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Die dichtung der ritterlichen welt

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Das Volksepos



Im Gegensatz zum Höfischen Epos ist das Volksepos germanischen Ursprungs. Geschichtliche Erinnerungen bilden den Hintergrund. Germanisches Wesen kleidet sich in christliches Gewand. Das bedeutendste Volksepos dieser Epoche ist das Nibelungenlied.
      Seine Entstehung ist in Dunkel gehüllt, und der Name des Dichters, dem wir dieses gewaltige Werk verdanken, ist uns unbekannt. Schon zur Merowinger-zeit erklangen wohl in den Hallen der Frankenkönige das Burgunden- und das Brünhildenlied. Mit dem Skop wanderten diese Lieder zu den anderen deutschen Stämmen. Ein Spielmann verfaßte um 977 ein gereimtes deutsches Lied von Kriemhilds Rache und dem Untergang der Burgunden. Um 1160 griff ein Ã-sterreicher das Burgundenlied neu auf und dehnte es zu einem Epos, der sogenannten 'Ã"lteren Nibelungennot" aus. Zu den alten Helden kamen darin neue Gestalten hinzu. Um 1205 gab der große unbekannte Dichter aus Ã-sterreich dem Nibelungenlied die letzte Gestalt. Er hat wohl
Rechts: Walther von der Vogelweide, Miniatur aus der Manessischen Liederhand-sdirift, 1295-13

