die Novelle .Bahnwärter Thiel', eine Dichtung, die von den Forschern mit Recht als Meisterwerk innerhalb der Geschichte der deutschen Novelle gerühmt worden ist. Andere novellistische Entwürfe aus der späteren Zeit fallen gegenüber diesen beiden Dichtungen ab. Das gilt nicht zuletzt für das allzusehr im Zufall autobiographischer Erlebnisse befangene Erzähl-werk ,Die Hochzeit auf Buchenhorst', 1927 niedergeschrieben. Die straff dargebotene Novelle ,Der Schuß im Park' läßt noch einmal die Welt ostdeutsch-schlesischen Magnatentums erstehen. Der auf äußere Sensation hin gestalteten Handlung wird man weniger Interesse abgewinnen. In noch geringerem Maße vermag die Mignon-Novelle zu überzeugen, und zwar deshalb, weil sie nicht nur in eine aufdringliche Nähe zur Person Goethes gerät, sondern auch die Beziehung zur Mignon-Gestalt allzu verflacht erscheint.
      So bleibt innerhalb des Erzählwerkes Gerhart Hauptmanns vor allem der ,Bahnwärter Thiel' als eine Novelle von hohem Rang im Gedächtnis. Im übrigen handelt es sich hier um eine Dichtung, die mühelos in den Zusammenhang mit den gleichzeitig entstandenen dramatischen Werken gerückt werden kann, mit den ,Webern', dem ,Fuhrmann Henschel', der ,Rose Bernd' und anderen Dramen der gleichen Epoche.
      Wenn man sich eine erste Rechenschaft über den Stil und den Aufbau der Novelle zu geben versucht, dann fällt die formale Anspruchslosigkeit der novellistischen Gestaltung auf. Die Darbietung der Handlung folgt, von einigen wenigen Rückwendungen abgesehen, der chronologischen Folge der Ereignisse. Einen Erzähler zu identifizieren, ist schwierig. Soweit er faßbar ist, ist er bestrebt, die Gestalten und Ereignisse so objektiv wie nur möglich wiederzugeben. Diesem Geist der Objektivität entspricht es auch, daß auf weite Strecken hin das Ganze aus dem Erleben — meist aus dem unbewußten Erleben - des Bahnwärters evoziert wird.
      Die eigentlich künstlerische Leistung liegt darum weniger in der Originalität der epischen Form als in der Konsequenz der mythischen Durcharbeitung des Geschehens. So hat die Forschung der letzten Jahre auch vor allem darauf die Aufmerksamkeit gerichtet: Von Paul Requadt über Fritz Martini bis zu Benno von Wieses Interpretation der Novelle7. Zu diesem Bildzusammenhang gehört die Symbolik der Räume; auf der einen Seite das im märkischen Wald gelegene Wärterhaus, der daneben gelegene Acker auf der anderen. Beide sind gegensätzlich zu verstehen:das Wärterhaus als der Raum Minnas, der ersten Frau Thiels, der Acker als das Tätigkeitsfeld Lenes, der Frau, mit der er nach dem Tode Minnas die zweite Ehe eingeht.
      Spezifisch novellistisch ist aber nicht zuletzt die Dichte, in der die Bildelemente verschränkt sind; novellistisch auch die damit verbundene Technik der Vorausdeutung, für den Dichter das bevorzugte Mittel, um den Verhängnischarakter des Geschehens zu gestalten.
