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Die diskursive produktion von kindheit

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Produktion von Kindheit



Ohne Dichtung können wir einmal nicht seyn; ein Kind ist nie glücklicher, als wenn es irnagi-niert und sich sogar in fremde Situationen und Personen dichtet. Lebenslang bleiben wir solche Kinder; nur im Dichten der Seele, unterstützt vom Verstände, geordnet von der Vernunft, besteht das Glück unsres Daseyns.
      In seiner Schrift über muttersprachliche Dichtung als moderne Mythologie postuliert Johann Gottfried Herder 1796 die anthropologischen Grundlagen eines romantischen Dichtungsverständnisses, nach welchem die Imagination erfüllenden Daseinsvollzug konstituieren soll. Im Zentrum dieser vorfreudischen produktionsästhetischen Prämissen befindet sich ein neuer Begriff des Kindes, denn die existentielle Bedeutung der Dichtung wird aus dem genießenden Phantasieren des Kindes abgeleitet. Damit wertet Herder nicht nur jene "unnütze" Seelentätigkeit auf, vor dessen schädlichen Einflüssen die aufklärerische Pädagogik Eltern und Kinder gleichermaßen warnte, er kehrt auch das Beziehungsverhältnis zwischen Erwachsenem und Kind um. Anstatt Zeichen elterlicher Abstammung zu sein, deren Kontinuität im reproduktiven Zyklus allen Kindern Identität einschreibt, soll das imaginierende Kind erwachsene Produktivität und Glückserfahrung vorwegnehmen. Der dichtende Erwachsene ist dann nicht mehr Kind seiner Väter, sondern Abkömmling seiner eigenen Kindheit, die in der erwachsenen Seele ihre Einbildungen fortschreibt. Herders psychogenetische Fundierung der Einbildungskraft verweist auf jene ästhetische, anthropologische und geschichtsphilosophische Konstruktion "Kindheit", die im 18. Jahrhundert eine gigantische Projektionsfläche bildet, auf der sich Glücksverlust und Zukunftsvision, unschuldige, aber auch rohe Natur und revolutionäres Genie, die Formierung des bürgerlichen Subjekts und sein ganz Anderes darstellen lassen. Seit der Frühaufklärung bedeutete Kindheit z.B. in der historischen Metaphorisierung der Lebensalter ein zu überwindendes Defizit, denn Kinder galten als unvernünftig, affektbesessen, unterentwickelt und ungebildet. Zudem ermöglichte die Analogie von Onto- und Phylogenese die geschichtste-leologische Legitimation der Aufklärung selbst: so wie sich das Kind zum Erwachsenen entwickelt, indem es lernt, seinen Körper und Willen der väterlichen Vernunft zu unterwerfen, soll sich die Menschheit aus dem Dunkel ihres "tierischen" Seins zum Licht der Vernunft aufschwingen. Diese Vorstellung wird gegen Ende des 18. Jahrhunderts von einer Art progressiver Regression unterwandert. Insbesondere Stürmer und Dränger und schließlich die Romantiker entdecken das Kind, die Kindheit und Kindlichkeit als Ort einer vergangenen Zukunft. "Kindheit" verstanden als Verlust eines Naturzustandes, den es künftig in veredelter Form wiederzugewinnen gilt, wird zum Mythos. Mit Berufung auf die Natürlichkeit, Spontaneität, Unschuld oder Kreativität des Kindes lassen sich Generationskonflikte austragen, politischsoziale Hierarchien angreifen und religiös-rationale Regeln in Frage stellen. Schließlich wird das Menschenbild um seinen genetischen Ursprung zentriert, denn das Kind ist der vollkommene Mensch, "le genie enfant", dem sich der romantische Dichter anzunähern sucht." Kindheit ist demnach im 18. Jahrhundert ein Alles und Nichts,eine bedeutungsüberladene Metapher, aber auch der Ort, von dem aus das bürgerliche Subjekt sein Ich bestimmt, sei es als Überwindung der defizitären Lebensstufe, sei es mit der Rekonstruktion einer Geschichte oder mit der imaginären Rückkehr in ein Gewesenes.
      In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden diese Ideen über Kindheit wie auch die kindlichen Einbildungen, von denen Herder sprach, in der Dichtung selbst miteinander verknüpft. Im Rahmen der Begründung des bürgerlichen Subjekts beteiligt sich nämlich die Literatur an der diskursiven "Entdeckung" von Kindheit und schafft ein Archiv für bis dahin unbekannte Seelengeschichten unter der Gattungsbezeichnung "Roman". Gemäß der poetologischen Definition Blanckenburgs wird die "innere Geschichte" des Individuums vom kindlichen Imaginieren bis zum erwachsenen Dichten seines Schreibers erzählenswert, da sie Aufschluß über die "eigentliche" Identität des Subjekts geben soll. Die Differenz von Leben und Roman schwindet, denn der Text beginnt dort, wohin er zurückführen will: in der Kindheit und ihren lebens- und textprägenden Einbildungen. Aber dieser gemeinsame Ursprung von Text und Subjekt basiert seinerseits auf einer Fiktion, denn "Kindheit" existiert nur in der erinnernden Einbildung eines Erwachsenen an das, was er einmal gewesen zu sein glaubt, bzw. in zeitgenössischen Reden über Primärsozialisation, die moderne Kindheit regelrecht erfinden. Gemäß pädagogischer und literarischer Phantasien soll sich Kindheit in der auf Gefühlen gegründeten Kleinfamilie abspielen, die ihren Kindern einspricht, nach der Maßgabe elterlicher Anerkennung besondere Individuen zu sein. Sie produziert durch Normen und Imagines erst jene kindlichen Seelen, die als erwachsene Familienphantasien in der Dichtung lesbar werden.1" Die vorliegende Studie befaßt sich mit diesem gleichzeitigen Auftauchen des bürgerlichen Subjektbegriffs und der kleinfamilialen Kindheit im deutschen Roman des 18. Jahrhunderts und untersucht, wie der literarische Diskurs Subjektkonstitution und Kindheit miteinander verbindet, wie er die Einschreibungen der Kindheit oder Vorstellungen über Kindheit poetisiert und inwiefern sich die Dichtung selbst in ein Imaginäres verstrickt, das seinerseits familiär produziert ist.