   Die ersten vier Strophen aus der Nibelungenhandschrift Aauch das alte Brünhildenlied zum Epos ausgeweitet und mit ihm die Ã"ltere Nibelungennot zur Einheit in ihrer jetzigen Gestalt verschmolzen. Er hat das Gedicht höfisch verfeinert, die Sprache auf eine edle Höhe gehoben und Versmaß und Reim geglättet. So entstand ein vollkommenes Kunstwerk im Stile seiner Zeit, von dem Goethe gesagt hat: 'Die Nibelungen sind klassisch wie Homer. Die Kenntnis des Nibelungenliedes gehört zu einer Bildung^ stufe der Nation."
Das Nibelungenlied besteht aus zwei Teilen von je 1000 Strophen: Siegfrieds Tod und Kriemhilds Rache, die verbunden sind durch die Darstellung der Zwischenzeit bis zur zweiten Vermählung Kriemhilds. Von der Beliebtheit des Werkes gibt die Ãoberlieferung das beste Zeugnis. Es ist uns in zehn vollständigen Handschriften erhalten geblieben.
      Der Anfang dieses gewaltigen Werkes lautet:
Uns ist in alten magren wünders vil geseitvon heleden 16beba:ren, von grÃ-3er arebeit [Mühsal],von fröuden, höchgeziten [Festlichkeiten], von weinen und von klagen,von küener recken striten muget ir nu wunder heeren sagen.
      Zu Worms am Rhein erblüht Kriemhild, die Schwester der Burgundenkönige Günther, Gernot und Giselher zur schönsten, liebenswertesten Jungfrau. Ein merkwürdiger Traum erfüllt das Herz des Mädchens mit banger Ahnung. Sie hat von einem Edelfalken geträumt, den sie sorgsam aufgezogen hat und den ihr nun zwei Adler vor den Augen mit den scharfen Fängen erwürgen. Schrecklich sollte dieser ahnungsvolle Traum in Erfüllung gehen. Der Ruf von Kriemhilds Schönheit ist bis nach den Niederlanden gedrungen, und so zieht Siegfried, der Sohn des Königs Siegmund, aus, die Hand der lieblichen Jungfrau zu gewinnen. Mit glänzendem Gefolge reitet er auf der Königsburg zu Worms ein und wird von den königlichen Brüdern gastlich aufgenommen. Denn Siegfried ist ein starker Held; er ist vor Zeiten durch ein Bad im Blute eines erschlagenen Drachen bis auf eine kleine Stelle am
Rücken unverwundbar geworden und ist der Herr und Besitzer des unermeßlichen Nibelungenhortes. Doch erst nach Ablauf eines Jahres hat Siegfried Gelegenheit, Kriemhild zu sehen. Bei einem Hoffeste, das zu Ehren eines Sieges über die Sachsen und Dänen gefeiert wird, tritt sie auf ihn zu, um ihm für seine tapfere Mithilfe im Kampfe gegen die Feinde zu danken.
      In dieser Zeit gelangt an den Hof der Burgunden die Kunde von der schönen, starken Brunhild auf Island, die alle ihre Bewerber im Speerwerfen, Steinschleudern und Springen übertreffe und dann töten lasse. Günther beschließt, um die stolze Königin zu werben, und Siegfried sagt ihm gegen das Versprechen, Kriemhild zur Gattin zu erhalten, seinen Beistand zu. Von Hagen, Dankwart und hochgemuten Helden und Lehensmannen des königlichen Hauses begleitet, segeln Siegfried und Günther der Insel zu und landen dort nach zwölftägiger Fahrt. Siegfried, der Brunhild bereits von früher her kennt, stellt sich der Königin als Günthers Lehensmann vor und erklärt den Grund ihrer Ankunft. Mit Hilfe der unsichtbar machenden Tarnkappe, die Siegfried einst dem Zwergenkönig Alberich abgewonnen, besteht er an Günthers Statt die Spiele und besiegt Brunhild. Mit großer Pracht wird die Doppelhochzeit zu Worms gefeiert; dann kehrt Siegfried mit seiner Gemahlin nach seiner Heimat an den Niederrhein, nach Xanten, zurück und übernimmt aus der Hand seines greisen Vaters die Herrschaft über das weite Reich. Nach zehn glücklichen Jahren erhält Siegfried von König Günther die Einladung, mit Kriemhild zum nächsten Sommersonnwendfest nach Worms zu kommen. Er nimmt die Einladung an. Bei einem Ritterspiele geraten Brunhild und Kriemhild über die Vorzüge ihrer Männer in Streit, der sich tags darauf vor dem Portal des Münsters fortsetzt. Bei dieser Gelegenheit verrät die erzürnte Kriemhild ihrer Gegnerin, daß sie nicht von Günther, sondern von Siegfried besiegt worden sei. Diese Schmach zu rächen, gewinnt Brunhild den grimmen Hagen. Unter dem Vorwand, Siegfried auf einem bevorstehenden Kriegszuge gegen die angeblich sich wieder erhebenden Sachsen vor den Wurfspießen der Feinde zu schützen, entlockt Hagen der ängstlich besorgten Kriemhild das Geheimnis der einzig verwundbaren Stelle an des Helden Leib; ja Kriemhild ist arglos genug, diese Stelle durch ein eingenähtes rotes Kreuz im Gewände ihres Gatten näher zu bezeichnen. Als Hagen sieht, daß nunmehr Siegfried in seine Hand gegeben ist, wird die Heerfahrt abgesagt und als Ersatz eine große Jagd im Odenwald veranstaltet. Nach ihrer Beendigung durchbohrt Hagen den sich an einer Quelle labenden Siegfried mit dessen eigenem Speer und läßt die Leiche vor das Gemach der unglücklichen Kriemhild schaffen. Kriemhildens Weh ist ohne Grenzen. Einzigen Trost in ihrem schweren Leid gewährt es ihr, aus dem reichen Schatze des Nibelungenhortes Tausenden von Armen Wohltaten zu spenden. Aber Hagen, der fürchtet, daß das Ansehen und die Macht seiner Könige durch Kriemhilds Freigebigkeit geschädigt werden könnte, entreißt ihr den Schatz und versenkt ihn in den Rhein. Dreizehn Jahre gehen dahin. Da läßt der mächtige Hunnenkönig Etzel durch den Markgrafen Rüdiger von Bechlaren um Kriemhildens Hand werben, und sie nimmt in dem sehnenden Verlangen, sich an ihren Feinden für den an Siegfried begangenen Mord zu rächen, Etzels Werbung an. Von zahlreichen Rittern und Frauen begleitet, zieht sie nach Wien, wo die Hochzeit in glänzender Pracht gefeiert wird, und von da die Donau hinab zur Etzelburg. Dreizehn Jahre lang hat Kriemhild an Etzels Seite gelebt, da scheint die Zeit der Rache gekommen. Auf ihre Bitte werden alle ihre burgundischen Verwandten zu einem Hoffeste nach dem Hunnenlande eingeladen. Trotz Hagens Warnung und der unheilverkündenden Träume Utens, der Mutter der Könige, wird die Reise unternommen. In Bechlaren, dem Sitze des edlen Rüdiger, werden die Fürsten samt ihrem stattlichen Heeresgefolge auf das herrlichste bewirtet, und der junge Giselher wird mit der Tochter des Markgrafen verlobt. Kaum sind jedoch die Burgunden in die Königsburg eingeritten, beginnen die Feindseligkeiten. Hagen und der wackere Spielmann Volker von Alzei schließen einen Freundschaftsbund auf Leben und Tod.