      Wenn man in einem ersten Ansatz der Interpretation die Aufmerksamkeit auf die die Handlung tragenden Gestalten und die Konstellation der Gestalten richtet, bereitet das Verständnis der Novelle kaum Schwierigkeit. Von zentraler Bedeutung sind mit der Titelgestalt die bereits genannten beiden Frauen, die in seinem Leben wichtig werden. Ãœber Thiel wird nicht isoliert gesprochen. Will man das Besondere seiner Existenz begreifen, so ist es nur im Verhältnis zu diesen beiden Frauen möglich. Betont wird im Verhältnis zu der ersten Frau die Innerlichkeit und Frömmigkeit des Bahnwärters; eine Frömmigkeit, die nach ihrem Tode ekstatisch-mystische Züge annimmt; vor allem in der Weise, wie er das Gedächtnis der Frau nach ihrem Sterben in einer eigenartigen Weise pflegt und heiligt. Betont wird im Gegensatz dazu im Zusammensein mit Lene die bisher unterdrückte Triebhaftigkeit des Mannes, eine Leidenschaft,die ihn immer stärker in ein Hörigkeitsverhältnis zur zweiten Frau hineingeraten läßt. Von dieser doppelten Sicht her ist die eigentliche Problematik Thiels begreifbar. Mit guten Gründen hat Benno von Wiese von dem 'schizoiden" Charakter des Bahnwärters gesprochen, ebenso wie Martini auf die 'gespaltene, doppelte Existenz" des Mannes hinweist9. Dieser unvermittelte Gegensatz von Frömmigkeit und Trieb, von Mystik und ungeformter Sexualität ist es, der die Gefährdung von Thiels Existenz ausmacht; genauer gesagt, die Unfähigkeit, in irgendeiner Weise über diese Gespaltenheit hinauszukommen: die Leidenschaft vom Geist her zu läutern, aber auch Geist und Seele mit der Vitalität und dem Leben zu versöhnen. Daß dieser Dualismus vom Anfang bis zum Ende des Schaffens, von den Dramen der sogenannten naturalistischen Epoche bis zu den mythischen Iphigeniendramen der Spätzeit die Thematik Gerhart Hauptmanns bestimmt, muß an dieser Stelle nicht im einzelnen in die Erinnerung gerufen werden.
      Wenn tatsächlich das Schaffen des Dichters um diesen Dualismus kreist, ist es gerechtfertigt, auch die Deutung der Novelle von hier aus zu erschließen. Von Minna, der ersten Frau, wird schon in der Eingangspartie der Novelle gesprochen: 'Die ersten 5 Jahre hatte er den Weg von Schön-Schornstein, einer Kolonie an der Spree, herüber nach Neu-Zittau allein machen müssen. Eines schönen Tages war er dann in Begleitung eines schmächtigen und kränklich aussehenden Frauenzimmers erschienen, die, wie die Leute meinten, zu seiner herkulischen Gestalt wenig gepaßt hatte. Und wiederum eines schönen Sonntagnachmittags reichte er dieser selben Person am Altare der Kirche feierlich die Hand zum Bunde fürs Leben. Zwei Jahre nun saß das junge, zarte Weib ihm zur Seite in der Kirchenbank; zwei Jahre blickte ihr hohlwangiges, feines Gesicht neben seinem vom Wetter gebräunten in das uralte Gesangbuch . . ." Später wird noch einmal auf die Geistigkeit der Liebe, die Thiel mit Minna verband, hingewiesen. Anders dagegen die zweite Frau. Wieder führt der Erzähler ohne Umschweife in die Situation ein. 'Gegen das neue Paar, welches nun allsonntäglich zur Kirche kam, hatten die Leute äußerlich durchaus nichts einzuwenden. Die frühere Kuhmagd schien für den Wärter wie geschaffen. Sie war kaum einen halben Kopf kleiner als er und übertraf ihn an Gliederfülle. Auch war ihr Gesicht ganz so grob geschnitten wie das seine, nur daß ihm im Gegensatz zu dem des Wärters die Seele abging." Wenn Thiel den Wunsch gehegt hatte, in seiner zweiten Frau eine unverwüstliche Arbeiterin, eine musterhafte Wirtschafterin zu haben, so war dieser Wunsch in überraschender Weise in Erfüllung gegangen. Drei Dingejedoch hatte er, ohne es zu wissen, mit seiner Frau in Kauf genommen: 'eine harte, herrschsüchtige Gemütsart, Zanksucht und brutale Leidenschaftlichkeit."
Da aber Thiel nicht nur fromm und dem Heiligen zugewandt, sondern ebenso leidenschaftlich und triebgebunden erscheint, gerät er bald in die Gewalt, die von Lene ausgeht. 'Er, der mit seinem ersten Weibe durch eine mehr vergeistigte Liebe verbunden gewesen war, geriet durch die Macht roher Triebe in die Gewalt seiner zweiten Frau und wurde zuletzt in allem fast unbedingt von ihr abhängig."