      Spätestens seit Philippe Aries in seiner Untersuchung L'enfant et la vie familia-le sous fanden regime die These von der "Entdeckung" der Kindheit in der Neuzeit aufstellte, gilt das, was gemeinhin als "natürliches" Faktum angesehen wurde, nämlich das konventionelle Dreieck der Kleinfamilie: die liebende Mutter, der autoritäre Vater und das geliebte, unschuldige Kind, als widersprüchliches Ergebnis einer langwierigen Umstrukturierung der familiären Gemeinschaft.'' Auch wenn erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Kleinfamilie sozialhistorische Realität wird, bereitet im 18. Jahrhundert die diskursive Reorganisation der Familie die Normierung von bürgerlicher Kindheit vor. Noch in den theologischen, hauswirtschaftlichen und populärphilosophischen Schriften der Neuzeit war das Kind bis zur Frühaufklärung zunächst eher beiläufig verortet. Die Starre des religiösen, ökonomischen oder philosophischen Systems ließ keinen Raum für eine Differenzierung individueller Identitätsentwicklung, sondern billigte dem Kind lediglich den untergeordneten Status zu, noch nicht gläubig, hausherrschaftlich oder vernünftig, d.h. nichts anderes als ein "kleiner Erwachsener" zu sein." Die Lebensstufe stand bis zum 18. Jahrhundert im Zeichen körperlicher, geistiger und sexueller Unzulänglichkeiten und galt mit der religiösen und ökonomischen Reproduktionsfähigkeit im fünften bzw. siebten Lebensjahr als abgeschlossen. Auch wenn der junge Mensch erst mit dem Eintritt in die Pubertät als vollwertig angesehen wurde, verdeutlicht die Geschichte der Kinderarbeit und Kinderkommunion die aus heutiger Sicht kurze Dauer der Kindheit. Auf der Grundlage dieses Defizitmodells war dem Kind innerhalb der konstanten Stände- und Hausordnung die Identität von Geburt an im Namen des Vaters eingeschrieben; Erziehung, oder besser: Sozialisation, bedeutete, erwachsene Verhaltensweisen und praktische Fertigkeiten per Imitation hinsichtlich der ererbten Rolle zu erwerben, was soziale Stabilität garantierte Mit der sich ausbreitenden bürgerlichen Produktions- und Lebensweise , der aus religiösen Vorstellungen gewonnenen Idee bürgerlicher Individualität und dem Eindringen des Staates in die Familie wurden die Beziehungen im Haushalts- wie Gemeinwesen allmählich revidiert."' Im Rahmen der politischen und ökonomischen Modernisierung sollte nämlich die Familie die soziale und moralische Stabilität der Gesellschaft garantieren und zugleich individuelle Mobilität für ihre männlichen Kinder hervorbringen. Um dieses paradoxe Ziel zu verwirklichen, mußte die Familie ihre gesellschaftlichen Bindungen mit Bediensteten, Verwandten und Nachbarn abbrechen und ihre innere Organisation restrukturieren. Während dem Vater dabei die Rolle des materiellen Versorgers und Repräsentanten der patriarchalischen Ordnung zukam, wurde die Frau zunehmend auf ihre Mutterfunktion reduziert, denn erst in der exklusiven Mutter-Kind-Beziehung sollte das männliche Kind zum neuen Bürgermenschen erzogen werden. Das gedruckte Wort griff in den zuvor selbstverständlichen Umgang von Kindern und Erwachsenen normativ ein, subvertierte in Gestalt von theologischen Schriften, Volks- oder Haushaltsbüchern, aber auch als landesherrliche Kirchen- und Schulordnungen das traditionelle Verhältnis der schriftkundigen Eltern zu ihren Kindern und veränderte Gewohnheiten und Praktiken der "Kinderzucht".I Die Normierung von Kindheit stand dabei ganz im Zeichen der Verlängerung der Lebensphase, des Ausschlusses und der pädagogischen Produktion. Während die Vernunftfähigkeit und damit die Berechtigung zur Erstkommunion von der katholischen Kirche seit der Abschaffung der Kleinkinderkommunion im 13. Jahrhundert allgemein auf das siebente Lebensjahr festgelegt war, verschob die reformatorische Initiation die Altersgrenze: die protestantischen Kirchen glichen den Zeitpunkt ihrer Konfirmation an das Ende des Schulbesuchs im Alter von 14-16 Jahren an.' Gleichzeitig wurde das Kind von der Erwachsenen weit zunehmend isoliert und in der Intimität der Kleinfamilie auf den neuen Erwachsenenstatus vorbereitet. An die Stelle der Imitation der beobachteten Erwachsenen trat das Erlernen kultureller Fertigkeiten in speziell dafür vorgesehenen Räumen und in einer mehr und mehr symbolisch simulierten Welt . Diese Isolation des Kindes aus der Sozietät mit den verwandten oder benachbarten Erwachsenen - am prägnantesten in Rousseaus Emile vorgespielt - ermöglichte erst die Bildung eines selbstbewußten bürgerlichen Individuums, welches soziale Schranken potentiell überwinden kann. Die moderne Sozialisation stützt sich nämlich nicht auf tradierte Erziehungsmuster, sondern gründet auf der Möglichkeit, Ziele, Techniken und Inhalte der Menschenbildung zu erfinden, wie es sich im massiven Auftreten pädagogischer Reformbewegungen von Rousseau bis zu den Philanthropen dokumentiert. Der modernen Kleinfamilie kommen aber auch die Aufgaben der allen Gemeinschaft zu: dem Kind eine familiale und geschlechtli-che Identität einzuschreiben und seine Wunsch- und Triebkontrolle zu überwachen. Im Gegensatz jedoch zur exogamen Einschreibung von Generation und Geschlecht unterläuft die Konjugalfamilie die traditionelle Sippeninitiation, da sie mit der Erfindung der familialen Liebe jedem Kind eine Individualität zuweist, die sich weder nach Geschlecht noch nach Geburtsfolge richtet, sondern auf dem Anspruch gründet, als "einzigartiges" Kind von den Eltern geliebt zu werden. Die Selbstkonstitution wird so an das Sprechen der anderen gebunden, was das Kind zum Interpreten der Eltern macht, an deren Lippen es klebt, um den Liebesbeweis zu vernehmen. Im Hinblick auf diese Veränderung der familiären Identitätszuweisung versuchten Pädagogen, Popularphilosophen, Mediziner und nicht zuletzt die Dichter, die kindlichen Identifikationen zu beeinflussen, indem sie Eltern und Kindern Verhaltensanweisungen für den persönlichen Umgang gaben, gelungene Sozialisationsmodelle vorführten und sogar eine eigens für Kinder bestimmte Literatur produzierten, die das idealisierte Familienmodell propagierte. Innerhalb dieser diskursiven Formation der Familie wandelte sich der traditionelle Haushall als Organisation der Reproduktion, Konsumption und sozialen Kontinuität zu einem Ort der Identität, der Selbstverwirklichung und des Begehrens. Noch heute wird die auf Gefühlen gegründete Kleinfamilie wegen ihrer zivilisatorischen Leistungen, z.B. die Subjekt-werdung, gerühmt, gleichzeitig aber wird die trianguläre Familienstruktur dafür verantwortlich gemacht, neurotische und psychotische Individuen hervorzubringen.

     
   Die diskursiven Bemühungen um das Kind und seine Erziehung beschreiben ein Feld der scheinbar unbegrenzten Aussagemöglichkeilen. Die Normierung der Familien- und Schulerziehung , die Vorschläge zur Veränderung tradierter Erziehungspraktiken und die Definitionen von Kindheit waren allerdings nur möglich, weil das Kind als terra incognita "entdeckt" wurde. Nun sind Entwürfe von Kindheitsvorstellungen in der abendländischen Kulturgeschichte nicht ungewöhnlich. Gerade im christlichen Kult dienten Kindheitsdarstellungen der Versinnbildlichung religiöser und gesellschaftlicher Ideen, wurde das Kind zum Exem-pel des Guten wie Bösen , wobei die Projektionen der Erwachsenen die sozialhistorische Realität von Kindern durchaus mitgestaltet haben. Der Unterschied zwischen traditionellem und modernem Kindheitsbild, wie es im Laufe des 18. Jahrhunderts in Erscheinung tritt, liegt jedoch in dem Anspruch, das "Kind im Kinde" als ein Wesen sui generis entdeckt zu haben, in einem Wissen also, das die Eigentlichkeit des Objekts präjudiziell und in Rekurs auf diese das Sein und die Entwicklung des Menschen bestimmt. Die Selbstverständlichkeit, mit der Herder und die Romantiker vom Kind und seinen Einbildungen, Erfahrungen und Empfindungen schreiben, beruht auf der modernen Vorstellung, daß das Kind ein sich vom Erwachsenen unterscheidendes Wesen ist, das in einer anderen Welt zu leben scheint, anders fühlt, denkt und handelt. So behauptet Jean-Jacques Rousseau in seinem Erziehungsroman Emile oder über die Erziehung , daß das Kind ein fremdes, autonomes Wesen sei, dessen Sein sich vom erwachsenen unterscheide:
Die Kindheit ist etwas uns vollkommen Unbekanntes - mit falschen Vorstellungen, die wir davon haben, gehen wir mehr und mehr in die Irre. [...] Immer suchen sie [die vernünftigsten Leute] im Kind den Erwachsenen, ohne zu bedenken, was ein Kind vorher ist.

     
   Als nehme er die These moderner Familienhistoriker vorweg: gegen die zeitgenössische Vorstellung der strukturellen Analogie von Kind und Erwachsenem unterstellt Rousseau deren Differenz, die Kindheit als etwas "Unbekanntes" erscheinen läßt. Wie bei der gleichzeitigen "Entdeckung" des Volkes, der Wahnsinnigen und der Wilden wird damit ein komplexer Diskurs eröffnet, der das zuvor Vertraute oder schlichtweg Andere zu einem bedrohlichen Fremden stilisiert, gespeist von der ängstlichen Unkenntnis des Erkennenden gegenüber dem von ihm selbst gesetzten "fremden" Erkenntnisobjekt. Die irritierende Unkenntnis und die behauptete Andersheit des Anderen werden allerdings beseitigt, indem man dessen spezifische Seinsweise erforscht bzw. - wie noch zu zeigen ist - imaginiert. Rousseaus Aufruf, "Studiert zunächst eure Zöglinge besser, denn ihr kennt sie ganz sicher nicht", führt zugleich von den lebenden Kindern weg in das Studium der Bücher, denn er schreibt weiter: "Lest ihr also dieses Buch unter diesem Gesichtspunkt, dürfte es euch von einigem Nutzen sein."2" Der selbsternannte Pädagoge hält den Lesern und Eltern ein Nichtwissen vor und bietet zugleich Abhilfe. Das Kind "entdecken" heißt, über es zu lesen. Während für August Hermann Francke zu Beginn des Jahrhunderts die Beobachtung des Kindes disziplinarischen Zwecken diente, wobei er sogar "die sorgfältige Inspektion" als den "eigentliche! n| nervus der Erziehung"2'' ansah, veränderte sich seit der Jahrhundertmitte die Funktion des erzieherischen Blickes. Es ging nicht mehr darum, unbändige Kinderhorden zu kontrollieren, sondern das einzelne Kind in seiner individuellen Seinsweise kennenzulernen und zu erforschen. Die Erwachsenen - so legen pädagogische Texte und populäre Ratgeber nahe - kennen ihre Kinder nicht mehr , wissen nicht, was diese denken, fühlen, wollen. Um das Wesen des Kindes zu bestimmen, treten Leib und Seele des Kindes den Erwachsenen vor die Augen, die wiederum erst durch Texte sehen lernen sollen, was ein Kind ist. Die Anschauung alltäglicher Wirklichkeit wurde somit durch Vorstellungen vom Idealkind ersetzt bzw. reguliert. Rousseau beschreibt nämlich nicht die soziale oder individuelle Entität des Kindes, noch viel weniger stellt er die Analyse beobachteter historischer Kindheiten dar, sondern phantasiert über eine ideelle Kindheit. Diese Idealisierung der Kindheit als Ort/Zeit des Anderen ist das Ergebnis eines kaum überschaubaren diskursiven

Entdeckungsfeldzuges, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Kind zum Objekt aller möglichen Wissensgebiete und Aussagefelder machte.