     

Die burgundischen Helden begeben sich zur Ruhe. Hagen und Volker halten Nachtwache. Am folgenden Tage erscheint, während die Herren im Königssaale beim Festmahl sitzen, der Verabredung gemäß der Bruder Etzels, Blödel, mit einer bewaffneten Schar in der Herberge der burgundischen Knechte, die unter der Führung Dankwans stehen. Alle Burgunden werden getötet; nur Dankwart rettet sich, stürmt in den Herrensaal und verkündet seinen Königen den heimtückischen Ãoberfall. Da schlägt Hagen dem Söhnlein Etzels und Kriemhildens, das in den Saal gebracht worden war, das Haupt ab, um jede Versöhnung unmöglich zu machen. Nun entbrennt ein heißer Kampf. Unter dem Schutze Dietrichs von Bern verlassen Kriemhild, Etzel, Rüdiger sowie Dietrichs Mannen den Saal. Wenige Augenblicke darauf sind alle Hunnen niedergemacht. Die Versuche, Hagen zu überwinden, auf dessen Haupt Kriemhild einen hohen Preis gesetzt hat, mißlingen. Die Burgunden sind jedoch bereits von dem Kampfe, der ohne Unterbrechung vom Mittag bis zum Abend gewährt hat, ermüdet und bitten um eine Unterredung mit Kriemhild; ein kurzer Tod im offenen Feld ist ihnen lieber als lange Kampfesqual. Von den Worten Giselhers gerührt, will Kriemhild ihren Brüdern das Leben schenken, falls ihr Hagen ausgeliefert werde. Da aber die Könige auf diese Bedingung nicht eingehen, läßt die Königin, deren Wut jetzt auf das höchste gestiegen ist, Feuer an den Saal legen. In der Frühe des folgenden Tages beginnt der Kampf von neuem. Rüdiger, von Etzel und Kriemhild an seine Mannentreue gemahnt, zieht schweren Herzens wider die Burgunden in den Kampf; er schlägt Gernot zu Boden, empfängt jedoch von diesem gleichfalls die Todeswunde. Laute Klage erhebt sich in der Königsburg um den gefallenen herrlichen Helden. Die Goten unter Anführung Hildebrands verlangen die Auslieferung der Leiche des edlen Markgrafen; aber ihre Bitte wird mit Hohn zurückgewiesen. Den nun folgenden furchtbaren Kampf überleben nur Günther und Hagen. Hildebrand entflieht. Da rüstet sich König Dietrich selbst zum Streite. Es gelingt ihm, im Zweikampf die beiden Helden zu überwinden. Gebunden führt er sie vor Kriemhild und empfiehlt sie ihrer Gnade. Aber Kriemhild will den Becher der Rache bis zur Neige leeren. Sie verspricht, Hagen das Leben zu schenken, wenn er ihr den Ort nenne, wo der Nibelungenhort sei; und als Hagen ihr die Auskunft verweigert, solange noch einer seiner Könige lebe, läßt sie Günther das Haupt abschlagen und bringt es vor Hagen. Als Hagen sieht, daß er der einzig Ãoberlebende seines Volkes ist, will er das Geheimnis auch fernerhin bei sich bewahren und verweigert trotzig jede Antwort. Da reißt Kriemhild das Schwert Siegfrieds, das Hagen an der Seite trägt, aus der Scheide und schlägt dem Räuber ihres Glückes das Haupt ab. Hildebrand aber, der es nicht ungerächt lassen kann, daß ein solcher Held von Weibes Hand gefallen ist, springt herzu, und unter einem gräßlichen Schrei sinkt die Königin, von Hildebrands Schwert getroffen, neben der Leiche ihres Todfeindes nieder.
Den Abschluß des Nibelungenliedes bildet in vielen Handschriften eine Dichtung in Reimpaaren, die Klage genannt. Das Werk behandelt die Klage der Ãoberlebenden am Hunne,nhofe, in Bechelaren, in Passau und in Worms. Es hat einen Geistlichen zum Verfasser.
      'Das Nibelungenlied hat den ganzen Hort der germanischen Sage geborgen. Den Rahmen bildet der hunnische Kreis, der durch das deutsche Erlebnis der Kriege mit Awaren und Ungarn immer wieder aufs neue im Bewußtsein der jeweiligen Gegenwart festgehalten war. Fränkisch sind der Hauptteil der Sage, Held und Heldin und die Landschaft des ersten Teiles. Gotisch sind die letzten Gesänge. Ã-sterreich ist in Rüdiger von Bechelaren verkörpert."
Durch die Großartigkeit des Aufbaues, durch die enge Verkettung von Schuld und Sühne und durch die straffe Handlung ragt das Nibelungenlied über alle unsere volkstümlichen Epen weit hinaus.