Indessen, trotz der zunehmenden Abhängigkeit von der zweiten Frau hält er die Erinnerung an Minna in dem Maße heilig, daß er sie ins Visionär-Kultische steigert. Allerdings — das ist wieder für das Verständnis der Novelle entscheidend - so, daß die mythische Partizipation an der Existenz der Toten die sexuelle Abhängigkeit von Lene in keinem Augenblick läutert und zum Guten wandelt. Auf der einen Seite ist das Reservat der Innerlichkeit unangetastet, auf der anderen bleibt die von jeder Wandlung unberührte Triebverfallenheit beherrschend. Wo es für seine Umgebung selbstverständlich erscheint, daß er der brutalen Rohheit der Frau mit Bestimmtheit und Energie begegnet, zieht sich Thiel in diese problematische Innerlichkeit zurück. 'Sie durchzuwalken aber war Thiel trotz seiner sehnigen Arme nicht der Mann. Das, worüber sich die Leute ereiferten, schien ihm wenig Kopfzerbrechen zu machen. Die endlosen Predigten seiner Frau ließ er gewöhnlich wortlos über sich ergehen, und wenn er einmal antwortete, so stand das schleppende Zeitmaß sowie der leise, kühle Ton seiner Rede in seltsamstem Gegensatz zu dem kreischenden Gekeif seiner Frau. Die Außenwelt schien ihm wenig anhaben zu können: es war, als trüge er etwas in sich, wodurch er alles Böse, was sie ihm antat, reichlich mit Gutem aufgewogen erhielt."
In welchem Maße Thiel gespalten ist, wird auch erkennbar, wenn man eine spätere Stelle einbezieht. Da scheint es so, als ob Thiel sich anschicke, gegen den Einfluß Lenes aufzubegehren. Aber wieder geht die Bewegung von außen nach innen zurück; von der äußeren Verfallenheit zu der inneren Unberührtheit. 'Zuzeiten empfand er Gewissensbisse über diesen Umschwung der Dinge, und er bedurfte einer Anzahl außergewöhnlicher Hilfsmittel, um sich darüber hinwegzuhelfen. So erklärte er sein Wärterhäuschen und die Bahnstrecke, die er zu besorgen hatte, insgeheim gleichsam für geheiligtes Land, welches ausschließlich den Manen der Toten gewidmet sein sollte."


Das gleiche wird bald danach in einem anderen, das Fragwürdige des Ganzen noch schärfer betonenden Satz gesagt: 'Dadurch, daß er die ihm zuge-bote stehende Zeit somit gewissenhaft zwischen die Lebende und die Tote zu teilen vermochte, beruhigte Thiel sein Gewissen in der Tat."
In dieser Spaltung ist also das Verhängnis des Mannes begründet. Im übrigen wird in dem ersten Zitat auch jene Symbolbedeutung berührt, die das Wärterhaus und die Bahnstrecke für Thiel besitzen.
      Noch aufschlußreicher für die Bindung an die erste Frau ist die Stelle, die ein paar Zeilen später folgt. Sie macht die Symbolik des im Wald gelegenen Wärterhauses noch deutlicher: 'Eine verblichene Photographie der Verstorbenen vor sich auf dem Tisch, Gesangbuch und Bibel aufgeschlagen, las und sang er abwechselnd die lange Nacht hindurch, nur von den in Zwischenräumen vorbeitobenden Bahnzügen unterbrochen, und geriet hierbei in eine Ekstase, die sich zu Gesichten steigerte, in denen er die Tote leibhaftig vor sich sah."
Hier steigert sich die Teilnahme an der Existenz der Toten zu Formen der visionären Vergegenwärtigung. Aber entscheidend ist in dem hier erörterten Zusammenhang der Umstand, daß die Verbundenheit mit der Frau, gleichgültig, ob sie den Charakter der pietätvollen Erinnerung oder der kultischen Ekstase hat, nicht die geringste Wandlung im Verhältnis zu Lene bewirkt. Sie befreit ihn weder aus der unwürdigen Verfallenheit an diese Frau, noch bewirkt sie - wie sogleich noch zu zeigen sein wird -eine tätige Verantwortung für das Kind, das ihm Minna hinterlassen hat.
      So ziehen die drei genannten Gestalten zunächst die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich. Von gleicher Bedeutung aber ist Tobias, das Kind aus der ersten Ehe; von allem anderen abgesehen, schon deshalb, weil sein Schicksal am Ende die lange hinausgezögerte und zurückgestaute Katastrophe auslösen wird. Um seinetwillen hatte sich der Bahnwärter mit Lene verbunden. Als der Pfarrer über die allzu rasch vollzogene zweite Eheschließung Thiels befremdet ist, rechtfertigt sie Thiel mit der Sorge für dieses Kind. Aber statt sich des Kindes anzunehmen, ist Lene mit tiefer Abneigung gegen das hilflose Wesen erfüllt. Als ihr eigenes Kind geboren ist, steigert sich diese Abneigung bis zum Haß, und Tobias ist von dieser Stunde an schutzlos ihrer Brutalität und Roheit ausgesetzt. Obwohl Thiel selbst in rührender Sorge zu dem Kind hält, kommt er auch um seinetwillen gegen die Frau nicht auf. Die Verfallenheit an Lene ist stärker als die Liebe zu Tobias.