      Das Kind ist - wie die Frau im frühaufklärerischen Gelehrsamkeitsdiskurs -schweigendes Objekt der Rede, des Begehrens und der Macht der Anderen, die die institutionalisierte oder sozial verbürgte Autorität haben, Aussagen über die Identität der Rcdelosen zu machen, was insbesondere für den pädagogischen, juristischen und medizinischen Diskurs gilt. Sich professionell ausgebende Erzieher, staatliche Behörden und Ärzte definieren, was ein Kind ist bzw. wie es sein soll, indem sie sich auf die Exklusivität ihres Wissens berufen, das sich aus der institutionalisierten Ausbildung, der Verwissenschaftlichung der Erkenntnis und ihrer epistemologischen Grundlegung ergibt." Die Aussagen über das Kind sprechen allerdings nicht das Sichtbare aus, sondern produzieren es, indem sie das einzelne Kind dem Tableau szientifischer Systematisierung unterwerfen, was eher ein Wiedererkennen denn ein Erkennen ermöglicht, da das in der analytischen Beobachtung Gesehene in Zeichen überführt wird, deren Ordnung erst den Beobachter erkennen läßt.-' Die Individualität des Kindes stellt sich dann als Abweichung des von der Sprache bereitgestellten Allgemeinen heraus; die Zunahme der beschriebenen Unterschiede des Kindes zum Modell Erwachsener führt schließlich zur Schaffung neuer Tableaus wie der Pädagogik, Kinderpsychologie oder "Pädiatrie"'''. Diese Aussagefelder propagieren z.T. widersprüchliche Sozialisations-normen, die die Pflege, Ernährung, Hygiene, körperliche und seelische Entwicklung des Kindes regulieren."' Innerhalb des sich über Texte verständigenden Bürgertums wurden diese Normen als praktische Verhaltensanweisung in Elternratgebern und Handbüchern zur Kinderpflege eingeführt. So konnten lesende Eltern und selbst kindliche Leser in Bernhard Christoph Fausts Gesundheits-Katechismus erfahren, wie Kinder leben und wie die Erwachsenen den Umgang mit ihnen gestalten sollen: eine für das 18. Jahrhundert symptomatische Popularisierung des sich entwickelnden szientifischen Diskurses, der unter dem Deckmantel des öffentlichen Rä-sonnements Disziplinierungsmaßnahmen durchsetzt." Schließlich schaffte ein Gesetzestext wie das Allgemeine Land recht für die Preussischen Staaten von 1794 nicht nur für ein großes Territorium verbindliche Grundlagen der Beziehung zwischen Eltern und Kindern, Familie und Staat , sondern verlieh pädagogischen und medizinischen Ansichten erst den Status einer Soll-Bestimmung de jure .3" Hinter diesen Aussagen verbergen sich im-/explizite Interessen am Kind, nach denen Verhaltensweisen normiert werden. So zielte das im Dienste des Staates stehende Erkenntnisinteresse der "Kameral-, Polizey- oder Medizinal-Wissenschaftler" hauptsächlich auf den gesunden Kinderkörper, um in seinem Namen die Familie und insbesondere die Unterschichten zu disziplinieren, die Volkshygiene und Reproduktion zu stabilisieren oder Arbeitskräfte zu rekrutieren, was durch Verinnerlichung der "Vernunft" in der Kleinkinderziehung beschleunigt werden sollte.' Die erzieherische Formation des modernen bürgerlichen Subjekts ist jedoch nur möglich, da der Mensch als geschichtliches, d.h. veränderbares Wesen entdeckt wurde, dessen Entwicklung durch Erziehung beeinflußbar ist. Carl Friedrich Bahrdt faßt in seinem populären Handbuch der Moral für den Bürgerstand diesen epochalen Entwicklungsgedanken der bürgerlichen Menschwerdung zusammen:
Kurz, in den Jahren der Kindheil und Jugend geschieht alles, was den Menschen in der Folge seines Lebens, gut oder böse, weise oder verkehrt, tugendhaft oder lasterhaft, glücklich oder unglücklich mache. Und im ganzen künftigen Leben geschieht nichts, wozu nicht in den frühern Jahren ein Grund gelegt war.*'

Der moderne Mensch ist ein Wesen, dessen moralisches, soziales, intellektuelles und befriedigendes Dasein ausschließlich in der Kindheit programmiert wird. Erziehung bedeutet dann nicht mehr Korrektur abnormen Verhaltens oder Einübung in eine unverfallbare soziale Rolle, sondern beschreibt die planbaren Möglichkeiten, aus un-zivilisierten Kindern Menschen oder Soldaten, Untertanen oder Revolutionäre, Weise oder Dumme, Melancholiker oder Glückliche zu machen. Bahrdts tabula rasa unbegrenzter Menschenproduktion kennzeichnet die für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts typische Umkehrung des Erwachsenen-Kind-Verhältnisses. Nicht mehr die familiäre und soziale Abstammung bestimmt die Identität des zukünftigen Bürgers, sondern die besondere Art und Weise seines Aufwachsens. Mit der Idee der erzieherischen Planung der Identität des Individuums erweiterte sich das Feld der Reden vom Kind. Die bewußte Ausschaltung des Zufalls im Prozeß der Menschwerdung - bei Rousseau als Umsetzung der Natur, in der deutschen Spätaufklärung immer noch als Durchführung der göttlichen Prädestination gedeutet - führte im 18. Jahrhundert zu jenen medizinischen, pädagogischen und psychologischen "Humantechniken", die Seelen, Körper, Zeiten und Räume der Kinder analysieren, überwachen, umgestalten, beschreiben und damit eine ideelle Kindheit als Norm produzieren.
      Von Geburt an bemächtigt sich der Diskurs vom Menschen des kindlichen Körpers, geben Texte Anweisungen zur richtigen Ernährung, Sauberkeit, Triebkontrolle und Konditionierung. Zwischen 1750 und 1820 erschienen allein im deutschsprachigen Raum 152 Monographien zur physischen Erziehung des Kindes, die von fachwissenschaftlichen Abhandlungen bis zu weitverbreiteten Ratgebern für Eltern reichten, womit nicht nur jede mögliche Leserschaft vom Diskurs der Kindheit erfaßt wurde, sondern zugleich auch der Körper des Kindes unter unterschiedlichsten Gesichtspunkten diszipliniert wurde . In Schulordnungen, Plänen für experimentelle Lehranstalten und medizinischen Topographien wurde der kindliche Körper weiteren Ordnungen unterworfen, deren Sollbestimmungen später sogar sozialhistorische Realitäten schaffen: die Geschlechter, erwachsene und Kinderkörper sollen institutionell getrennt, Jungen in hierarchisch strukturierten Gemeinschaften zusammengefaßt und an oktroyierte Tagesabläufe gewöhnt, die Bewegungsfreiheit der Körper eingegrenzt oder in "natürliche" Bewegung simulierenden Turnübungen funktionalisiert werden. Dieser Aufwand um den Kinderkörper hat seinen Ursprung in der moraltheologischen Trennung des sündigen Fleisches von der lauteren Seele, was trotz aller Synthesierungsversuche von Leibniz bis Kant dazu führte, daß dem Körper immer dann Gewalt widerfährt, wenn noch keine verinner-lichte Vernunft über ihn waltet. Das änderte sich erst mit der Psychologisierung der Disziplinierung im Sinne der gesellschaftlichen Über-Ichbildung oder ihrer Institutionalisierung, die die Internalisierung der väterlichen Vernunft auch in der vom pa-ternalen Haushalt der Realien zum mütterlichen Schutzraum umstrukturierten Erziehungswelt fortschreibt.4S Abgeschieden von den anderen Körpern übernimmt der eigene Körper die Funktion, das Wohl des Kindes zu bedrohen. Deshalb muß er abgehärtet und entsexualisiert werden: die pädagogische Literatur kämpfte gegen alle sinnlich zweckfreien Kinderfreuden von der "Verzärtelung", den "Leckereien" bis zur "Selbstbefleckung" und formierte im Zuge eines großangelegten Zivilisationsprozesses das Innere des Kindes als Agenten der Triebabwehr und zugleich der bürgerlichen Menschwerdung.

