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Die dichtung der ritterlichen welt

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Renaissance, Humanismus und Reformation



Während in Deutschland noch die Spätgotik in voller Blüte stand, erwuchs in Italien eine Kunst, welche die klassische Zeit des griechisch-römischen Altertums wiederbelebte: die Renaissance . Von Florenz aus trat die neue Kunst ihren Siegeszug über ganz Italien an. Ihre größten Meister wurden Leonardo da Vinci, Michelangelo und Raffael. Auch Deutschland geriet allmählich in den Bann der Renaissance. Neben dem noch ganz von der Gotik erfüllten Mathis Grünewald lebte und wirkte Albrecht Dürer , der aus der Berührung mit der neuen italienischen Kunst zum eigentlichen Meister der deutschen Renaissance-Malerei wurde.
      Mit der 'Wiedergeburt" der klassischen Kunst erwachte zugleich ein neues Lebensgefühl. Für die mittelalterliche Welt hatte das irdische Dasein nur einen Durchgang zum Jenseits bedeutet; die wiederentdeckte Antike aber zeigte einen Menschen, der nach Ausbildung aller seiner natürlichen Anlagen strebte und an den Freuden des Diesseits höchstes Vergnügen fand. In der Begegnung mit dem klassischen Gedankengut begann der Mensch der Renaissance, sich der in ihm liegenden schöpferischen Kräfte bewußt zu werden. Er prägte ein neues Bild von der Welt, zu deren Mittelpunkt er sich berufen fühlte.
      Dieser Geist des wiedergeborenen griechischen und römischen Lebensideals erhielt den Namen Humanismus , weil er sich um Würde, Wert und Tatkraft des Menschen bemühte. Die freie Entfaltung der Persönlichkeit war sein Ziel; kein Wunder, wenn die persönliche Freiheit im Ãœberschwang des neu erwachten Lebensdranges oft in Selbstsucht, nicht selten in Sittenlosigkeit und Tyrannei ausartete.
      Seine erste Wirkung übte der Humanismus am Hofe Kaiser Karls

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V.

in Prag aus. Karl hatte in Paris seine wissenschaftliche Ausbildung genossen, er gründete 1348 in Prag die erste deutsche Universität, zog den italienischen Humanisten Cola di Rienzo an seinen Hof und stand mit dem italienischen Dichter Petrarca im Briefwechsel. Sein Kanzler Johann von Neumarkt erreichte bereits eine große Eleganz seines lateinischen Stils und zeigte in seinen Prosaübertragungen aus dem Lateinischen eine beachtliche Gewandtheit.
      Mit Johann von Neumarkt stand höchstwahrscheinlich Johann von Saaz in Verbindung, dem um 1400 in seinem Streitgespräch 'Der Ackermann aus Böhmen" ein deutsches Prosakunststück gelang, wie es die Jahrhunderte der Renaissance und Reformation nicht wieder hervorgebracht haben. Der Dichter, um 1351 in Schüttwa im südlichen Egerland geboren, war Rektor der Lateinschule und Stadtschreiber in Saaz und starb 1415 als Notar in Prag.
      Der Ackermann-Dichter hatte bei der Geburt eines Kindes seine 35jährige Frau verloren und wollte nach eigener Angabe einem Egerer Freund, der in gleicher Lage war, durch seine Dichtung Trost spenden, hat aber damit etwas allgemein-menschlich Ergreifendes geschaffen. Die Klage um die verstorbene Frau und das Ringen mit dem unbegreiflichen Rätsel vom Sterben bilden den Stoff seiner Dichtung. Der Verfasser kleidet ihn in die Form eines Streitgespräches mit dem Tode. Der Witwerruft den Tod vor Gericht und will ihn als landschädlichen Mann zur Rechenschaft ziehen und seine Vernichtung erreichen. Der Tod richtet seinerseits Klage gegen den überheblichen Menschen, der sich seiner Gewalt entziehen will. Der oberste Richter aber ist Gott, und er spricht als solcher auch am Schlüsse das Urteil: 'Ihr habt beide wohl gefochten; jenen zwingt sein Leid zur Klage, diesen der Angriff des Klägers, die Wahrheit zu sagen. Darum, Kläger, habe Ehre, du Tod, aber habe den Sieg! Jeder Mensch ist dem Tode sein Leben, den Leib der Erde, die Seele uns zu geben verpflichtet."
Aber erst in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts begann sich der Humanismus in Deutschland zu entfalten. Die neue Bewegung verbreitete sich rasch und erlebte um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert ihre Blütezeit. 'O Jahrhundert, o Wissenschaften, es ist eine Lust zu leben!" schreibt Ulrich von Hütten begeistert in einem Brief an Dürers Freund, den Nürnberger Patrizier und Humanisten Willibald Pirkheimer.
      Trotzdem blieb in Deutschland - im Gegensatz zu Italien - der Humanismus auf die schmale Oberschicht der Gebildeten beschränkt. Er wurde eine Angelegenheit der Gelehrten. Der bedeutendste Gelehrte des deutschen Humanismus war Erasmus von Rotterdam, den man den 'ersten Europäer" nannte, weil er mit allen Gelehrten des damaligen Europa in Verbindung stand. Sein in lateinischer Sprache gedichtetes 'Lob der Torheit" ist eine formvollendete Satire auf allerlei Schäden und Gebrechen der Zeit. Erasmus und andere Gelehrte neben ihm, die die Internationalität und Universalität des Humanismus verkörperten, hatten für die volkstümliche deutsche Dichtung kein rechtes Verständnis. Dadurch geriet das Geistesleben in Deutschland in einen verhängnisvollen Zwiespalt: die volkstümliche und die gelehrt-lateinische Dichtung standen einander fremd oder gar feindselig gegenüber. Wie anders dagegen wirkte die humanistische Bildung auf die Dichtung der Engländer, Franzosen und Spanier ein! Ihre Sprachkunst erhob sich in Dichtern wie Shakespeare in England, Moliere in Frankreich und Cervantes in Spanien zu stolzer Höhe.
      Blieb so der Humanismus in Deutschland auf eine kleine gebildete Oberschicht beschränkt, so ging von der anderen geistigen Umwälzung des 16. Jahrhunderts, der Reformation Martin Luthers, um so größere Wirkung aus. Dank der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann Gutenberg in MainZ) wurde die neue Lehre rasch verbreitet. Sie ergriff das ganze Volk und rief eine ungeheure innere Erschütterung hervor. Sie spaltete das deutsche Volk in zwei Parteien und zwei Konfessionen und beeinflußte auch die Dichtung, die sich weitgehend religiösen und konfessionellen Zielen unterordnete. Daß bei allen diesen Auseinandersetzungen der deutschen Sprache und Dichtung ein bedeutender Gewinn zufiel, ist der entscheidenden Tat Luthers, seiner Bibelübersetzung, zuzuschreiben.
     

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Renaissance,  Humanismus  Reformation    


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