     
Den breitesten Raum in der Novelle nimmt jene Partie ein, die zur Katastrophe führt. In ihr verdichtet sich der Antagonismus der Gestalten, aber auch der Räume in ihrer Symbolik. Darum ist es nötig, diesem Teil der Novelle besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Katastrophe wird ausgelöst durch ein Ereignis, das geringfügig scheinen könnte, wenn man nicht die vorausgehenden Hinweise des Erzählers im Gedächtnis behielt. Thiel pachtet nach dem Verlust eines bisher bearbeiteten Ackers ein neues Stück Land, und zwar eines, das in unmittelbarer Nähe zum Wärterhaus liegt. Wie verhängnisvoll dieser Entschluß ist, wird erst begreifbar, wenn man sich daran erinnert, daß Thiel sich nur so lange ein reines Gewissen bewahren konnte, als er in der Lage war, sein Leben, wie es zuvor hieß, sorgfältig 'zwischen der Lebenden und der Toten" zu teilen. Diese Teilung hört mit dem Erwerb des Ackers auf. Denn nun wird Lene in den der Toten vorbehaltenen Bereich eindringen; und damit ist für Thiel das letzte Raumreservat einer moralischen Rechtfertigung und Sicherung zerstört. Daß der inneren Katastrophe die äußere - nämlich der Tod des Kindes - folgt, ist im Sinne der Novelle folgerichtig. Denn man wird das Werk Gerhart Hauptmanns nur verstehen können, wenn man sich vergegenwärtigt, daß das Wirken der Mächte und der scheinbare Zufall des sich faktisch Ereigneten in geheimnisvoller Weise eines sind.
      Einige wichtige Ereignisse führen langsam dem gewaltsamen Ende zu. An dem gleichen Tag, da Thiel mit der Nachricht vom Erwerb des neuen Ackers zurückkommt, bemerkt er Spuren der Mißhandlung auf dem Gesicht des Tobias. Am gleichen Tag wird Thiel zum ersten Mal ungewollt Zeuge, wie die Frau das Kind mit unbarmherziger Roheit züchtigt. Aber wieder versagt er: 'Seine Blicke streiften flüchtig das heulende Tobiaschen. Einen Augenblick schien es, als müsse er gewaltsam etwas Furchtbares zurückhalten, was in ihm aufstieg; dann legte sich über die gespannten Mienen plötzlich das alte Phlegma, von einem verstohlenen begehrlichen Aufblitzen der Augen seltsam belebt. Sekundenlang spielte sein Blick über den starken Gliedmaßen seines Weibes, das, mit abgewandtem Gesicht herumhantierend, noch immer nach Fassung suchte. Ihre vollen, halbnackten Brüste blähten sich vor Erregung und drohten das Mieder zu sprengen, und ihre aufgerafften Röcke ließen die breiten Hüften noch breiter erscheinen. Eine Kraft schien von dem Weibe auszugehen, unbezwingbar, unentrinnbar, der Thiel sich nicht gewachsen fühlte. Leicht gleich einem feinen Spinnengewebe und doch fest wie ein Netz von Eisen legte es sich um ihn, fesselnd, überwindend, erschlaffend."


Im Zusammenhang dieser Sätze ist nicht nur das Faktische von Bedeutung, sondern auch die metaphorische Gestaltung; und zwar ist die Bildwahl vor allem deshalb wichtig, weil sie noch einmal etwas Entscheidendes über die Unfreiheit und Determiniertheit zum Ausdruck bringt, die für den Geist des Werkes vom Anfang bis zum Ende wichtig ist. Die gleichen Metaphern werden auf der folgenden Seite aufgegriffen; auch für die Bahnstrecke gelten die analogen Bilder vom Spinngewebe und dem ehernen Netze: 'Die Strecke schnitt rechts und links gradlinig in den unabsehbaren, grünen Forst hinein; zu ihren beiden Seiten stauten die Nadelmassen gleichsam zurück, zwischen sich eine Gasse freilassend, die der rötlich braune, kiesbestreute Bahndamm ausfüllte. Die schwarzen, parallellaufenden Gleise darauf glichen in ihrer Gesamtheit einer ungeheuren, eisernen Netzmasche, deren schmale Strähnen sich im äußersten Süden und Norden in einem Punkte des Horizontes zusammenzogen . . . auf den Drähten , die sich wie das Gewebe einer Riesenspinne von Stange zu Stange fortrankten, klebten in dichten Reihen . . . Vögel."