      In den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts wurde manch alter Heldenliedstoff zu einem Epos umgedichtet. Das bedeutendste Werk dieser Gattung - neben und nach dem Nibelungenlied - ist das Kudrunlied.
      Hagen von Irland wird als Kind von einem Greif geraubt und auf eine ferne Insel getragen. Hier wächst er mit drei Königstöchtern auf, die ein gleiches Schicksal getroffen hat. Sobald er herangewachsen ist, tötet er den Greif, kehrt mit den Jungfrauen in die Heimat zurück und vermählt sich mit einer von ihnen, Hilde von Indien.; Sie schenkt ihm eine Tochter, nach der Mutter Hilde genannt, die er nur an einen gleich mächtigen Fürsten vermählen will; die Brautwerber läßt er töten. Hettel, der König der Hegelingen , sendet die Helden Wate, Frute und den sangeskundigen Horand, als Kaufleute verkleidet, aus, ihm die schöne Hilde zu gewinnen. Horand rührt durch sein Lied das Herz der Jungfrau, und sie entflieht mit den Sendboten auf einem bereitstehenden Schiffe. Hagen eilt den Flüchtenden nach; in Walds, auf Hettels Gebiet, kommt es zum Kampf, der aber mit Frieden und Freundschaft endet.
      Die schöne Hilde schenkt ihrem Gemahl Hettel einen Sohn, Ortwin, und eine Tochter, Kudrun, die ihre Mutter noch an Schönheit übertrifft. Um sie werben drei mächtige Könige: Siegfried von Mohrland, Hartmut von der Normandie, Sohn des wilden Königs Ludwig, und Herwig von Seeland. Diesem wird schließlich Kudrun verlobt, Hartmut jedoch entführt in Abwesenheit von Vater und Bräutigam Kudrun samt ihren Frauen. Hettel verfolgt den Räuber und ereilt ihn auf dem Wülpensande, einer Insel an der Scheidemündung. Ein heftiger Kampf entbrennt, Hettel fällt von Ludwigs Hand, die Normannen entkommen mit ihrer Beute während der Nacht, und die Hegelingen, zu schwach, die Verfolgung fortzusetzen, müssen umkehren. Kudrun, die sich durch nichts in ihrer Treue zu Herwig wankend machen läßt, wird von der Mutter Hartmuts, Gerlinde, hart behandelt und muß die niedrigsten Arbeiten verrichten; nur Ortrun, Hartmuts Schwester, ist milde gegen sie. Dreizehn Jahre nach der Entführung Kudruns rüstet ihre Mütter Hilde einen Heereszug gegen die Normannen aus. An einer verborgenen Stelle des Landes hält die Flotte. Ortwin und Herwig gehen auf Kundschaft aus und treffen Kudrun sowie ihre treue Gefährtin Hildburg an, wie sie am Meeresstrand Wäsche waschen. Die Verlobungs-rihge führen zum gegenseitigen Erkennen. Ortwin will aber die Schwester nicht heimlich, sondern in offenem Kampfe gegen die Räuber wiedergewinnen; die Jungfrauen kehren daher in die Burg zurück. Am folgenden Morgen erscheinen die Hegelingen vor der Burg und erstürmen sie. Ludwig fällt, und die böse Gerlinde wird von Wate erschlagen. Darauf treten die Sieger mit Kudrun und den Gefangenen die Rückfahrt an. Nach ihrer Heimkehr wird ein glänzendes Fest gefeiert. Herwig vermählt sich mit Kudrun, Ortwin mit Ortrun, Hartmut mit der tretten Hildburg und Siegfried mit Herwigs Schwester.
      Das Nibelungenlied endet mit 'weinen und klagen", die Kudrun mit 'fröuden, hochgeziten". Auch sonst unterscheiden sich beide Epen in ihrer geistigen Stellung und im Charakter der Personen wesentlich voneinander. Der Kudrundichter, dem Namen nach ebenso unbekannt wie der Nibelungendichter, gehört mit seiner eher ritterlich-christlichen Gesinnung einem jüngeren Zeitalter an. Seine Helden atmen Güte und Liebe. Er hat Kudrun, die treue, liebenswerte, im letzten Teil in den Mittelpunkt seines Werkes gerückt. Keine Prüfung, keine Verlockung vermag sie in ihrer Liebe zu Herwig wankend zu machen. Nie überschreitet sie die Grenzen schöner Weiblichkeit. In ihrer Herzensgüte wirkt sie versöhnend und löst dadurch schließlich Haß und Streit in Liebe und Frieden auf.