     
   Die Produktion des bürgerlichen Individuums ist in die Geschichte einer Vernunft verstrickt, die als religiöse den sündigen Körper bekämpft und als aufklärerische den vernünftigen Menschen erzeugen will. Der religiös-pietistische Diskurs und die Darlegung einer rationalistischen "Kinderzucht" in der frühaufklärcrischen Popularphi-losophie beschrieben die kindlichen Gemütskräfte noch nach einem Defizitmodell. Für die "Auctorcs" der auf Locke und Föneion zurückgehenden "Pädagogik" befand sich das Kind im Zustand der Unzulänglichkeit: das Kind sei "ohne Verstand und wie das Vieh"4S, die fehlende Vernunft oder der sündige Triebkörper, in dessen Innerem nur "Bosheit" herrsche, kurz, das Kind, die Frau und die Unterschichten sind ein und das gleiche: noch keine bürgerlichen Menschen.41' Diese Auffassungen bestimmten denn auch die Vorstellungen zur Kindererziehung, die sich an die Sozialisation der Frau anlehnten. Tugend, Glauben, Vernunft und Gehorsam müssen z.B. nach Christian Thomasius mit drastischen Mitteln dem Kind eingeprägt werden, um den unzivilisierten Triebkörper zu beherrschen:
Man soll sie |die Kinder] schlagen/ weil sie die Vernunft nicht brauchen können/ denn so gewöhnet man auch die Thiere. Wenn sie aber die Vernunft zu brauchen anfangen/ soll man mit den Schlägen zurück halten/ so ferne sie durch die Besserung ihres Willens zeigen/ wie weit sie unter die Menschen die sich durch Worte ziehen lassen/ zu zehlen seyn.M
Die Disziplinierung des kindlichen Körpers geht der Ausbildung der Gemüts- und Verstandeskräfte voraus. Moderne Erziehung bedeutet Verinnerlichung der Gewalt, denn die Substitution der Schläge durch Sprache und Vernunft macht deutlich, daßim pädagogischen Diskurs des frühen 18. Jahrhunderts internalisierte Vernunft und pädagogische Kommunikation auf einem Gewaltverhältnis gründen. Ob es sich um die weniger explizite Metaphorik der erzieherischen "Gartenkunst" oder die im 18. Jahrhundert weitverbreitete Befürwortung der Körperstrafe handelt: der Erzieher soll die Kinderseele im Zivilisierungsprozeß an seine Autorität gewöhnen, bis die "kindische Furcht" in die Anerkennung der Herrschaft der Vernunft über den Triebkörper umschlägt. Diesen Übergang zur Internalisierung des väterlichen Schlages leistete um die Jahrhundertmitte die moralische Intellektualisierung des Kindes, die im Kind lediglich das werdende Vernunftwesen sah, welches zur Einsicht erzogen wird. Die aus der Analyse der erwachsenen Gemüts- und Verstandeskräfte gewonnene Formulierung einer progressiven Rationalisierung des Menschen bindet Erziehung und Kind an die Vergeistigung des Lebens.s Gottscheds Zusammenfassung der Wölfischen Systemlehre versteht denn unter "Kinderzucht" neben der Erziehung zu Tugend, Frömmigkeit und Gehorsam eine rudimentäre Einführung in die rationalistische Logik als Beibringen von klaren Begriffen, Urteilen und Vernunftschlüssen. " Anstatt seinen eigensinnigen Willen von außen brechen zu lassen, soll das Kind lernen, sich selbst zu beherrschen, indem es sich dem Geist und dessen Regelsystem verschreibt. Erziehung meint hier Installierung der logischen Maschine, die quasi eigenständig läuft, denn dem universellen Geltungsanspruch der vernünftigen Ordnung des Seins kann sich niemand entziehen, schon gar nicht das Kind.
      Die Pädagogen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts haben ein differenziertere s Verständnis der kindlichen Seele, welches von der Forderung nach ihrer Rationalisierung absieht. Die Kinderseele stellt sich den Philanthropen als grenzenloses Territorium der pädagogischen Beschriftung dar, denn sie ist weder gut noch böse, sondern einfach nur leer und zugleich äußerst aufnahmefähig, d.h. letztlich kann sie in der Erziehung erst hergestellt werden. So nent sie beispielsweise Joachim Heinrich Campe ein "Wachsklümpchen", eine "weisse Tafel", worauf sich jeder sinnlich wahrnehmbare Gegenstand dauerhaft einschreibt.S Die Vorstellung von der Leere der Seele und das Verständnis ihrer Fragilität führen zu der Idee ihrer erzieherischen Manipulicrbarkeit schon im Kleinkinderalter und damit zu einer revolutionären entwicklungspsychologischen Bestimmung des Kindes/Menschen, wenn z. B. Campe in seiner Schrift Über die früheste Bildung junger Kinderseelen behauptet, daß diese ersten Empfindungen in der Seele selbst die unaustilgbare Grundfarbe anlegen, welche unsern nachherigen Vorstellungen und Empfindungen die ihnen eigenthümliche Schattirung geben |...|."
Das literarische Pendant der Entwicklungspsychologie, der im gleichen Jahr erschienene "psychologische Roman" Anton Reiser, redet die gleiche Sprache der See-lenmalerci, denn Antons erste "Eindrücke sind nie in seinem Leben aus seiner Seele verwischt worden und haben sie oft zu einem Sammelplatze schwarzer Gedanken gemacht"56. Daß Anton Reiser seiner familiär bedingten negativen Scelenbcschriftung zeitlebens ausgeliefert ist, beruht auf der Annahme, die rationale Erkenntnis des Erwachsenen könne den Einfluß der in der Kindheit formierten Psyche auf die Persönlichkeitsstruktur des Individuums nicht mehr verändern. Der gleichen Logik folgend glaubt Campe, daß der Erlbig in der Seelenbildung von einer unbeschwerten Kindheit abhängt, dennje natürlicher, ungezwungener, heiterer und zufriedener sie [die Kinderseele| die Zeit ihrer ersten Kindheit hindurch erhalten, und je sorgfältiger sie vor Verfinsterungen jeder An in dieser ersten Lebensperiode bewahret blieb: desto glüklicher, und also auch desto vollkommener wird sie seyn.