Wurde zuvor auf die Identität des Mythischen und des Vordergründig-Faktischen hingewiesen, so wäre hier von der Identität der menschlichen und dinglichen Sphäre zu sprechen. Beides zeugt von der Allmacht und Allgegenwart dämonischer, aber auch göttlicher Gewalten. Doch darüber soll später in einer mehr prinzipiellen Weise gesprochen werden. Vorerst gilt es, den Gang der Ereignisse weiter zu verfolgen.
      Thiel ist im Wärterhaus angekommen. Kaum daß er sich wieder im Wald befindet, wird ihm bewußt, welches Unheil er mit dem Erwerb des Ackers heraufbeschworen hat. Er macht sich daran, das neue Stück aufzugraben. 'Eine Zeitlang grub er ohne Unterbrechung. Dann hielt er plötzlich inne und sagte laut und vernehmlich vor sich hin, indem er dazu bedenklich den Kopf hin und her wiegte. 'Nein, nein, das geht ja nicht", und wieder 'nein, nein, das geht ja gar nicht". Es war ihm plötzlich eingefallen, daß ja nun Lene des öfteren herauskommen würde, um den Acker zu bestellen, wodurch dann die hergebrachte Lebensweise in bedenkliche Schwankungen geraten mußte." Erregt beendet er die Arbeit, um sich in das Haus zurückzubegeben. In dieser Krise wird er sich aber auch plötzlich des Ausmaßes der Schuld, die er auf sich geladen, bewußt. 'Hier versank er abermals in dumpfe Grübelei. Er wußte kaum, warum, aber die Aussicht, Lene ganze Tage lang bei sich im Dienst zu haben, wurde ihm, so sehr er auch versuchte, sich damit zu versöhnen, immer unerträglicher. Es kam ihm vor, als habe er etwas ihm Wertes zu verteidigen, alsversuchte jemand, sein Heiligstes anzutasten." Dieser Augenblick der Besinnung könnte eine Umkehr in dem Mann anbahnen. Aber für eine solche ist kein Raum in der Dichtung. Da ist zwar die Erkenntnis der Schuld, aber ohne den Glauben an die Erlösbarkeit dieser Schuld. Dieser würde nämlich die Freiheit des Menschen - Freiheit zum Neubeginn und zur ethischen Regeneration - voraussetzen. Man wird diesen Glauben indessen im Umkreis Gerhart Hauptmanns nicht suchen dürfen, weder in der Novelle, noch im Drama. So hat auch hier die Erkenntnis, weit entfernt davon, einen Akt der Befreiung einzuleiten, im Gegensatz dazu die Steigerung des Verhängnischarakters im Geschehen zur Folge. Darum die Häufung der Vorausdeutungen gerade an dieser Stelle, Vorausdeutungen, die alle die Funktion haben, auf die hoffnungslos dämonische Ãœbermacht des Schicksalhaften hinzuweisen. Schon das Bild der Bahnstrecke hatte diese Bedeutung, aber auch das Gewitter, das sich inzwischen zusammengezogen hat, um sich nun in seiner ganzen Gewalt zu entladen. Bezeichnend für den Zwangscharakter des Ganzen ist darüber hinaus folgende Stelle: 'Thiel tastet ratlos mit den Händen umher. Einen Augenblick kam er sich vor wie ein Ertrinkender - da plötzlich flammte es bläulich blendend auf, wie wenn Tropfen überirdischen Lichtes in die dunkle Erdatmosphäre herabsänken, um sogleich von ihr erstickt zu werden" . Daß dieser Satz nicht nur realistisch zu verstehen, sondern als Symbol zu werten ist - hier für die Ohnmacht des Heiligen im Geschehen der Novelle -, bedarf keiner Begründung. In die Reihe dieser Vorausdeutungen einzuordnen ist auch die Verfremdung des Waldes, in dem, wie es heißt, die Blätter der Bäume 'wie gespenstige Roßschweife flattern" . Wobei vom Dichter der von den Mythen her vertraute dämonische Charakter des Pferdes — bewußt oder unbewußt - berührt wird.