     
Tiefstes Zeugnis ritterlichen Wesens ist der Minnesang, die züchtige Verehrung der geliebten Frau im Lied. Ebenso wie das Epos eine volkstümliche und eine höfische Wurzel aufweist, so fließt auch der Minnesang aus zwei verschiedenen Quellen: aus einer volkstümlich-schlichten und einer höfisch-kunstvollen.
      Der volkstümliche Minnesang, auch 'Minnesangs Frühling" genannt, bringt in einfacher und inniger Weise zum Ausdruck, was den Dichter bewegt. Die schönsten Lieder dieser Gattung stammen aus Südbayern und Ã-sterreich. Der höfische Minnesang dagegen geht auf französische Vorbilder zurück. Die Minnelieder wurden anfangs von Mund zu Mund verbreitet. Erst mit Beginn des 13. Jahrhunderts wurde der Minnesang in größeren Liederhandschriften festgehalten.
      Aus dem 12. Jahrhundert sind einige volkstümliche Minnelieder erhalten. Ein solches Lied voll tiefster Innigkeit und Schlichtheit steht am Schlüsse eines lateinischen Mädchenbriefes aus Tegernsee:

Du bist min
Du bist min, ich bin din: des solt du gewi sin, du bist beslo33en in minem herzen; verlorn ist daz slü33elin: du muost immer drinne sin.
      Um 1160 dichtete im österreichischen der älteste Lyriker, dessen Namen wir kennen: 'Der von Kürenberg". Er stammte aus ritterlichem Ge-schlecht. Seine Burg erhob sich in der Nähe von Linz an der Donau. Sein wohl bekanntestes Gedicht ist das Lied vom Falken:
Ich zog mir einen Falken länger als ein Jahr.
      Als ich gezähmt ihn hatte und er lieb mir warund ich um sein Gefieder goldene Zierat wand,da hob er sich in die Lüfte und flog in ein anderes Land.
      Seitdem seh ich den Falken schön fliegen über die Länder,er trägt an seinem Fuße seidene Bänder,indes im Licht seine Flügel golden sich dehnen,
Gott sende gnädig zusammen, die nach Liebe sich sehnen.
      Gleichzeitig mit dem Kürenberger lebte und dichtete Dietmar von Aist . Echte Naturlyrik steht bei ihm neben dem Minnelied:

. .. Ich lag in sanftem Schlummer.
      Nun klagst Du, Kind. "Was ist dein Kummer?