     
   Seelen werden in einer Glück bringenden Kindheit auf Dauer produziert, woraus sich der Auftrag ableitet, schon die Kleinkindererziehung den Bedürfnissen des Kindes entsprechend zu gestalten, eine Vorstellung, die der Pädagogik der Reformation und der Frühaufklärung absolut fremd erscheinen müßte, betrachtete sie doch eine glückliche Kindheit als bedingungslose Unterwerfung unter das väterliche Gesetz und schrieb jede Abweichung davon dem zu brechenden "Eigensinn" des Kindes zu. Campe hingegen fordert die Anpassung und Befriedigung kindlicher Bedürfnisse durch seine Umwelt. Der Erwachsene soll sich zum Kind "herablassen", um seine "Eigenart" und "Natur" kennenzulernen, die allerdings erst über eine "natürliche" Erziehung hervorgebracht wird, da ja Campe die Kinderseele als "leer" ansieht.S Damit begibt sich der deutsche Philanthrop in die Gefolgschaft von Rousseaus Paradoxien, "Natur" bzw. "natürliche" Kindheit schaf-fen zu wollen. Campes Erkenntnis, daß die Seele des Kindes milieuabhängig, d.h. gesellschaftlich produziert ist, bringt zugleich eine Romantisierung der ländlichen Unterschichten mit sich, deren Gleichgültigkeit in Sachen Erziehung er als geplante Maßnahme deutet. Schon zu Zeiten der Durchsetzung der formalen, das Kind isolierenden Erziehung wird damit diese selbst als Entfremdung des Menschen von seiner Natur aufgefaßt, was Campe veranlaßt, die Vergesellschaftung des Menschen wieder teilweise zurücknehmen zu wollen. Da sich innere und äußere Natur aber nicht im Zustand einer prästabilierten Harmonie befinden, stimmt Campe dem Universalan-spruch der bürgerlichen Pädagogik zu: die Umsetzung der Natur in die eigentliche Menschennatur durch die geplante Erziehung.6- Die Aporien des Begriffs von "natürlicher" Kindheit waren den Pädagogen schon selbst gegenwärtig, denn der gesellschaftliche Raum, in dem eine solche Erziehung erfolgen sollte, rindet sich doch nicht bei den Bauern, weshalb Basedow, Campe, Salzmann, Bahrdt, Trapp ihrem Vorbild Rousseau folgen und selbst eine "natürliche", d.h. "kindgemäße" Umwelt konstruieren, in der Kindheit inszeniert wird. Sie knüpften an die Franckesche Idee der privaten Stiftungen an und schufen seit den siebziger Jahren experimentelle Musteranslalten für den ideellen Zögling. Kindheit bedeutet spätestens seit den philanthropischen Diskursen vom Kinde zunehmende Isolation von der Erwachsenenwelt. Während für die Popularphilosophen der Frühaufklärung die Rationalisierung und Disziplinierung des Kindes noch innerhalb einer globalen patriarchalischen Ordnung stattfand - so behandeln z.B. Wolff, Heumann und Gottsched die "Kinderzucht" im Rahmen der väterlichen Organisation des Hauswesens, in welches das Kind hineinsozialisiert wird'' -, führt die nähere Bestimmung der Seele des Kindes und seiner individuellen Gestaltung durch seine unmittelbare Umwelt in der Spätaufklärung dazu, daß das Kind nicht mehr als Mitglied der Hausgemeinschaft, sondern als Individuum wahrgenommen wird, aus welchem professionelle Erzieher ein bürgerliches Subjekt machen sollen. Um den Prototyp des neuen Menschen, das mobile, gebildete, sich selbst disziplinierende Individuum, in abgesonderten Institutionen erziehen zu können, soll die geplante Primärsozialisation das Kind schon innerhalb der familiären Gemeinschaft vom Kollektiv abtrennen und auf die pädagogische Initiation vorbereiten.6'' Der Einfluß anderer Erwachsener wird aus Sorge um das moralische und körperliche Wohl der Kinder zunehmend abgelehnt, sogar den Eltern werden Verhaltensregeln im intimen Umgang mit ihren Kindern gegeben.'' Die didaktische Ausrichtung von Gefühlsbeziehungen zwecks Individualisierung und psychischer Differenzierung des Kindes fällt dabei den Müllern zu, denn ihre biologischen Funktionen determinieren sie zu den "ersten Führerinnen der Kindheit"''", die der moderne Kindheitsdiskurs als seine potentiellen Adressaten ansieht. Die Geschichte der Mutter-Kind-Beziehung steht im Zeichen des Ausschlusses und der Disziplinierung der Betroffenen. Wie das Kind erst durch Erziehung Kind wird, so soll auch die Frau ihre neue Rolle erlernen. Sie ist nicht mehr in erster Linie Gattin, sondern Mutter und Erzieherin, eine Umwertung, die aus der Entdeckung der familiären Seclenproduktion des Kindes resultiert und die gesellschaftliche Isolation der Frau weiter vorantreibt.''1' Seit Rousseau findet die vorgestellte Entwicklung der kindlichen Seelenkräfle im intimen Exil statt, wo die Mutter nach den Regeln eines männlichen Sachverständigen das Kleinkind in den erstensechs Lebensjahren liebevoll erziehen soll, bevor sie es der väterlichen Obhut anvertraut. Die Verschiebung von der väterlichen Gewalt in der Familie zur exklusiven mütterlichen Liebe in der Mutter-Kind-Symbiose läßt sich in populären Ratgebern nachlesen, die sich ausschließlich an die "Mütter" wenden. Deren Rede von den "Mutterpflichten" bezieht sich auf eine "emotionale" Einstellung zum Kind, die Mütter und Ammen, die biologische und soziale Mutterrolle, zugunsten ersterer voneinander trennt, denn nur die natürliche Mutter soll ihr Kind wahrhaft lieben können. Der Kindheitsdiskurs funktionalisiert die Mutterliebe und die damit verbundene Opposition von väterlicher Vernunft und mütterlichem Gefühl zum integralen Bestandteil eines Rationalisierungsprogramms. Allerdings zeigt die schon seit der Frühaufklärung ergehende Polemik gegen die mütterliche "Verzärtelung" der Kinder,7' daß die "Mutterliebe" als kulturelles Verhaltensmuster eher Disziplinierung intimer Beziehungen denn Umkehrung väterlicher Herrschaftsverhältnisse in eine Mutter-Kind-Symbiose meint, denn die Frau soll das Kind mit Hilfe der weiblichen "Natur" in die bürgerliche "Natur" vergesellschaften. Die pädagogische Indienstnahme der Frau findet ihren signifikanten Ausdruck in der Diskussion des mütterlichen Stillens, auf das die Frau insbesondere gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Zeichen ihrer mütterlichen Liebe verpflichtet wurde. Das Stillen des Kleinkindes durch die Mutter soll Kind und Frau an die Kleinfamilie binden, Geburten regulieren, die weibliche Lust in eine mütterliche verwandeln und als Garantie gelten, daß die Gemütskräfte des Kindes gemäß der Säftelehre nicht durch die "schlechte" Milch einer unmoralischen Amme verdorben werden." Für das Kind hat das Stillen noch eine zusätzliche Funktion: es folgt der Logik der "Vernunft", denn die Mutter soll das Kind schon beim Stillen an das "rechte Maß", an die rationalisierte Befriedigung der Bedürfnisse gewöhnen, die mit der Entwöhnung ihren dramatischen Höhepunkt erlebt. Die Mutterliebe steht somit unter dem väterlichen Signum der Bedürfnis- und Affcktkontrolle von Mutter und Kind; das männlich-gesellschaftliche Rationalitätsprinzip, traditionell als Gegenstück zur mütterlich-häuslichen Fmotionalität gedacht, wirkt schon in der propagierten Intimisierung der Mutter-Kind-Bezichung, deren Disziplinierung im Allgemeinen Landrecht im buchstäblichen Sinne väterliches Gesetz, wurde:
Eine gesunde Muller ist ihr Kind selbst zu saugen verpfliehtet. Wie lange sie aber dem Kind die Brust reichen solle, hangt von der Bestimmung des Vaters ab.

     
  
Daß sich dennoch in der familiären Keimzelle bürgerlicher Menschwerdung hinter dem väterlichen Rücken ein zumindest imaginäres Paradies für das Kind auftut, steht, wie noch zu sehen ist, in anderen, nämlich literarischen Texten.