      Zu den gleichen Vorausdeutungen gehört vor allem die Traumvision, in der Thiel das Erscheinen seiner toten Frau erlebt. 'Einer anderen Erscheinung erinnerte er sich deutlicher. Er hatte seine verstorbene Frau gesehen. Sie war irgendwoher aus der Ferne gekommen, auf einem der Bahngeleise. Sie hatte recht kränklich ausgesehen, und statt der Kleider hatte sie Lumpen getragen ... Es lag außer allem Zweifel, denn weshalb hätte sie sonst diese Blicke voll Herzensangst nach rückwärts gesandt und sich weitergeschleppt, obgleich ihr die Füße den Dienst versagten. Oh diese entsetzlichen Blicke! Aber es war etwas, das sie mit sich trug, in Tücher gewickelt, etwas Schlaffes, Blutiges, Bleiches, und die Art, mit der sie darauf niederblickte, erinnerte ihn an Szenen der Vergangenheit."


Auch diese Vision kann nach dem, was zuvor gesagt wurde, nicht mehr als Mahnung zur Umkehr verstanden werden, sondern als Vorwegnahme eines Geschehens, das den Charakter der Unabänderlichkeit hat. Letztes Glied in der Reihe der präfigurierenden Stellen, und zwar eines, das noch einmal in äußerster Steigerung das Dämonisch-Unfreie des Ganzen unterstreicht: Das Herannahen des Zuges im Dunkel der Gewitternacht und des herabströmenden Regens; auch dieses Geschehen, wie alles zuvor, aus dem Realen ins Mythisch-Visionäre verwandelt: 'Zwei rote, runde Lichter durchdrangen wie die Glotzaugen eines riesigen Ungetüms die Dunkelheit. Ein blutiger Schein ging vor ihnen her, der die Regentropfen in seinem Bereich in Blutstropfen verwandelte. Es war, als fiele ein Blutregen vom Himmel."
Als der Bahnwärter an dem der Nacht folgenden Sonntag den Heimweg antritt, scheinen die furchtbaren Bilder der vergangenen Nacht in dem Gang durch den vom Licht durchfluteten Wald zunächst ins Nichtige zu versinken. Aber dann erwartet ihn zu Hause die Nachricht, daß Lene am folgenden Tag zu dem neu erworbenen Acker zu gehen beabsichtigt. Damit schürzt sich jene Katastrophe, die sich zuvor in den Visionen der Nacht angekündigt hatte. Indessen ist Thiel selbst nach den furchtbaren Eindrük-ken noch immer nicht stark genug, um sich von der unheilvollen Bindung an die Frau zu befreien. Stattdessen willigt er ein, Lene und die Kinder am folgenden Morgen mit in den Wald zu nehmen. Kaum dort angekommen, begibt sich diese, zufrieden mit der Güte des Ackers, an die Arbeit. In welcher Konsequenz dieser Acker zu ihrer Existenz gehört, machen folgende Sätze deutlich. 'Sobald man angelangt war, nahm Lene den Acker in Augenschein. Sie warf das Säckchen mit Kartoffelstücken . . auf den Grasrand . . . kniete nieder und ließ den etwas dunkel gefärbten Sand durch ihre harten Finger laufen . . . Nachdem die Frau hastig eine dicke Brotkante verzehrt hatte, warf sie Tuch und Jacke fort und begann zu graben, mit der Geschwindigkeit und Ausdauer einer Maschine. In bestimmten Zwischenräumen richtete sie sich auf und holte in tiefen Zügen Luft, aber es war jeweilig nur ein Augenblick, wenn nicht etwa das Kleine gestillt werden mußte, was mit keuchender, schweißtropfender Brust hastig geschah."
Man versteht: Die Erde und die Arbeit im Dienst der Erde und der Nahrung entspricht der Vitalität dieser Frau. Befände man sich mit der Novelle noch in vollem Umfang auf der Bewußtseinsstufe des Mythos, so würde man von dem ihr eigenen chthonischen Charakter sprechen,während der Wald und das Wärterhaus der Geistigkeit Minnas angemessen sind. Daß aber die beiden Räume, die Thiel bis dahin ebenso sorgfältig geschieden hat, wie er in seinem Inneren Geist und Trieb, das Verhältnis zur ersten und das zur zweiten Frau unvereinbar geschieden hat, sich nun berühren, macht das Verhängnis unaufhaltsam.