Lieb ohne Leid mag wohl nicht sein.
      Was Du gebietest, geschehe, Freundin mein.
      Die Entwicklung der einheimischen Liebeslyrik wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts durch die rasche Ausbreitung des französischen Minnesangs abgebrochen. Das romanische Muster wurde von deutschen Dichtern in der Form nachgeahmt, gleichzeitig aber mit eigenem Gefühls- und Gedankeninhalt erfüllt.
      Die bedeutendsten Vertreter des deutschen Minnesangs nach französischem Muster sind Friedrich von Hausen, Heinrich von Morungen und Reinmar von Hagenau. Seine Vollendung aber erreichte der höfische Minnesang mit Walther von der Vogelweide.
      Als seine Geburtsstätte denkt man sich einen ritterlichen Vogelweidehof, der wahrscheinlich im östereichischen Sprachgebiet lag, vielleicht am Eisack in Südtirol. Früh kam er an den Wiener Hof, wo er glückliche Tage verlebte. Nach dem Tode des Babenberger Herzogs 1198 begann er ein unruhiges Wanderleben, das ihn von Fürstenhof zu Fürstenhof und durch ganz Deutschland führte. So kam er auch zu dem Landgrafen von Thüringen auf die Wartburg, wo er mit Wolfram von Eschen-bach und den bedeutendsten Dichtern der damaligen Zeit zusammentraf; . Dann finden wir ihn wiederholt bei Dietrich von Meißen, dessen Stellung zum Kaiser er mit seinem gewichtigen Worte stärkte, öfter war er noch in Wien, so gewiß 1203, in welchem Jahre wir ihn auch im November in der Begleitung des Bischofs Wolfger von Passau in Zeiselmauer in Niederösterreich treffen, der ihm fünf Goldgulden für einen Pelzrock schenkte. Auch im Jahre 1219 feierte er in Wien ein Hoffest mit. Dazwischen war er in Kärnten und beim Patriarchen von Aquileja. Sein Wort und sein Dienst gehörten dem Reich, das er über alles liebte. Als ihm Friedrich

II.

im Jahre 1220 ein kleines Lehen in Würzburg übertrug, jubelte er auf:
Ich hän min lehen, al die werlt, ich hin min lehen, nu entfürhte ich niht den hornunc an die Zehen . ..

     
Bald nach 1228 muß er in Würzburg gestorben sein, wo er, nach einer Würzburger Ãoberlieferung aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, im Kreuzgang des neuen Münsters begraben liegen soll.
      Auch Walther hat der 'reinen" Minne gehuldigt, dem Lobpreis der 'frouwe", der Herrin, so in dem Gedicht So die bluomen uz dem grase dringent. Er leitet es mit einem Naturbilde ein: ein Maientag mit Blumenglanz und Vogelsang wird in zarten Farben geschildert; dann aber tritt, alles überstrahlend, die frouwe auf und - damit schließt das Gedicht - Frauenschönheit ist herrlicher als alle Maienpracht:
Wenn die Blumen aus dem Grase dringen,

Gleich als lachten sie zur hellen Sonne,
Des Morgens früh an einem Maientag,

Wenn die kleinen Voglern munter singen
Ihre schönsten Weisen: welche Wonne

An solche Lust dann wohl noch reichen mag?
Halb gleicht's wohl schon dem Himmelreiche;

Soll ich nennen aber, was ihm gleiche,
So weiß ich, was mein Auge je
Noch mehr entzückt hat und auch stetsentzücken wird, wenn ich es seh'.
      Wo ein edles Fräulein, hold zu schauen, Wohlgekleidet und das Haar geschmücket, Sich in Gesellschaft heitern Sinns ergeht, Sittsam froh, vereint mit andern Frauen, Nur zuweilen etwas um sich blicket Und wie die Sonne über Sternen steht: Da bring' der Mai uns alle Wunder, Was wohl war' so Wonnereiches drunter, Als ihr viel minniglicher Leib? Wir lassen alle Blumen stehn und schaun nur an das schöne Weib.
      Nun wohlan, wollt ihr die Wahrheit schauen,
Gehn wir zu des Maien Jubelfeste,