      Diese dramatischen Veränderungen der Familiengestaltung im 18. Jahrhundert lassen sich an einem literarischen Beispiel illustrieren, das den Kerngedanken dieser Studie umreißt. In Dichtung und Wahrheit beschreibt Goethe ein Kindheitserlebnis mit erstaunlichem Aussagewert:
Unglücklicherweise hatte man noch die Erziehungsmaxime, den Kindern frühzeitig alle Furcht vor dem Ahnungsvollen und Unsichtbaren zu benehmen und sie an das Schauderhafte zu gewöhnen. Wir Kinder sollten daher allein schlafen, und wenn uns dieses unmöglich fiel, und wir uns sacht aus den Betten hervormachten und die Gesellschaft der Bedienten und Mägde suchten, so stellte sich, in umgewandtem Schlafrock und also für uns verkleidet genug, der Vater in den Weg und schreckte uns in unsere Ruhestätte zurück.7*
Der Vater setzt sich verkleidet, und doch erkennbar, an die Stelle des kollektiven Imaginären und domestiziert dieses im Disziplinierungsakt. Die pädagogische Legitimation des väterlichen Er/.iehungsspiels verdeckt aber nicht, wovon der Vater die Kinder eigentlich abhalten will. Er versperrt den Weg zu anderen Erwachsenen des Haushalts, an die sich die Wünsche der Kinder nach Schutz und Zuwendung richten. Das väterliche Verbot zielt demnach auf die Begrenzung dieser affektiven Beziehungen außerhalb der bürgerlichen Konjugalfamilie. Gerade der Umgang mit dem Gesinde wurde negativ sanktioniert, weil hier sich die sexuelle Initiation des Kindes abspielen konnte.7'' Die erzieherische Methode des Vaters ist jedoch verfänglich. Er bedient sich der kindlichen Einbildungskraft, mit deren Hilfe er seine pädagogische Intention umzusetzen glaubt. Das gleiche Seclenvermögen kann aber auch ein anderes bewirken. Was macht der junge Goethe, wenn er allein in seinem Zimmer ist und sein Wunsch nach körperlicher Nähe zu den Mägden nicht erfüllt wird? So wie er sich zukünftig den "schrecklichen" Vater vorstellen soll, um seinen Wunsch eigenständig zu bekämpfen, kann er sich auch das verwehrte Zusammensein mit dem Gesinde einbilden. Es scheint nicht weit hergeholt, das massive Auftreten pädagogischer Schriften gegen die Masturbation im Zusammenhang mit dieser Verschiebung von körperlicher Nähe und kompensatorischer Einbildung zu sehen.m Doch Goethe erwähnt einen anderen Weg, den Verlust von Erwachsenen in der Sozialisation zu ersetzen:
Meine Mutter, stets heiter und froh und andern das gleiche gönnend, erfand eine bessere pädagogische Auskunft. Sie wußte ihren Zweck durch Belohnungen zu erreichen. Es war die Zeit der Pfirschen, deren reichlichen Genuß sie uns jeden Morgen versprach, wenn wir nachts eine Furcht überwunden hätten. Es gelang und beide Teile waren zufrieden.*
Das väterliche Verbot transformiert zur mütterlichen Belohnung, denn die Mutter verspricht oralen "Genuß", wenn die Kinder ihren Wunsch erfüllen. Dies gelingt aber nur, wenn diese selbst ihre eigenen Ängste und Wünsche unterdrücken. Das Bedürfnis der Kinder, die körperliche Nähe der Mägde zu suchen, wird dadurch auf die Mutter gerichtet, die es durch die Koppelung von Wunsch und Verbot in einen "lieben" Wunsch verwandelt. Allerdings ist damit noch nicht gesagt, daß auch das Bedürfnis nach Körperlichkeit abgegolten ist, es kann sich vielmehr imaginär auf die Mutter selbst richten. Goethes Kindheitserinnerung hat paradigmatischen Wert. Sie repräsentiert nicht nur die Abtrennung der Kinder vom Kollektiv, sondern auch die Verschiebung der Sozialisationsfunktion innerhalb der Kleinfamilie vom Vater auf die Mutter. Die disziplinierende und zugleich belohnende Mutter macht nicht nur den Vater in der Kleinfamilie überflüssig, sondern konzentriert auch die gesamte Bedürfnisbefriedigung des Kindes auf eine Person. Innerhalb der patriarchalischen Gesellschaftsformation verdrängt die Mutter mit der intimen Zuwendung zum Kind, d.h. der Mutterliebe, den Vater als familiäres Identifikationsobjekt, ohne daß ihre familiäre oder gesellschaftliche Position entsprechend aufgewertet wird. Es blieb der Literatur vorbehalten, diesen Wandel zu thematisieren, indem sie die Mutter-Kind-Dyade zum Ort des kindlichen Glücks erhebt. Die bürgerliche Kindheitsidee koinzi-diert mit dieser Umkehrung der geschlechtlichen Ordnung, die erst zu jenen Modellen innerfamiliärer Beziehungen führt, die Freud als familiär produzierte Komplexe auf der Grundlage von Identifikationen bezeichnet hat.8'
In der exklusiven Mutter-Kind-Beziehung nimmt die Mutter jedoch nicht nur den gespaltenen Ort zwischen kindlicher Bedürfnisbefriedigung und väterlichen Geboten ein, sie ist auch die erste Unterweiserin des Kindes. Im Rahmen der Alphabetisierung fällt ihr die Aufgabe zu, das Kind zum Sprechen und Lesen zu bringen. Schon seit dem 16. Jahrhundert wurde das bürgerliche und adlige Kind von väterlichen Hauslehrern mit Hilfe von ABC-Fibeln, Bilderbibeln und Anstandsbüchern in die "Gedächtniskunst" und in die Welt nur noch symbolisch vermittelter religiös-moralischer Abstrakta und wissenschaftlicher Realien eingeführt. Dadurch erweitern sich /warder intellektuelle Horizont und die Chancen sozialer Mobilität des Kindes erheblich, aber zugleich wird der sinnliche Erfahrungsraum von der Lernwelt abge-trennt. Die Transformation der erfahrbaren Gegenstände in Zeichen bedeutete in vorphilanthropischer Zeit Anpassung des Kindes an die rationalistische Lektüre der männlichen Erwachsenen. Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts betritt die Frau als gelehrte Leserin und später als lehrende Mutter diesen Raum männlicher Erziehung und S ersetzt nicht nur den Vater, sondern auch die fehlende Sinnlichkeit. Familienbilderdes ausgehenden 18. Jahrhunderts zeigen die Frau als Mutter vornehmlich in zwei Funktionen: als stillende oder das Lesen unterrichtende. Diese Koppelung von Bedürfnisbefriedigung und Oralität produzierte eine matrilinear codierte Kulturisation des Kindes, die Lesen zu einem mütterlich-sinnlichen Akt macht. Literarische Leser wie Ulrich Bräker, Anton Reiser oder Wilhelm Meister reaktualisicren denn auch oralen Genuß bei der Aufnahme der "geistigen Nahrung", nachdem sie zum Buch und zum Genießen von Literatur durch Mutterhand gelangt sind. Zwischen lesender Mutter und Kind bildet sich eine geheime Komplizenschaft in der Lust am Text, die diametral dem aufklärerischen Bildungsideal entgegensteht. Kinder lesen nämlich neben Lese-, Sitten- und Elemcntarbüchern heimlich Belletristik und erfahren die gleiche Behandlung wie die gelehrte Frau, wenn sie zuviel oder zu Schwieriges lesen: sie werden der "Vielwisserei", der "Lesewut/ Lesesucht" oder der "Altklugheit" bezichtigt. Das kindliche Lesen führt zu einer double-bind-Situation. Lesen heißt ja nicht nur Anteilnahme an der unmittelbar immer unzugänglicheren Welt der Erwachsenen, Ausbildung der kognitiven Fähigkeiten im Umgang mit der Zeichcnwelt und damit Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft; zugleich ist für das Lesen die Ausbildung der Imagination nötig, um sich die abwesenden, in Zeichen repräsentierten Körper als reale vorzustellen. Damit sind aber auch den Einbildungen Tür und Tor geöffnet, die sich der rationalistischen Kontrolle entziehen: das Buch wird "verschlungen", es kompensiert die mangelnde Körperwelt, vertritt die lesende Mutter oder symbiotische Lektüren und fördert die Überschußproduktion des Imaginären. Erst die philanthropischen Pädagogen reagieren auf diesen Umstand und versuchen, die ausschweifende Einbildungskraft der sich im Lesen verlierenden Kinder wieder einzu-fangen. Sie prangern die Gefahren der Onanie als Resultat freier Phantasie an, entwickeln eine Lesepädagogik und eine spezielle Kinder- und Jugendliteratur, um die Moralität der kindlichen Seele zu bewahren, und geben Anleitungen für das "richtige" Verständnis von Texten. So entsteht eine künstliche, pädagogisch aufbereitete Wahrnehmungs- und Erfahrungswelt, die im reduzierten Maßstab die zukünftige Bürgerwelt simulieren sollte ; in ihrer radikalsten Abstraktion ist sie nur noch Text , der Verhaltensweisen, Fertigkeiten und Wissen symbolisch vermittelt. Die Nähe von "natürlicher" Erziehung und Lektüre deutet schon Rousseaus Emile an, dessen Held, wenn er unbedingt lesen will/soll, von einem anderen literarischen Helden liest: Robinson Crusoe, "die beste Abhandlung über die natürliche Erziehung'"'2. Das Konzept der "natürlichen Erziehung" wird mit Hilfe eines Romans verifiziert, verdoppelt, weitergeschrieben. Der Rousseau-Anhänger Campe folgt dem Vorbild seines geistigen Lehrers und schreibt eine didaktisch aufgearbeitete Robinsonade für Kinder, vereinigt den Musterzögling Emile mit dem literarischen Repräsentanten des Universalanspruchs religiös-kapitalistischer Vernunft.'" Kindheit wird in Texten inszeniert, die wiederum von Kindern gelesen werden. Nicht nur die erwachsene Welt für Kinder ist eine simulierte, vermittelte, auch ihr Kindsein, ihre vorgestellte Identität als Kinder und ihre Kommunikationspartner erscheinen als Texteffekte: in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sollen Kinder und Jugendbücher die realen Personen der pädagogischen Initiation ersetzen und mit ihren Exempeln bürgerliche Kindheit im Namen der väterlichen Vernunft ausbilden.'