      Es folgt eine Erzählpartie, die wie eine Retardation im Ablauf der Ereignisse anmuten könnte. Gemäß seinen Vorschriften schreitet Thiel die Bahnstrecke ab und nimmt trotz des Einspruchs der Frau bei dem Gang Tobias mit. Wiederum verbinden sich Faktisches und Bildhaftes in jener Weise, wie sie für die Metaphorik der Novelle charakteristisch ist. 'Oft blieb er, Tobiaschen an der Hand, stehen, um den wunderbaren Lauten zu lauschen, die aus dem Holz wie sonore Choräle aus dem Innern einer Kirche hervorströmten . . . Der Wärter wurde weihevoll gestimmt, ähnlich wie in der Kirche. Zudem unterschied er mit der Zeit eine Stimme, die ihn an seine verstorbene Frau erinnerte. Er stellte sich vor, es sei ein Chor seliger Geister, in den sie ja auch ihre Stimme mische." Auf das Ganze der Novelle hin gesehen, muß man sich die Frage stellen, wie die Sätze zu deuten sind. Sie stehen unmittelbar vor der letzten Erzählphase, in der berichtet wird, wie sich mit dem Tod des Tobias der lang zurückgestaute Haß des Bahnwärters in dem doppelten Mord an Lene und ihrem Kind entlädt. Diese Ereignisse entlassen den Leser ohne jede Hoffnung. Soll, so darf man sich fragen, in der zitierten Stelle entgegen der Hoffnungslosigkeit des Ausgangs noch einmal daran erinnert werden, daß über der Not und Trostlosigkeit des Hiesigen ein Bereich der Erfüllung existiert, in dem jene wiedervereinigt sind, die einmal im Leben verbunden waren? Das aber würde bedeuten, daß dieser Bereich den radikal transzendenten Charakter absoluter Jenseitigkeit hätte; jedenfalls ohne Bezug zu Not und Schuld in dieser Welt; mit anderen Worten, ohne jede Vollmacht der Erlösung. Wenn diese Erzählpartie so zu deuten wäre, würde sie noch einmal von den metaphysischen Voraussetzungen der Novelle her bestätigen, was zuvor über die Gespaltenheit der menschlichen Existenz gesagt worden ist. Im übrigen sind die Sätze im Ganzen des Werkes nicht isoliert, sondern durch jene Stellen vorbereitet, in denen von Thiels mystischer Vereinigung mit der toten Frau erzählt wurde. Ãœber das Ende der Novelle im einzelnen zu sprechen, ist überflüssig, da sich der Erzähler hier auf die pragmatische Wiedergabe des Geschehens beschränkt. Wenn man, am Ende der Interpretation angekommen, noch einmal nach dem Problem der Epochenzugehörigkeit fragt, dann läßt sich dazu folgendes sagen: Es gibt Partien in der Novelle, die die übliche Einordnungin den Naturalismus rechtfertigen, Stellen, die in der Kraßheit der Darstellung bisher selten waren; die Teile etwa, in denen die sexuelle Anziehung Lenes beschrieben wird; oder vor allem die letzte Erzählphase, die in die Deutung nicht einbezogen wurde. Man denkt an die Schilderung des verstümmelten Kindes, aber auch an den Ausgang der Novelle, wo der Ausbruch des Wahnsinns bei Thiel beschrieben wird. Das ist neuartig in der Darstellung der Wirklichkeit. Aber über diesem, dem europäischen Naturalismus - hier ist vor allem Emile Zola zu nennen - verpflichteten Teil des Werkes darf man nicht vergessen, daß es - auf das Ganze gesehen - aus einer anderen Gesinnung geschaffen wurde als der, die in die Konzeption der Prosaskizzen von Arno Holz und Johannes Schlaf hineingewirkt hat. Entscheidend für das Verständnis Gerhart Hauptmanns ist vielmehr der Geist eines metaphysischen und existentiellen Dualismus, der die Novelle von Anfang bis zum Ende beherrscht. Gerhart Hauptmann war sich dessen durchaus bewußt. Fritz Martini weist auf ein Bekenntnis des Dichters hin, das dafür aufschlußreich ist. Die Äußerung sei hier wiedergegeben: 'Ãœberhaupt: Ormuzd und Ahriman, Gott und Teufel, bekämpfen sich und Schauplatz dieses Dramas ist des Menschen Brust.. ."u Nicht selten hat man für die