Der jetzt mit aller seiner Macht uns kam!
Schaut ihn an und seht dann schöne Frauen,

Was von beiden da wohl sei das Beste,
Und sagt, ob ich das bess're Teil nicht nahm.
      Ach, wenn mich einer wählen hieße,
Daß ich eines für das andre ließe,

Wie bald doch war' die Wahl geschehn!
Herr Mai, ihr möchtet März sein, eh'

Ich sollt' von meiner Herrin gehn!
In den Wanderjahren verstummte der Liederdichter mehr und mehr und wandelte sich Schritt für Schritt in einen Spruchdichter, der lebendigen Anteil am politischen Zeitgeschehen nahm. Tief zu Herzen gehen ihm die wirren Zustände des Reiches:

Ich saß auf einem Steine:da deckt ich Bein mit Beine,darauf der Ellenbogen stand;es schmiegte sich in meine Handdas Kinn und eine Wange.
      Da dacht ich sorglich langedem Weltlauf nach und irdischem Heil;doch wurde mir kein Rat zuteil,wie man drei Ding erwürbe,daß keins davon verdürbe.
      Die zwei sind Ehr und zeitlich Gut,das oft einander Schaden tut,das dritte Gottes Segen,an dem ist mehr gelegen;

Die hätt ich gern in einem Schrein.
      Ja leider mag es nimmer sein,daß Gottes Gnade kehremit Reichtum und mit Ehreje wieder in dasselbe Herz.
      Sie finden Hemmung allerwärts:
Untreu hält Hof und Leute,
Gewalt fährt aus auf Beute,so Fried als Recht sind todeswund:die dreie haben kein Geleit,die zwei denn werden erst gesund.
      In seiner Liebe zur Heimat formt Walther in dem berühmten ,,/r sult sprechen willekommen" das erste Preislied auf Deutschland , in dem die schöne Strophe steht:
Idi hän lande vil gesehen da im wol gevallenunde nam der besten gerne war. wolde fremeder site.
      übel müe3e mir gesdiehen, nü wa hülfe mich, ob ich unrehte strite?künde ich ie min herze bringen dar, tiuschiu zuht gät vor in allen.
      In seinem langen 'Wanderleben hat Walther auch die Vergänglichkeit alles Irdischen erkannt:
Ouwe, war sint verswunden alliu miniu jar? ist mir min leben getroumet oder ist es war? . . .
      Es ist Walthers Verdienst, kraft seiner Persönlichkeit die höfische Lyrik aus den engen Grenzen der Minne ins Echt-Menschliche herausgeführt zu haben und in seiner Spruchdichtung ein Kämpfer für die Reichsmacht gewesen zu sein, die sich für ihn in der Gestalt des Kaisers verkörpert. Schon seine Zeitgenossen haben die Bedeutung des Dichters erkannt. Nach seinem Tode fragt Gottfried von Straßburg: 'Wer leitet nun die liebe Schar? Wer weiset das Gesinde?" Und noch um 1300 rühmt der bambergische Schulmeister Hugo von Trimberg in seinem Lehrgedicht 'Der Renner" von ihm:
Herr Walther von der Vogelweide, Swer des vergaez, der taet mir leide.

     
Im 14., 15. und 16. Jahrhundert vollzog sich eine entscheidende Kulturwende. Tiefgreifende politische, wirtschaftlich-soziale und geistige Umwälzungen führten eine neue Welt herauf. Seit dem Ende der Staufer verfällt das Heilige Römische Reich Deutscher Nation mehr und mehr. Die ritterliche Kultur entartet , die Städte erblühen; Kulturträger der neuen Zeit wird das Bürgertum.
      In der Architektur erwächst aus dem Gemeinschaftsgeist des selbstbewußten Bürgertums das spätgotische Münster .
      Die deutsche Plastik erlebt eine neue Blütezeit im spätgotischen Schnitzaltar .
      Auch in der Poesie macht sich die Kulturwende bemerkbar. An die Stelle der ritterlichen Dichtung tritt die bürgerliche . Die Anfänge des deutschen Dramas fallen in die gleiche Zeit.

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