* Das Kind tritt als Held, als Unglücks- oder Wunderkind, als wildes oder fremdes Kind in Märchen, Exempel-geschichten, moralischen Wochenschriften für Kinder oder Sittenbüchern auf, mit denen das lesende Kind in die Moral der Erwachsenen und die Kontrolle der eigenen Bedürfnisse eingeführt werden und die Differenz zwischen erzogen und unerzogen erfahren soll.9S Vom Musterknaben "Acmil" über Campes "Fritz den Näscher" bis zu Pestalozzis Idealmutter "Gertrude" liegt dem pädagogischen Diskurs die Struktur des narrativen Exempels zugrunde,'" welches nicht nur der Veranschaulichung dient, sondern den Leser auch "verführen" soll, indem die Pädagogen dessen an Romanen geschultes identifikatorisches Lesen ausnutzen, um die pädagogische Botschaft dem Leser unbewußt einzuschreiben. Daß dabei die Wahl des Exempels zunächst auf den Roman des Bürgertums, Defoes Robinson Crusoe, fiel, ist kein Zufall. Das außergesellschaftliche Inseldasein des Protagonisten ermöglicht erst die Konstruktion einer anderen, nämlich einer pädagogischen Insel, auf der die Utopie des modernen Men-sehen inszeniert wird. Rousseaus Emile, auf den sich die philanthropische Bewegung berief bzw. gegen den sie anschrieb, ist auch ein ästhetischer Text über die neue Erziehung, dessen Fiktionalität konstitutiv für die Konzeption einer pädagogischen Lebensgeschichte ist, mit der sich Rousseau sowohl von den "wirklichkeitsfernen" Abhandlungen als auch von einer der Selbstkonstitution des Menschen entgegenstehenden Erziehungspraxis der Ständegesellschaft absetzen will. Die Kindheit des zukünftigen Menschen beschreiben heißt, sie erfinden, idealtypische Situationen entwerfen, in denen der Leser das Kind in einem bestimmten Alter und in einer spezifischen personellen Konstellation antrifft, bevor die pädagogische Rede das Erzählte kommentiert, kritisiert oder zum nachahmungswürdigen Vorbild erhebt. Die Figur, die zu Beginn des Emile nur eine Vorstellung zur Illustration einer Erziehungsutopie ist, erhält nicht nur einen Namen, der das ganze Buch betitelt, sondern nimmt im Laufe der Abhandlung Über die Erziehung so "realistische" Züge an, daß sich Emile am Ende des Textes beim Autor für seine Erschaffung und Erziehung in direkter Rede bedankt. Das dargestellte Leben ist zwar ein phantasiertes Leben, eine ästhetische Synthetisierung, die aber auch andere Realitäten schafft, denn die Leser des Emile und eine sich auf diesen Text berufende Pädagogik folgten z.B. im Dessauer Philanthropin den "Hirngespinsten" eines Schriftstellers, einem literarischen Kindheitsbild, von dem Prinzipien für die Bestimmung des Kindseins und dessen praktischer Erziehung abgeleitet wurden. Rousseau verwischt allerdings schon selbst die Differenz, zwischen literarischem Beispiel und authentischer, pädagogischer Fallbeschreibung. Er erzählt beispielsweise die eigene Kindheit in seinen Bekenntnissen als Verdoppelung pädagogischer Prämissen des Emile , was soweit geht, daß er eine Episode der Erziehungsschrift fast wörtlich als eigenes Erlebnis ausgibt. Schon auf dieser phänomenologischen Ebene wird die Interdependenz von erinnerter und vorgestellter Kindheit evident, vermischen sich allgemeiner und literarischer Diskurs. Es blieb jedoch der Dichtung überlassen, die erwachsenen Einbildungen über Kindheit selbst wieder an die kleinfamiliale Sozialisation rückzubinden und die Idealisierung von normierter Kindheit zu unterwandern.
     
Die unumgängliche Verstrickung der pädagogischen und anthropologischen Reden über "Kindheit" in die literarische Phantasie9'' führte umgekehrt auch dazu, daß die Dichtung des 18. Jahrhunderts ihrerseits die Geschichte des Subjekts aus Kind-hcitsgeschichten konstruiert. Zum einen archiviert sie die Veränderung von Familienstrukturen, Sozialisationstechniken und deren Effekte; andererseits inszeniert sie aber auch selbst fiktive Sozialisationsspiele, in denen ein Subjekt familiär produziert wird. In dem Maße wie das Bürgertum kleinfamiliale Subjektivität in Texten erfindet, wird die Rekonstruktion der glücklichen Kindheit Norm des Erzählens. Dieses Zusammentreffen von vorgespielter, individueller Erfahrung und kollektivem Bewußtsein manifestiert sich zwischen 1750 und 1790 in spezifischen literarischen Gattungen: insbesondere der autobiographische und der Briefroman widmen sich der Subjektdarstellung im Rahmen kleinfamilialer Intimität. Das gleichzeitige Entstehen dieser Gattungen und der bürgerlichen Kindheitsidee evoziert die Erage nach der Rolle des modernen deutschen Romans in der diskursiven Produktion von Familienmodellen und kleinfamilialer Subjektivität. Jürgen Habermas hat eine idealistische Antwort daraufgegeben. Mit dem Kommunikalionsmodell "literarische Öffentlichkeit" behauptet er die Etablierung des bürgerlichen Werte-und Verständigungssystetns in und durch Literatur. Seine These leuchtet durch ihre Simplizität ein: das von der repräsentativen Öffentlichkeit des Absolutismus ausgeschlossene Bürgertum entwickelt in der Intimität der entstehenden Klcinfamilie einen "repressionsfreien" Raum, in dem "Ideen der Freiheit, der Liebe und der Bildung" erwachsen, die dem politischen System diametral gegenüberstehen. Mittels Literatur, insbesondere Romane und Moralischer Wochenschriften, produziert das schreibende und lesende Bürgertum familiäre Subjektivität als Gegenentwurf zur Gesellschaft und verständigt sich darüber:
Kinerseils wiederholt der sich einfühlende Leser die in der Literatur vorgezeichneten privaten Beziehungen; er erfüllt die fingierte Intimität aus der Erfahrung der realen, und erprobt sieh an jener für diese. Andererseits ist die von Anfang an literarisch vermittelte Intimität, ist die literaturfähige Subjektivität talsächlich zur Literatur eines breiten Lesepublikums geworden; l...].'"-

Mit dieser projizierten Wechselwirkung zwischen bürgerlicher Literaturproduktion und räsonnierender Leserschaft in bezug auf das Sein und Sollen der kleinfamilialen Lebcnswelt zwecks Ausbildung subjektiver Identität hat Habermas ein sozialhistorisches Modell konstruiert, das in der Literaturwissenschaft einer z.T. reduktionisti-schen Interpretationspraxis diente. Dabei beachtet aber die Hermeneutik mit ihrem kritiseh-selbstreflexiven Diskursbegriff nicht das "scandalon" der von aufklärerischen Kritikern geforderten "moralisch-habituellen Beeinflussung des 'großen Haufens.....,s durch Literatur, da sie diskurspoli-tische Machtmechanismen der sich selbstreflektierenden bürgerlichen Rationalität und damit die Möglichkeit von Normdiktat und Manipulation ausschließt.10" Auf einzelne literarische Texte angewandt entstehen zudem Probleme mit der Habermas-schen Formel, wenn der literarische Text als Repräsentation bürgerlicher Lebensphilosophie, als bürgerliche Selbstdarstellung oder gar als sozialgeschichtliches Dokument und nicht als Diskurs über Diskurse angesehen wird, in dem gerade die familiäre Subjektivitätskonstitution nicht nur propagiert, sondern zugleich auch sub-vertiert, spielerisch inszeniert oder als Konstruktion in ihren Techniken entlarvt wird.10* Die Problematik des Habermas'schen Modells bzw. der sich darauf beziehenden Interpretationspraxis liegt in dem Begriff der sich in der Kleinfamilie "konstituierenden" Subjektivität, die als Fortsehritt gedeutet wird, durchbricht doch das neue Ideal vom "Menschen" die repressive Struktur der Ständege.sellschaft.l,w Fragt man jedoch nach der spezifischen Subjcktivitätsdarstellung und -produktion im Roman, dann ist es nicht unerheblich, um welche Subjektivität es sich eigentlich handelt: die einer Frau, eines Kindes oder eines Mannes. Mit der gesellschaftlichen Isolation von Kindern und Frauen, der geschlechtsspezifischen Familienerziehung, der Einschreibung des ödipalen Dreiecks sowie der Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse in der Kleinfamilie wird die modern-aufklärerische Rede von der bürgerlichen Subjektivität allein schon bei der Betrachtung ihrer Konstitutionsbedingungen zweifelhaft." Darüber hinaus hat die poststrukturali-stische Dezentrierung des Subjekts die "Selbstverständlichkeiten seiner Konstitution in Frage gestellt und damit die kritisch-hermeneutische Dialektik von bürgerlichem Roman und kleinfamilialer Subjektivität unterminiert.1" Der "Mensch" und mit ihm seine soziale wie ästhetische Produktion/Repräsentation erscheinen als Effekt von Strukturen des Tausches, der Sprache, des Begehrens; der Roman, selbst ein Produkt der "Effektivität" sprachlicher Strukturen, macht die Spielarten dieser Strukturen und ihr Spielen mit dem Subjekt lesbar. Insbesondere das literarisch re-präsentierte Imaginäre legt dabei die individuelle, unbewußte Erfahrung des Subjekts mit der familiären Einführung in symbolische Ordnungen offen. Kleinfamiliale Subjektivität konstituiert sich demnach als Ergebnis eines komplexen Einschreibungsaktes, der die Wahrheit des Subjekts am Ort des Anderen festlegt und das Subjekt zwischen dem Symbolischen und dem Imaginären zirkulieren läßt." Gegenüber dieser kleinfamilialen Selbstkonstitution als Selbstauslegung in der Rede des Anderen fungiert der Roman als Agent oder Verräter, sei es mit der Verdopplung normativer Erziehungsideen, mit der ldyllisierung von Kindheit zur gesellschaftlichen Gegenwelt oder mit der Erotisierung familiärer Beziehungen. Der Roman als Seelengeschichte benennt ja erst das Imaginäre, d.h. das Unabgegoltene, Verdrängte und Verlorene einer Lebensphase, das als Symptom im Text wiederkehrt und Beziehungen zwischen der ästhetischen Phantasie und dem in der Kleinfamilie produzierten Unbewußten repräsentiert.1"

Die Radikalität des Wandels von literarischen Kindheitsdarstellungen in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts verdichtet sich im Bild der skandalösesten Übertretung universeller Familiengesetze: Ehebruch und Inzest. Beides ereignet sich in den von Zeitgenossen intensiv gelesenen deutschen Briefromanen, Christian Fürchtegott Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G** und Goethes Die Leiden des jungen Werthers . Während sich bei Geliert der Ehebruch und der geschwisterliche Inzest als Unglücksfälle familiärer Erosionen figurativ ereignen, imaginiert sich Werther die Erfüllung der Liebe zu einer verheirateten Frau im Bild der Mutter-Kind-Symbiose. Diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung von Familie und Kindheit bilden den äußeren Rahmen dieser Arbeit, die genau diesen Wechsel von verpönter zu gewünschter Erotisierung der Familienbeziehungen untersucht. In Gellerts Rekonstruktion des Lebens seiner Heldin spielt die Kindheit neben der Einschreibung von Geschlecht und Stand keine besondere Rolle. Kinder werden vielmehr vernachlässigt und weggegeben, was zu illegitimen Ehen und gar zum geschwisterlichen Inzest führt. Diese als Unfälle charakterisierten Familienskandale werden auf die Auflösung des traditionellen patriarchalischen Haushalts bezogen. Doch nicht die sterbenden Patriarchen werden dafür verantwortlich gemacht, sondern die Frauen, die den Anforderungen einer modernen Mutter- und Ehefrauenrolle nicht gewachsen sind. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit für Geliert, die Frau erst einmal zur Ehefrau zu erziehen. Sie wird von der gesellschaftlichen Repräsentation des Adels und von der hauswirtschaftlichen Produktion isoliert und in einem von Männern kontrollierten Raum in die Well formaler Erziehung und moralischer Selbstreflexion eingeführt. Erst danach scheint sie fähig zu sein, als gebildete Ehefrau die sentimentale Intimität der Ehe mitzugestaltcn. Dieser Erziehungsprozeß erscheint wie ein Testfall für die späteren Philanthropen, denn an der Frau als "Kind" werden im empfindsamen Gelehrsamkeitsdiskurs Techniken für die spätere Kindererziehung entwickelt. Im Werther hingegen will der erwachsene Mann in die ewige Kindheit zurückkehren, die ihm den Inzest mit der Mutter als Geliebte ermöglicht. Auch wenn Werther mit seiner unmöglichen Liebe zu einer verheirateten Frau den Ehebruch zumindest tendenziell provoziert, sind doch seine Vorstellungen von Frauen weniger auf die Gattin als auf die ideale Mutter konzentriert. Der Roman veranschaulicht die Interdependenzen zwischen literarischer Phantasie und einem in der Familie dem Subjekt eingeschriebenen Imaginären, indem er Werthers fiktionale Welt der Zitate und unbewußten Kindheitserinnerungen auf familiäre Konfigurationen im Zeichen der Mutter-Kind-Dyade rückbezieht. Werther malt Tableaus von liebenden Müttern, identifiziert sich mit Kindern, regrediert in die eigene Kindheit, spinnt gehörte matrilineare Famiiienrestituierungcn weiter und endet mit einer Familienphantasie, die ihm nach seinem Selbstmord die Rückkehr in die eingebildete Mutter-Kind-Beziehung ermöglicht. Er lehnt die eigene erlebte Familie und Kindheit ab und imaginiert sich eine neue himmlische Familie, die seine in der Kindheit unabgegoltenen Wünsche erfüllen soll.
      Zwischen den beiden Briefromanen hat sich mit der Aufwertung des Status des männlichen Kindes auch die Rolle der Frau zur geliebten Mutter hin verschoben. Sind es in Lessings Dramen und Sophie von La Roches Geschichte des Fräuleins von Sternheim die idealisierten Väter, die Erziehung als kulturelle Produktion im Zeichen aufgeklärter Pädagogik betreiben, so dominieren demgegenüber in Goethes Werther die sozialisierenden Mütter." Der damit verbundene Rückgang des noch in der Frühaufklärung und im bürgerlichen Trauerspiel dominierenden Vater- und Erwachsenenbildes zeichnet sich in einer Gattung ab, die von gelebten Kindheiten zu berichten vorgibt: die literarische Auto-Biographie. Obwohl die hier behandelten Texte Jung-Stillings, Bräkers und Moritz' zeitlich nach dem Werther erschienen sind, bereiten sie in struktureller Hinsicht erst die Mutter-Kind-Phantasien Werthers vor. Zwischen der Abwesenheit der Kindheit und der Rückkehr in sie wird nämlich die Lebensphase als solche erst in den auto-biographischen Romanen Zentrum der individuellen Lebensgeschichte, ein Umstand, der die formale Textgliederung der vorliegenden Studie bedingt. Die autobiographische "Entdeckung" der Kindheit rekonstruiert Sozialisationsprozesse im Zeichen der Selbstbegründung des Helden/Erzählers. Dessen Identität ergibt sich nämlich aus den individuellen Erfahrungen mit den Sozialisationsbedingungen und Familienstrukturen einer erlebten Kindheit. Damit partizipieren die Texte an der diskursiven Produktion von Kindheit, wie sie sich zur gleichen Zeit in pädagogischen, philosophischen oder medizinischen Schriften manifestierte, in denen die Wahrheit des Subjekts mit Hilfe psychogenetischer Modelle an die Kindheit geknüpft wird. Obwohl die Helden der Auto-Biographien aus bäuerlich-kleinbürgerlichen Familien stammen, wird ihre Kindheit am bürgerlichen Ideal gemessen, denn ihre emotionalen Identifikationen im kleinfamiliären Raum, die pädagogischen Prämissen ihrer Erzieher, ihre Kinderphantasien und -lektüren stehen im Vordergrund der Kindheitsrekonstruktion. Da die bürgerliche Kindheitsidee in vorbürgerlichen Verhältnissen angesiedelt wird, beteiligt sie sich an der Durchsetzung normierter Vorstellungen von glücklicher Kindheit und gestattet zugleich jedem "Menschen", eine erzählbare individuelle Kindheitsgeschichte zu haben, und sei es nur eine negative. Trotz dieser Analogien von allgemeinem Diskurs "Kindheit" und literarischer Darstellung ergibt sich aber eine strukturelle Differenz. Sprach die szientifische Rede bei aller Fiktionalität ihrer Kindheitsvorstellungen von Kindern als einem spezifischen Objekt der Erkenntnis oder der gesellschaftlichen Produktion , so versuchen die Auto-Biographien, er-/geleble Kindheiten authentisch zu rekonstruieren, deren behauptete Faktizität einen irreduziblen Anspruch an Wahrheit mit sich bringt. Die Umkehrung des Prozesses "bürgerlicher Menschwerdung" aus der Sicht des fertigen bzw. verfehlten Subjekts soll nicht nur als Korrektiv pädagogischer Initiation fungieren, sondern auch die geheimnisvolle Andersheit, die Eigenart des Kindes adäquat repräsentieren, um an den Ursprung des erwachsenen Individuums zu gelangen, dessen Wahrheit die seiner Kindheit ist, was aber auch bedeuten kann, sich im "Ursprung" anders zu sehen. Aus der ästhetischen Versubjekti-vierung des Ichs ergibt sich aber ein Paradox: die gewesenen Kinder sollen im Text selbst zu Wort kommen und sagen, wer die Erwachsenen sind, allerdings leihen die Erwachsenen den toten Kindern ihre Stimme, die sie zum Leben bringt. Letztere tut zwar so, als seziere sie analytisch die eigene Vergangenheit auf der Suche nach dem Bildungsgesetz des sich Erinnernden, zugleich selektiert die rückwärt

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