Novelle das Attribut des Tragischen bemüht. Selbst wenn manche Teile des Werkes eine solche Deutung nahelegen, möchte man gegen diese Charakterisierung Bedenken erheben. Von allem anderen abgesehen, in der Novelle fehlt, wie des öfteren dargelegt, jenes Element der Freiheit, ohne das tragisches Schicksal ausgeschlossen ist. Zwar gibt es in jeder echten Tragik die Blindheit, die die Freiheit der Entscheidung einschränkt. Aber selbst in der äußersten Form der Verblendung bleibt ein Erkennen am Werk, das das volle Bewußtwerden der Schuld vorbereitet; und nicht nur das Bewußtwerden, sondern auch die Möglichkeit zur Umkehr und die Bereitschaft zur Sühne. Eine solche Entscheidungsfreiheit in dem Werk Gerhart Hauptmanns zu suchen, wäre müßig. Der Mensch ist im Grunde willenlos in das Gegeneinander - noch nicht einmal in den Konflikt - von göttlichen und dämonischen Mächten, in das Gegeneinander von Gnade und Besessenheit hineingegeben. Jedenfalls bleibt er Objekt des Geschehens, aber er handelt nicht aus Verantwortung und in eigener Initiative. Nachdem das Unglück mit dem Kind geschehen ist, heißt es von Thiel in diesem Sinn: 'Es war, als hielteihn eine eiserne Faust im Nacken gepackt, so fest, daß er sich nicht bewegen konnte, so sehr er auch unter Ächzen und Stöhnen sich freizumachen suchte." So darf man ohne Einschränkung Fritz Martini Recht geben, wenn er schreibt: 'In dem Geschick des Bahnwärters ent-hüllt sich eine gnadenlose Wirklichkeit. Der Mensch kann ihr nicht entrinnen. Er ist in ihr und in sich selbst gefangen. Sie ist eine elementare Gewalt in dem, was ihn umgibt, und sie ist eine elementare, im Unbewußten wartende und drohende Gewalt in ihm selbst." Das gilt für die Ãœbermächtigung durch dämonische Mächte; das gleiche gilt aber auch für die spirituell mystische Seite seiner Daseinserfahrung. Wie Gerhart Hauptmann zu einem solchen Weltbild hingeführt wurde, ist schwer zu sagen. Ist es der Einfluß der östlichen schlesischen Tradition und Landschaft? Man könnte an Jakob Böhme denken, der auch in seinem Denken den Dualismus göttlicher und dämonischer Mächte voraussetzt; ihn allerdings so denkt, daß er in der Tiefe der Gottheit immer wieder überwunden ist. Oder ist es das Spannungsfeld eines Raumes, in dem sich deutsche und slawische Einflüsse den Platz streitig machen? Wie es auch damit sein mag, diese Antinomie der Mächte wird für das Schaffen des Dichters bis zur Atriden-Tetralogie maßgebend sein, und jede Deutung seines Werkes muß damit rechnen.
      In der Diskussion um das Verständnis der Novelle wurde auch die Frage angeschnitten, wie die Rolle der Technik in dem Werk zu bestimmen sei. Ist sie wirklich so ernsthaft in die Novelle einbezogen, etwa wie Max Frisch in dem ,Homo Faber' nach der Bedeutung und Versuchung der Technik für den Menschen fragt? Wenn man an das spätere Werk des Schweizer Dichters denkt, wird man diese Frage verneinen müssen. Nicht auf die Technik als solche kommt es Gerhart Hauptmann an, sondern sie ist in dem Werk nur ein Symbol für die Ãœbermacht des Dämonischen. So wird die Bahnstrecke und vor allem der herannahende Zug in seiner mechanisch unmenschlichen Gewalt zum Bild für die Inhumanität und die zerstörerische Mächtigkeit, die in jeder Erfahrung des Dämonischen liegt. So ist es auch kein Zufall, daß die Arbeitsgier Lenes nicht anders als die Gewalt der geschlechtlichen Anziehung, die von ihr ausgeht, mit dem erbarmungslosen Mechanismus der Maschine verglichen wird. Jedenfalls wird die Technik hier nicht um ihretwillen einbezogen, als vielmehr deshalb, weil in ihr Möglichkeiten liegen, sie in Affinität zum Dämonischen zu bringen.
     

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